TA-Fokus

This is an article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License CCBY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

TATuP Bd. 28 Nr. 1 (2019), S. 6–8

Meldungen

PROGRAMM

Innovations- und Technikanalyse (ITA)

Mit insgesamt 18 interdisziplinären Forschungsprojekten unternimmt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine strategische Vorausschau auf die Folgen technologischer Entwicklungen. Stärken oder schwächen digitale Plattformen den Zusammenhalt der Gesellschaft? Welche Konsequenzen hat es, wenn Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verwischen? Wie weit sollte die Medizin auf künstliche Intelligenz und moderne Verfahren der Genomeditierung zurückgreifen? Diese und weitere Fragen sind in den kommenden zwei Jahren Gegenstand der aktuellen ITA-Förderphase, die explizit auch den Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern sucht. Ziel sei es, „zu einer zukunftsweisenden, nachhaltigen und wissenschaftlich fundierten Politik“ beizutragen, so Forschungsstaatsekretär Christian Luft bei der öffentlichen Präsentation der Projekte im Februar in Berlin.

www.zukunft-verstehen.de

 

INTERNATIONAL

USA stärkt parlamentarische TA

Dem wachsenden Bedarf der Kongressabgeordneten an fundierten Informationen zur wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung soll in den Vereinigten Staaten künftig ein Science, Technology Assessment, and Analytics Team (STAA) begegnen. Dazu bündelt das Government Accountability Office (GAO) des US-Kongresses seit Januar 2019 mehrere mit Technikfolgenabschätzung befasste Einheiten und stattet sie mit zusätzlichen Ressourcen und Personal aus. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, Studien direkt für den Kongress durchzuführen, Wissenschafts- und Technikprogramme der Regierung zu bewerten, Best Practices in den Ingenieurwissenschaften zu sammeln und ein Innovation Lab einzurichten. Inhaltlich soll sich das STAA insbesondere mit den Bereichen Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Quantencomputer sowie Big Data und Blockchain befassen.

www.gao.gov/science_and_technology

REPORT

Digitale Demokratie

Unter dem Titel „Towards a Digital Democracy – Opportunities and Challenges“ hat das europäische Netzwerk der Institutionen für Technikfolgenabschätzung in Parlamenten (EPTA) einen Bericht veröffentlicht. Die Autorinnen und Autoren nehmen in den Blick, wie digitale Technologien in unseren Demokratien Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse beeinflussen. Ein gegenwärtig auch in der Öffentlichkeit heiß diskutiertes Thema. Aus der Perspektive der einzelnen Länder werden die gesellschaftlichen und politischen Debatten, der aktuelle Stand der Regulierung und nicht zuletzt TA-Aktivitäten rund um Technologien wie Blockchain, Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien beschrieben. Der vom Panel for the Future of Science and Technology (STOA) des Europaparlaments herausgegebene Bericht in englischer Sprache steht auf der EPTA-Homepage zum Download bereit.

eptanetwork.org/images/documents/minutes/EPTA-Report2018.pdf

PROJEKT

Stromnetze mit Grips

Neun Smart-Grid-Lösungen aus drei Ländern zeigen, dass intelligente Stromnetze funktionieren und von Verbraucherinnen und Verbrauchern angenommen werden – vorausgesetzt neben den technischen werden auch die sozialen Aspekte berücksichtigt. Zu diesem Ergebnis kommt die Vergleichsstudie „MATCH: Märkte – Akteure – Technologien“. Forschende aus Österreich, Dänemark und Norwegen haben zusammen mit Energieunternehmen und lokalen Initiativen neun bereits realisierte Demonstrationsprojekte untersucht. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf technische Konzepte, vorhandene Bedingungen auf den regionalen Energiemärkten und die Art der Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer gelegt. Letztere „spielen eine vielfältige und für die erfolgreiche Umsetzung entscheidende Rolle“, so Michael Ornetzeder, Projektleiter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien.

