Die Strukturierung des Untersuchungsprogramms in Diskursverfahren zur Gentechnologie

Schwerpunktthema Diskursive TA-Verfahren

Die Strukturierung des Untersuchungsprogramms in Diskursverfahren zur Gentechnologie

Unausgeschöpfte analytische Potentiale von TA als strategischem Rahmenkonzept am Beispiel des WZB-Verfahrens zu gentechnisch veränderten herbizidresistenten Pflanzen und des Diskursprojektes "Gentechnologie in Niedersachsen".

von Thomas Saretzki, Universität Hamburg

Ob die Politik der runden Tische ihre Zukunft noch vor sich hat, scheint in der zweiten Hälfte der 90er Jahre nicht mehr so sicher, wie manche Protagonisten in der Euphorie von 1989 zunächst glauben mochten. Integrationsorientierte, partizipative Formen der Problembewältigung beginnen ihren Eigenwert zu verlieren. Das Politikmodell des Runden Tisches versteht sich nicht mehr von selbst. Was kurz nach 1989 noch allenthalben als Problemlösungsmuster unmittelbar und ohne weitere Begründung einleuchtete, muß sich jetzt im Bezugssystem politischer Zweckrationalität begründen und behaupten. Und dies in zweierlei Hinsicht: Partizipative Politikformen müssen nicht nur den Filter der machtorientierten Kalküle von strategisch handelnden Akteure durchlaufen, die für eine Mitarbeit gewonnen werden sollen. Sie müssen ihre Leistungsfähigkeit auch nach außen plausibel machen können - gegenüber einer Öffentlichkeit, die nicht mehr ohne weiteres bereit ist, diesem Politikmodell als solchem Kredit einzuräumen (Ueberhorst 1995).

Nachdem die erste Welle von partizipativ angelegten "Experimenten in diskursiver Demokratie" im Bereich von TA vorüber ist, differenziert sich auch die Reflexion über diese Verfahren. Die Diskussion folgt nicht mehr einem einfachen Pro und Contra. Gefragt wird vielmehr: Partizipation und Diskurs - zu welchem Zweck? Genauer: Welches Partizipationsmodell und welcher Kommunikationsmodus wann und wo - für welche Aufgaben?

Da TA-Verfahren in der Regel nicht legitimiert sind, selbst allgemein verbindliche Entscheidungen zu fällen, wird ihre allgemeine Aufgabe im Hinblick auf die Politik meist als Beratung verstanden. Anders als im klassischen Modell der expertenzentrierten Politikberatung können die Beratungsaufgaben bei partizipativen Verfahren aber nicht mehr einfach im Vorwege von den auftraggebenden Klienten vollständig vorgegeben werden. Partizipative TA-Verfahren stehen damit vor der Aufgabe, zunächst einmal unter den Beteiligten eine Verständigung über ihre Aufgabe herstellen zu müssen. Bei dieser Aufgabenbestimmung könnte eine Orientierung an dem "klassischen" Modell von TA als strategischem Rahmenkonzept klärend sein. Zumindest könnte sie helfen, einige blinde Flecken solcher Verfahren frühzeitig aufzuhellen. Das soll im folgenden am Beispiel von zwei relativ prominenten Diskursverfahren zur Gentechnologie illustriert werden.

1. TA als strategisches Rahmenkonzept - eine kurze Erinnerung

Folgt man dem - in der Bundesrepublik inzwischen schon fast "klassischen" - Verständnis von TA als strategischem Rahmenkonzept, dann stellt sich TA als mehrstufiger Untersuchungsprozeß mit mindestens drei analytisch unterscheidbaren Untersuchungsebenen dar (Paschen/Petermann 1991: 20): Es geht darum, 1) die Implikationen von (neuen) Technologien, d.h. die Bedingungen und möglichen Auswirkungen ihrer Entwicklung und (verbreiteten) Anwendung systematisch zu analysieren und zu bewerten (Impact Assessment); 2) die gesellschaftlichen Konfliktfelder, die durch den Technikeinsatz entstehen können, zu identifizieren und zu untersuchen (Konfliktfeldanalyse); 3) alternative Handlungsoptionen und Steuerungsstrategien sowie mögliche Verfahren zur rationalen Konsensfindung und Konfliktregelung aufzuzeigen und zu prüfen (Policy-Analyse).

