TA-Fokus

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TATuP Bd. 26 Nr. 1–2 (2017), S. 6–9

EPTA-KONFERENZ 2017

Mobilität der Zukunft

Alle größeren Städte Europas sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie sie Mobilität verbessern und gleichzeitig Verschmutzung, Staus und die Zahl der Unfälle reduzieren können. Große Erwartungen verbinden sich beispielsweise mit autonomen Fahrzeugen, Sharing-Modellen oder neuen Mautsystemen. Die diesjährige Konferenz der europäischen parlamentarischen TA-Institutionen (EPTA) beschäftigt sich eingehend mit den vielfältigen Aspekten des Themas. Unter dem Motto „Shaping the Future of Mobility“ findet die EPTA-Konferenz am 8. November 2017 im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern statt.

Konferenz

TA-Community zu Gast in Irland

Einen weiteren Schritt hin zu einer internationalen TA-Community gingen Europas TA-Institutionen auf der „3rd European Technology Assessment Conference 2017“, die vom 17. bis 19. Mai 2017 am University College Cork in Irland stattfand. 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 16 Ländern nutzten die Tagung als Plattform für engagierte Diskussionen. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen in vielen Technik- und Gesellschaftsbereichen und die Beiträge der TA zu ihrer Bewältigung. Methodische oder konzeptionelle Fragen wurden in den insgesamt 24 Sessions zumeist anhand aktueller Problemstellungen diskutiert. Die dritte europäische TA-Konferenz hatte sich das Ziel gesetzt, Brücken zwischen Forschung, Gesellschaft und Politik zu schlagen. Neben Forschenden waren daher auch Expertinnen und Experten aus Kommunikation und Politik vertreten.

Abb. 1: Schauplatz der dritten europäischen TA-Konferenz: das University College in Cork. Quelle: Wikimedia Commons/Bjørn Christian Tørrissen

Parlamentsberatung

Technikfolgen im „Hohen Haus“

Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften berät für die nächsten drei Jahre die Abgeordneten des Österreichischen Parlaments. In einer Bietergemeinschaft mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) hat das Institut im Juni 2017 bei einem europaweiten Ausschreibungsverfahren den Zuschlag erhalten. Das Projekt mit einem jährlichen Budget von 200000 Euro umfasst Beratungsleistungen in den Bereichen Technikfolgenabschätzung und Foresight. Dazu zählen jährliche Monitorings, in denen über aktuelle technische Trends und deren Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Alltag berichtet wird. Auch vertiefende Studien zu Schwerpunktthemen sind vorgesehen. „Mit dieser richtungsweisenden Entscheidung schließt Österreich zur europäischen Spitzengruppe der parlamentarischen TA auf“, freute sich ITA-Leiter Michael Nentwich.

Abb. 2: Wollen TA im österreichischen Parlament stärken (v. l. n. r.): Michael Nentwich, Leiter des ITA, Petra Scharper-Rinkel vom Austrian Institute of Technology (AIT), Nationalratspräsidentin Doris Bures, die Vorsitzende des Forschungsausschusses Ruperta Lichtenecker sowie Parlamentsdirektor Harald Dossi. Quelle: ITA

Offener Brief

Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung

Mit einem offenen Brief richtete sich im Mai 2017 das Netzwerk Industrial Ecology an die Fachkollegien und den Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Mitglieder des Netzwerks fordern die Aufnahme grundlegender Aspekte der Nachhaltigkeitswissenschaften in den Fächerkanon der DFG. Ein großer Teil der Grundlagenforschung fände nicht mehr innerhalb der traditionellen Disziplinen statt, sondern in neu entstandenen wissenschaftlichen Communities wie der Industrial Ecology, dem Life Cycle Engineering oder der sozial-ökologischen Forschung. Mitglieder dieser Communities könnten ihre interdisziplinären Forschungsthemen im Fächerkanon der DFG derzeit nicht verorten. Die Autorinnen und Autoren des Briefes fordern deshalb, Fachkollegien für Umweltsozialwissenschaften, Umweltnaturwissenschaften und (Umwelt-Mensch-Technik-)Systemanalyse zu etablieren. Zu den Erstunterzeichnern zählen prominente Vertreterinnen und Vertreter aus dem Netzwerk TA. Die ebenfalls interdisziplinär aufgestellte Technikfolgenabschätzung teilt die angeführte Kritik an einer zu stark disziplinär „versäulten“ Forschungsförderung.