www.match-project.eu

LEHRE

Ethikkurs für Programmierer

An der Hochschule des Saarlands finden Fragestellungen der Technikfolgeabschätzung Eingang in das Informatikstudium. Mit der Vorlesung „Ethics for Nerds“ wollen Lehrende der Fachrichtung Informatik und Philosophie das Bewusstsein über die moralische Relevanz und die potenziellen Folgen der Forschung und Entwicklung im IT-Bereich schärfen. Bei der Entwicklung neuer Produkte und Systeme sollen die künftigen Absolventinnen und Absolventen in der Lage sein, neben fundierten technischen Einschätzungen auch ethische Bewertungen vorzunehmen. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zeichnete „Ethics for Nerds“ im Januar 2019 als „Hochschulperle des Monats“ aus. „Im Prozess der Technisierung und Digitalisierung kommt Informatikern eine rasant wachsende gesellschaftliche Verantwortung zu – es ist wichtig, dass sie sich dieser Aufgabe bewusst werden und lernen, damit umzugehen“, so die Begründung der Jury.

www.stifterverband.org/hochschulperle

 

Fünf Fragen an
Manfred Ronzheimer

Wissenschaftsjournalist, Berlin

Wo begegnet Ihnen TA?

Vor allem im Kontext politischer Erörterungen und entsprechender Aktivitäten von wissenschaftlicher Seite, in Form von Veranstaltungen und Studien. Das ist dann regelmäßig Anlass für journalistische Berichte meinerseits.

Welche Forschungsfrage aus dem Feld interessiert Sie besonders?

Ich bin an sozialen Innovationen sehr interessiert. Der Einfluss von Technik auf Veränderungen im gesellschaftlichen Verhalten. Aber mehr noch umgekehrt: wie gesellschaftlicher Wandel technische und nicht-technische Innovationen antreibt.

Spielen technische Innovationen und ihre Folgen eine angemessene Rolle in den Medien?

Es wird zu einseitig berichtet. Kurzfristiger Nutzen steht im Vordergrund. Die Auswirkungen werden viel zu wenig behandelt, räumlich wie zeitlich, gesellschaftlich wie ökologisch. Es gibt einen Verlust an Zukunftsorientierung.

Welche Zukunftstechnologie hätte größere Aufmerksamkeit verdient?

Ich finde die Biologisierung der Industrie sehr spannend, die ökologische Kreislaufwirtschaft. Das könnte für Deutschland wirtschaftlich eine größere Chance darstellen als das Wettrennen der Digitalisierung.

Wie könnte TA stärker öffentlich wahrgenommen werden?

Erstens: Kompetenzbildung in den Medien. Es braucht „Kümmerer“, die sich in den Redaktionen für diese Themen einsetzen. Zweitens: neue Wege der zivilgesellschaftlichen Partizipation, sowohl medial (Bürgerjournalismus) als auch forschungsbezogen (Citizen Science).

POLITIKBERATUNG

Neue Projekte für den Bundestag

Der Deutsche Bundestag hat sich im Februar auf den ersten Teil eines neuen Arbeitsprogramms für das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) verständigt. In diesem und dem kommenden Jahr beschäftigen sich die Expertinnen und Experten des TAB mit dem Energieverbrauch der IT-Infrastruktur, Chancen der digitalen Verwaltung und mit möglichen Folgen der Digitalisierung kritischer kommunaler Infrastrukturen in den Bereichen Wasser- und Abfallwirtschaft. Studien für die Abgeordneten erstellen sie auch zur Gefahr der Diskriminierung durch algorithmische Entscheidungssysteme, zu Innovationen in der Bauwirtschaft und den Perspektiven der Telemedizin. Zur Themenfindung hatte das TAB knapp 50 Vorschläge aus den Ausschüssen und Fraktionen geprüft und intensiv mit dem Berichterstatterkreis des für TA zuständigen Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (ABFTA) diskutiert. Grundsätzlich befürwortet wurde eine zweite Themenstaffel für die Jahre 2019 und 2020, über die in einer ABFTA-Sitzung im Frühjahr entschieden wird.

