Reflexionen · Rezension

Spätmoderne oder die Explosion des Besonderen

Daniel Frank, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlstraße 11, 76133 Karlsruhe (daniel.frank@kit.edu)

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TATuP Bd. 27 Nr. 2 (2018), S. 72–73, https://doi.org/10.14512/tatup.27.2.72

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp, 480 S., 28 EUR, ISBN 978-3-518-58706-5

Kein anderes soziologisches Sachbuch dürfte vergangenes Jahr im deutschsprachigen Raum mehr Aufmerksamkeit erfahren haben als Andreas Reckwitz’ „Gesellschaft der Singularitäten“. Darin beschreibt Reckwitz grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die sich seiner Ansicht nach seit den 1970er-Jahren in zunehmendem Maße vollziehen. War die klassische, industrielle Moderne noch primär geprägt von einer Logik des Allgemeinen, die systematisch standardisierte, rationalisierte und generalisierte, um einen gewisse Lebensstandard und die öffentliche Ordnung zu sichern, so vollzieht sich in den letzten fünf Jahrzehnten ein gesellschaftlicher Strukturwandel, der darin besteht, dass die soziale Logik des Besonderen sukzessive an Bedeutung gewinnt und aufgewertet wird – so die Kernthese des Buches.

Diese Transformation ist für Reckwitz so tiefgreifend, dass er darin gar eine Epochenwende erkennt und nun dezidiert von Spätmoderne spricht, in der ein „radikales Regime des Neuen“ (S. 431) herrscht. Konzeptuell versucht er diese Zeitenwende mit dem begriffsgeschichtlich weitgehend unbelasteten Begriff des Singulären zu fassen. Das Singuläre ist bestimmt durch den Anspruch auf Einzigartigkeit. Es erweckt den Anschein des Nichtaustauschbaren und Nichtvergleichbaren und dürfe nicht mit dem „allgemein-Besonderen“ verwechselt werden, das lediglich das Außergewöhnliche innerhalb etablierter Skalen bezeichne. De facto sei das Singularisierte häufig aber auch nur das relativ Neue, das sich eklektizistisch in einem Mashup am Bestehenden bedient und es immer neu rekombiniert. Zentral sei jedoch, dass das Singuläre positiv zu affizieren vermag und somit auch vom rein Idiosynkratischen abzugrenzen ist, das im Gegensatz zum „singulär-Einzigartigen“ keine soziale Anerkennung und Wertschätzung erfährt.

In den sechs aufeinanderfolgenden Kapiteln zeigt der Autor auf, wie diese Grundtendenz zur Singularisierung und die damit einhergehende Explosion des Besonderen ganz unterschiedliche Bereiche des Sozialen erfasst: nämlich die postindustrielle Ökonomie, die Arbeitswelt, die Art der Lebensführung sowie die Sphäre des Politischen. In all diesen Bereichen etablierten sich Aufmerksamkeits- und „Valorisierungsmärkte“, auf denen Singularitätsgüter miteinander um die Gunst eines Publikums oder das Placet von Gutachtern, Kommissionen und Rezensenten konkurrieren. Die Kulturökonomisierung wird für Reckwitz zur „dominante[n] Form des Sozialen in der Spätmoderne: Dinge und Dienstleistungen werden hier ebenso zu Einzigartigkeitsgütern, die um Sichtbarkeit und Wertzuschreibung kämpfen, wie Subjekte auf der Suche nach Arbeitsplätzen, Partnern oder allgemeiner Anerkennung, Städte und Regionen ebenso wie Schulen, Religionsgemeinschaften oder eben auch Terrorgruppen“ (S. 429–430).