 

Neuerscheinung

Innovationen für die Gesellschaft

Ob als neue Formen der Arbeitsorganisation, genossenschaftliche Energieproduktion, Car-Sharing-Modelle, klimaschonende Wohnformen oder Sozialunternehmertum – soziale Innovationen gewinnen an Aufmerksamkeit. Es wird zunehmend anerkannt: Technische Innovationen reichen nicht aus, um große gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Auf dem Kongress „Innovationen für die Gesellschaft – Neue Wege und Methoden zur Entfaltung des Potenzials sozialer Innovationen“ trafen sich im September 2016 in Berlin über 200 Teilnehmende aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Zivilgesellschaft zu einem von Bundesministerin Johanna Wanka unterstützten Austausch. Die wichtigsten Ergebnisse aus Vorträgen und Diskussionen der vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) und der Sozialforschungsstelle Dortmund (sfs) durchgeführten Veranstaltung fasst eine kostenfrei zu beziehende Broschüre zusammen. Sie kann per Mail an ziese@sfs-dortmund.de bestellt sowie unter www.sfs-dortmund.de heruntergeladen werden.

Abb. 3: Broschüre zu sozialen Innovationen. Quelle: ITAS/sfs

 

5 Fragen an Leo Capari

(Junior Scientist, ITA Wien)

Warum betreiben Sie TA?

Aus innerer Überzeugung! TA spielt meiner Ansicht nach eine wichtige Rolle in der Forschungslandschaft, da sie eine Brücke zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft schlägt.

Was zeichnet TA aus?

Vor allem ihre Offenheit gegenüber Themen. Ich habe bis dato zu Technik fürs Altern, Smart Cities, Konsum und Nachhaltigkeit gearbeitet. Diese Diversität und Vielfalt macht TA für mich besonders.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung als Wissenschaftsminister?

Puh, schwere Frage. Wissenschaft bzw. Bildung sind zu wichtig, um sie von ökonomischen „Zwängen“ abhängig zu machen, deshalb würde ich versuchen, sie wieder zu „befreien“.

Welche Forschungsfrage wird viel zu wenig beachtet?

Wissensbasierte Politikberatung ist ein zentraler Aspekt in der TA. Die Frage, die ich mir stelle, ist, wie man am besten die jeweils unterschiedlichen Rationalitäten und Geschwindigkeiten von TA und Politik synchronisieren kann.

Welches bekannte Lied beschreibt TA für Sie am besten?

Bezogen auf die gegenwärtige Industrie 4.0 Welle wäre das wohl „Die Roboter“ von Kraftwerk ;–)

Best Paper Award

Verantwortliche Forschung

Kriterien für gesellschaftlich verantwortliche Forschungsprozesse haben Katharina Helming, Johanna Ferretti, Katrin Daedlow, Aranka Podhora, Jürgen Kopfmüller, Markus Winkelmann, Jürgen Bertling und Rainer Walz entwickelt. Ihre entsprechende Veröffentlichung in der Zeitschrift GAIA wurde Anfang 2017 mit dem zweiten Platz des Best Paper Awards des Journals ausgezeichnet. Das Autorenteam geht von der These aus, dass die Freiheit der Forschung einhergehen muss mit der Verantwortung der Forschenden für die Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung. Der in GAIA 3/2016 erschienene Artikel leiste einen wesentlichen Beitrag zur Diffusion des Ansatzes transformativer Forschung und könne das Wissenschaftssystem im Sinne einer Ausrichtung auf mehr Nachhaltigkeit beeinflussen, so die Jury.

NACHRUF

Zum Tod von Günter Ropohl

„Technologische Aufklärung bedarf einer systematisierenden und generalisierenden, allgemeinen Techniktheorie als fachdidaktische Basis“, so Günter Ropohl 1973. Damit begründete er sein programmatisches Forschungskonzept, das er in den nachfolgenden Jahrzehnten intensiv und streitbar in ungezählten Vorträgen und zahlreichen Publikationen verfolgte. Damit beeinflusste er die (deutsche) Technikphilosophie maßgeblich. Am 28. Januar 2017 ist er in Karlsruhe verstorben.

