B. Glaeser (Hg.): Fachübergreifende Nachhaltigkeitsforschung. Stand und Visionen am Beispiel nationaler rund internationaler Forscherverbünde

Rezensionen

Forschungsverbünde: Schrittmacher fachübergreifender Nachhaltigkeitsforschung?

B. Glaeser (Hg.): Fachübergreifende Nachhaltigkeitsforschung. Stand und Visionen am Beispiel nationaler und internationaler Forscherverbünde. München: Oekom Verlag, 2006, Edition Humanökologie Band 4, 382 S., ISBN 3-936581-83-5, Euro 31,80

Rezension von Gertrude Hirsch Hadorn, ETH Zürich

1     Kontext

Forschung für nachhaltige Entwicklung oder kurz Nachhaltigkeitsforschung sieht ihre Aufgabe im Erarbeiten von Wissen, das nachhaltigere Entwicklungspfade in Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eröffnen kann. Sollen Probleme der Lebenswelt mit Blick auf das Wohl der heute und der künftig Lebenden bewältigt werden, dann sind technische und institutionelle Innovationen so zu gestalten und zu verzahnen, dass unterschiedlichen Interessen sowie komplexen Beziehungen zwischen Menschen, Institutionen und Natur Rechnung getragen wird. Dies macht es erforderlich, vielfältige Kompetenzen in den Forschungsprozess einzubinden. Als fachübergreifende und auf Probleme der Lebenswelt ausgerichtete Forschung liegt Nachhaltigkeitsforschung quer zur disziplinären Struktur der Wissenschaft und zur Abgrenzung von Wissenschaft und Lebenswelt: Sie ist transdisziplinär. Welche Chancen bieten dabei Forschungsverbünde und Förderprogramme für transdisziplinäre Grenzüberschreitungen in der Nachhaltigkeitsforschung?

Dieser Frage war die Jahrestagung 2003 der seit rund 30 Jahren bestehenden Deutschen Gesellschaft für Humanökologie (DGH) gewidmet. Die Humanökologie hat sich seit ihren Anfängen 1920 in der Chicago-Schule zur Erforschung der sozialen Probleme in der Industriegesellschaft der disziplinenübergreifenden problemorientierten Forschung verschrieben. Das Symposium war dem Erfahrungsaustausch von Forschungsförderern und Forschenden mit Blick auf die künftige Gestaltung disziplinenübergreifender problemorientierter - also transdisziplinärer - Forschung gewidmet. Vertreten waren das Förderungsprogramm „Fächerübergreifende Umweltforschung“ der Volkswagen-Stiftung, das vom österreichischen Wissenschaftsministerium geförderte Programm „Nachhaltige Entwicklung der Kulturlandschaft“ (KLF), der deutsche Förderschwerpunkt „Sozial-ökologische Forschung“ (SÖF) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, aus der Alpenforschung das Schweizer „Man-and-Biosphere-Programme“ MAB sowie das brasilianisch-deutsche Projekt „Mangrove Dynamics and Management“. Der Tagungsband versteht sich als Werkstattbericht. Er versammelt Beiträge zu wissenschaftspolitischen Aspekten und zu konzeptionell-methodischen Fragen aus den Forschungsprogrammen sowie Analysen zu Kontexten, Erträgen und Perspektiven.

2     Besonderheiten fachübergreifender Forschung

Verständigungsprobleme unter den Beteiligten solcher Forschungsprogramme sind ubiquitär. In der KLF sind Sprachseminare für kompetente Verwendung einer wissenschaftlichen Gebrauchsprosa in den Texten eingerichtet worden - eine Innovation, die auf breites Interesse auch außerhalb der KLF gestoßen ist. Nachhaltigkeitsforschung ist zudem herausgefordert, ihren Forschungsgegenstand zu bestimmen und zu strukturieren. An der Aufgabe, wie die für nachhaltige Entwicklung relevanten Verhältnisse zwischen Menschen, Institutionen und Natur adäquat zu strukturieren sind, scheiden sich die Geister. Braucht es dafür eigens entwickelte theoretische Grundlagen? Und wenn ja, was sollen diese leisten?