Das Schlusskapitel schließlich resümiert, ordnet nochmals das Vorhergegangene und diskutiert die Konsequenzen dieser Tendenz als Summe unterschiedlicher Krisenphänomene, die sich allesamt als Ausformungen einer „Krise des Allgemeinen“ verstehen lassen. Reckwitz wirft hier einen Blick in die Zukunft und schlägt letztlich den ganz großen Bogen, wenn er konstatiert, dass wir zwar gegenwärtig noch berechtigt seien, von der Spätmoderne als Form der Moderne zu sprechen, dass sich jedoch die Anzeichen dafür mehrten, „dass das politische Paradigma des apertistisch-differenziellen Liberalismus, das selbst einmal das erschöpfte sozialdemokratisch-korporatistische Paradigma verdrängt hat und die Spätmoderne bislang prägte, in Reaktion auf die neuen Problemlagen sich mittlerweile einerseits erschöpft hat und dabei ist, einem neuen Paradigma Platz zu machen, das man als regulativen Liberalismus bezeichnen könnte“ (S. 441).

Digitalisierung als Kulturmaschine

Von besonderem Interesse aus Sicht der Technikfolgenabschätzung ist das vierte Kapitel des Buches, in dem sich Reckwitz mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Ausbreitung der Digitalisierung und des Internets als den Schlüsseltechnologien der Spätmoderne auseinandersetzt. So betrachtet er – neben dem Kulturkapitalismus – den Siegeszug der digitalen Medientechnologien als eine der treibenden Kräfte dieser Singularisierung und Kulturalisierung. Sie bilden die Plattform, die Bühne, die eine permanente Performance im Wettstreit um Aufmerksamkeit und Affizierung ermöglichen. In diesem Wettbewerb seien die Nutzer unentwegt bestrebt, sich zu profilieren – insbesondere durch die Inszenierung in sozialen Netzwerken aber auch in allen anderen Formaten der Webpräsenz. Kennzeichnend ist hier das von Reckwitz ausführlich diskutierte und immer wieder in unterschiedlichen Kontexten auftauchende Matthäus-Prinzip: Wer bereits mit Aufmerksamkeit gesegnet ist, generiert in einem selbstverstärkenden Prozess immer mehr davon.

Neben dieser kulturellen Singularisierung findet jedoch auch noch eine maschinelle Singularisierung statt, die sozusagen subkutan im Hintergrund von ersterer verläuft. Angesprochen sind hier Big-Data-Technologien und Tracking-Verfahren, mit denen zumeist aus ökonomischem Interesse Profile Dritter angelegt werden, um das Verhalten des digitalen Subjekts als Besonderes vorhersagen zu können.

Und auch die Tendenzen der Personalisierung des Internets selbst fasst Reckwitz als Weisen der Singularisierung auf. So führen maßgeschneiderte Newsfeeds als technische Antwort auf den digitalen Informationsüberfluss ebenso zum vieldiskutierten Filter-Bubble-Effekt wie personalisierte Suchanfragen; und mithin dazu, dass jeder Nutzer seinen singulären Weltausschnitt erlebt.

Der Wissenschaftsbetrieb als postindustrielle Avantgarde?

Wenn Reckwitz das Profil als „Leitformat der Singularisierung in der Spätmoderne“ (S. 254) ausweist, so trifft dies auch auf die Arbeitswelt zu, wo heute vom Arbeitssubjekt nicht nur Flexibilität gefordert wird, sondern paradoxerweise zugleich erwartet wird, dass es sich profiliert und unverwechselbar für dieses oder jenes steht. Und wenn der Autor in seiner Analyse darauf verweist, dass in der spätmodernen Arbeitswelt weniger Leistung und Pflichterfüllung zählen als vielmehr überdurchschnittliche Performanz, die sich von bloßer Leistung dadurch unterscheidet, dass sie sich weniger durch sachlich-objektive Kriterien bestimmen lässt, als vielmehr durch die positive Valorisierung durch ein Publikum; wenn er auf das Auflösen kontinuierlicher Arbeitsstrukturen zugunsten mehr oder weniger beliebiger Projekte hinweist, die einerseits kollaboratives Arbeiten erfordern und fördern, andererseits jedoch auch Konkurrenz und einen mitunter gnadenlosen Profilierungswettbewerb befeuern, so mögen diese Beobachtungen generelle Tendenzen der spätmodernen Arbeitswelt wiedergeben, die weitgehend aus Kreativ- und Wissensarbeitern besteht, die ebenjenes charakterisieren, was Reckwitz als neue Mittelklasse bezeichnet. Diese, im sozialen Aufstieg begriffene soziale Schicht pflegt einen geradezu kuratierten Lebensstil, ist stets auf der Suche nach Originalität und Authentizität. Diese neue Mittelklasse betreibt den Job, der einst den Beruf verdrängte, nicht mehr nur zum Broterwerb, sondern insbesondere um dem eigenen und dem von außen herangetragenen Selbstverwirklichungsanspruch zu genügen, was sich als systematischer Enttäuschungsgenerator herausstellt, während die alte, industrielle und verwaltende Mittelklasse weniger kosmopolitisch und eher provinziell in ihren Reihenhäusern schmachtet und den sozialen Abstieg fürchtet.

