Editorial

Editorial

Vieles, vielleicht sogar das meiste oder gar alles in dieser Welt ist riskant. Hierzu gehört auch die Kommunikation. Da möchte man jemandem etwas Nettes sagen, das kommt aber gar nicht gut an, weil es als herablassend wahrgenommen wird. Man möchte ein Problem ansprechen, um es aus der Welt zu schaffen, trifft aber den ungeeignetsten Moment und verschlimmert die Situation nur. Kommunikation ist Intervention und damit ambivalent: Auch gut gemeinte Kommunikation kann nichtintendierte Folgen mit sich bringen. Das gilt für den zwischenmenschlichen Bereich genauso wie für öffentliche Kommunikation. Fehlgeschlagene politische Kommunikation, wo nicht intendierte und nicht erwartete Folgen dann mühsam repariert werden müssen, macht einen nicht unwesentlichen Teil des Politikbetriebs und der Medienberichterstattung aus.

Riskant sind auch Wissenschafts- und Technikkommunikation. So gilt heute die Kommunikation der Kernenergiebefürworter aus den 1970er und 1980er Jahren als einer der verschärfenden Faktoren in der Verhärtung der gesellschaftlichen Fronten. Sorgen der Bürger nicht ernst zu nehmen und Kritiker als irrational darzustellen, hat einer konstruktiven Debatte um die Chancen und Risiken der Kernenergie, gelinde gesagt, nicht gut getan. Nicht viel anders verlief die Kommunikation zur Grünen Gentechnik. Aber auch die differenzierteren, jüngeren Technikdebatten zu Nanotechnologie, Synthetischer Biologie oder zu Human Enhancement waren und sind begleitet von der Sorge, dass etwas grundlegend schief laufen könnte, was dann kaum noch reparabel sei. Die grundlegende Ambivalenz der Wissenschafts- und Technikkommunikation zwischen übertriebenen Versprechungen und übertriebenen Befürchtungen macht sie sensibel und störanfällig.

Dabei sind die Erwartungen an Wissenschafts- und Technikkommunikation divers und reichen von der naiven Akzeptanzschaffung bis hin zur Demokratisierung des Wissenschaftsbetriebs. Gerade weil kommunikative Interventionen starken Einfluss haben und z. B. über Akzeptanz oder Nichtakzeptanz von neuen Technologien mitentscheiden können, genießen sie seit Längerem große Aufmerksamkeit in Medien- und Kommunikationswissenschaften, in Wissenschaftsorganisationen und Akademien der Wissenschaften ebenso wie in der Politik und in der Technikfolgenabschätzung. Studiengänge zur Wissenschaftskommunikation wurden eingerichtet, neue Formate erprobt, empirische Studien durchgeführt und Konzepte entwickelt. Insgesamt hat sich gezeigt, dass die ursprüngliche Annahme, dass mangelnde Wissenschafts- und Technikakzeptanz sich Unwissen auf Seiten der Bürger verdanke, also durch bloße Informationsvermittlung vermieden werden könne, einfach falsch ist. Stattdessen kommt es darauf an, frühzeitig Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen und die Bürger an der Gestaltung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu beteiligen. Man könnte dies eine „partizipative Wende“ im Verständnis von Wissenschafts- und Technikkommunikation nennen.

Im Schwerpunkt dieses Heftes widmen wir uns aktuellen Entwicklungen in diesem Feld. Die demokratische Funktion von Wissenschaftskommunikation, die Rolle der Technikzukünfte, partizipative Ansätze und das Entstehen von Einstellungsmustern zu neuen Technologien stehen im Mittelpunkt. Die Beziehungen zur TA sind klar: Keine TA ohne bestimmte Formen der Wissenschafts- und Technikkommunikation.

Armin Grunwald