TA-relevante Bücher und Tagungsberichte
Bücher kurz vorgestellt
Bücher kurz vorgestellt
GERHARD BANSE (Hrsg.):
Allgemeine Technologie zwischen Aufklärung und Metatheorie. Johann Beckmann und die Folgen.
Berlin: Ed. Sigma, 1997. 175 S. ISBN 3-89404-442-X
Mit dem "Entwurf der allgemeinen Technologie" hat der Göttinger Ökonom Johann Beckmann 1806 einen Ansatz publiziert, der sinnvolle Vereinheitlichungs- und notwendige Verständigungsprozesse in der Wissenschaftsdisziplin Technologie anregen und befördern wollte. Dieser integrative Denkansatz ist seither von vielen Wissenschaftlern aufgegriffen und weiterentwickelt worden. Dabei wurde deutlich, daß stärker zu unterscheiden ist, ob man unter Allgemeiner Technologie mehr beschreibende Verallgemeinerungen versteht, die methodischen Zwecken dienen ("Aufklärung"), oder ob man darunter Aussagen subsumiert, die Zusammenhänge technologischer Prozesse in generalisierender Absicht erklären ("Metatheorie"). Dieses Buch vereinigt die Beiträge und Diskussions-Statements eines Symposiums, das im Februar 1996 am Zentrum für Technik und Gesellschaft der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus stattfand. Aus historischer und aktueller systematischer Sicht wurde der Frage nachgegangen, inwieweit das Beckmann'sche allgemeintechnologische Programm eingelöst wurde bzw. einlösbar ist. Auf diese Weise werden sowohl der Stand der Überlegungen im Bereich der Allgemeinen Technologie dokumentiert als auch Defizite und mögliche zukünftige Forschungsaufgaben herausgearbeitet.
Die Autoren und ihre Beiträge:
Hans-Peter Müller: Denkansatz und Wirkungsgeschichte von Beckmanns "Entwurf der allgemeinen Technologie"
Klaus Mauersberger: Von Karmarsch bis Reuleaux - verallgemeinernde technikwissenschaftliche Konzepte im 19. Jahrhundert
Elke Hartmann: Auf dem Wege zu einer Allgemeinen Chemischen Technologie
Hartmut Sellin: Allgemeine Technologie in technikdidaktischer Perspektive
Günter Ropohl: Allgemeine Technologie als Grundlage für ein umfassendes Technikverständnis
Horst Wolffgramm: Allgemeine Technologie zwischen (technologischer) Aufklärung und (technikwissenschaftlicher) Metatheorie
JOHANNES WEYER, ULRICH KIRCHNER, LARS RIEDL, JOHANNES F.K. SCHMIDT:
Technik, die Gesellschaft schafft. Soziale Netzwerke als Ort der Technikgenese.
Berlin: Ed. Sigma, 1997. 382 S. DM 44,--. ISBN 3-89404-444-6
Dieses Buch verknüpft Technikgeneseforschung und Netzwerkanalysen, um auf diese Weise ein soziologisches Modell von Innovationsprozessen zu entwickeln, das auf unterschiedlichste Fallbeispiele anwendbar ist. In kritischer Auseinandersetzung mit bisherigen Konzeptualisierungen von Technikentwicklung wird Technikgenese hier als ein mehrstufiger Prozeß der sozialen Konstruktion von Technik aufgefaßt, der von wechselnden Akteurskonstellationen getragen wird und mehrere Phasen durchläuft. Für den Erfolg einer neuen Technik ist es entscheidend - so lautet eine der Schlüsselthesen -, ob es den Technikkonstrukteuren gelingt, soziale Netzwerke zu konstituieren und derart zu stabilisieren, daß sie eine solide Basis für ein Technikprojekt bilden. Dieses Modell wird an empirischen Beispielen sowohl staatlich getragener Technikentwicklung (Airbus, Transrapid) als auch privatwirtschaftlich erzeugter Technik (Personal Computer, Astra-Satellit) überprüft. Da sich diese Fälle trotz ihrer Heterogenität nach einem einheitlichen Prinzip beschreiben lassen, ist es möglich, Ansatzpunkte für eine soziale Gestaltung von Innovationsprozessen zu identifizieren.
