Mensch - Informatisierung - Gesellschaft (Rezension)

TA-relevante Bücher

PETER BITTNER, JENS WOINOWSKI (Hrsg.): Mensch - Informatisierung - Gesellschaft. Beiträge zur 14. Jahrestagung des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) e.V. Münster: LIT 1999 (Kritische Informatik, Band 1)

Rezension von Ulrich Riehm, ITAS

Vom 13. bis 15.11.1998 fand in Darmstadt unter dem Titel "Menschsein in einer informatisierten Gesellschaft" die 14. Jahrestagung des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) statt. Der nun vorgelegte Sammelband, als erster Band einer neuen Reihe zur "Kritischen Informatik" im LIT Verlag erschienen, enthält die Ergebnisse einiger Arbeitskreise sowie die eingeladenen Hauptvorträge.

Der Band deckt einen fast repräsentativen Querschnitt über die mehr oder weniger klassischen Themen des FIfFs ab (eine Auswertung der Themen aller bisherigen Jahrestagungen enthält der Beitrag von Cassens und Woinowski): Vernetzung, Menschenbild, Virtualisierung, Gestaltung, Inhalte und Formen der Informatikausbildung, Informationssysteme für die abhängig Beschäftigten, Theorie der Informatik, Informatik und Militär, Datenschutz.

Rafael Capurro geht in seinem Beitrag "Ich bin ein Weltbürger aus Sinope - Vernetzung als Lebenskunst" von der Ablösung der Metapher des Motors für die Deutung des Menschseins durch die Metapher des Netzes aus. In der Cyperkultur mutieren wir von Deutern zu Boten, so Capurro. In Anlehnung an Sloterdijk sei dies eine Kultur, in der alle Botschafter sein wollen, aber niemand sich darum bemühe, eine Botschaft zu empfangen. Christiane Floyd befasst sich mit der "Virtualisierung des Selbst", insbesondere geht sie auf Veränderungen der Selbsterfahrung, auf das Zusammenwirken zwischen Menschen und sogenannten intelligenten Agenten und auf Übergangsprobleme in die "informatisierte Gesellschaft" ein. Menschsein in der "Informationsgesellschaft" heißt nicht mehr "berechenbar zu sein", sondern eher, in einer Internet-Variante zu Berkeleys "esse est percipi" (Zu sein ist, wahrgenommen zu werden): "To be is to be accessed".

Es folgen drei Beiträge zu Bildungs- und Ausbildungsfragen. Peter Euler und Dietmar Weber fordern in ihrem Beitrag "Gestaltung von Informationstechnologie - eine Frage der Bildung?", dass endlich Ernst gemacht werden sollte mit der Erkenntnis, dass Technologien sich als sozialer Prozess entwickeln. Informationstechnische Bildung dürfe sich nicht auf die Bewältigung des Umgangs mit vorgegebenen Artefakten beschränken, sondern müsse auf eine eingreifende Gestaltung orientieren. In den beiden folgenden Artikeln von Bettina Törpel ("Geschichte als Zugang zur Informatik?") und von Christian Siefkes ("Truman und die Zugänge zur Informatik") wird aus einem Studienreformprojekt an der TU Berlin im Fach Informatik berichtet.

Merklich theoretischer kommt der Beitrag von Rudolf Wille zur "Menschengerechten Wissensverarbeitung" bzw. zum Konzept der begrifflichen Wissensverarbeitung daher, während im Beitrag von Wilfried Hölzer und Lothar Bräutigam über "ergo-online" ein konkretes Projekt eines Fachinformationsdienstes zur Arbeit und Gesundheit, insbesondere zur Bildschirmarbeit vorgestellt wird.

Der Band wird mit drei Aufsätzen zu klassischen Themen der FIfF beendet. Den "Versuch einer Begriffsfindung" zur "Kritischen Informatik" unternehmen Jörg Cassens und Jens Woinowski. Rolf Bendrath beschäftigt sich mit der "Virtualisierung des Krieges" und den neuen Militärstrategien der NATO in der Folge des Golfkriegs und der Rolle, die die Informationstechnologie dabei einnimmt. Und schließlich gibt Hajo Köppen unter dem Titel "Die Familie wird größer - Big Brother hat Geschwister bekommen" einen Überblick über aktuelle Tendenzen, die dem Datenschutz entgegenlaufen. Er geht dabei insbesondere ein auf das Ausländerzentralregistergesetz, die Diskussion um eine "Asylcard", die Änderung des §68 des Sozialgesetzbuches X, mit der "Sozialbehörden zu Außenstellen der Polizei degradiert" würden, die zunehmende Audio- und Videoüberwachung im öffentlichen Raum, den Einsatz von Satelliten als Überwachungsinstrument, die Tendenzen beim Direktmarketing und auf die Erstellung einer bundesweiten Gebäude-Bilddatei.

Kontakt

Ulrich Riehm
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-23968
E-mail: ulrich riehm∂kit edu