Interview

Wissen als demokratisches Prinzip

Philipp Schrögel im Gespräch mit einem begeisterten Wissensvermittler über die politische und moralische Verpflichtung zum Austausch.

Jean Pütz

ist Wissenschaftsjournalist, bekannt durch seine Fernsehsendung „Hobbythek“ und seine Wissenschafts-Bühnenshow „Pützmunter“. Mit über 3000 wissenschaftlichen Sendungen und rund 80 populärwissenschaftlichen Büchern (Gesamtauflage über sechs Millionen Exemplare) hat er wesentliche Beiträge zur Wissenschaftskommunikation geleistet. Nach langjähriger Leitung der Redaktion Naturwissenschaft beim Westdeutschen Rundfunk und Vorsitz der Wissenschaftspressekonferenz verfolgt Jean Pütz heute mit 81 Jahren im Ruhestand weiterhin aktiv den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

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TATuP Bd. 26 Nr. 3 (2017), S. 70–73, https://doi.org/10.14512/tatup.26.3.70

„Ich hab’ da mal was vorbereitet …“ ist wohl der bekannteste Satz von Jean Pütz und auch der Titel seiner kürzlich erschienenen Biografie. Diese Worte aus der von 1974 bis 2004 produzierten Fernsehsendung „Hobbythek“ haben ihn über die letzten Jahrzehnte – zusammen mit seinem markanten Äußeren – zu einem bekannten Gesicht des Wissenschaftsjournalismus gemacht. Die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens an die Öffentlichkeit zieht sich dabei genauso als roter Faden durch seine Arbeiten wie die Auseinandersetzung mit der Verantwortung von Wissenschaft. So hat er in seinen Sendungen schon früh gesellschaftlich relevante Wissenschaftsthemen wie die Potenziale von Mikroprozessoren, den Umwelt- oder den Nichtraucherschutz thematisiert. In der „Hobbythek“ wurde Wissenschaft mit Alltagsbezug verknüpft und Wissensaneignung durch Selbermachen praktiziert: Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten anhand der kostenfrei beziehbaren Publikationsreihe „Hobbytipps“ z. B. selber Waschmittel herstellen oder sich mit einem der zahlreichen Begleitbücher weiter in die Elektronik einarbeiten. Philipp Schrögel, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Wissenschaftskommunikation des Instituts für Germanistik am Karlsruher Institut für Technologie, führte für TATuP das Gespräch mit Jean Pütz in dessen Plus-Energie-Haus im Bergischen Land.

TATuP: Sie haben in Ihrer Biografie geschrieben: „Das von Menschen geschaffene Wissen muss für jedermann zugänglich sein. Wissen darf niemals nur Herrschaftswissen sein“.

Jean Pütz: Ja, das ist die Motivation für vieles in meinem Leben. Mir war von Anfang an klar, dass Demokratie nur existieren kann, wenn die Menschen auch begreifen, warum es Wissenschaft geben muss und warum die Technik uns das Leben erleichtert hat und nicht trennt. Die Vernunft und ein klares Verständnis von Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind die Basis für eine erfolgreiche Demokratie. Das Gegenteil machen manche Politiker heute, die nur irgendetwas behaupten. Das sieht man jetzt bei der Wahl von Trump in Amerika oder dem Brexit in England: Beides ist aus einer Dummheit heraus entstanden.

Und deswegen habe ich auch als Journalist didaktische Modelle entwickelt, die sich an Bürger ohne akademischen Hintergrund richten, aber ohne dass diese sich belehrt fühlen müssten. Ich weiß, dass Mathematik und die Naturwissenschaften manchmal schlecht gelehrt werden, viel zu wenig zum Begreifen, zum Anfassen, mit Experimenten. Da gibt es viele Blockaden, die zu überwinden sind. Da wollte ich eine Motivation bieten, ich wollte zeigen: Mensch, du bist zwar nicht Akademiker, aber du kannst es genauso gut verstehen!

Manchmal kann es ja sein, dass auf der einen Seite wissenschaftliche Erkenntnisse stehen und auf der anderen die gesellschaftliche Beurteilung. Zum Beispiel, welche Risiken eine Gesellschaft bereit ist einzugehen und welche nicht, sagen wir bei Energietechnologien.

