Vorstellung von: "Sustainable Development. The UK Strategy"

Schwerpunktthema: Nachhaltige Entwicklung - nationale Pläne und Strategien

Vorstellung von: "Sustainable Development. The UK Strategy"

von Jürgen Kopfmüller, ITAS

Mit Großbritannien hat quasi die Vorreiter-Nation des weltweiten Industrialisierungsprozesses 1994 dem Parlament und 1995 der Öffentlichkeit eine Regierungsstrategie für einen zukunftsfähigen nationalen Entwicklungspfad vorgelegt. Auf der Basis einer aktuellen nationalen ökologischen Zustandsbeschreibung wird versucht, den Einfluß verschiedener ökonomischer Sektoren in ihrer derzeitigen Form auf das Nachhaltigkeitsziel zu benennen und praktische Politikansätze zur Verbesserung der Situation auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu entwickeln.

Der vorgelegte Strategieplan "Sustainable Development. The UK Strategy" schließt sich an eine Reihe vorheriger Dokumente an. Zunächst hatte Großbritannien als einer der ersten Staaten 1988 auf den 1987 veröffentlichten Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft" der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung (der sogenannten "Brundtland-Kommission") reagiert, indem die britische Perspektive einer Umsetzung der im Brundtland-Bericht erstmals in einem größeren politischen und öffentlichen Rahmen vorgestellten Idee des "Sustainable Development" präsentiert wurde. Es folgten 1989 ein "progress report" zur nationalen Umsetzung von "Sustainable Development" sowie 1990 das britische Umweltstrategie-Weissbuch "This Common Inheritance", auf dem der britische Nationalbericht zur UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio aufbaute und das beispielsweise die wesentlichen Themenbereiche des fünften Umweltaktionsprogramms der EU reflektierte.

Erarbeitet wurde dieser jetzt vorliegende Strategieplan vor allem von den Ministerien für Umwelt-, Außen-, Verkehrs-, Verteidigungs-, Arbeits- und Landwirtschaft, wobei Unternehmen, NGOs und verschiedene lokale Autoritäten in verschiedenen Phasen am Diskussionsprozeß beteiligt waren. Mit der zeitlichen Perspektive des Jahres 2012 ("20 Jahre nach Rio") - in einigen Bereichen auch darüber hinaus - und auf der Basis angenommener Trends in bezug auf die Bevölkerungs-, Haushalte- und Einkommensentwicklung wird das Thema Umwelt und Entwicklung in diesem Konzept in drei Perspektiven behandelt:

1. Der gegenwärtige und zu erwartende Zustand der Umwelt auf nationaler Ebene

Mit Blick auf die verschiedenen Umweltmedien und -bereiche werden hier unterschiedliche Einschätzungen abgegeben. Insbesondere aufgrund des Wachstums der Wirtschaftsleistung und der Zahl der Haushalte wird vor allem für die Bereiche CO2- bzw. Treibhausgasemissionen und Flächenverbrauch eine weitere Zunahme und damit eine tendenzielle Verschlechterung der Situation prognostiziert. Darüber hinaus wird die Wasserverbrauchsmenge in einigen Regionen Englands als zunehmend problematisch, weil durch die vorhandenen Quellen nicht abdeckbar, eingeschätzt. Die Frisch- und Seewasserqualität wird abgesehen von einigen wenigen Gebieten (vor allem beim Grundwasser) als gut bewertet und soll durch weitere Investitionen in Abwasserklärungssysteme noch verbessert werden. Die Bodenqualität wird insgesamt nicht als signifikantes Problem angesehen, wenn auch in einigen Regionen _die Erosion zu vermindern sein wird. Schließlich werden im Bereich der säurebildenden Emissionen erhebliche Reduzierungen erwartet, was allerdings für den Vekehrsbereich nur eingeschränkt gilt, da hier aufgrund des weiter zunehmenden Verkehrsaufkommens gerade auf der lokalen Ebene erhebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität notwendig sein werden.

2. Wirtschaftliche Entwicklung und Sustainability

In diesem Abschnitt wird versucht, Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen ökonomischen Aktivitäten und einer vor allem ökologisch interpretierten Zukunftsfähigkeit aufzuzeigen. Für Bereiche wie Land- und Forstwirtschaft, Energieversorgung, Industrieproduktion, Abfall, Stadtentwicklung oder Verkehr werden die gegenwärtigen Trends und Probleme, wesentliche Zielvorstellungen in bezug auf Zukunftsfähigkeit sowie die aktuellen und geplanten politischen Maßnahmen in diesem Bereich dargestellt. Dabei finden zum Teil über die nationalen Aspekte hinaus auch die schon heute realen bzw. die möglichen wechselwirkenden Effekte zwischen Aktivitäten Großbritanniens und anderer Regionen der Welt Berücksichtigung. Zwei Aktivitätsbereiche seien beispielhaft herausgegriffen:

