Multimedia vor Augen, die Folgen im Rücken?

Schwerpunktthema: Multimedia

Multimedia vor Augen, die Folgen im Rücken?

Ergebnisse der TAB-Studie zu Multimedia

von Ulrich Riehm (ITAS)

Im Auftrag des Ausschusses für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages führte das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag ein Projekt zu den Chancen und Herausforderungen von Multimedia durch. Der Abschlußbericht zur Vorstudie wurde im Mai vorgelegt. Ein Videoband mit exemplarischen Anwendungsbeispielen ergänzt den gedruckten Bericht (siehe bibliographische Angaben).

In der Studie wurden im wesentlichen die Erfolgsaussichten von Multimedia im geschäftlichen, privaten und öffentlichen Bereich - d.h. in konkreten Anwendungskontexten - untersucht, die Zukünfte der fast schon klassischen Medien Fernsehen und Hörfunk (Stichworte: interaktives TV, digitaler Rundfunk) erörtert und multimediales Lernen und Rezipieren auf seine Grundlagen und Aussichten hin beleuchtet. Einige uns wichtig erscheinende Ergebnisse, z.T. zugespitzt formuliert, wollen wir in den TA-Datenbank-Nachrichten zur Diskussion stellen.

Drei technische Konfigurationen - eine Multimedia-Diskussion

In der Multimedia-Diskussion erspart man sich viel Konfusion, wenn von vornherein drei technische Konfigurationen klar unterschieden werden: 1) Personal Computer mit CD-ROM (oder vergleichbaren Speichermedien); 2) netzgestützte schmalbandinge und 3) breitbandige Anwendungen. Nur die letztgenannten Bereiche - vor allem 3) - sind politisch und gesellschaftlich brisant, weil hier auf verschiedenen Ebenen Diskussions- und Regelungsbedarf herrscht.

Der erstgenannte Bereich, PC und CD-ROM, der also von Telekommunikationsnetzen unabhängig ist, entwickelt sich, unterstützt durch Verlage und neue Anbieter, mit großer Dynamik. Dies gilt sowohl für den Unterhaltungssektor als auch für das Lernen, sei es im schulischen, fachlichen oder im Weiterbildungskontext.

Auf der Grundlage des ISDN-Netzes steht eine ausgebaute schmalbandige Netzinfrastruktur zur Verfügung. Auf dieser Basis entwickeln sich sowohl im geschäftlichen als auch im privaten Bereich eine Fülle von Anwendungen. Allerdings spielen aufgrund der beschränkten übertragungskapazitäten multimediale Elemente keine dominierende Rolle.

Im breitbandigen Bereich gibt es dagegen noch keine allgemein verfügbare und bezahlbare Netzinfrastruktur für interaktive Multimedia-Dienste, wie sie z.B. für Tele-Shopping, "video on demand" oder Tele-Lernsysteme benötigt würde. Damit ist auch kurzfristig nicht zu rechnen. Ein Grund sind die immensen Investitionskosten - Experten gehen von Gesamtkosten von über 200 Mrd. DM für eine breitbandige, interaktive Multimedia-Infrastruktur aus. Ein anderer Grund liegt darin, daß sich unter den vielen derzeit diskutierten Alternativen bislang keine einzelne als die klar zu präferierende abzeichnet.

Multimedia in geschäftlichen Anwendungen

Bei den geschäftlichen Anwendungen interessierte nicht zuletzt, inwieweit die Industrie Multimedia selbst anwendet. Von einem breiten Multimedia-Einsatz oder von einer bevorstehenden Einsatzwelle kann nicht gesprochen werden. In einzelnen Bereichen werden Videokonferenzen oder Bildkommunikation und Tele-Kooperation am Computer durchgeführt. Multimedia ist keineswegs die Lösung für alle Kommunikations- und Interaktionsprobleme. Die Wirtschaft strebt vielmehr in vielen Bereichen hochformalisierte und automatisierbare Verarbeitungsprozesse an. Doch gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Branchen: Banken, Versicherungen, Versandhandel, Werbe- und Verlagswirtschaft und Touristik erscheinen als Bereiche mit guten Bedingungen für Multimedia-Anwendungen. Generell wird im Bereich der Aus- und Weiterbildung verstärkt Multimedia eingesetzt.

Interaktives Fernsehen im Privatbereich

Der private Anwendungsbereich steht zwar im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, aber die tatsächliche Entwicklung rechtfertigt dieses breite Interesse keineswegs.

Das breite Interesse mag aus den hohen technischen Anforderungen verständlich werden sowie aus den Hoffnungen auf einen lukrativen Massenmarkt. Das Leitbild ist das "interaktive Fernsehen", die am häufigsten genannte Anwendung der individuelle Abruf von Filmen, das "video on demand". Erste Erfahrungen aus den deutschen Pilotversuchen, vor allem aber Erfahrungen aus schon länger laufenden Pilotversuchen in England und den USA zeigen, daß die Probleme der Etablierung solcher Dienste in einem geeigneten und ansprechenden Angebot liegen und bei der nutzungsgerechten Aufbereitung und Strukturierung; aber auch rechtliche, technische und wirtschaftliche Fragen spielen eine Rolle.

Als "interaktives"Medium, kann sich das Massenmedium Fernsehen tendenziell zum individuellen Kommunikationsmittel umformen. Dann greifen die herkömmlichen rechtlichen Regelungen nicht mehr, die von einer strikten Trennung beider Bereiche ausgehen. Ein entsprechender politischer Handlungsbedarf zeichnet sich ab. Viele Experten gehen heute davon aus, daß sich breitbandige, multimediale, interaktive "Heim-Dienste" keinesfalls vor dem Jahr 2005 etablieren werden.

