Reflexionen · Rezension

Die „Experimentelle Gesellschaft“ im Fokus

Marius Albiez, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW), Eberhard Karls Universität Tübingen, Wilhelmstraße 19, 72074 Tübingen (marius.albiez@izew.uni-tuebingen.de)

This is an article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution License CCBY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

TATuP Bd. 27 Nr. 2 (2018), S. 76–77, https://doi.org/10.14512/tatup.27.2.76

Böschen, Stefan; Groß, Matthias; Krohn, Wolfgang (Hg.) (2017): Experimentelle Gesellschaft. Das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv. Baden-Baden: Nomos (In Gemeinschaft mit edition sigma), 363 S., 29,00 EUR, ISBN 9783848742820

Der erste Teil des Buches rückt grundlegende Überlegungen zur Konzeption des Experimentbegriffs in den Vordergrund und arbeitet damit einhergehende Herausforderungen aus Sicht unterschiedlicher Fachdisziplinen heraus. Die sowohl in der „klassisch-modernen“ Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit lange Zeit vorherrschende Vorstellung, Experimente zeichneten sich durch stabile Randbedingungen aus und seien dadurch reproduzierbar, wird beispielsweise im Kapitel von Schmidt kritisch hinterfragt: „Kontrolle ist schwerlich möglich, wo allzu viel Instabilität herrscht“ (S. 42). Der Autor knüpft dabei nicht nur an bekannte Herausforderungen aus der Klimaforschung oder Nanotechnologie an, sondern entwickelt zugleich Kriterien für ein offenes „nachmodernes“ Experimentverständnis, welches bereits heute in der Informatik oder der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung anzutreffen ist. Diese wissenschafts-historische Analyse ist insofern überzeugend, als auch auf die normative Dimension eines „klassisch-modernen“ Experimentbegriffs hingewiesen wird.

Neue Orte des Experimentierens

Im zweiten Teil widmen sich die Autor*innen möglichen Experimentierfeldern wie Klimaschutz, Energiewende, Politik, Sport oder Kunst. Die in der Einführung bereits dargestellten Bezüge zu Foucault werden im Kapitel von Lösch und Schneider nachvollziehbar aufgegriffen, indem die Autoren sich in ihrer Analyse zu Smart-Grid-Experimenten an den von Foucault formulierten Dimensionen „Extension“, „Intension“ und „strategische Funktion“ orientieren. Anschließend bedient sich Lingner der Methode des Gedankenexperiments, um herauszuarbeiten, dass im Kontext von Climate Engineering unterschiedliche Ansätze und somit denkbare Experimente auch zu unterschiedlichen Bedarfen, Konsequenzen und Akzeptanzfragen in der Gesellschaft führen, die im Rahmen zukünftiger Entwicklungen bereits im Vorfeld in den Blick genommen werden müssen. Lingner zeigt dabei den Menschen nicht nur als signifikanten Klimafaktor von morgen, sondern als einen Akteur, der schon seit der agrikulturellen Revolution aktiv in das Klimageschehen eingreift – ganz im Sinne der unterschiedlichen „Spielarten des Experimentierens“.

Der Beitrag von Ahrweiler versteht das Spannungsverhältnis zwischen der Planung von Politikmaßnahmen und den damit einhergehenden nur schwer prognostizierbaren Folgen als weiteres Experimentierfeld. Die Autorin geht der Frage nach, inwieweit komplexe gesellschaftliche Systeme, wie sie charakteristisch für Realexperimente sind, mittels Computersimulationen abgebildet und handhabbar gemacht werden können. Der umfangreich ausgearbeitete Beitrag bietet darüber hinaus eine verständliche Einführung in die agentenbasierte Modellierung und illustriert, wie Informatik, Soziologie und qualitative Sozialforschung zusammengedacht werden können.

Darüber hinaus diskutiert der Beitrag von Alkemeyer die Öffnung kontrollierter Funktionsräume des Sports als mögliche Labortypen: Raus aus dem Hochleistungssport, in dem die Leistungsfähigkeit des Körpers vermessen und neu ausgelotet wird, hinein in die Stadt als Experimentierfeld, wobei nun auch Aspekten wie „Ästhetik und Stil“ eine wichtige Bedeutung zukommt.

Im letzten Teil werden urbane Räume als „Laboratorien der Moderne“ sowie die Rolle von Planungsprozessen in den Blick genommen. Nach Etzemüller fließen in städtischen Laboren „‚Wissenschaft‘ und ‚Soziales‘ prozesshaft ineinander“ (S. 269). In diesem Sinne stellt der Autor die Frage, ob Entwurf, Konstruktion und das urbane Zusammenleben Brasilias als Experiment bezeichnet werden können. Karow-Kluge greift in ihrem Beitrag den Spagat zwischen „Planung und Eigensinn“ im städtischen Kontext auf. Dabei skizziert sie nicht nur den Wandel des Planungsverständnisses und geht auf Herausforderungen wie den Umgang mit Unsicherheiten ein, sondern knüpft auch an die einführenden Gedanken des Buches zu Akteuren und Betroffenen an: „In der Stadt von morgen regeln und planen die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung nicht mehr, was Architekten dann entwerfen und umsetzen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, Möglichkeiten und Potenziale zu identifizieren.“ (S. 304) Die Wissensgesellschaft initiiert also selbst Experimente und ist Teil des eigenen Forschungsprozesses. Dies gilt sowohl für urbane Reallabore, in denen beispielsweise Maßnahmen zum Klimaschutz erprobt werden (Reusswig und Lass), als auch über Stadtgrenzen hinaus (Selke).

Fazit

Aufgrund der im Sammelband behandelten Akteure und der damit einhergehenden Fragestellungen zu Machtverhältnissen ist das Werk insbesondere für Vertreter*innen der partizipativen und diskursiven Technikfolgenabschätzung (TA) interessant. Des Weiteren wird auf aktuelle (teils in der Gesellschaft kontrovers diskutierte) soziotechnische Entwicklungen eingegangen, wie Smart Grid, Climate Engineering oder die Vermessung des menschlichen Körpers zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Nicht zuletzt bietet das Buch einen breiten Überblick über die unterschiedlichen Verständnisse des Experimentbegriffs. Darüber hinaus richtet sich das Werk auch an Entscheider*innen aus der Wissensgesellschaft, da derzeit Begrifflichkeiten wie „Experiment“ oder „Labor“ in vielfältiger Weise adaptiert werden und der Umgang mit Risiken sowie mit Nichtwissen nicht nur im Zuge von Infrastrukturprojekten öffentlich diskutiert wird.

Der Rezensent regt an, vor diesem Hintergrund auch das Experimentierfeld „Öffentliche Verwaltung“ zu betrachten, wo rechtliche Normen auf dynamische Transformationsprozesse der Wissensgesellschaft treffen, z. B. bei der Digitalisierung. Ein zusammenfassendes Schlusskapitel der Herausgeber wäre wünschenswert gewesen. Davon abgesehen bieten die einzelnen Beiträge auf gelungene Weise Raum für die vielfältigen Sichtweisen der Autor*innen, ohne die Rolle des Experiments in der Wissensgesellschaft aus dem Blick zu verlieren.