Günter Ropohl war „Schüler“ des Philosophen Max Bense und des Kybernetikers und Informationstheoretikers Karl Steinbuch. Diese Kombination von Technikwissenschaften und Philosophie hat seinen Lebensweg entscheidend geprägt. Günter Ropohl leitete von 1979 bis 1987 das Studium Generale an der Universität Karlsruhe und hatte von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2004 die ordentliche Professur für Allgemeine Technologie im Institut für Polytechnik/Arbeitslehre der Universität Frankfurt am Main inne.

Nachhaltigkeitsrat

Reallabor ausgezeichnet

In der Oststadt von Karlsruhe entwickeln Forschende mit Bürgern und Initiativen Ideen für mehr Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Dafür wurde das „Reallabor 131: KIT findet Stadt“ im Mai 2017 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der deutschen Bundesregierung doppelt geehrt: mit dem Qualitätssiegel „Projekt Nachhaltigkeit 2017“ und als eines von vier Transformationsprojekten, denen die Jury ein besonders großes Potenzial attestiert, die Welt nachhaltiger zu gestalten. Das vom Zentrum Mensch und Technik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) durchgeführte Projekt erforscht beispielsweise Wege zu mehr Fußgängerfreundlichkeit, Dienstleistungen für nachhaltiges Wohnen oder nachhaltige Mobilität – immer im Zusammenspiel mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, der Stadtverwaltung, Vereinen, Betrieben, und Bürgerinnen und Bürgern. Es betreibt einen projekteigenen „Zukunftsraum für Nachhaltigkeit und Wissenschaft“ und hat internationalen Modellcharakter.

Abb. 4: Die Leiter des Reallabors Oliver Parodi (links) und Andreas Seebacher (Mitte) mit RNE-Generalsekretär Günther Bachmann. Quelle: Svea Pietschmann, RNE

PROJEKT

Industrie 4.0 in Mittel-, Süd- und Osteuropa

Welche Auswirkungen hat die vierte industrielle Revolution auf die Gesellschaft? Wie verändert die Digitalisierung den Alltag der Menschen? Diesen Fragen geht die EA European Academy seit Anfang des Jahres in dem vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „IND_4.0“ nach. Das Vorhaben untersucht die gesellschaftlichen Implikationen in Deutschland, Polen, Slowenien und der Tschechischen Republik. Koordiniert von Stephan Lingner, dem stellvertretender Direktor der EA European Academy, entsteht derzeit eine multinationale Arbeitsgruppe. Nach einer Vorstudie wird ein umfangreicheres europäisches Forschungsprojekt für ein Technology und Vision Assessment von Industrie 4.0 vorbereitet.

JUBILÄUM

40 Jahre Öko-Institut

Visionen und Lösungen für dringende Umweltfragen entwickeln, sich aktiv in Politik einmischen sowie Wirtschaft und Gesellschaft stets zu umweltbewusstem Handeln herausfordern und motivieren. Dieser Anspruch begleitet das Öko-Institut seit nunmehr vier Jahrzehnten. Für das private Umweltforschungsinstitut, das 1977 aus der Anti-Atomkraft-Bewegung hervorging, arbeiten heute über 165 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Freiburg, Darmstadt und Berlin. Immer wieder gelang es dem Institut, mit seinen unabhängigen Gutachten auf Missstände aufmerksam zu machen und gesellschaftliche Debatten anzuregen, etwa bei der Verunreinigung von Trinkwasser, der radioaktiven Bedrohung nach Tschernobyl oder jüngst mit einer Studie zum Kohleausstieg. Auch der Begriff der „Energiewende“ geht auf Vordenker des Öko-Instituts zurück. Höhepunkt des Jubiläums ist ein Symposium zur Zukunft der Umweltpolitik am 7. November 2017 in Berlin.