Ja, da sieht man jetzt besonders am Thema der Nachhaltigkeit. Schon in meiner ersten Sendereihe habe ich gepredigt: Energie ist die treibende Kraft, von dort geht alles aus. Aber wir müssen schauen ob die Menschen, die normalen Menschen und nicht nur die Experten, eine Technologie überhaupt wollen. Jeder hat in sich ein tiefsitzendes Normalitätsprinzip. Und wenn eine Technologie entwickelt wird, die nicht oder nur mit höchstem Risiko zu realisieren ist, dann muss man sehr vorsichtig sein.

Technikfolgenabschätzung ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt, den ich sowohl auf die Energietechnologien aber auch auf alle andere Themen aus Wissenschaft und Technik beziehe. Es gibt eine Gruppe von Menschen, abgesehen von Philosophen, die diese Fragestellungen in die Öffentlichkeit hineintransportieren: die Wissenschaftsjournalisten. Sie haben die Aufgabe, Zusammenhänge klarzumachen und in die Zukunft zu sehen. Ich nenne das kybernetisches Denken, vielleicht kann man das heute auch algorithmisches Denken nennen.

Gesellschaft kann also Technologie gestalten, aber umgekehrt verändern Technologien auch Gesellschaften mit vorher vielleicht nicht absehbaren Auswirkungen?

Als James Watt die Dampfmaschine entwickelte, hat er aus dem Chaos, aus der Unordnung Ordnung gemacht. Posthum bekommt James Watt in meinen „Pützmunter-Shows“ den Nobelpreis in Physik verliehen und gleichzeitig, genau wie Linus Pauling auch, den Friedensnobelpreis. Denn mit der Möglichkeit, Wärme in geordnete Bewegung oder Elektrizität umzusetzen, wurde menschliche Fronarbeit endlich teurer als die Maschinenarbeit. Es ist nicht die Moral gewesen, die diesen Wandel in der Arbeitswelt geschaffen hat, sondern die technische Voraussetzung. Deswegen bin ich auch ein großer Befürworter der Industrialisierung, allerdings darf sie nicht als Machtinstrument verwendet werden für Ausbeutung, Korruption und so weiter. Dazu brauchen wir dann in der Politik Abgeordnete, die schlau genug sind, diese Entwicklungen zu verstehen und zu bewerten, und die dann auch eingreifen.

Sie setzen viel auf die Vernunft und eine rationale Herangehensweise …

Vielleicht ist das Gehirn ja sowieso eine Fehlkonstruktion. Denn mittlerweile hat es uns so weit gebracht, dass wir unser Kleinuniversum, sprich die Erde, komplett zerstören können. An so vielen Stellen passiert das schon. Deswegen brauchen wir ein elftes Gebot: Du darfst die Ressourcen dieser Erde nur so nutzen, dass unsere Kinder und Kindeskinder die größten Chancen haben. Das war schon in meiner ersten Fernsehsendung meine treibende Kraft.

Die Grundbotschaften in Ihren Sendungen sind immer diejenigen der Ökologie-Bewegung und der Nachhaltigkeitsdebatte gewesen.

Ja, aber dabei bin ich überhaupt kein Grüner. Ich bin dagegen, dass viele Grüne emotionalisieren. Wir können diese Welt nicht mit Emotionen retten, wir können Emotionen höchstens nutzen, damit die Menschen aufmerksam werden. Diese erste Motivation zu schaffen, das kann ich über Emotionen erreichen. Aber dann muss ich das ganze direkt in die Welt der Vernunft einbringen und mit Fakten und Wissen argumentieren.

Wie kann diese Vermittlung von Wissen funktionieren? Sie haben einmal gesagt: „Ohne natürliche Autorität gibt es keine Wissensvermittlung“. Was meinten Sie damit?

Erstmal ist es wichtig, Autorität unbedingt von autoritär zu trennen. Aber trotzdem helfen Prestige und öffentliche Bekanntheit ein bisschen dabei, Wissen zu vermitteln. Deswegen habe ich auch Begleitbücher zu meinen Sendungen geschrieben, um noch mehr Hintergrundwissen zu vermitteln, als es in den Fernsehsendungen möglich war. Mit den hohen Auflagen konnte ich umso mehr Menschen erreichen.