Der Band geht auf ein im Rahmen des Heisenberg-Programms vom April 1993 bis September 1996 gefördertes Forschungsprojekt mit dem Titel "Die soziale Eigendynamik von Technik. Studien zur Entstehung, Stabilisierung und Durchsetzung technischer Innovationen" zurück, das an der Universität Bielefeld durchgeführt wurde.
Eine ausführliche Darstellung des in diesem Buch vorgestellten Ansatzes erscheint in einer der nächsten Ausgaben der TA-Datenbank-Nachrichten.
VERBUND SOZIALWISSENSCHAFTLICHE TECHNIKFORSCHUNG:
Paradoxien der Innovation. Mitteilungen Heft 19/1997. München, November 1997.
In dem vorliegenden Heft 19/1997 der Mitteilungen des Verbundes Sozialwissenschaftliche Technikforschung wird das neue Programm des Verbundes unter dem Leitthema "Paradoxien der Innovation" vorgestellt. Schon mit der 1994 vorgelegten Zwischenbilanz hatte der Verbund begonnen, dieses neue zentrale Thema inhaltlich zu entwickeln und auszuarbeiten (vgl. Mitteilungen Heft 12/1994 sowie Heft 14/1995). Diese Entwicklung war, so ist zu lesen, im wesentlichen das Resultat veränderter externer Relevanzkriterien für sozialwissenschaftliche Technikforschung, in der das Innovationspotential technischer Entwicklungen stärker in den Vordergrund rückte. Eine Rolle spielte aber auch die geänderte personelle Zusammensetzung des Verbundes in den letzten Jahren, die zu einer disziplinären und thematischen Erweiterung geführt habe. Das jetzt vorgelegte Programm soll intern zur thematischen Orientierung der zukünftigen Projekte dienen und nach außen die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit des Verbundes verdeutlichen. In der bisherigen Debatte um die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des Standortes würden die sozialen und institutionellen Dimensionen des Innovationsprozesses trotz ihrer Bedeutung für die Entwicklung und Durchsetzung technischer Innovationen überwiegend außer acht gelassen. Das Programm will dazu beitragen, auf der Grundlage interdisziplinärer sozialwissenschaftlicher Technikforschung ein "antizipatives gesellschaftliches Innovationsmanagement" zu entwickeln: Probleme und Paradoxien des Innovationsprozesses sollen beleuchtet und Wege zu deren Bearbeitung aufgezeigt werden.
Die Hefte des Verbundes sind zu beziehen über die
Koordinationsstelle des Verbundes sozialwissenschaftliche Technikforschung
Christa Lang
c/o Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München
Jakob-Klar-Str. 9
D-80796 München
Tel.: + 49 (0) 89/272921-0
Fax: + 49 (0) 89/272921-60
E-mail: lang isfMxv9∂lrz uni-muenchen de
http://infosoc.informatik.uni- bremen.de/verbund/
CHRISTIAN JOERGES, KARL-HEINZ LADEUR, ELLEN VOS (Eds.):
Integrating Scientific Expertise into Regulatory Decision-Making.
National Traditions and European Innovations.
Hamburg: Nomos Verlagsgesellschaft, 1997.
(Schriftenreihe des Zentrums für Europäische Rechtspolitik an der Universität Bremen (ZERP); Bd. 23) 344 S., brosch., DM 78,--. ISBN 3-7890-4855-0
Die Berücksichtigung von wissenschaftlichem Sachverstand in rechtlichen Entscheidungen ist auch im Europäischen Recht namentlich im Zusammenhang mit dem Ausbau des europäischen Binnenmarktes und der Kontrolle von Produktrisiken seit langem unverzichtbar.
Der Sammelband greift allgemeine Probleme der Integration wissenschaftlicher Expertisen in rechtliche Risikoregulierungen auf und widmet sich vor allem den Besonderheiten europäischer Regulierungen. Diese werden exemplarisch für Lebensmittel und technische Güter diskutiert.