Die Diskussion um Multimedia im Privatbereich kann und muß allerdings auch vor dem Hintergrund und im Zusammenhang mit den Bestrebungen, den Telefon- und Telekommunikationsmarkt zu liberalisieren und neu zu formieren, gesehen werden. Vor allem anderen geht es dabei um Anteile am weiterhin expandierenden Telefongeschäft und um neue Vertriebskanäle für alte Produkte.

Digitales Radio

In der Multimedia-Diskussion erscheint das Radio nur am Rande. Unter dem Einfluß von Multimedia könnte sich dieses Medium und diese soziale Institution völlig verändern. Am Beispiel des Radios wie auch des Telefons läßt sich zeigen, wie durch die allgemeine Digitalisierung der Kommunikationsdienste und Medien die Gefahr entsteht, daß bisher gut abgegrenzte "Alltags-Institutionen", die Hörfunk und Radio zweifellos sind, in der Fülle alternativer Dienste, Netze und Technologien ihr eigenständiges Profil verlieren können. Mit den neuen digitalen Radioformen sind immer auch Zusatzdienste (Datendienste) verbunden, die im Hörfunk bisher unbekannt waren.

Möglicherweise steht die Herausbildung eines neuen "Hörfunkparadigmas" auf der Tagesordnung. Computerisierung des Hörfunks meint eben nicht einfach den Einzug des Mikrochips in Hörfunkproduktion und Rezeption, sondern führt im negativen Sinn zum Kampf um "Plattformen, Visionen und Generationen", den auch eine industriepolitisch motivierte Technologiepolitik, wie das DAB (Digital Audio Broadband) zeigt, nicht ausschaltet. Der Erfolg von DAB ist momentan weder in Europa noch weltweit gesichert. Positiv gewendet bedeutet die Computerisierung des Hörfunks selbstverständlich auch das Auftauchen neuer Möglichkeiten, die kreativ und produktiv erprobt und genutzt werden können.

Multimedia im öffentlichen Bereich

Für den öffentlichen Bereich halten wir dafür, daß sich durch Multimedia eine Reihe von Chancen, z.B. in der Leistungsverwaltung, im Planungsbereich oder bei der politischen Willensbildung ergeben. Aber gerade hier ist zu betonen, daß Multimedia nicht die Haupttriebkraft für solche Innovationen sein kann. An Visionen, durch neue Medien Partizipation und ein besseres Leben im Alltag und Beruf, Nachbarschaft und im politischen Gemeinwesen zu fördern, fehlt es nicht. Lagen früher die Haupthindernisse für die Realisierung dieser Hoffnungen bei "der Technik", sind es heute eher eine zu geringe Reformbereitschaft und mangelnde Konzepte, wie die technischen Innovationen mit sozialen Reformen zu verknüpfen wären. Es wird deutlich, daß es nicht allein darum gehen kann, eine neue Technik zu etablieren, sondern daß multimediale Anwendungen eine umfassende Organisationsaufgabe darstellen. Dies wird häufig noch unterschätzt.

Multimediales Lernen

Die Popularität von Multimedia verdankt sich zu einem guten Teil der Plausibilität der These, daß "mehr Medien mehr bringen". Diese naiv-psychologische These läßt sich auf dem Hintergrund der aktuellen Forschung nicht halten, die klar auf die Bedeutung der inhaltlichen, methodisch-didaktischen und kontextuellen Faktoren verweist. Von einer "Multimedia-Didaktik" kann heute noch nicht gesprochen werden. Da der fachliche Kontext, die Lernziele, der Aufgaben- und Ausbildungszusammenhang, die curriculare Einbindung und andere Faktoren mehr zu berücksichtigen sind, wird diese Mediendidaktik immer bereichsbezogen und eine nur heuristisch zu verstehende Kunstlehre sein. Die für Multimedia zentralen Aufgaben betreffen dabei in erster Linie gerade das noch weitgehend unaufgeklärte Zusammenspiel der unterschiedlichen Medien und die Wirkweise der interaktiven und simulativen Komponenten.

Ob mit Multimedia besser und nachhaltiger gelernt werden kann, hängt von vielen Einzelfaktoren ab. In der Regel ergibt sich aber eine deutliche Zeiteinsparung. Da die Entwicklung multimedialer Lernsysteme aufwendig und teuer ist, rechnen sich entsprechende Anwendungen erst bei hunderten von zu schulenden Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Große Unternehmen bzw. Organisationen haben insoweit bessere Einsatzbedingungen. In der beruflichen Aus- und Weiterbildung ist mit einem verstärkten Einsatz von Multimedia zu rechnen.

Multimedia ist auch eine Frage der Herausbildung einer geeigneten "Mediensprache" und von Rezeptionsformen. Ohne daß hierzu überzeugende Konzepte entwickelt werden, wird sich Multimedia kaum durchsetzen können. Wie andere Medien - Film, Radio, Fernsehen - ihre eigenen Formen erst langsam herausbilden mußten, stellt sich diese Aufgabe auch den interaktiven, multimedialen Diensten und Angeboten.

Bibliographische Angaben 

Riehm, U.; Wingert, B.: Multimedia - Mythen, Chancen und Herausforderungen. TAB-Arbeitsbericht Nr. 33. Bonn: Mai 1995.

Der Bericht ist derzeit vergriffen, wird ab Herbst 1995 allerdings als Verlagspublikation des Bollmann Verlags, Mannheim, wieder verfügbar sein.

Kontakt

Ulrich Riehm
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-23968
E-mail: ulrich riehm∂kit edu