Aber ich sage auch ganz offen, dass ich meine Popularität nicht durch originäre Leistung erreicht habe, sondern nur, weil ich bereits Vorhandenes vervielfältigt und verbreitet habe. Noch heute kommen Professoren zu mir und sagen mir, wie gut sie die Bücher finden. Ich habe dann gesagt: „Vielleicht habe ich die falsche Sprache gewählt, ich hätte noch einfacher sein müssen“. Aber ich bin ja kein Populist, sondern ich habe gesagt, ich muss Wissenschaft popularisieren. Das ist ein riesen Unterschied. Genauso wie Autorität und autoritär.

Sie waren maßgeblich daran beteiligt, den Interessen des Wissenschaftsjournalismus in Deutschland eine Vertretung zu geben. Wie kam es dazu?

Die Wissenschaft hatte auch zu Beginn meiner Laufbahn schon keinen einfachen Stand im Journalismus. Es gab zwar das Schulfernsehen, aber das war kein richtiger Wissenschaftsjournalismus. Und deswegen bin ich damals einer Einladung von Ulrich Lohmar gefolgt, Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Er hatte damals zwanzig der bekanntesten Wissenschaftsjournalisten eingeladen, um über Wissenschaft und Journalismus zu diskutieren. Zu dieser Gelegenheit habe ich gesagt, wir brauchen eine „Mafia der Vernunft“. Der Begriff Vernunft ist mir sehr wichtig, also die logische Vernunft, nicht die Bauernschläue.

So ist die Wissenschaftspressekonferenz als Interessenvertretung der Wissenschaftsjournalisten entstanden, und ich war dann ja dreizehn Jahre lang deren Vorsitzender. Und da habe ich natürlich auch nicht alle überzeugt, weil die Wissenschaftsjournalisten eines an sich haben: Das sind unglaubliche Egozentriker. Die zusammenzubringen, ist schwierig.

„Mafia der Vernunft“ – man denkt bei Mafia ja erstmal an eine abgeschlossene Gemeinschaft, die unter sich bleibt und nicht nach Außen geht. Wie sind Sie auf diesen Begriff gekommen?

Der Begriff ist im Sinne von Nukleus zu verstehen. Wir als Wissenschaftsjournalisten brauchen auch eine Kommunikation auf einer höheren Ebene miteinander. Um uns auszutauschen, zu unterstützen und so weiter.

Wie sehen Sie die Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selber? Sollten diese das Kommunizieren über Fachthemen in die Gesellschaft hinein lieber dem Journalismus überlassen? Oder ist die Wissenschaft auch selber gefragt, eigene Arbeit zu erklären, sich in den Dialog zu stürzen?

Wissenschaftler haben zwei Aufgaben: Einmal die Kommunikation innerhalb der Scientific Community, aber genauso auch aus dieser heraus. Und da muss ich ein großes Kompliment machen: Viele Wissenschaftler schreiben sehr gute, verständliche Beiträge für die Öffentlichkeit. Die haben begriffen, dass wir eine soziale und eine politische Verpflichtung haben, den Menschen Wissenschaft näher zu bringen.

Abb. 1: Jean Pütz beim TATuP-Interview im Arbeitszimmer seines Plus-Energie-Hauses im Bergischen Land. Quelle: P. Schrögel

Aber ich kenne natürlich auch die Probleme mit übertriebenen Erfolgsmeldungen und Hypes. Da setze ich wirklich ausschließlich auf die Scientific Community, dass die sich unter Kontrolle hält. Leider passiert es nicht immer, deswegen haben wir in letzter Zeit viele Fake News auch im Bereich der Wissenschaft. Hier hat der Wissenschaftsjournalismus eine wichtige Aufgabe durch seinen Blick von außen, aber auch für die Wissenschaft selber ist er notwendig: Ein guter Wissenschaftler muss tief in die Materie eindringen, das heißt, er braucht einen Tunnelblick. Sonst kommt er an die neuesten Erkenntnisse, die tiefsten Geheimnisse nicht ran. Er bohrt ein Loch und steigt da nachher selbst rein mit dem Hämmerchen. Und wenn er dann in seinem Loch sitzt, dann ist es vielleicht nicht schlecht, dass auch Journalisten dort herumlaufen und vermitteln: „Was hast denn du da? Und was hat der andere dort? Pass mal auf, da hinten in der Ecke, da ist einer der hat ähnliches wie du – wollt ihr euch nicht mal zusammentun?“ Diese Kommunikationsaktivierung halte ich für eine sehr wichtige Funktion der Wissenschaftsjournalisten, auch für die Wissenschaft selber.

Ich wollte zeigen: Menschen sind schlauer und können mehr machen als sie denken.