Der Band wendet sich an mit der regulativen Politik der EG befaßte Wissenschaftler und Praktiker; er trägt wesentlich zu einem besseren Verständnis für die institutionellen Besonderheiten europäischer Produktregulierungen, ihren innovativen Beiträgen und faktischen Abhängigkeiten bei.
Das Buch, so der Wunsch der Herausgeber im Vorwort, solle zur weiteren Vertiefung der Diskussionen über die Europäisierung der Regulierungspolitiken beitragen und zum gemeinsamen Experimentieren mit komplexen Formen der Normsetzung und des risk assessment anregen. So könne der Graben zwischen nationalen und europäischen Institutionen überbrückt und gleichzeitig neue Formen der Koordination zwischen privatem und öffentlichem Sektor gefördert werden.
Der Sammelband geht auf ein Forschungsprojekt am Europäischen Hochschulinstitut Florenz zurück; seine Beiträge stammen von Politologen sowie Normungsexperten aus verschiedenen europäischen Staaten und den USA. Die Beiträge, die in englischer Sprache verfaßt sind, sind in die folgenden Sektionen gegliedert:
Section I: Risk-Management and the Legal System (Jens Rasmussen; Olivier Godard)
Section II: National Legal Traditions and Risk Assessment Procedures (Karl-Heinz Ladeur; Franck Gambelli)
Section III: European Innovations (Ellen Vos)
Section III.I: The Case of Foodstuffs Regulation (Robert Hankin; Sabine Schlacke)
Section III.2: The Case of Standardization (Josef Falke; Ernesto Previdi; Andreas Bücker; Catherine Daelemans; Michelle Egan/Anthony Zito)
Section IV: Judicial Control in Dynamic Contexts (Christian Joerges; Martin Shapiro)
Diesem sehr beachtenswerten Buch wird eine ausführliche Rezension im nächsten Heft der TA-Datenbank-Nachrichten gewidmet werden.
OECD (ed.):
STI REVIEW (Science Technology Industry) No. 20:
Special Issue on Information Infrastructures.
Paris 1997. DM 88,-- (FF 280). ISBN 92-64-15380-2
This issue considers some of the key challenges raised for governments by the development of a Global Information Infrastructure (GII) and the rise of a Global Information Society (GIS). The OECD is a leading organisation in the international debate on the GII-GIS, and the papers in this publication represent ideas which the DSTI Secretariat find interesting and useful advances on some of the key issues facing policy makers. The papers cover the following themes:
- Foundations of a Global Information Society
- ICT Diffusion and its Economic Impact in OECD Countries
- The Internet: Market Competition and Policy considerations
- Copyright and the Global Information Infrastructure
- Technology and Employment: The Role of Organisational Change and Learning
- Universal Service and Public Access in the Information Society.
Included as an Appendix to these articles are the policy recommendations for the Global Information Infrastructure - Global Information Society, enclosed by the Meeting of the OECD Council at Ministerial Level, 20 - 27 May 1997.
HEINZ HÜBNER u.a.:
Transrapid zwischen Ökonomie und Ökologie.
Eine Technikwirkungsanalyse alternativer Hochgeschwindigkeitsverkehrssysteme.
Wiesbaden: Deutscher Universitäts Verlag, Gabler, 1997. 365 S. ISBN 3-8244-6573-6
Der Redaktion der TA-Datenbank-Nachrichten liegt ein Band vor, dem aus mehrerlei Gründen große Beachtung zukommen sollte. Leider ist es uns im Augenblick nicht möglich, eine ausführliche Rezension zu verfassen. Wir haben deshalb aus den einleitenden Vorbemerkungen der Autoren die unseres Erachtens nach wichtigsten Passagen zusammengestellt, die erkennen lassen, unter welchen Aspekten diese Veröffentlichung besonderes Interesse verdient.
