Schwerpunktthema: Technikakzeptanz als Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Diskussion
Die Technikfeindlichkeitsdebatte - Zum politischen Missbrauch von Umfrageergebnissen
Die Technikfeindlichkeitsdebatte – Zum politischen Missbrauch von Umfrageergebnissen
von Ernst Kistler, INIFES
Debatten über Einstellungen zur Technik sind keine neue Erscheinung. Sie lassen sich in der Geschichte weit zurückverfolgen. Neuer ist der Versuch einer Belegführung mit Ergebnissen aus der Umfrageforschung, wie er in den 1980er Jahren in Deutschland zu der auch in den Medien vehement geführten „Technikfeindlichkeitsdebatte“ geführt hat. Dabei wurden selektiv Einzelergebnisse aus der Umfrageforschung herausgegriffen und im politischen Meinungskampf völlig überinterpretiert. Es gab und gibt demgegenüber keine verbreitete Technikfeindschaft in der Bevölkerung – und das schon gar nicht speziell in der deutschen Jugend, wie damals behauptet wurde. Auch kann und darf von einer Ablehnung einzelner Technologien nicht auf eine Technikfeindschaft im Allgemeinen geschlossen werden.
Inzwischen ist es um das Thema ruhiger geworden. Unterschwellig schwebt der Mythos aber in den allfälligen Standortdebatten weiter und wird dabei auch weiter politisch missbraucht. Es ist gerade für Wirtschaftskreise ein bequemes Argument, der Bevölkerung selbst – bzw. der Breite der Arbeitnehmerschaft – so die Schuld an der anhaltenden Strukturkrise oder am ausbleibenden Aufschwung in die Schuhe zu schieben. [1] Als gewisser Schutz gegen solche Mythenbildungen kann der sekundäranalytische, methodenkritische Vergleich von Umfragen und ein kontinuierliches Monitoring angesehen werden. Zumindest manche Meinungsforscher werden dadurch vorsichtiger und manche Politiker und Journalisten übernehmen nicht mehr jeden Unsinn.
1 Historische Wurzeln
Wird die Geschichte großer technologischer Neuerungen der letzten eineinhalb Jahrhunderte zurückverfolgt, so ist festzustellen, dass jede dieser Innovationen mit einem mehr oder weniger heftigen gesellschaftlichen/politischen Streit um Sinn und Folgen verbunden war. [2] Von den Aufständen der Weber bis hin zu den Kontroversen über die Kernenergienutzung und die verschiedenen Anwendungsfelder der Gentechnologie – immer gab es den Disput über Akzeptabilität und Akzeptanz. Immer gab es „politische“ Etikettierungen der Gegner als „Fortschrittsverhinderer“, als „Technikfeinde“. Auch, dass solche Kontroversen – die Trennlinie zwischen den Hoffnungen in die technischen Neuerungen und den Befürchtungen hinsichtlich deren Auswirkungen – entlang durchaus realistischer Einschätzungen in der Bevölkerung über Verteilung von Nutzenaneignung und Risikolasten verlaufen, ist keine neue Erscheinung. Gleiches gilt für das Bestreben, die Öffentlichkeit und insbesondere die Betroffenen von der Sinnhaftigkeit, der Notwendigkeit, ja der Unvermeidlichkeit der Neuerungen zu überzeugen. Die Palette diesbezüglicher Anstrengungen ist breit. Sie reicht von der Vermittlung (natur)wissenschaftlicher Erkenntnisse (etwa durch Museen), über ein plattes Marketing bis hin zum Zwang, indem technologisch „überholte“ Produkte gezielt nicht mehr angeboten oder reparaturfeindlich gestaltet werden.