Der vermittelnde Journalismus ist das Eine, das Selbermachen etwas Anderes. Sie haben das verbunden. Ihre Hobbythek-Sendung und deren Do-It-Yourself-Anspruch lässt sich als ein Vorläufer der heutigen Hacker- und Maker-Bewegungen sehen.

Nun ja, die Hobbythek war für mich ein Trojanisches Steckenpferd. Eine Motivation, Menschen zu zeigen, dass sie schlauer sind und mehr machen können als sie denken. Es ist ja so: Durch die Schule werden die Leute manchmal auch verblendet, sie werden entweder nur als Hirn oder nur als Hand deklariert. Dabei wird das Handwerk viel zu wenig geschätzt. Zum Teil bilden wir als Akademiker aus lauter Hochmut eine Parallelgesellschaft. Ich wollte gerne jedermann ansprechen. Ich wollte zeigen: Du bist schlauer, kannst selbst etwas tun. Wichtig war mir dabei das Begreifen im wahren Sinne des Wortes, und dies anhand von Themen, die auch einen wissenschaftlichen Hintergrund haben.

Sie selber haben ja einen sehr vielfältigen Lebenslauf: von der technischen Ausbildung über das Lehramtsstudium im naturwissenschaftlichen Bereich bis hin zum begleitenden Soziologiestudium. Wie blicken Sie auf die heutigen Studiengänge und die Situation junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?

Zunächst kritisiere ich ganz vehement die modernen Studiengänge mit Multiple-Choice-Tests und vielen Prüfungen. Da wird ja Quizwissen abgefragt. Ich hätte da heute keine Chance mehr. Ich kann nur jedem Studenten raten, die disziplinären Scheuklappen abzulegen und mindestens ein bis zwei Semester Studium Generale zu machen.

Wir haben eine soziale und eine politische Verpflichtung, den Menschen Wissenschaft näher zu bringen.

Und ich halte es für einen Skandal, ja sogar für ein Verbrechen, dass junge Leute in den Universitäten nur kurzfristige Verträge kriegen. Ja wie sollen die denn eine Familie gründen? Die Assistenten müssen besser entlohnt werden. Denn sonst gibt es ein Problem. Wo führt das hin? Das wird ein akademisches Proletariat. Man muss den Leuten Perspektiven geben. Wer den Wissenschaftsnachwuchs so behandelt, der versündigt sich an den jungen Leuten.

Und das möchte ich auch noch sagen: Ich habe für mein Studium ungefähr 35.000 Deutsche Mark als staatliche Förderung bekommen. Ich hätte nie studieren können, wenn ich das nicht bekommen hätte – ich bin ein Arbeiterkind. Der Staat hat das von mir in fünf Jahren nach meinem Studium in Form von Steuern zurückbekommen. Seitdem macht der Staat mit mir jedes Jahr eine vielfache Rendite. Ich würde sagen, das ist eine lohnende Investition für den Staat, und deswegen fordere ich, dass Bildung, Forschung, Wissenschaft und auch Infrastruktur von der Schuldenbremse ausgenommen werden. Denn Firmen oder Handwerker die nicht in die Zukunft investieren, die gehen pleite. Und so wird es unserem Staat auch gehen, wenn Politiker Bildung und Forschung mit allem anderen in einen Topf werfen.

Es gibt auf YouTube mittlerweile viele Do-it-Yourself-Sendungen und Wissenschaftskanäle, die von den Grundgedanken her an die damalige Hobbythek erinnern, indem sie mit kreativen Ansätzen den Menschen Wissenschaft und Technik erklären. Wenn Sie heute Ihre Karriere beginnen würden, würden sie die Freiheit nutzen und ein YouTuber werden? Oder gingen Sie wieder als Journalist zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Das ist zu allererst einmal eine Frage der Finanzierung. Das ist eine Krankheit des Internets, dass die Leute glauben alles umsonst zu kriegen. Und das macht unseren Beruf als Journalisten auch kaputt. Eine Misere ist das. Alles soll umsonst sein, ich hatte nicht geglaubt, dass ein ganzes Volk zu Nassauern wird. Und wenn dann wirklich einmal gute Leute mit guten Ideen da sind, für die sie mal ein bisschen Geld verlangen, dann macht das niemand mit. Deswegen muss es einen ordentlich finanzierten Wissenschaftsjournalismus als Brücke zwischen Forschern und den Bürgern geben.