"Das vorliegende Buch dokumentiert die Ergebnisse der Untersuchung "Mögliche Wirkungen der Transrapidstrecke Berlin-Hamburg für die regionalökonomische Entwicklung unter Berücksichtigung möglicher externer Effekte". Die Thematik wurde gemeinsam mit dem Auftraggeber festgelegt [der Thyssen Henschel Magnetfahrtechnik, seit Herbst 1996 Thyssen Transrapid System GmbH]. Die Studie wurde im Zeitraum Oktober 1995 bis Mai 1997 am Lehrstuhl TechnikWirkungs- und Innovationsforschung (TWI) der Universität-Gh Kassel durchgeführt, in einer Periode, in der die Medien das Thema "Transrapid" - wieder einmal - großteils emotional behandelten.
Die mit dem Buch vorgelegten Ergebnisse gehen jedoch inhaltlich über den Rahmen hinaus, der mit dem Auftraggeber vereinbart wurde. Insbesondere Teile des abschließenden Kapitels 8 orientieren sich am normativ geprägten Konzept des Sustainable Development und greifen weiter in die Zukunft als die geplante Realisierung der Magnetschwebebahn Transrapid. Die weitergehenden Analysen erfolgten aus wissenschaftlicher Neugierde und der damit verbundenen intrinsischen Motivation der Autoren. (...)
Die [vorgelegte] Technikwirkungsanalyse (TWA)
- betrifft eine System-Innovation, basierend auf einer neuen Technologie mit großer gesellschaftlicher Relevanz. Dies wird nicht zuletzt durch eine entsprechende Medienresonanz und die erwähnten Gesetze ["Magnetschwebebahnbedarfsgesetz" (MsbG) und "Allgemeines Magnetschwebebahngesetz" (AMbG)] deutlich;
- wurde im Interesse des "Systemführers" durchgeführt, wobei jedoch nicht betriebswirtschaftliche, sondern regionalökonomische und ökologische Folgen und Wirkungen untersucht wurden;
- kann als Pionierleistung des Auftraggebers betrachtet werden, die im Hinblick auf die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen wird; im Sinne des Vorsorgeprinzips sollte TWA jedoch früher ansetzen und bereits die technische Entwicklung begleiten;
- konnte u.a. neue Anwendungsmöglichkeiten für die Technologie identifizieren, an die bisher nicht gedacht wurde.
Schließlich sind auch die während der Bearbeitung gesammelten Erfahrungen bzgl. Informationsbeschaffung, methodischer Vorgehensweise u.ä. für die Durchführung weiterer Untersuchungen äußerst wertvoll. So wäre der Zugang zu bisherigen Studien, die sich mit verschiedenen Aspekten des Transrapid-Systems beschäftigen, ohne den Auftraggeber nur teilweise und schwierig möglich gewesen."
In einem abschließenden Absatz befassen sich die Autoren mit der "Relevanz der Studie unter Berücksichtigung der jüngsten politischen Entscheidungen" angesichts der vom Bundestag im März 1997 drastisch geänderten Strukturdaten, und der Reduzierung der dem Verkehrswegeplan zugrundeliegenden Mobilitätsprognosen um ein Drittel. Durch die sich daraus ergebenden bzw. errechneten geänderten Vorgaben sollten die Perspektiven für einen wirtschaftlichen Betrieb der MSB unter betriebswirtschaftlichen Kriterien verbessert werden. Die Autoren legen deshalb in ihrer Schlußbemerkung wert darauf zu betonen, daß dieses Thema nicht Gegenstand der vorliegenden Studie ist. Die erarbeiteten Ergebnisse seien unabhängig von diesen politischen Vorgaben sinngemäß unverändert gültig und von hoher Relevanz, auch was die errechneten ökologischen Effekte betrifft.
MARIA BEHRENS, SYLVIA MEYER-STUMBORG, GEORG SIMONIS:
Gen Food. Einführung und Verbreitung, Konflikte und Gestaltungsmöglichkeiten.