2. Technikinduzierte TA - ohne Konfliktfeldanalyse?

Wie bereits der Titel zu erkennen gibt, hat sich das diskursive Verfahren zur "Technikfolgenabschätzung des Anbaus von Kulturpflanzen mit gentechnisch erzeugter Herbizidresistenz" am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) ausdrücklich am Konzept einer TA orientiert. Die Antragsteller folgen dabei erklärtermaßen dem Ansatz einer technikinduzierten TA: Das WZB-Verfahren geht von vorhandenen bzw. in der Entwicklung befindlichen Technologien (Herbizidresistenz- und Gentechnologie) aus und fragt dann nach den (möglichen) Folgen ihrer Anwendung (van den Daele 1994).(1)

Vor dem Hintergrund des erwähnten Verständnisses von TA als strategischem Rahmenkonzept wird rasch ein analytisches Defizit deutlich, das in der bisherigen Diskussion kaum berücksichtigt worden ist: Das WZB-Verfahren macht den technikinduzierten Ansatz zwar zur Grundlage seines Untersuchungsprogramms. Das analytische Potential dieses Ansatzes wird dann aber nicht voll ausgeschöft. Vielmehr bleibt eine bestimmte Untersuchungsebene systematisch ausgeklammert.

Betrachtet man das Untersuchungsprogramm des WZB-Verfahrens, wie es sich in den vergebenen Gutachten konkretisiert, vor dem Hintergrund des erwähnten "dreistufigen" TA-Konzepts, dann wird deutlich, daß die zweite Ebene der konflikthaften gesellschaftlichen Vermittlung von technischen Innovationen weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. Das Verfahren ist - analytisch gesehen - gewissermaßen ohne Zwischenschritt in die gesellschaftlichen Konfliktfelder unmittelbar vom technologiebezogenen "Impact Assessment" zur entscheidungsbezogenen Prüfung alternativer Handlungsoptionen und Steuerungsstrategien übergegangen und hat sich dabei insbesondere auf Fragen der rechtlichen Regulierung möglicher Risiken konzentriert. Die akteursorientierte Konfliktfeldanalyse als vermittelnde zweite Ebene hat hingegen in dem Untersuchungsprogramm keine systematische Berücksichtigung erfahren.(2)

Forderungen einzelner Teilnehmer der Vorbereitungskonferenz, "auch politische Fragen, etwa Machtverhältnisse und Handlungsoptionen im Konfliktfeld oder die Interessen und Strategien der beteiligten Akteure zum Gegenstand von Gutachten zu machen", sind von den Antragstellern nicht aufgegriffen worden. "Da diese Fragen durchweg normativ sind," so die Begründung von Wolfgang van den Daele (1994: 119), "können sie nur bedingt empirisch behandelt werden. Aus Proporzgründen wären jeweils Gegengutachten der 'anderen' Seite notwendig gewesen, was den gegebenen Ressourcenrahmen gesprengt hätte."

Dieser nahezu vollständige Verzicht auf eine sozialwissenschaftliche Konfliktfeldanalyse ist nicht überzeugend. Seine Begründung wirft eine Reihe von Fragen auf. Der Ressourcenrahmen für dieses (wie für jedes andere) Verfahren mag zwar in absoluter Höhe "gegeben" und nicht beliebig vermehrbar sein. Innerhalb dieses Rahmens sind aber Prioritätensetzungen nicht nur möglich, sondern auch nötig. Wie man mit diesen Verteilungsproblemen umgeht, ist auch Ausdruck einer vorgängigen Problemsicht über das, was untersuchenswert ist und was nicht. Das Untersuchungsprogramm mit den vorgesehenen Gutachten, welches auf der Vorbereitungskonferenz vorgeschlagen wurde, stellt insoweit eine Art Investitionsprogramm zur Erschließung wissenschaftlichen Wissens dar. Als solches ist es aber nicht alternativlos durch "die Sache" selbst vorgegeben. Dies dennoch zu unterstellen, hieße, einen objektivistischen Fehlschluß zu begehen. Das Untersuchungsprogramm ergibt sich vielmehr - auch innerhalb der Grenzen eines technikinduzierten Ansatzes - durch die Wahl der Fragestellungen, die man für klärungsbedürftig hält.