Die Forstwirtschaft Großbritanniens ist auf der einen Seite durch eine seit Beginn des 20. Jahrhunderts wieder kontinuierlich wachsende Waldfläche, auf der anderen Seite durch eine in den nächsten 30 Jahren ungefähr auf das Dreifache des heutigen Niveaus ansteigende Nutzholznachfrage bzw. -produktion auf dieser Fläche gekennzeichnet. Die Probleme liegen neben der Zunahme bei Waldschäden und -sterben vor allem in den nicht ausreichenden finanziellen Erträgen aus den forstwirtschaftlichen Produkten, um deren ökologischen Nutzen dauerhaft gewährleisten zu können. Der "Sustainability"-Rahmen wird in diesem Bereich vor allem an drei Punkten festgemacht: Erstens an einem Wälder-"Management", das deren produktives wie auch ökologisches Potential in ausreichendem Maße aufrechterhält; zweitens an dem Prinzip der Kombination unterschiedlicher Baumarten und Nutzungsziele; drittens an der Unterstützung von Entwicklungsländern bei der Realisierung einer an diesen Kriterien orientierten Nutzholzproduktion. Hierfür wurden durch die Regierung - als Unterzeichner der "Helsinki-Richtlinien für ein zukunftsfähiges Management der europäischen Wälder und die Erhaltung der Artenvielfalt" - bereits Forschungsprogramme zur Entwicklung entsprechender Management-Techniken aufgelegt. In Zukunft sollen in Anlehnung an die anläßlich der Rio-Konferenz verfaßten Prinzipien weitere Aufforstungen etwa durch gezielte finanzielle Anreize gefördert werden. Dabei sollen verstärkt heimische Harthölzer verwendet und im Rahmen bestehender internationaler Konventionen der Handel mit seltenen oder gefährdeten Arten beschränkt werden.

Der Verkehrsbereich weist im Trend ein weiterhin relativ kontinuierliches Wachstum vor allem im Pkw- und im Flugverkehr sowie im Güterverkehr auf. Für den gesamten Straßenverkehr wird eine Verdopplung bis zum Jahr 2025 prognostiziert. Dieses Wachstum war bislang eng an die Rate des Wirtschaftswachstums gekoppelt. Die Entwicklung wird nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit die Menschen ihr verfügbares Einkommen weiterhin zunehmend für ihre Mobilitätsbedürfnisse verwenden und in welchem Umfang in der Volkswirtschaft Güter aus unterschiedlichen Gründen bewegt werden. Die Probleme liegen hier auf ganz verschiedenen Ebenen: Zum einen ist die Erstellung von Verkehrsdienstleistungen mit erheblichen klima- und gesundheitsschädlichen Emissionen, mit Unfällen, Lärm und Landschaftsverbrauch bzw. den damit verbundenen Kosten (soweit quantifizierbar) sowie nicht zuletzt mit umfangreichen Infrastrukturinvestitionen verbunden. Zum anderen wurden bzw. werden die in der Vergangenheit erreichten und künftig zu erwartenden technischen Verbrauchseffizienzverbesserungen bei den verschiedenen Verkehrsmitteln durch das wachsende Verkehrsaufkommen aufgezehrt. Schließlich sind die volkswirtschaftlichen Produktions- und Konsumprozesse bis zu einem gewissen Grad unumstößlich mit Transporten verbunden, was für die Akzeptanz und Wirksamkeit solcher verkehrspolitischer Maßnahmen von zentraler Bedeutung ist, die die Verteuerung oder Reduzierung von Verkehren zum Ziel haben. Zukunftsfähigkeit im Verkehrsbereich wird in diesem Plan dergestalt definiert, daß ein Ausgleich zwischen den Zielen einer wirtschaftlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung (was beides mit Transporten verbunden ist) auf der einen Seite und dem Ziel eines ausreichenden Maßes an Umweltschutz bzw. Lebensqualität auf der anderen Seite geschaffen wird. Hierfür sind geeignete politische Maßnahmen zu implementieren. Politisch angestrebt wird bereits jetzt beispielsweise eine jährliche Benzinpreiserhöhung um 5 % sowie auf der regionalen und lokalen Ebene die Schaffung von Voraussetzungen für gezielte verkehrsnachfrage-beeinflussende Maßnahmen oder für die Einbeziehung von Verkehrsreduktionszielen in die Raumordnungsplanung. Darüber hinaus werden in den verkehrspolitischen Perspektiven für die Zukunft die Schwerpunkte insbesondere in der Verteuerung von Transporten durch Anrechnung ihrer transportmittelspezifischen externen Kosten und in der Nutzung neuer Technologien wie der Informations- und Kommunikationstechnologien gesetzt.