In der Literatur wird über ein 1831 in den USA erschienenes Büchlein berichtet, mit dem Arbeiter überzeugt werden sollten, wie unsinnig Maschinenstürmerei sei: „Dem amerikanischen Autor zufolge verursachen die Maschinen keine Arbeitslosigkeit, sondern zwingen die durch sie überflüssig gewordenen Arbeiter eine andere Beschäftigung zu suchen … Ebenso wenig habe die Einführung der Maschinen in die industrielle Produktion dazu geführt, dass die Arbeiter ärmer geworden seien: sie fühlen ihre Armut nur dadurch mehr, dass andere reicher geworden sind“ (van der Pot 1985, S. 472). Welch frappierende Ähnlichkeit der Argumentation zu neueren Debatten über die Folgen von Technischen Neuerungen, aber auch von Globalisierung und „entfesselten Marktkräften“! Auch in der neueren deutschen Debatte über die Arbeitsmarktfolgen von Innovationen wird ja nicht mehr nur blind ein positiver Beschäftigungseffekt behauptet. Vielmehr ist heute von einer Ergebnisoffenheit die Rede (vgl. Dostal, Hilpert, Kistler 1999, S. 23 ff.), die eine kritisch-positive Einstellung zur Technik als Grundlage eines aktiven Gestaltungswillens erfordere.
2 Die Technikfeindlichkeitsdebatte in den Achtziger Jahren in Deutschland
Die historisch weit zurückreichenden Debatten um die Technikakzeptanz gewannen zu Beginn der 1980er Jahre eine neue Dimension. Dies war insbesondere in Deutschland der Fall. Mehrere Diskussionsstränge und Teilthemen fanden zusammen, von denen zumindest vier als besonders relevant für die Herausbildung einer speziellen deutschen „Technikfeindlichkeitsdebatte“ einzuschätzen sind:
- ein als gegeben oder zumindest absehbar eingeschätzter „Mangel an Ingenieuren“ – hervorgerufen durch eine angebliche Abwendung von Mathematik und Naturwissenschaften in Schulen und Universitäten,
- damit verbunden eine Fixierung der Debatte auf die Jugend (auch im Kontext der damals vor allem von Jüngeren getragenen ökologischen Bewegung bzw. genereller eines „Wertewandels“),
- der massive Streit um die Nutzung der Kernkraft zur Stromerzeugung,
- eine sich gegenseitig hochschaukelnde Befassung mit dem Thema in der Meinungsforschung und den Massenmedien, die (partei-)politisch und von den Wirtschaftsverbänden instrumentalisiert wurde.
Derartige einzelne Themen und Entwicklungen hat es sicherlich in anderen Ländern auch gegeben: In den USA gab es z. B. in dieser Zeit eine wahre mediale Flut an Meinungsforschungsbefunden zur Einschätzung des technischen Fortschritts durch die Bevölkerung. In den amtlichen Berichten „Science Indicators“ war der Meinungsforschung zu diesem Thema aber ein eigenständiger Platz eingeräumt worden. Durch dieses Monitoring wurden gewisse Standards für die Demoskopie gesetzt und der schlimmste Unsinn an „quick-and-dirty-Demoskopie“ bzw. medialer Verbreitung von Umfragen etwas eingedämmt. In Italien beispielsweise tobte damals ein massiver politischer Streit um die zivile Nutzung der Kernenergie; er mündete aber nie in eine behauptete allgemeine Technikfeindlichkeit der Italiener. Dortige Umfragen zu diesem Thema waren außerdem meist auch für die Öffentlichkeit erkennbar von den Energieversorgern finanziert und hatten keine entsprechende mediale Breitenwirkung. Zwar gab es nachweisbar (vgl. Jaufmann, Kistler, Jänsch 1989) in allen Industrieländern – vor allem auch in Japan – Diskussionen (und Meinungsumfragen), auf deren Basis behauptet wurde, die je eigene Bevölkerung sei dem technischen Fortschritt abhold und dadurch sei die eigene internationale Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Die Inbrunst, mit der diese Klagen aber in Deutschland vorgetragen wurden, lässt sich bei den Technikfeindlichkeitsdebatten in anderen Ländern gleichwohl nicht antreffen.
