Fritz Gloede
Fritz Gloede
(* 7.3.1947 † 2.10.2015)
von Armin Grunwald, Karlsruhe
Fritz Gloede, Diplom-Soziologe, gehörte zu der Generation der Technikfolgenabschätzung in Deutschland, die an der Etablierung von TA maßgeblich beteiligt war. Seit den 1980er Jahren hatte er zur TA gearbeitet, zum einen in konkreten Projekten wie etwa zur Biologischen Sicherheit oder zur Endlagerung radioaktiver Abfälle. Zum anderen, und das dürfte bei vielen in der Erinnerung dominant sein, arbeitete er zu theoretischen und konzeptionellen Fragen der TA, wie etwa zur Folgenorientierung. Der Titel „Unfolgsame Folgen“ einer seiner späten Artikel ist sprichwörtlich geworden. Fritz Gloede verstarb am 2. Oktober 2015 in Minden.
Fritz Gloede war von 1981 bis 2012 Wissenschaftler am ITAS bzw. seiner Vorgängereinrichtung AFAS. In seinen Arbeiten warf er klassische und bis heute relevante Fragestellungen auf, wie etwa die nach dem richtigen Zeitpunkt für TA oder die nach den gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit von TA. Weil es aufgrund der Kontextbezogenheit der TA kein Idealkonzept geben könne und sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für TA in permanentem Wandel befinden, müsse TA heuristisch ausgerichtet sein. Dabei jedoch sei ständige Reflexion auf den jeweils konkreten Forschungsgegenstand erforderlich, aber auch die Reflexion der Bedingungen, TA in dem jeweiligen Kontext überhaupt durchführen zu können. Dem Zusammendenken dieser beiden Ebenen der Reflexion galt sein theoretisches Engagement für die TA. Fritz Gloede verstand TA in diesem Sinne als reflexives wissenschaftliches Konzept, das inmitten gesellschaftlicher Problemlagen darauf angewiesen ist, selbstreflexive Deutungsversuche zu unternehmen und den Rahmen auszuweisen, vor dem sie ihre Reflexionen anlegt und in dem sie ihre Ergebnisse als legitim erweisen kann. Diese theoretische Positionsbestimmung für TA weist auf die Notwendigkeit der ständigen Reflexion des Verhältnisses von Theorie und Praxis hin – einer Reflexion, die gelegentlich als Last und Zumutung empfunden wird, sowohl in der TA als auch außerhalb, die aber trotzdem eine Notwendigkeit bleibt, soll nicht TA ihren eigenen diskursiven und demokratietheoretischen Idealen untreu werden.
Diese früh angestellten Überlegungen sind erstens weiter aktuell, da die Positionsbestimmung der TA immer wieder zwischen den Rollen des Beobachters, des Erforschers oder des Betroffenen austariert werden muss. Zweitens geben aktuelle Debatten zur Rolle der Wissenschaft angesichts der Transformationserfordernisse hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft Anlass, die entsprechenden Überlegungen von Fritz Gloede aufzugreifen und fortzuführen.
Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten zieht, ist „Partizipation“. Hier ging es Fritz Gloede immer um die Verteidigung eines demokratietheoretisch starken Partizipationsbegriffs als einer Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Die seit Jahren zu beobachtende Karriere des Partizipationsbegriffs in Verbindung mit seiner Entleerung von jedwedem Inhalt war ihm ein Gräuel.
Fritz Gloede war der TATuP eng verbunden, ob nun als Autor, als ausgesprochen kritischer Gegenleser von Texten oder auch als Ratgeber für die Redaktion in „schwierigen Fällen“. Legendär waren und sind einige seiner Rezensionen. Jemand sprach einmal von Fritz Gloede als „Reich-Ranicki der TA“. Von Fritz Gloede rezensiert zu werden, war eine Ehre, führte aber bei den Rezensierten auch zu Sorgen vor sprachgewaltigem und scharf argumentiertem „Verriss“.
Im Institutsalltag des ITAS galt Fritz Gloede als eine Art Faktotum, als bis in Kleidung und Habitus hinein sichtbarer Exponent der 68er-Bewegung. Die Bezeichnung „Alt-68er“ hätte Fritz jedenfalls nicht als Beschimpfung, sondern als Anerkennung verstanden, nie jedoch in einem dogmatischen Sinne, sondern streng dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) verpflichtet. Ich habe mehrfach miterlebt, wie er in Diskussionen eine Position klaglos geräumt hat, wenn ein „besseres Argument“ auftauchte. Das ist Wissenschaftler-Ethos, wie man es nicht oft findet. Wir werden Fritz Gloede vermissen, in wissenschaftlicher wie in persönlicher Hinsicht, und ihn in dauerhafter und ehrenvoller Erinnerung behalten.