3. Praktische Politik in Richtung Sustainability

In diesem letzten Abschnitt des Berichts werden die gegenwärtige Praxis sowie die künftigen Perspektiven in bezug auf konkrete Politikansätze auf verschiedenen Ebenen und für bestimmte Bereiche skizziert. Es werden die internationale, die nationale und die lokale Handlungsebene ebenso betrachtet wie die politische Rahmensetzung für individuelle Bewußtseinsbildung und für den industriellen Bereich oder auch einzelne Themen wie Umweltbilanzierung, Energieeffizienz oder Landnutzungsplanung. Auch hier seien zwei Beispiele herausgegriffen:

Nach Einschätzung der Verfasser erweist sich die lokale Ebene zunehmend als wichtige Komponente für die Konzipierung und Umsetzung von nationalen Handlungsstrategien. Viele der ihr speziell obliegenden Aufgaben im Rahmen der gebietskörperschaftlichen Arbeitsteilung haben direkten oder indirekten Einfluß auf soziale oder Umweltbelange. Die hier gegebenen Möglichkeiten, Probleme an ihrer Wurzel anzugehen oder bestimmte Akteursgruppen unmittelbarer in den Politikprozeß einzubeziehen, können einen wichtigen Beitrag zu einer nationalen "Sustainable Development"-Strategie leisten. Einige der in der Agenda 21 von Rio 1992 formulierten Ziele und Prinzipien werden in der Local Agenda 21 Initiative schon jetzt aufgegriffen. Lokale Interessengruppen haben hier gemeinsam mit der Politik eine "Declaration on Sustainable Development" verfaßt. Ziel ist es, die spezifische Bedeutung von "Sustainable Development" auf der lokalen Ebene zu definieren und nach geeigneten Wegen der Integration von Unternehmen und verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen in einen Prozeß zu suchen, der letztlich zu praktikablen lokalen Zukunftsfähigkeitsstrategien führt. Konkrete Aktivitäten umfassen hier u.a. die Gründung lokaler Umweltinitiativen, die Verbesserung des Informationsaustauschs oder Initiativen zur gezielten Aus- und Fortbildung etwa für lokale Regierungsmitarbeiter. Für die Zukunft sind darüber hinaus verstärkte Aktivitäten etwa im Bereich der Entwicklung von Richtlinien für Umwelt-Management bzw. Umwelt-Audits für kommunale Regierungen oder in der Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren in Entwicklungsländern und Ländern des ehemaligen Ostblocks geplant.

Dem Bereich Umweltbilanzierung und Umweltindikatoren wird eine wichtige Rolle als Informationsbasis für politisches Handeln zugewiesen. Die Arbeiten zu einer ökologischen Bilanzierungsmethodik als Ergänzung zur bisherigen Praxis der ökonomischen Bilanzierung über die Größe Bruttosozialprodukt werden hier, wie in einigen anderen Staaten auch, nicht zuletzt in Konsequenz der Vorschläge im Rahmen der Agenda 21 intensiviert. Sämtliche gegenwärtig in der Diskussion befindlichen Bilanzierungsansätze weisen allerdings - seien es Bilanzen zum "ökologischen Kapitalstock" in bezug auf Ressourcen, Input/Output-Materialbilanzen, Satellitensysteme oder das "Ökosozialprodukt" - noch erhebliche Probleme im Hinblick auf die unzureichende Datenlage oder Methodenfragen auf. Hier sollen die schon praktizierte Zusammenarbeit und der Informationsaustausch mit dem federführenden Statistischen Amt der Vereinten Nationen intensiviert werden.

Um derartige Bilanzierungen durchführen zu können, ist ein geeigneter Satz von Indikatoren erforderlich, mit dessen Hilfe ökologische Veränderungen und deren Einflußfaktoren gemessen werden können. Damit können im Prinzip Informationen auf der einen Seite für die politische Festlegung von Zielgrößen und auf der anderen Seite für die Evaluierung durchgeführter Maßnahmen bereitgestellt werden. Um jedoch eine adäquate Zustandsbeschreibung in bezug auf "Sustainability" geben zu können, müssen auch soziale und ökonomische Indikatoren hinzukommen. Damit nehmen natürlich die Komplexität und auch die Probleme zu, wird doch gerade in diesem Bereich noch sehr kontrovers diskutiert, was die Auswahl solcher Indikatoren und ihre jeweilige Gewichtung anbelangt. Die Regierung wird zunächst - unter Federführung des Energieministeriums - eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel einrichten, einen Satz von ungefähr 20-30 ökologischen Schlüsselindikatoren auszuwählen. Dabei soll der Notwendigkeit einer potentiellen regionalen Differenzierung dieser Indikatoren durch Kooperation mit einer schon bestehenden Gruppe Rechnung getragen werden, die sich im Rahmen der Local Agenda 21 mit Sustainability-Indikatoren auf der lokalen Ebene beschäftigt.

Bibliographische Angaben

HMSO (Her Majesty's Stationary Office) (ed.): Sustainable Development - The UK Strategy. London, 1994, 268 S. ISBN 0-10-124262-X

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