Woran dies liegt, darüber kann spekuliert werden. War die in Deutschland besonders früh und stark ausgeprägte und das eingefahrene Parteisystem durchrüttelnde „grüne Bewegung“ ursächlich? War es der plötzlich die große konservative Partei CDU/CSU heimsuchende „Neo-Schumpeterianismus“ nach dem kurzen Traum eines immerwährenden Wirtschaftswachstums? Oder war es nur eine geschickt inszenierte Kampagne mit einigem Erfolg? Wahrscheinlich bergen all diese Erklärungen ein Körnchen Wahrheit. Die Spuren einer gezielten Kampagne im Sinne des vierten oben genannten Grundes lassen sich jedoch eindeutig nachweisen. Als Kronzeuge kann Altbundeskanzler Kohl dienen, der 1984 erklärte: „Die Besetzung des Themas (Ziele und Maßstäbe wissenschaftlich-technischer Entwicklung; Anm. d. Verf.) und die Formulierung der Antwort Ideologen zu überlassen, die heute Flucht oder gar Ausstieg fordern, wäre für die Politik, aber nicht nur für den Politiker, sondern für jeden bewusst lebenden Staatsbürger, verantwortungslos. Und es wäre ganz gewiss für die Wissenschaft katastrophal. Dadurch geriete zuerst die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft in Gefahr, dann der soziale Frieden und endlich auch die außenpolitische Handlungsfähigkeit, und damit auch die Chance, einen Beitrag zum Frieden zu leisten“ (Kohl 1984, S. 730).
In diesem Sinne wurde in den 1980er und auch zum Teil noch in den 1990er Jahren der Vorwurf der „Technikfeindlichkeit“ zum politischen Kampfbegriff. Ganz im Sinne von Iring Fetschers und Horst-Eberhard Richters Erkenntnis, dass Worte Politik machen [3] , wurde den politischen Gegnern „Fortschrittsfeindlichkeit“ attestiert und dann gleich in einem Aufwasch der Bevölkerung, vor allem der Jugend, eine Verweigerungshaltung angedichtet. Eine verbreitete „Technikfeindlichkeit“ wurde dabei als eine besonders problematische Spielart und antiautoritäre Ausprägung eines allgemeinen Wertewandels identifiziert (vgl. z. B. Noelle-Neumann, Maier-Leibnitz 1987).
Eine wichtige Rolle spielten in der damaligen Debatte um die Technikakzeptanz die Kontroversen um die zivile Nutzung der Atomkraft. Hatte deren Befürwortung – mit einem kurzen „Durchhänger“ unmittelbar nach dem Reaktorunfall in Harrisburg 1979 – noch bis zu Beginn der 1980er Jahre zugenommen, so kippte sie danach deutlich weg. Bereits vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) nahm die Zustimmung zu einer langfristigen Nutzung von Kernkraftwerken bzw. gar zum Bau neuer AKWs ab. Tschernobyl hat diesen Trend nochmals deutlich verstärkt. Auch danach hat sich der Anteil der Befürworter nicht mehr nachhaltig erhöht. [4] Diese Beschreibung des „Meinungsklimas“ gegenüber der Kernenergienutzung beruht auf einer vergleichenden Gegenüberstellung von Zeitreihen verschiedener Fragen mehrerer Meinungsforschungsinstitute (vgl. Jaufmann, Kistler, Jänsch 1989, S. 299). Ein solches sich Stützen auf mehrere Zeitreihen sowie ein sekundäranalytischer Vergleich von Ergebnissen verschiedener Fragen und Trends von verschiedenen Umfrageinstituten sind ein unbedingtes Muss im Umgang mit Umfragedaten.
Damit ist nicht gemeint, dass Meinungsforschungsergebnisse oft falsch oder unzuverlässig wären. Diese Warnung beruht vielmehr auf der Erfahrung, dass selbst kleine Variationen in der Frageformulierung oder in der Reihung der Fragen in Interviews einen massiven Einfluss auf die Ergebnisse haben können. Nicht zuletzt hat die Nichtbeachtung eines kleinen Unterschiedes bei der unentschiedenen, mittleren Antwortkategorie („teils-teils“ versus „weder-noch“) der Frage „Glauben Sie, dass die Technik alles in allem eher ein Segen oder eher ein Fluch für die Menschheit ist?“ deutliche Ergebnisunterschiede verursacht. Gerade dadurch wurden Trends dramatisiert und überinterpretiert. Diese Übertreibungen haben dann zu einem politisch-publizistischen Missbrauch geführt und die – unsinnige – Technikfeindlichkeitsdebatte mit angefacht (vgl. dies., S. 50 ff.). Fragen wie die damals sehr populäre „Segen/Fluch-Frage“, also so genannte Bilanzurteile oder Globalindikatoren, sind dabei zur Messung von Grundstimmungen und damit eines „Meinungsklimas“ durchaus sinnvoll. Sie charakterisieren aber nur allgemeine Stimmungen. Typen von Trägern fixer Einstellungen oder gar Verhaltensmuster – wie der „Technikfeind“ – lassen sich damit jedoch nicht identifizieren.
