St. Albrecht: Freiheit, Kontrolle und Verantwortlichkeit in der Gesellschaft. Moderne Biotechnologie als Lehrstück

Rezensionen

Moderne Biotechnologie und Demokratie

St. Albrecht: Freiheit, Kontrolle und Verantwortlichkeit in der Gesellschaft. Moderne Biotechnologie als Lehrstück. Hamburg: Hamburg University Press, 461 S., ISBN 3-937816-16-X, 35,00 €uro [1]

von Rolf Meyer, ITAS

Dieses Buch über Biotechnologie und Demokratie beruht auf der Habilitationsschrift von Stephan Albrecht. Das vorliegende Werk basiert dabei auf seiner langjährigen Forschungsarbeit zu den Entwicklungen in der modernen Biotechnologie. Die Analyse stellt die Frage der Verantwortung in den Mittelpunkt und steht damit im Gegensatz zu den vielen vorliegenden Arbeiten zu den Chancen und Risiken der modernen Biotechnologie. Fragen der Interessen, Macht und politischen Organisation werden behandelt, die in wissenschaftlichen Analysen und Politik beratenden Studien zu ökonomischen Chancen und ökologischen und gesundheitlichen Risiken oft zu kurz kommen.

Ein Ergebnis der umfangreichen Analyse ist, dass Verantwortung meistens „die anderen“ tragen. Politische, rechtliche, administrative und innerwissenschaftliche Kommunikations- und Handlungsstrukturen verhindern oder verdünnen Verantwortung bis zur Unauffindbarkeit. Es wird nachgewiesen, dass der biotechnologische Fortschritt nicht wissenschaftsimmanent erfolgt, sondern vornehmlich politisch gestaltet ist. Einen grundlegenden Fehler in diesem Fortschritt sieht Stephan Albrecht darin, dass dieser nicht angemessen öffentlich, also als Res publica verstanden und verhandelt wird. In dieser Arbeit bleibt es aber nicht nur bei einer Beschreibung und Analyse der Defizite, sondern der Autor macht auch Vorschläge für eine institutionelle Ausprägung der Wahrnehmung von Verantwortung in den und für die Wissenschaften.

Im ersten Teil des Buches wird zunächst der Untersuchungsgegenstand der modernen Biotechnologie (und seine Anwendungsfelder in Medizin, Landwirtschaft und Umwelttechnik) umrissen. Dann werden charakteristische Modi des Umgangs mit der modernen Biotechnologie untersucht. Behandelt werden dabei vier Bereiche: wissenschaftliche Dispute, Regulierungen, Technikfolgen-Abschätzung (bzw. Versuche einer wissenschaftlich unterstützten Reflexion als Mittel der gesellschaftspolitischen Steuerung) und schließlich Gestaltungsarrangements und „policy coalitions“. Der Vergleich dieser Modi in Deutschland und den USA, vor allem aber das Nachzeichnen der historischen Entwicklung seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts – was selbst einem Leser mit wissenschaftlichem Schwerpunkt und viel Erfahrung im Bereich der Gentechnik in der Zusammenschau und in vielen Details nicht so präsent bzw. bekannt ist – machen diese Kapitel äußerst interessant.

Aufbauend auf diesem Überblick wird im zweiten Teil der Arbeit die kontroverse Geschichte der modernen Biotechnologie, untergliedert in mehrere Themenkreise, in vielen Facetten beleuchtet. Die Hauptthemenkreise sind die Entstehung politischer Normierungen und technologiepolitischer Steuerungen, Science und Technology Assessment sowie demokratiepolitische und -theoretische Implikationen, jeweils mit vielen Verästelungen. Dabei handelt sich um schon als Einzelaufsätze publizierte Arbeiten, die über einen längeren Zeitraum entstanden sind und nur begrenzt überarbeitet wurden. Die eine oder andere Redundanz ist dadurch zwangsläufig gegeben. Somit ist dieser Teil nicht unbedingt zum systematischen Durchlesen geeignet, aber auf jeden Fall ein Schatzkästchen an Informationen, Einordnungen und Einschätzungen.

Im dritten und letzten Teil werden die verschiedenen Stränge der Argumentation wieder zusammengeführt. Dabei geht es um die Spannungen zwischen Wissenschaft, biotechnologischer Politik und Gesellschaft, um Verantwortung als grundlegendes Element zur Bewahrung der Freiheit in den Wissenschaften und um die Erneuerung von Demokratie. Unter „Verantwortungsorganisation“ werden auch eine Vielzahl von politisch-praktischen Vorschlägen unterbreitet und begründet, wie in der Wissenschaft, in forschenden Unternehmen und den dazugehörigen Bereichen der öffentlichen Politik Identifikations-, Priorisierungs-, Herstellungs-, Implikations- und Evaluationsverantwortung miteinander wahrgenommen werden können.

Aus dem Resümee sei hervorgehoben, „dass die Fragen nach einer Veränderung des Weges im Umgang mit der modernen Biotechnologie, mit Freiheit, Kontrolle und Verantwortlichkeit, nicht solche nach einer veränderten Wissenschaft und Wissenschaftspolitik, sondern solche nach einer veränderten Gesellschaftspolitik, also nach Demokratie, sind.“ (S. 405). Albrecht bemerkt weiter: „Für die zukünftigen Demokratiefragen, die von der modernen Biotechnologie ausgehen, ist die sich erweiternde Lücke zwischen der Herstellung von Tatsachen und der öffentlichen Verhandlung über die gesellschaftliche Wünschbarkeit der Herstellung der Tatsachen nicht nur eine Fortsetzung schon eingeschliffener Verfahrens- und Verhaltensweisen, sondern ein spezifisches neues Grundlagenproblem sowohl für die Wissenschaften wie für die Gesellschaft.“ (S. 407).

Anmerkung

[1] Zum kostenlosen Download unter http://hup.sub.uni-hamburg.de verfügbar.