Towards Sustainable Europe

Schwerpunktthema: Nachhaltige Entwicklung - nationale Pläne und Strategien

Towards Sustainable Europe

Zusammenfassung einer Studie aus dem Wuppertal Institut

von Joachim H. Spangenberg

Das Projekt "Sustainable Europe" wurde von Friends of the Earth Europe, einem der vier großen europäischen Umweltverbände, im Herbst 1994 mit Geldern der Europäischen Kommission gestartet. Es sollte der geographischen wie inhaltlichen Erweiterung der Arbeiten dienen, die die niederländische Mitgliedsorganisation VMD mit ihrer international beachteten Studie "Sustainable Netherlands" begonnen hatte. Das Wuppertal Institut wurde beauftragt, die methodischen Grundlagen auf wissenschaftlicher Basis zu überarbeiten und neben einer Studie mit gesamteuropäischen Reduktionszielen und einem darauf bezogenen "policy impact assessment" ein Handbuch zu erstellen und die anhand dessen durchgeführten 30 nationalen Studien wissenschaftlich zu begleiten. Die Studien werden im ersten Halbjahr 1996 veröffentlicht - die deutsche Studie, "Zukunftsfähiges Deutschland", in Auftrag gegeben vom BUND-Freunde der Erde in Zusammenarbeit mit Misereor, hat schon erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit erregt.

Die Studie "Towards Sustainable Europe" baut auf zwei grundlegenden Konzeptionen auf: Dem "Environmental Space" oder Umweltraum und dem Grundziel der globalen Verteilungsgerechtigkeit. Das Umweltraum-Konzept, so wie es in dieser Studie verwandt wird, stellt den Versuch dar, in Kenntnis der mit solchen Abschätzungen immer verbundenen Unsicherheiten richtungssichere Abschätzungen der maximalen Umweltinanspruchnahme zu ermitteln und daraus in Verbindung mit dem Prinzip der Gleichverteilung politisch handhabbare Zielvorgaben abzuleiten.

Ergebnisse I: Die Physikalisch-stoffliche Dimension

Obwohl die im folgenden referierten Ergebnisse einen erheblichen Unsicherheitsfaktor aufweisen, zeigen sie die Größenordnung der notwendigen Änderungen und sind so als ein richtungssicheres Grobmaß zu gebrauchen.

Für den Energieverbrauch ergibt sich auf Basis der IPCC-Annahmen und bei Kernenergie Ausstieg bis zum Jahre 2010 eine langfristig notwendige Reduktion des Primärenergie-Einsatzes um 50 %, bei einer Reduktion der Nutzung fossiler Energien um 75 % und einer Vervierfachung der erneuerbaren Energien. Für den Verbrauch nicht-erneuerbarer Rohstoffe ergibt sich auf der Basis einer notwendigen Halbierung der globalen Stoffströme eine Reduktion von 85-90 %, und für die Landnutzung eine konstante Größe der Wälder und der bebauten Flächen, eine Verzwanzigfachung der Schutzgebiete und langfristig eine Halbierung der Acker- und Weideflächen, auch zur Reduktion der jährlichen "Land-Importe". Soll der Ressourcenverbrauch unserer Gesellschaften derart sinken, so bedeutet dies auch scharfe Reduktionsanforderungen (um ca. 50 % des gesamten Transportaufkommens) für den Verkehr.

Die so bestimmten Reduzierungsziele beruhen nicht auf der seit dem ersten Bericht des Club of Rome die Wahrnehmung prägenden Ressourcenknappheit; vorhandene oder erschließbare Vorräte sind kein Argument gegen die hier aufgestellten Anforderungen.

Ergebnisse II: Die Ökonomische Dimension

Im Gegensatz zu der Analyse der physisch-stofflichen Faktoren im ersten Teil geht es hier nicht um das Setzen von Standards (z.B. betreffs Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung etc.), sondern um eine Folgenabschätzung für die als notwendig erkannte Umgestaltung der Ressourceninanspruchnahme.