So zielen alle in der Abbildung 1 wiedergegebenen Fragen zur Messung einer generellen Einstellung zur Technik eigentlich auf das Gleiche ab. Sie wollen eine Art Bilanzierung der technischen Entwicklung durch die Befragten ermitteln. Wie die Abbildung zeigt, ergeben sich je nach Frageformulierung sogar im gleichen Jahr erhebliche Unterschiede in den Prozentanteilen derer, die „der Technik“ positiv gegenüberstehen oder z. B. sagen, dass „die Technik“ das Leben einfacher mache usw. [5] Daraus eine Aussage „x-Prozent sind Befürworter der Technik“ ableiten zu wollen, wäre auch ziemlich unsinnig. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass gerade dies der Typ von Aussagen ist, den heutzutage Medien und Politik haben wollen: möglichst kurz und einfach – und sei die Aussage auch noch so „schwachsinnig“!
Abb. 1: Synoptische Zusammenstellung von Zeitreihen zur allgemein bilanzierenden Technikakzep-tanz - hier: Positive Einstellungsurteile (Angaben in Prozent)
Viel interessanter ist demgegenüber, dass die verschiedenen Zeitreihen bei allen Unterschieden im Niveau recht einheitlich bestimmte Zyklen im „Meinungsklima“ nachzeichnen. Nach einem kurzen Rückgang in den Anteilen der Befragten mit positivem Bilanzurteil zu Beginn der 1980er Jahre ist von einem durch verschiedenste Fragen belegten Anstieg in den Befragtenanteilen mit positiven Aussagen bis ca. 1990 zu sprechen. Danach bricht das Meinungsklima bis ca. 1996 wieder etwas ein. Für den Rest des Beobachtungszeitraums weisen die – wenigen – vorliegenden Ergebnisse dann auf einen erneuten Anstieg hin.
Bei fast allen hier angeführten Zeitreihen ist in fast allen Befragungsjahren der Anteil derjenigen, die ein positives Urteil über die Technik auf dieser Ebene abgeben, deutlich größer als derjenige der Befragten mit negativer Bewertung. [6] Schon dies spricht – auch bezogen auf die 1980er Jahre – gegen die Diagnose einer verbreiteten Technikfeindlichkeit. Bei einer Differenzierung nach Bereichen (wie Technik in der Arbeitswelt, im Haushalt, Großtechnologien usw.) wird klar, dass, abgesehen von Großtechnologien (speziell der Kernkraft) und bestimmten Anwendungen der Reproduktionsmedizin bzw. Gentechnologie, über die meisten Technikanwendungen ein recht positives Urteil in der Bevölkerung dominiert. Noch eindeutiger fällt die Ablehnung des Vorwurfs einer verbreiteten Technikfeindlichkeit aus, wenn man betrachtet, wie gering der Anteil der Befragten ist, die verschiedene einschlägige Fragen gleichzeitig konsequent negativ beantworten. [7] Der wirkliche „Technikfeind“ war und ist ein sehr seltener Zeitgenosse. Die große Aufregung war eher ein Sturm im Wasserglas. Dennoch konnten die Ergebnisse der Meinungsforschung wichtige Details und Akzeptanzdefizite in Einzelbereichen (frühzeitig) aufzeigen. Das bezieht sich auf die Kernenergienutzung generell, aber auch auf andere Bereiche – etwa die Reproduktionsmedizin oder die grüne Gentechnologie oder die trotz des publizistisch breit propagierten Gegenteils mehrheitlich nicht akzeptierte These von den positiven Arbeitsmarkteffekten technischer Neuerungen in der Arbeitswelt.