 

Aus dem openTA-Kalender

26.–28. 09. 2017, Braunschweig – Final ENTRIA Conference: Interdisciplinary Research on Radioactive Waste: Ethics – Society – Technology. www.entria.de/conference-event

29. 09. 2017, Wien – NTA-Jahrestreffen und NanoTrust-Jahrestagung: 10 Jahre NanoTrust. www.oeaw.ac.at/ita/veranstaltungen/weitere-events/10-jahre-nanotrust

19. 10. 2017, Berlin – Zehn Jahre Netzwerk Zukunftsforschung. www.netzwerk-zukunftsforschung.eu

07. 11. 2017, Luzern – EPTA Conference: Shaping the Future of Mobility. www.eptanetwork.org

16.–17. 11. 2017, Karlsruhe – 6. openTA-Workshop „Fachportale, Fachinformationsdienste, Wissenschaftsnetzwerke“. www.openta.net/workshops

 

Personalia

Judith Simon hat seit Februar 2017 die Professur für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg inne. Ihren Master erwarb sie an der FU Berlin in Psychologie. Promoviert hat sie an der Universität Wien in Philosophie zum Thema „Knowing together – A Social Epistemology for Socio-Technical Epistemic Systems“. Judith Simon war darüber hinaus in Barcelona, Jülich, Kopenhagen, Ljubljana, Paris und Stanford wissenschaftlich tätig. 2013 erhielt sie den Herbert A. Simon Award der International Association of Computing and Philosophy (IACAP). Sie ist Mitglied des Vorstands der International Society for Ethics and Information Technology und des Netzwerks Technikfolgenabschätzung.

Sergio Bellucci, Geschäftsführer von TA-SWISS, geht Ende November 2017 nach 20-jähriger Tätigkeit in den Ruhestand. Unter seiner Leitung erfolgte der Aufbau des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung bei den Akademien der Wissenschaften Schweiz in Bern zu einer national und international anerkannten Institution. Der Ingenieur und Agronom studierte und promovierte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Vor seiner Tätigkeit für TA-SWISS leitete er das Zentrum für Weiterbildung der ETH sowie das Technologie Institut am Technopark in Zürich. Bellucci ist Mitglied verschiedener Organisationen und Kommissionen in den Bereichen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft und war seit Gründung des Netzwerks TA Mitglied des Koordinationsteams des NTA.

Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT sowie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) wurde 2016 in die vom Bundesverkehrsministerium eingesetzte Ethik-Kommission „Automatisiertes und Vernetztes Fahren“ berufen. Im Juni 2017 legte die Kommission aus Vertreterinnen und Vertretern von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft unter Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Di Fabio ihren Bericht vor. Die darin formulierten ethischen Leitlinien geben vor, wie computergesteuerte Fahrzeuge künftig vor allem in Risikosituationen Entscheidungen treffen sollen. Bei unausweichlichen Unfällen müsse es beispielsweise strikt untersagt sein, Opfer nach persönlichen Merkmalen zu qualifizieren.

Heike Weber forscht zu Technik im Alltag, zum Verhältnis von Innovation und dem „Momentum“ des Alten sowie – unter dem Schlagwort „Unmaking Technology“ – zu Fragen von Müll, Abfall und Recycling. Im Juni 2017 hat sie die Professur „Technikkulturwissenschaft“ am Institut für Technikzukünfte (ITZ) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) angetreten. An ihrem Lehrstuhl will Heike Weber Ansätze aus den Science and Technology Studies, der Technik- und Umweltgeschichte und den Kulturwissenschaften kombinieren, um die Wechselwirkungen zwischen Technik, Gesellschaft, Kultur und Umwelt zu untersuchen. Zuvor war sie Professorin am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung der Bergischen Universität Wuppertal.

Georg Aichholzer, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeitet des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien, ist seit dem 1. Juni 2017 im Ruhestand. Der promovierte Soziologe begann seine wissenschaftliche Karriere am Institut für Höhere Studien in Wien und arbeitete seit 1993 für das ITA und die Technikfolgenabschätzung. Er gehörte in den vergangenen Jahren zu den prägenden Personen seines Instituts. Insbesondere hat er den langjährigen Arbeitsschwerpunkt „elektronische Verwaltung/e-Government“ aufgebaut und das Thema in vielen Facetten und einer Reihe von Projekten für das Europäische Parlament bearbeitet.