Berlin: Ed. Sigma, 1997. 314 S. ISBN 3-89404-863-8
Die fast schon sprichwörtliche Gen-Tomate ist beileibe nicht der einzige Anwendungsfall gentechnischer Verfahren bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Eine ganze Reihe anderer Produkte wird bereits mit gentechnischer Hilfe hergestellt, und national wie international arbeitet man mit Hochdruck an der Erweiterung von Anwendungsmöglichkeiten. Wie konfliktträchtig 'Gen Food' ist, läßt sich anhand des Falles Gen-Tomate ebenso wie am aktuellen Streit um die Reichweite der Kennzeichnungspflicht leicht erkennen; dabei ist dies nicht nur ein Thema des Verbraucherschutzes, sondern - was oft übersehen wird - auch eine Frage der Konsequenzen für die betroffenen Arbeitnehmer/innen und ihrer Interessenvertretungen in der Nahrungsmittelbranche.
Der Band bietet einen Überblick über den aktuellen Stand der 'Gen Food'-Problematik in der Lebensmittelindustrie, einer sehr heterogenen Branche, die hier insgesamt sowie anhand zweier vertiefender Fallstudien im Braugewerbe (gentechnisch veränderte Bierhefe) und in der Backwarenindustrie (gentechnisch hergestellte Backenzyme) unter die Lupe genommen wird. Der Untersuchung liegt ein konflikttheoretischer Ansatz zugrunde, der nicht nur Prozesse und Strategien in Konflikten nachvollzieht, sondern auch nach Gestaltungsperspektiven für sozialverträgliche Anwendungsformen fragt, die sich in Konfliktkonstellationen identifizieren lassen.
Der Band ist der Abschlußbericht eines Projekts, das an der FernUniversität Hagen unter Leitung von Prof. Dr. Georg Simonis in Kooperation mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) durchgeführt wurde. Finanziert wurde das Projekt von der Hans-Böckler-Stiftung.
Anlaß für die vorliegende Untersuchung war die Frage, in welcher Weise die Beschäftigten in der Nahrungsmittelindustrie von der sich abzeichnenden Nutzung von Rohstoffen, Zusatz- und Hilfsstoffen oder Kulturen, die mit gentechnischen Verfahren gezüchtet oder hergestellt werden, betroffen sein würden. Die Studie befaßt sich daher intensiver als zunächst geplant mit den Artikulationsformen des Gentechnikkonfliktes in der Nahrungsmittelbranche und untersucht die Bearbeitungsformen des Konflikts im In- und Ausland. Entstehen neue Arbeitsplätze oder muß mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gerechnet werden? Wie verändern sich die Anforderungen an die Qualifikation? Welche Kategorien der Beschäftigten sollten mit einem zunehmenden Requalifikationsdruck rechnen? Gibt es zukünftig verstärkt Arbeitsplätze, an denen mit die Gesundheit gefährdenden Stoffen gearbeitet werden muß?
Diese und zahlreiche weitere Fragen ähnlichen Kalibers zu beantworten, erwies sich als schwierig, nicht nur weil bislang die Gentechnik in der deutschen Nahrungsmittelindustrie fast noch nicht eingesetzt wird - ein Problem mit dem die Autoren gerechnet hatten - sondern weil die Diffusion der neuen Technik von den Bewältigungsformen des Gentechnikkonfliktes abhängt.