3 Die aktuelle Entwicklung
Inzwischen ist es um das Thema Technikakzeptanz (vorübergehend?) ruhiger geworden. Insbesondere die Meinungsforschungsinstitute stellen entsprechende Fragen seltener und sind auch vorsichtiger bei der Interpretation von deren Ergebnissen geworden. Auch in der politischen Debatte und in den Medien ist die Technikakzeptanzdebatte zumindest während der letzten Jahre beinahe verstummt.
Damit ist das Thema aber noch nicht tot. Wie z. B. eine Abkehr vom politischen Beschluss eines langsamen „Ausstiegs“ aus der Kernenergie sich diesbezüglich auswirken würde, verbleibt eine offene Frage. Unterschwellig wirkt der Mythos von der Technikfeindlichkeit auf jeden Fall weiter. So ist es kein Zufall, wenn Gerhard Schröder und Edmund Stoiber 2004 nach ihrer Rückkehr von Auslandsreisen in die Türkei und nach Indien von den vielen technikaufgeschlossenen jungen Menschen in ihren Gastländern schwärmten. Der damit verbundene Mythos über eine diesbezügliche deutsche Standortschwäche (im Sinne einer Schuldzuweisung an die Bevölkerung für unterbliebene Innovationen) ist jedoch Unsinn. Repräsentative Unternehmensbefragungen wie das IAB-Betriebspanel zeigen, dass die Ursachen für geplante, aber dann doch unterlassene Innovationen weniger in fehlender Akzeptanz bei den Beschäftigten (oder auch bei den Kunden) liegt als vielmehr im Kostenbereich bzw. in Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Fremdkapital.
Unbenommen all dessen ist gegenwärtig eine sich wieder verstärkende Debatte um die Technikakzeptanz in Verbindung mit dem demographischen Wandel zu beobachten. Nicht mehr der Jugend wird eine spezifische geringe Technikakzeptanz vorgeworfen, sondern den Älteren. Sie dürfte nicht weniger alarmistisch, vorurteilsbeladen und empirisch windschief werden, als die Debatte um die Technikakzeptanz der Jugend vor 20 Jahren. Es geht dabei offensichtlich weniger um harte Auseinandersetzungen über Großtechnologien als um die zunehmende Abhängigkeit wirtschaftlichen Wachstums von – tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen – Innovationen. Ob die zahlreicher werdenden Älteren jede „Mode“ so bereit mitmachen wie viele Jüngere, ist eine der zentralen Fragen. Die Argumentation betrifft die Älteren natürlich auch in ihrer Rolle als Produzenten, aber vor allem in der als Konsumenten. „Die technische Akzeptanz und die Innovationstätigkeit können folglich in einer älter werdenden Gesellschaft sinken“ (Grömling 2004, S. 78 f.), sorgt sich das Institut der deutschen Wirtschaft (Köln). Anstelle der früheren, eher politischen Akzeptanzanalysen beschäftigen sich die Markt- und Meinungsforschungsinstitute heute viel mehr mit der Frage, wie man den „Silbernen Markt“ der ergrauenden Bevölkerungsmehrheit erschließen kann. Auch gegenüber manchen hierzu kursierenden optimistischen Vorstellungen ist schon heute Skepsis geboten. So zitieren Verfechter der These vom schier unerschöpflichen Konsumpotenzial der Älteren gerne ein Ergebnis der Gesellschaft für Konsumforschung, die heutigen „Jungen Alten“ würden im Gegensatz zu ihrer Elterngeneration eine hohe Konsumneigung aufweisen. „Danach stimmt etwa die Hälfte der Verbraucher über 50 der Aussage zu: Ich mache mir lieber ein schönes Leben statt immer nur zu sparen“ (Crescenti 2005, S. 15). Sogar für den bisher eindeutig jugenddominierten Markt für technische Kommunikationsprodukte sei „damit zu rechnen, dass sich diese Lücke mit dem Älterwerden der PC- und Internet-Generation bald schließt“ (ebd.). Solche Erwartungen eines Kohorteneffekts ignorieren zumindest die ungleicher werdende Einkommens- und Vermögensverteilung und die sinkenden Neurenten in Deutschland.
