Editorial

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TATuP Bd. 26 Nr. 3 (2017), S. 3, http://dx.doi.org/10.14512/tatup.26.1-2.3

Vorausschauende Studien in der Technikfolgenabschätzung (TA) beschäftigen sich mit der Abschätzung von unvorhergesehenen und unerwünschten Folgen der Technologien in ihrem gesellschaftlichen Kontext. David Collingridge veröffentlichte 1981 das Buch „The Social Control of Technology“ und stellte die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt der TA in den Mittelpunkt. Je früher TA beginne, desto größer seien die Möglichkeiten, eine Technologie zu „regulieren“, schreibt Collingridge. Auch wenn heute statt Regulierung die Rede von Mitgestaltung und Governance ist, bleibt die Aussage von Collingridge relevant, dass TA an einem optimalen, frühen Zeitpunkt der Entwicklung beginnen sollte, um Fehlplanungen zu verhindern.

Ein Ziel der vorausschauenden TA-Projekte ist, in einer Kooperationsphase vor der technischen Innovation, Schlüsselfragen zum gesellschaftlichen Kontext der Technologien gemeinsam mit Gesellschaft, Wissenschaft und Politik zu definieren. TA-ForscherInnen entwickeln dazu neue Methoden zur Generierung von Visionen und Szenarien zu „Technologie und Innovation“ unter Einbeziehung dieser Akteure. Dadurch soll eine frühe Auseinandersetzung mit Erwartungen über die Zukunft durch einen nachvollziehbaren Prozess begleitet werden und erwünschte wie unerwünschte Zukunftsszenarien explizit mit der Politik kommuniziert werden. Als Beispiel wurden im Rahmen der EU-Projekte PACITA (2011–2015) und CIMULACT (2015–2018) anhand neuer Beteiligungsmethoden die nationalen und internationalen Forschungsprogramme beraten. Eine Stärke der TA in diesen vorausschauenden Forschungsarbeiten besteht in Methodenvielfalt sowie inter- und transdisziplinärer Zusammenarbeit, die eine Synthese der quantitativen und qualitativen Ansätze aus den Natur-, Technik-, Sozial- und Humanwissenschaften ermöglichen. Durch diese Studien können verschiedene normative Rahmen und darauf basierende Erwartungen für die Zukunft explizit dargestellt werden.

Die Annäherung der TA an die Zukunft beginnt daher mit der Frage, wie sollen die zukünftigen Technologien und die Rahmenbedingungen dafür sein? Im Vergleich dazu liefern theoriebasierte Zukunftsstudien Prognosen, wie die möglichen Zukunftsvarianten sein werden und welche Innovationen einen Durchbruch erzielen könnten. Im Idealfall können durch den Vergleich von rahmengebenden und prognostischen Szenarien die Unsicherheiten bezüglich der Planung neuer Technologien transparent dargestellt und realistischer kalkuliert werden.

 

Mahshid Sotoudeh

Mahshid Sotoudeh

Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien

(msotoud@oeaw.ac.at)