STIFTUNG WISSENSCHAFT UND POLITIK (SWP); VEREIN DEUTSCHER INGENIEURE (VDI):
Prospektive Deutschlands. Zweite, neu bearbeitete Auflage, Bonn, Dezember 1997
Der vorliegende Band ist die Aktualisierung der im Jahre 1992 erstmals vorgelegten Broschüre "Prospektive Deutschlands". Wie im Untertitel angegeben, enthält sie ein Verzeichnis von Instituten der politikberatenden Forschung zu Fragen der Weiterentwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Kontext des europäischen Integrationsprozesses. Das empirische Material wurde durch eine Umfrage bei etwa 100 Instituten zusammengetragen. Die Erhebung wurde im Laufe des Jahres 1997 mit Unterstützung der Europäischen Union gemeinsam von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Forschungsinstitut für internationale Politik und Sicherheit, und vom Technologiezentrum Physikalische Technologien des VDI durchgeführt. Der Band gibt Auskunft über 61 Institutionen (100 wurden angeschrieben) der politikberatenden Forschung, stellt also nicht den Anspruch, im Hinblick auf Anzahl als auch Art der ausgewählten Institute als umfassend oder repräsentativ zu gelten. Er gibt aber einen guten Einblick in die Vielfalt der deutschen Forschungslandschaft in diesem Bereich. Die Differenzierung des Fragebogens für diese zweite, neu erarbeitete Auflage ermöglicht es, deutlicher auszuweisen, mit welchen Inhalten und Methoden politikberatende Forschung realisiert wird. Der Umfrageansatz wird wie folgt dargestellt:
"Basis war ein Fragebogen, der in seinem ersten Teil die objektiven Institutsdaten abfragte, um eine Übersicht über das breite Spektrum des Angebots an politischer Beratung zu geben. Mit dem Begriff "Angebotsseite" werden im folgenden diejenigen Institute zusammengefaßt, deren Arbeitsergebnis in mehr oder weniger komplexen Beratungsleistungen gegenüber politischen Administrationen und Parlamenten besteht. Im zweiten Teil des Erhebungsbogens wurde nach Zielen, Methoden und Instrumenten gefragt, mit deren Hilfe diese Beratung erstellt und "vermarktet", d.h. an die Nachfrageseite vermittelt wird. Politische Entscheidungsträger, auf die jene Beratungsleistungen zielen, werden demgemäß als Nachfrageseite bezeichnet. Die Terminologie von Angebot und Nachfrage wurde bewußt gewählt, um den Bezug dieser spezifischen Art wissenschaftlicher Forschung und Beratung zu einer bestimmten Nutzergruppe deutlich zu machen und sie von der universitären Forschung und Lehre abzugrenzen.
Die vier Fragenkomplexe im zweiten Teil des Fragebogens hatten die Themenschöpfung, Aktivitäten und Produkte, Formen und Bedeutung disziplinübergreifender Kooperation sowie die Vermittlung der Ergebnisse zum Gegenstand. Damit soll der Weg von der Definition einer Fragestellung über die Methoden ihrer Bearbeitung und Präsentation bis zur Problematik der Vermittlung der Ergebnisse an die politischen Nachfrager transparenter und vergleichbar gemacht werden."
Der Band bietet somit einerseits der Nachfrageseite, d.h. den politischen Praktikern bzw. Entscheidungsträgern, einen Überblick über die angebotene breitgefächerte wissenschaftliche Expertise, andererseits wird den wissenschaftlichen Instituten als Anbieter die Möglichkeit einer vergleichenden Selbstreflexion gegeben bzw. ein "Ersatz für den fehlenden Erfahrungsaustausch über Politikberatung in der Profession".
Die Schlußfolgerungen, die aus den Daten gezogen werden, werden allerdings kaum überraschen: Beiden Seiten, sowohl der Angebots- als auch der Nachfrageseite, sei ein deutlich gewachsenes Problembewußtsein zu attestieren, allerdings ließen die stets drängenden Tagesgeschäfte kaum Raum für einen dauerhaften Dialog als Bedingung einer erfolgreichen und effizienteren Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik. Dem Auf- und Ausbau eines ständigen Dialogs müsse erheblich mehr Zeit gewidmet werden, um dem zunehmenden Zeitdruck auf beiden Seiten nicht weiterhin konzeptionslos ausgeliefert zu sein.
LOTHAR HACK:
Technologietransfer und Wissenstransformation. Zur Globalisierung der Forschungsorganisation von Siemens.