www.tab-beim-bundestag.de/de/untersuchungen/laufende-untersuchungen.html

 

Aus dem openTA-Kalender

22.–24. 05. 2019, BONN – International Conference on Simplicities and Complexities.
www.lhc-epistemologie.uni-wuppertal.de/news-events-publications/events/complexities

27. 05. 2019, WIEN – Internationale Konferenz TA19. „Mission Control?“ Missionsorientierte Innovation als Herausforderung für die TA.
www.oeaw.ac.at/ita/de/veranstaltungen/konferenzen-workshops/ta19

13.–14. 06. 2019, TAMPERE – Nordic STS Conference 2019.
events.uta.fi/nordicsts2019

04.–06. 11. 2019, BRATISLAVA –
4th European Technology Assessment Conference. Value-driven Technologies: Methods, Limits, and Prospects for Governing Innovations. (Call for Papers offen)
bratislava2019.technology-assessment.info

21.–22. November 2019, BERLIN – Jahrestagung des Forum Privatheit. Aufwachsen und Lernen in überwachten Umgebungen. (Call for Papers offen)
www.forum-privatheit.info/veranstaltungen/jahrestagung-des-forum-privatheit-2019

Weitere Termine unter www.openta.net/kalender

AUSZEICHNUNG

Preis für transformative Wissenschaft

Freude bei Reallabor-Team: Für ihr Engagement im Karlsruher „Quartier Zukunft – Labor Stadt“ erhielten sie den Forschungspreis „Transformative Wissenschaft“. Quelle: Schader Stiftung

Wie können Städte auf nachhaltige Weise mehr Lebensqualität entwickeln? Und wie lassen sich Gemeinsinn und Ideen der Bewohnerinnen und Bewohner für dieses Ziel mobilisieren? Antworten erprobt seit 2012 das Reallabor „Quartier Zukunft – Labor Stadt“ in Karlsruhe. Im Januar 2019 ist das Projekt des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) mit dem Forschungspreis „Transformative Wissenschaft“ ausgezeichnet worden. „Das ‚Quartier Zukunft‘ ist eines der am weitesten entwickelten Quartier-Reallabore in Deutschland. In Karlsruhe wird mit vielen innovativen Formaten vorgelebt, wie fruchtbar gemeinsame Wissensentwicklung von Wissenschaft und Akteuren vor Ort für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung sein kann“, unterstrich der Präsident des Wuppertal Instituts, Uwe Scheidewind, bei der Übergabe der mit 25.000 Euro dotierten Auszeichnung. Das Preisgeld wollen die Forschenden unter anderem dafür verwenden, das Reallabor dauerhaft zu etablieren.

wupperinst.org/a/wi/s/ad/4606/

CALL FOR PAPERS

Europäische Konferenz zu Technologien und Werten

Im Herbst 2019 trifft sich Europas TA-Community in Bratislava, um zu diskutieren, wie Technikfolgenabschätzung zur Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik beitragen kann. Zentrales Thema der 4. Europäischen TA-Konferenz, die vom 4. bis 6. November 2019 in der slowakischen Hauptstadt stattfindet, sind „Value-driven Technologies“ – von Smart Grids bis zu Wearables, vom autonomen Fahren bis zur Mensch-Maschine-Interaktion, von der Robotik bis zur Bioökonomie. Welche Rolle könnte die Gesellschaft bei der Gestaltung dieser neuen Technologien spielen? Welche Ansätze zur Mitgestaltung sollten dazu erforscht werden? Und welche politischen Maßnahmen zur Steuerung von Innovationen sind erforderlich? Expertinnen und Experten sind herzlich eingeladen, Beiträge zu diesen Fragestellungen vorzuschlagen.