Es darf jedoch vermutet werden, dass Reckwitz, der selbst zahlreiche Stationen des Wissenschaftsbetriebs durchlaufen hat, durchaus auch diese Erfahrungen in seine Studie hat mit einfließen lassen. Denn die Mechanismen, die seine Sektion der postindustriellen Arbeitswelt zu Tage fördert, lesen sich, als könne hier das System wissenschaftlicher Forschung als Brennglas dienen. Was auch dort einst als anrüchige Hinterzimmerpolitik verfemt wurde, hat sein Stigma verloren und wird als unverzichtbare Kompetenz des Networkings nobilitiert. Und keinem Wissenschaftler, der sich schon einmal auf die Jagd nach Drittmitteln begeben hat, sind die Fallstricke vergeblich geschriebener Anträge der Winner-takes-it-all-Wettbewerbe fremd. Auch das Matthäus-Prinzip der sich etablierenden Aufmerksamkeitsmärkte ist im Wettbewerb um Forschungsgelder omnipräsent. So besteht die starke, systemimmanente Tendenz, gerade jene auszuzeichnen und mit Fördermitteln zu versorgen, die genügend Meriten, sprich positiv begutachtete Veröffentlichungen, vorweisen können und die es bereits vermochten, in der Außendarstellung die nötige Popularität zu generieren.

Bei alledem ist Reckwitz’ Buch reich an Quellen, die größtenteils in die Fußnoten verlegt sind und nur sparsam im Fließtext auftauchen, was dem Text Kohärenz verleiht. Im Ton kommt der Autor eher nüchtern und sachlich diagnostizierend daher und ist bemüht, sich einer wertenden Stellungnahme zu enthalten. Und dennoch lässt sich zwischen den Zeilen ein gewisses Unbehagen herauslesen, das auch den Leser angesichts der geschilderten Entwicklungen beschleicht. Zuweilen überkommt einen zwar der Verdacht, dass Reckwitz seinem eigenen Milieu zu viel Bedeutung beimisst und dass er manchmal zu sehr überspitzt und ins Klischee abdriftet. Doch vieles von dem, was er anspricht, dürfte dem Leser aus der neuen Mittelklasse, der zweifelsohne die Hauptleserschaft stellen wird, bekannt vorkommen. Die große Stärke des Buches besteht genau darin, das Augenscheinliche zwar zu benennen, es aber nicht einfach anekdotisch aneinanderzureihen, sondern es theoretisch zu fassen.

Zweifelsohne stellt die Lektüre dieses Buches nicht nur, aber auch für die Technikfolgenabschätzung einen Gewinn dar, da Reckwitz erhellende Einsichten in Zusammenhänge von ökonomischen, technischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen bietet und es ihm gelingt, Alltägliches verständlich zu machen und in Verbindung zueinander zu setzen. Hierfür greift der Soziologe zwar (auch) auf zahlreiche soziologische Arbeiten zurück, präsentiert selbst aber keine empirische Studie im Sinne quantitativer oder qualitativer Sozialforschung. Was Reckwitz nicht liefert sind Zahlen oder Interviews. Was dieses Buch jedoch so überaus wertvoll macht, ist der genaue Blick, mit dem Reckwitz die Spätmoderne seziert und das begriffliche Instrumentarium, mit dem er gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen, beschreibt. Reckwitz’ Wissenschaftlichkeit ist eher eine idiographische, denn eine nomothetische, eher eine hermeneutische, denn eine vermessende.