Zu denken geben sollte der in Abbildung 2 wiedergegebene Befund aus Meinungsumfragen zwischen 1988 und 2002. Viermal, davon zweimal im Jahr 1988, wurde in repräsentativen Umfragen die Zustimmung zu der Aussage abgefragt: „Ich habe im Umgang mit Geräten wie Fahrkarten- oder Bankautomaten schon manchmal Probleme“. Die Ergebnisse, die wegen des „Eingeständnischarakters“ der Aussage wohl eher eine Untergrenze des tatsächlichen Ausmaßes darstellen, zeigen, dass sich an der Verbreitung des Problems und an seiner Altersspezifität im Zeitraum von eineinhalb Jahrzehnten wenig verändert hat. Es könnte sein, dass andere Dinge dann doch entscheidender sind als die Akzeptanzprobleme, die sich im Generationenwechsel eben nicht „auswachsen“. Die „Digital-Analphabeten“ sterben nicht so einfach aus. Vielleicht liegt der empirische Befund in Abbildung 2 auch daran, dass Technikentwicklung oft zu wenig auf die Menschen Rücksicht nimmt. Die Mensch/Maschine-„Schnittstelle“ hat eben immer mehrere Dimensionen, von denen die Bedienungsfreundlichkeit ein zentraler Aspekt ist. Dass aber andere Aspekte wie das Bedürfnis nach (zwischen-)menschlicher Kommunikation vielleicht genau so wichtig sind, wird allzu oft vergessen (Stichwort „Pflegeroboter“).
Quelle: INIFES, eigene Berechnung und Darstellung nach Umfragen der genannten Institute
Abb. 2: Verbreitung von Problemen mit technischen Geräten (Angaben in Prozent)
4 Fazit
Es gab und gibt keine spezifische Technikfeindlichkeit der Deutschen. Aus der verbreiteten Ablehnung bestimmter einzelner Technikanwendungen darf nicht auf eine negative Einstellung zur Technik generell geschlossen werden – auch wenn dies z. B. für die Anbieter von Kernkraftwerken oder bestimmter Anwendungen „der“ Gentechnologie ein bequemes Argument ist, um die Gegner zu desavouieren. Die Akzeptanzdebatten wurden und werden in Deutschland mit dem impliziten Unterton und der ausdrücklichen Absicht einer Schuldzuweisung geführt: So wird von „Innovationsverhinderern“ gesprochen, wenn gegen Genmais protestiert wird oder Mitarbeiter in einem Unternehmen gegen die Wegrationalisierung ihrer Arbeitsplätze durch den „Kollegen Roboter“ angehen sowie Kunden sich partout weigern, die immer neueste Fernsehergeneration zu kaufen. Sinnvoller als solche auf pure Akzeptanz (im Sinne von Mitmach- und Hinnahmebereitschaft) zielenden Überlegungen wäre es wohl, sich einmal zu fragen, warum z. B. jemand einen Flachbildfernseher von Leinwandgröße kaufen soll, solange die Programminhalte zwar mehr, aber nicht besser werden. Dies könnte auch zu der zentralen Grundfrage führen, ob nicht zuallererst der Begriff „Innovation“ hinterfragt werden müsste. Es könnte sein, dass sich dabei herausstellt, dass dieser Begriff eigentlich inhaltsleer ist; damit wäre eine „Innovation“ als solche zunächst weder gut noch schlecht.
Eine wichtige Lehre aus der Technikfeindlichkeitsdebatte [8] in Deutschland ist jedenfalls, dass die Produzenten und Verbreiter von Umfrageergebnissen – egal zu welchem Thema – eine (Selbst-)Verpflichtung eingehen sollten, die Erhebungsdetails (Fragebögen, Stichprobeninformationen) zugänglich zu machen. Hier hat sich in letzter Zeit zwar einiges gebessert – auch durch entsprechende Verhaltensregeln der Berufsverbände. Dennoch bleibt noch viel zu tun. Sekundäranalytische Ergebnisvergleiche und ein laufendes Monitoring sind zumindest ein gewisser Schutz vor demoskopischen Schnellschüssen und Fehlschlüssen.