1. Aufl. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 1998. ISBN 3-89691-423-5
Technologietransfer, Wissenstransformation und Globalisierung sind drei Begriffe, die drei verschiedene Facetten der Strukturveränderungen bezeichnen, die sich gegenwärtig vollziehen. Sie im Kontext eines großen Industriekonzerns zu beschreiben und zu analysieren, ist Ausdruck einer sozialwissenschaftlichen Fragestellung, die Technologieentwicklung und wissenschaftlichen "Fortschritt" nicht mehr als Resultat einer vorgeblichen Eigendynamik versteht, sondern auch als Ergebnis sozioökonomischer und soziokultureller Konstruktionsprozesse. Wenn wissenschaftlich-technologische Prozesse gemacht werden, wird es wichtig zu fragen, wo und wie das geschieht.
Das läßt sich dann nicht mehr pauschal und anonym diskutieren; gefragt sind vielmehr die möglichst präzise Rekonstruktion der organisatorischen und kognitiven Strukturen, in denen sich die Akteure bewegen, sowie die Formationen der strategischen Orte und strategischen Netzwerke, in denen das geschieht. Die Bedeutung einer Forschungs- und Entwicklungsorganisation ist nicht einfach Funktion ihrer Größe. Aber die Innovationskraft und der soziale Einfluß drücken sich auch in ihrem ökonomischen und technologischen Erfolg aus; das wiederum hat auf Dauer Auswirkungen auf deren internationales "standing", den Umfang der Ressourcen wie Patente, Lizenzen, Allianzen; FE-Aufwendungen, Personalstärken etc.
Nach allen denkbaren Kriterien ist die FE-Organisation von Siemens - mit rd. 45.000 Physikern, Informatikern, Elektroingenieuren und Facharbeitern in Dutzenden Ländern auf allen Kontinenten - ein besonders eindrucksvoller Gegenstandsbereich, an dem sich alle interessanten Themenstellungen und Varianten von Industrieforschung darstellen lassen. Die Entscheidung, großindustrielle FE-Organisationen vergleichend zu untersuchen, fiel in der Mitte der achtziger Jahre; die Bearbeitung nahm einige Zeit in Anspruch, zumal sie mehrfach für längere Phasen unterbrochen werden mußte. Insofern ist die Publikation des Bandes in dem Jahr, in dem Siemens sein 150-jähriges Firmenjubiläum feiert, eher ein Zufall. Die Verzögerungen brachten dann aber den Vorteil, die spannenden und geradezu dramatischen Veränderungen aufzunehmen, die sich in den neunziger Jahren vollziehen; auf der Grundlage des umfangreichen Vorlaufs lassen sie sich recht gut einordnen.
Der hier vorgelegte Band ist keine offizielle Firmenschrift. Gegenstand dieser Arbeit sind auch nicht Skandale und Katastrophen; es gibt keine spektakulären Enthüllungen über Schmiergeldaffären und Kartellabsprachen. Es geht um etwas viel Aufregenderes: um die Wissensformen und Organisationsstrukturen, deren ständige - kontinuierliche und abrupte - Veränderungen den Alltag in den industriellen Forschungslaboratorien und Entwicklungsabteilungen bestimmen. Es geht um die Brisanz des Alltags, in seiner organisierten und, oft gleichzeitig, chaotischen Form. Dazu gehören Entscheidungen, die in der Unternehmensspitze getroffen wurden.
Es geht zugleich um Technologieentwicklungen, die die sozialen Strukturen in den letzten Jahrzehnten um- und umgekrempelt haben. Und es geht, vor allem, darum, wie soziale Handlungsfelder (Arenen) und organisatorische Domänen installiert werden, damit neue Technologiefelder überhaupt aufgebaut werden können. Auf keinem dieser Felder ist ein Unternehmen auf Dauer alleine präsent; es geht also immer auch um die Konstellationen, in denen sich Konkurrenzen und temporäre Kooperationen vollziehen. Und damit geht es auch um Machtstrukturen, die sich durch Technologieentwickungen realisieren lassen - intern, in den Unternehmen, und extern, inzwischen über alle nationalen Grenzen hinweg.
Eine ausführliche Rezension wird in einer der nächsten Ausgaben der TA-Datenbank-Nachrichten veröffentlicht werden.