Zumindest langfristig steht jede wachstumsorientierte Ökonomie vor der Herausforderung, durch stetig zunehmende Erhöhung der Ressourcenproduktivität nicht nur das wirtschaftliche Wachstum kompensieren zu müssen, sondern darüber hinaus noch die Dematerialisierung um einen Faktor 10 zu ermöglichen. Die angestrebte Materialeinsatzreduzierung um 90 % binnen 50 Jahren erfordert bei einem Wirtschaftswachstum von nur zwei Prozent in dieser Zeit eine Dematerialisierung um einen Faktor 27; bei einem Wirtschaftswachstum von drei Prozent ergibt sich bereits eine notwendige Dematerialisierung um einen Faktor 50. Diese in diesem Falle notwendige Verfünfzigfachung der Ressourcenproduktivität binnen 50 Jahren erscheint ausgesprochen unrealistisch, so daß die Begrenztheit der zulässigen Energie- und Materialströme auch langfristig zu einer Begrenzung des Wirtschaftswachstums auf weniger als die jährliche Steigerung der Ressourcenproduktivität führen muß.

Eine Verringerung der Rohstoff- und Energieverbräuche um 75 - 80 % läßt sich nicht durch inkrementelle Verbesserungen der bestehenden Produktionsinfrastruktur erreichen, sie erfordert vielmehr einen umfassenden Modernisierungsschub für die gesamte Infrastruktur. Das bedeutet neue Aufgaben und zusätzliche Aufträge für viele vor allem "klassische" Branchen wie Bau, Maschinenbau und Werkstoffherstellung. Insofern ist in der Übergangsphase zur zukunftsfähigen Wirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Wachstumsschub zu erwarten, verbunden mit der Schaffung einer nicht unerheblichen Anzahl zusätzlicher Arbeitsplätze. Langfristig ist jedoch eine Verringerung der Zahl der Normalarbeitsplätze, verbunden mit einer Änderung der Arbeitsformen und der beruflichen Qualifikationen wahrscheinlich. 2

Steuern mit Steuern

Ein inzwischen im Grundsatz breit anerkanntes 3 Instrument für eine umweltverträgliche Umsteuerung in einer Marktwirtschaft ist die Ökosteuer, die finanzielle Anreize für weniger Umweltverbrauch und die verstärkte Nutzung der menschlichen Arbeit setzt und damit die Erhöhung der Ressourcenproduktivität rentabel macht. Vollständige Internalisierung der Umweltkosten wird oft in der Hoffnung angestrebt, sie könne wirtschaftsintern die Berücksichtigung von Umweltbelangen garantieren, und so ohne weitere staatliche Steuerung auskommen. Diese Selbststeuerung des Marktes kann jedoch aus mehreren Gründen nicht (oder zumindest nicht vollständig) funktionieren.

Setzt man andererseits Umweltsteuern als Steuerungsinstrument ein, statt sich auf die möglichst detailgenaue Internalisierung externer Kosten zu kaprizieren, setzt man also auf mehr statt auf weniger Politik, so kann eine ökologische Steuerreform effizient wirken und zusätzlich zu einer Vereinfachung des Steuersystems beitragen.

Bei der Auswahl der zu besteuernden Substanzen liegt das Hauptinteresse auf Grundstoffen (einschließlich Energieträgern), deren Nutzung ein Systemcharakteristikum darstellt, d.h. deren Einsatzreduzierung das Gesamtsystem in Richtung Dematerialisierung treibt (ggf. durch Besteuerung von Stoffgruppen, d.h. Schlüsselsubstanzen plus ihrer möglichen Substitute, z.B. Energieträger, Baustoffe, etc. sowie durch eine finanzielle Belastung des Flächenverbrauchs). Für die Einnahmen aus einer Ökosteuer präferieren wir die aufkommensneutrale Rückverteilung durch Senkung anderer Steuern oder Abgaben, insbesondere Lohnnebenkosten.