Projekte, die Nachhaltigkeitsforschung als Umsetzung von Wissen über ökologische Probleme in entsprechende institutionelle, technologische und persönliche Maßnahmen verstehen, praktizieren oftmals eine einfache Arbeitsteilung zwischen den beteiligten Disziplinen. Doch sind verbreitete Vollzugsdefizite von erarbeiteten Problemlösungen ein Indiz dafür, dass die Berücksichtigung von Komplexität für eine erfolgreiche In-Wert-Setzung von Maßnahmen relevant sein kann. Quasi am anderen Extrem sind Ansätze angesiedelt, welche deshalb eine allgemeine Theorie der Nachhaltigkeitsforschung für notwendig erachten, so das Rahmenkonzept der SÖF. In der Transformation hybrider sozial-ökologischer Problemlagen wird hier die Kernfrage der Nachhaltigkeitsforschung gesehen, die aufzuklären eine allgemeine systemische Theorie erfordert. Wie die Berichte aus den verschiedenen Forschungsprogrammen zeigen, wird in der Nachhaltigkeitsforschung häufig ein systemwissenschaftlicher Zugang eingeschlagen. Doch gleichzeitig verfolgen die Projekte, über die in diesem Band berichtet wird, sehr unterschiedliche Ansätze. Es kann sich um systemanalytische Zugänge handeln, die stärker durch disziplinäre problemspezifischere Theorien gestützt sind, und die es durch empirische Erfahrung interdisziplinär zu modifizieren gilt. Oder es kann sich um theoretisch wenig gestützte systemanalytische Ansätze und mathematische Modellierungsmethoden zur Strukturierung komplexer empirischer Evidenzen in funktionale Beziehungen handeln. Der Band versammelt ein breites Spektrum an Vorgehensweisen systemischen Denkens und macht deutlich, dass ihre Eignung anhand der jeweiligen Fragestellungen, des lebensweltlichen Kontextes und der wissenschaftlich-disziplinären Beziehungen, in denen ein Projekt steht, zu beurteilen ist.

3     Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung

Lässt sich Nachhaltigkeitsforschung auf systemtheoretisch bzw. -analytische Forschungsansätze reduzieren? Mehrere Beiträge gehen auf die normativen Fragen des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung ein. Es handelt sich hier wesentlich um Gerechtigkeitsfragen und damit um Fragen der Verteilung von Gütern im weitesten Sinne innerhalb und zwischen Generationen. Um Verteilungsfragen in Bezug auf konkrete Probleme beantworten zu können, ist die Kenntnis systemischer Beziehungen eine unverzichtbare Grundlage. Doch ist das nicht alles. Die Forderung der Partizipation von Beteiligten und Betroffenen an Prozessen nachhaltiger Entwicklung zeigt an, dass es auch darum geht, das normative gesellschaftliche Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in seiner Bedeutung für den Lebenssinn, das Erleben und das Verhalten der Individuen zu interpretieren und praxisrelevant werden zu lassen. Die in verschiedenen Beiträgen beschriebenen Ziele, Verfahren und Erfahrungen mit Partizipation von Akteuren in Forschungsprojekten sind nicht nur politisch-strategisch relevant, sondern sie sind auch in ihrer anthropologischen Bedeutung zu sehen.

4     Zur Bedeutung von Forschungsverbünden

Bieten Forschungsverbünde bzw. Förderungsprogramme besondere Chancen für die fächerübergreifende Nachhaltigkeitsforschung? Ohne Zweifel setzen Verbünde und Programme Anreize für Forschende zur problemorientierten fächerübergreifenden Zusammenarbeit und stimulieren damit konzeptionell-methodische Entwicklung und Einsichten in der Wissenschaft. Sie bieten alleine schon dank ihrer Größenordnung Voraussetzungen zur Zusammenarbeit mit Partnern in der Praxis und damit eine Wirksamkeit zumindest in Form von Aufmerksamkeit in der Lebenswelt. Doch auch Verbünde und Programme sind zeitlich befristet. Trotzdem können auch sie Früchte über die Projektdauer hinaus tragen. Hier ist die Weiterentwicklung und institutionelle Absicherung von im Entstehen begriffener Forschungsrichtungen zu nennen - beispielsweise der Umweltgeschichte und der Humanökologie in Österreich dank der KLF. In Deutschland bietet die sozial-ökologische Forschung den außeruniversitären Forschungsinstituten mit ökologischer Orientierung besondere Entwicklungschancen, während die Volkswagenstiftung auf das Problem der akademischen Karrieremöglichkeiten des Nachwuchses in fächerübergreifender Forschung mit entsprechenden Programmen der Personenförderung reagiert hat. Die Erfahrung von Förderern und Forschenden mit diesen forschungspolitischen Experimenten zeigen: Forschungsverbünde können Schrittmacher fachübergreifender Nachhaltigkeitsforschung sein, sie sind aber kein Königsweg.

5     Fazit

Der Stand der Nachhaltigkeitsforschung ist immer noch der eines „Forschungsbereiches im Werden“ mit zahlreichen Stolpersteinen. Der Band dokumentiert das Entwicklungspotential: die Vielfalt von Richtungen, die eingeschlagen werden können, mit ihren Chancen und Grenzen, um nicht über die Steine zwischen Fächern sowie zwischen der Wissenschaft und Lebenswelt zu stolpern.