Anmerkungen
[1] Ähnliches gilt für Themen wie einen angeblichen Verfall der Arbeitsmoral, die Krankenstandsdebatte etc.
[2] Genau genommen finden sich entsprechende Spuren bis zurück in die Antike; vgl. detailreich die zwei Bände von van der Pot 1985.
[3] I. Fetscher und H.-E. Richter leiteten (1976) dies vor allem aus der Analyse der Wahlkampagnen der Union (Stichwort: „Freiheit oder Sozialismus“) ab. Das Grundmuster lässt sich vereinfacht wie folgt umschreiben: Positive Begriffe für sich selbst besetzen und in einen behaupteten Gegensatz zu Begriffen setzen, die mit dem politischen Gegner verbunden werden. Die Verwendung des Begriffs „Reform“ für eigentlich rückwärtsgewandte Konzepte hat in den letzten Jahren gezeigt, dass Fetscher/Richter von vielen Politikern perzipiert wurde.
[4] In den letzten zehn Jahren wurden Fragen zur Kernenergienutzung in demoskopischen Erhebungen deutlich seltener gestellt. Aus Fragen zur Förderung einzelner Technologien lässt sich der oben getroffene Befund aber deutlich ablesen.
[5] Durch die vergleichende Gegenüberstellung vieler solcher Einzelergebnisse lassen sich gerade „Ausreißer“-Befragungen bzw. Befunde erst ermitteln.
[6] Das gilt im Übrigen beinahe durchgängig noch etwas deutlicher für die jüngeren Befragtengruppen.
[7] Die Zahlen bewegen sich immer im Bereich weniger Prozentpunkte.
[8] Ähnliche Unzulänglichkeiten der Meinungsforschung bzw. politische Missbräuche von Umfrageergebnissen gab und gibt es auch zu anderen Themen wie den Einstellungen der Bürger zur Rentenversicherung (vgl. Kistler, Widmann 2003).
Literatur
Crescenti, M., 2005:
Rosige Aussichten. In: Lebensmittelzeitung Spezial. Generation 50+. Frankfurt: Deutscher Fachverlag, S. 14 f.
Dostal, W.; Hilpert, M.; Kistler, E., 1999:
Modelle mit zu vielen Unbekannten. In: Jahrbuch Sozialwissenschaftliche Technikberichterstattung '98/'99. Schwerpunkt: Arbeitsmarkt. Berlin: edition sigma, S. 19 ff.
Fetscher, I.; Richter, H.-E., 1976:
Worte machen keine Politik. Beiträge zu einem Kampf um politische Begriffe. Reinbek: Rowohlt
Grömling, M., 2004:
Wirtschaftswachstum. In: Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.): Perspektive 2050. Ökonomik des demographischen Wandels. Köln: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, S. 67 ff.
Jaufmann, D.; Kistler, E.; Jänsch, G., 1989:
Jugend und Technik. Wandel der Einstellungen im internationalen Vergleich. Frankfurt, New York: Campus
Kistler, E.; Hilpert, M.; Huber, A.; Steppich, B., 2002:
Technikeinstellungen in der Bevölkerung 2002. Endbericht an das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Stadtbergen.
Kistler, E.; Widmann, P., 2003:
Die Gesetzliche Rentenversicherung im Spiegel der Meinungsforschung. Zusammenstellung und Einschätzung von Umfrage-Ergebnissen zu Rente(n) und Altersvorsorge. Bericht an den Verband Deutscher Rentenversicherungsträger/Forschungs-Netzwerk Alterssicherung. Stadtbergen; http://www.vdr-fna.de
Kohl, H., 1984:
Ethische Grundsätze und Maßstäbe für Forschung und Technik. In: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 82. Bonn
Noelle-Neumann, E.; Maier-Leibnitz, H., 1987:
Zweifel am Verstand. Das Irrationale als die neue Moral. Zürich: Edition Interfrom
van der Pot, J.H.J., 1985:
Die Bewertung des technischen Fortschritts. Eine systematische Übersicht der Theorien (2 Bde.). Assen, Maastricht: Van Gorcum & Comp.
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