Strukturen im Wandel

Dauernder Strukturwandel ist ein Kennzeichen jeder marktwirtschaftlichen Ordnung. Läuft ein derartiger Strukturwandelprozeß über dreißig und mehr Jahre, so kann das Ergebnis eine dynamische Gleichgewichtsökonomie 4 sein, d.h. "eine Wirtschaft mit einem konstanten Bestand an Menschen und Gütern, funktionsfähig erhalten auf einem gewünschten und zufriedenstellenden Niveau bei geringstmöglichem Erhaltungsaufwand bzw. -durchsatz". Eine derartige zukunftsfähige Marktwirtschaft wird noch (begrenztes) wirtschaftliches Wachstum kennen, wird eine stärkere Wettbewerbsorientierung aufweisen als heute (denn dann kann jeder nur noch zu Lasten eines anderen wachsen, nicht mehr zu Lasten der Umwelt) und braucht zur Überwindung sozialer Gegensätze die Umverteilungsinstitutionen einer starken Zivilgesellschaft sowie innovative und risikofreudige Unternehmer/innen, die den Strukturwandel als Chance nutzen.

Neben die räumliche Reorganisation unserer Gesellschaften aus ökologischen Gründen tritt eine veränderte räumliche Organisation der Industrie. Bei höheren Transportpreisen ist ein Prozeß wahrscheinlich, der eine Strategie der kurzen Wege und damit eine Stärkung der Nahbereichs-Wirtschaft begünstigt. Die Kostengründe würden zudem eine Tendenz zur Zweiteilung der Wirtschaft auslösen: in einen vom internationalen Wettbewerb weitgehend abgekoppelten Sektor einerseits, in dem die begrenzte Wertschöpfung finanziell keinen weiten Transport rechtfertigt, und einen Hochqualitäts- und Hochpreissektor im "globalen Binnenmarkt", mit weltweitem Austausch, scharfer Konkurrenz, hohen Qualifikationen und Spitzengehältern - und resultierend sozialen Spannungen.

Werden diese neuen und alten gesellschaftlichen Verteilungskonflikte nicht im Sinne des Gerechtigkeitsprinzips gelöst, steht die Akzeptanz des ökologischen Wandels zur Disposition und damit entweder die Realisierung des notwendigen Strukturwandels oder aber die demokratische Staatsform als Ganzes.

Sozialer Ausgleich, Partizipation und Demokratie sind damit schon aus Gründen der Umsetzbarkeit konstitutive Bestandteile jeder Strategie der Zukunftsfähigkeit; dazu gehört auch die Einbeziehung derjenigen gesellschaftlichen Institutionen, die diese Elemente garantieren (Gewerkschaften, Verbraucher, neue soziale Bewegungen).

Ergebnisse III: Die Sozio-kulturelle Dimension

Die heutige Konsumgesellschaft ist gekennzeichnet durch einen stetig zunehmenden Durchsatz von Produkten, ohne daß die Summe verfügbarer Dienstleistungen oder die Lebensqualität vergleichbar ansteigen würden. Die sich wandelnden Konsummuster der letzten Jahre gehen auf die unterschiedlichen Funktionen des Konsums und deren wechselnde relative Bedeutung zurück: Kaufentscheidungen haben in zunehmendem Masse symbolischen Charakter, die reine Bedürfnisdeckung tritt zurück - häufig ist der Kaufakt als solcher wichtiger als der resultierende Besitz eines bestimmten Produkts.

Analysiert man die diesem kompensatorischen Konsum zugrundeliegenden Wertemuster, so zeigt sich, daß der vielbeschworene Wertewandel de facto nicht existiert 5. Statt dessen gibt es eine relativ konstante Aufteilung der Gesellschaft in Wertegruppen, die sich in sich immer weiter differenzieren. Ein höheres Bildungsniveau, noch mehr aber die Prägung durch das soziale Umfeld in Richtung "Autonomieorientierung" sind dabei die Grundlagen der Entwicklung eines zukunftsfähigen Konsumverhaltens und damit einer zukunftsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft.