bratislava2019.technology-assessment.info/calls/call-for-papers

PUBLIKATION

Auf dem Weg zu einer globalen TA

Hahn, Julia; Ladikas, Miltos (Hg.) (2019):
Constructing a global technology assessment.
Insights from Australia, China, Europe, Germany, India and Russia. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 248 S., ISBN 9783731508311
publikationen.bibliothek.kit.edu/1000085280/23225323

Der Begriff Technikfolgenabschätzung mag eine Erfindung des „Westens“ sein, Ziele und Methoden der TA gewinnen jedoch rund um den Globus an Bedeutung: Weltweite Auswirkungen von Technologien, Herausforderungen wie der Klimawandel und Veränderungen im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft erfordern neue, Grenzen überschreitende Ansätze. Davon sind Julia Hahn und Miltos Ladikas überzeugt. Der von ihnen herausgegebene Sammelband untersucht, welche Potenziale eine globale Technikfolgenabschätzung entfalten kann und wo ihr Grenzen gesetzt sind. Expertinnen und Experten aus Australien, China, Indien, Russland und Deutschland geben dazu Einblicke in ihre jeweilige TA-Praxis und stellen ihre Perspektiven auf zukünftige Erfordernisse und Entwicklungen dar. Dieser internationale Blick soll einen Ausgangspunkt bilden, um mit Hilfe eines gemeinsamen Verständnisses von Technikfolgenabschätzung globalen Herausforderungen zu begegnen.

VERANSTALTUNG

TA zum Mitmachen

Komplexe Beziehungen: Die Stiftung TA-SWISS lädt Interessierte ein, Empfehlungen zum Umgang mit Robotern zu formulieren. Quelle: Andy Kelly/Unsplash

Partizipative Technikfolgenabschätzung, bei der interessierte Menschen mitgestalten können. Diesen Ansatz verfolgt die Stiftung TA-SWISS mit ihren „Focus“-Veranstaltungen. Nach „Focus Food“ 2017 und „Focus City“ 2018 stehen in diesem Jahr beim „Focus Robots“ die Beziehungen zwischen Menschen und Robotern im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden beschäftigen sich einen Tag lang intensiv mit Robotern und diskutieren in Kleingruppen mit Expertinnen und Experten, etwa über: Anwendungen in Ausbildung und Pflege, Mensch-Maschine-Beziehungen, die Herausforderungen beim Entwickeln und Gestalten von Robotern, aber auch über rechtliche Aspekte sowie über Robotik in Kunst und Kultur. Dabei erarbeiten sie Anregungen, die in einem Bericht an die Politik festgehalten werden. Focus-Veranstaltungen stärken die Stimme von direkt Betroffenen und geben ihnen die Möglichkeit, sich in die Debatte zu einer neuen Technologie einzubringen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, so die TA-SWISS, dass ein großes Bedürfnis danach bestehe. „Focus Robots“ findet am 3. Mai 2019 in Bern statt.

www.ta-swiss.ch/focus-robots

 

Personalia

Stephan Rammler ist neuer wissenschaftlicher Direktor des IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin. Der Experte für eine nachhaltige, postfossile Mobilität promovierte am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und ist seit 2002 Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Für seine publizistische Arbeit zu Fragen umweltschonender Fortbewegung erhielt er den ZEIT WISSEN-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“. Am IZT will Rammler das Querschnittsthema „Digitale Transformation“ künftig stärker verankern, insbesondere im Hinblick auf den Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit. [Bildquelle: Nicolas Uphaus]

Maria João Maia wurde als neues Mitglied in den Vorstand der Society for the Study of New and Emerging Technologies (S.NET) gewählt. Die internationale Vereinigung fördert die kritische Reflexion über neue Technologien aus unterschiedlichen Perspektiven. Schwerpunkte liegen dabei unter anderem auf der Nano- und Biotechnologie, der synthetischen Biologie aber auch auf Feldern wie Big Data oder Geoengineering. Maria João Maia ist seit 2016 Mitarbeiterin des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) und forscht dort zu Fragen verantwortungsvoller Innovationen in der Industrie sowie in den Bereichen Pflege und Medizin.