Mehr Akzeptanz und Anerkennung statt Rechtfertigungsdruck, Selbstbestimmung statt Vorgaben, Verantwortung statt Kontrolle im sozial prägenden Umfeld (Familie, Beruf ...) erweisen sich damit als notwendige Grundlagen zur Entwicklung einer Persönlichkeit, die auf kompensatorischen Konsum nicht angewiesen und damit ohne Verlustgefühle zu zukunftsfähigem Verhalten in der Lage ist.

Arbeit, Technik, Forschung

Da zukunftsfähiges Wirtschaften auf zukunftsfähige Konsumenten angewiesen ist, ergeben sich deutliche Hinweise auf eine notwendige Neugestaltung der Arbeitswelt: Selbst- und Mitbestimmung am Arbeitsplatz, Entscheidungsautonomie (auch z.B. über die Gestaltung der Arbeitszeit), Selbstorganisation statt Kontrolle, Motivation und Übertragung von Verantwortung statt Auftragserfüllung sowie umfassende Weiterbildungsmöglichkeiten (betrieblich/fachlich wie allgemein, Bildungsurlaub) sind Kriterien einer zukunftsfähigen Arbeitsorganisation im formalen Sektor. Mehr Reparatur statt mehr Einwegproduktionen erfordert zudem eine andere, mehr "handwerkliche" Ausbildungsstruktur, die auch den Umgang mit sich wandelnden Technologien einschließt.

Mit den Arbeitsplätzen korrespondieren die Produkte und Dienstleistungen der Zukunft: Sie müssen material- und energieextensiv, service-intensiv, flächensparend und lokal verfügbar sein. Die Infrastruktur muß eine "Präferenz für kurze Wege" nahelegen und ermöglichen, Produkte müssen langlebig, reparierbar, wiederverwendungs- und recyclingfähig gestaltet werden. Technik, die solche Produkte ermöglicht 6, existiert zwar in Einzelfällen, muß aber überwiegend noch entwickelt werden. Das konstituiert den Bedarf nach einer neuen, gestaltenden Forschungspolitik, die durch die Konzentration auf öffentliche Belange sich aus der Rolle des Subventionsgebers löst und so ihre Gestaltungskraft zurückgewinnt.

Diese und andere Arbeitsergebnisse dürfen selbstverständlich nicht als Pläne oder abzuarbeitende Zielvorgaben misinterpretiert werden, sie sollen vielmehr dazu dienen, Diskussionen darüber anzuregen, wie wir ein Leben und eine Wirtschaft gestalten wollen, die Zukunftsfähigkeit nicht als Leerformel benutzt, sondern als Zielsystem für gesellschaftliche Reformstrategien versteht.

Fußnoten

1 Die vorliegende Zusammenfassung konzentriert sich auf die Diskussion der Implikationen einer zukunftsfähigen Politik; aus Platzgründen und da bereits früher veröffentlicht, wurde auf die Methodik nicht im Detail eingegangen. Einzelheiten siehe

"Für ein zukunftsfähiges Europa", Wuppertal Paper 42, Dritte Auflage, Wuppertal, Dezember 1995.

2 F. Manske, Umweltpolitik und Beschäftigung, in: WSI Mitteilungen 4/1995, S. 255 ff.

3 Siehe z.B. Wolfgang Schäuble, Und der Zukunft zugewandt, Bonn 1994, S. 148 ff.

4 Steady State Economy, vgl. H.E. Daly, J.B. Cobb jr., For the Common Good, Boston 1989.

5 Scherhorn, G., Kaufsucht. Bericht über eine empirische Untersuchung, Stuttgart 1991.
Ders., Über Konsumentenverhalten und Wertewandel - Die Notwendigkeit der Selbstbestimmung, in: Politische Ökologie, Sept./Okt. 1993.

6 Zusammen mit geänderter Rohstoffauswahl (Recyclate), effizienterer Rohstoffgewinnung, neuen Distributions und Redistributionssystemen sowie veränderter Nutzungs-Organisation.

 

Kontakt

Dr. J.H. Spangenberg
Wuppertal Institut
Döppersberg 19, D-42004 Wuppertal
Tel.: +49 202 2492-179