Die Begründung für den Verzicht auf eine Konfliktfeldanalyse vermag aber vor allem inhaltlich nicht zu überzeugen. Dies gilt zunächst einmal für die These, derzufolge "politische Fragen" nach Machtverhältnissen in einem Konfliktfeld oder nach Interessen und Strategien der beteiligten Akteure "nur bedingt empirisch behandelt" werden könnten, weil sie "durchweg normativ" seien. Ein solches Argument würde, konsequent genommen, der empirischen Politikforschung, letztlich der gesamten empirischen Sozialforschung überhaupt den Gegenstand entziehen - und damit im übrigen auch die Begleitforschung zum WZB-Verfahren selbst per se zu einer wissenschaftlich fragwürdigen Angelegenheit machen. Denn diese befaßt sich mit Fragen, die nach der genannten Begründung wohl kaum anders denn ebenfalls als "durchweg normativ" zu kennzeichnen wären. Machtverhältnisse und Interessenlagen "sind" aber keineswegs nur "normativ". Sie sind zugleich Bestandteil sozialer Realität und als solche nicht nur der Alltagserfahrung, sondern auch einer empirisch orientierten sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich - wenn zuvor nach ihnen gefragt wird. Man kann Macht und Interessen nicht nur als Elemente normativer Ideensysteme analysieren oder sie zum Gegenstand von Werturteilen machen. Sie lassen sich auch beobachten und messen. Man kann versuchen, die Entstehung, Struktur und Funktion von Interessenlagen und Machtverhältnissen zu erklären und mögliche Interessenverlagerungen wie Machtverschiebungen in Abhängigkeit von bestimmten weiteren Faktoren - etwa dem technologischen Wandel - zu prognostizieren.

Solche Beobachtungen und Messungen, Erklärungen und Prognosen werden zwar in der Wissenschaft immer wieder auch kontrovers diskutiert werden. Kontroversen über den Realitätsgehalt von Beschreibungen, die Validität von Aussagen, die Tragweite von Erklärungen oder die empirische Triftigkeit von Prognosen sind allerdings kein Privileg sozialwissenschaftlicher Analysen. Sie finden sich - wie gerade das WZB-Verfahren selbst ja deutlich zeigt - auch in den Natur- und Technikwissenschaften. Der Hinweis, daß "aus Proporzgründen" jeweils Gegengutachten der 'anderen Seite' notwendig gewesen wären, verfängt also bei näherer Betrachtung als Begründung für den Verzicht auf eine Konfliktfeldanalyse überhaupt nicht: Er gilt nämlich grundsätzlich für alle in diesem Verfahren behandelten Fragestellungen, wie sich an der durchgängig praktizierten Struktur von Gutachten und kritischen Kommentar(gutachten) der "anderen Seite" zeigt. Es ist deshalb nicht recht zu sehen, warum das bei den anderen Themen gewählte Verfahren von Gutachten und Kommentar nun gerade für diese Fragestellungen nicht anwendbar gewesen sein sollte. Man hätte durchaus sozialwissenschaftliche Analysen der Konfliktkonstellationen dieses Politikfeldes und ihrer möglichen Veränderungen durch die Einführung dieser neuen Technologie zu Themen von Gutachten und darauf bezogenen Kommentargutachten machen können - wenn man gewollt hätte, d.h. wenn man darin eine wichtige klärungsbedürftige Frage gesehen hätte. Dafür wiederum gibt es allerdings eine Reihe von Gründen. Wie die Voraussetzungen, so sind auch die möglichen Folgen von gentechnischen Innovationen nicht angemessen in ihrem Zusammenhang zu erfassen, wenn man nicht die gesellschaftlichen Bedingungen untersucht, unter denen sie zustandekommen. Warum auf dieses Potential einer sozialwissenschaftlichen Aufklärung in dem TA-Verfahren nahezu vollständig verzichtet wurde, ist mit den vorgebrachten Argumenten jedenfalls nicht überzeugend zu begründen.

Wie eine TA angelegt und wie sie aufgenommen werde, so eine gelegentlich zitierte Einschätzung aus der US-amerikanischen Diskussion, das hänge auch davon ab, welche "Wahrheiten" eine Gesellschaft sich zumuten wolle. Nun mag man die Rede von "Wahrheiten" in diesem Zusammenhang für zu emphatisch halten und statt dessen lieber von Informationen über "Tatsachen" oder "Realitäten" sprechen, denen man sich in einem bestimmten Kontext nicht so gern stellen will. Der Eindruck bleibt derselbe: Ungeachtet aller generellen Betonung der "Informationsorientierung" von TA gibt es doch bestimmte "Sachverhalte", über die man sich in diesem Verfahren offenbar nicht im Detail mit den Mitteln von distanzierten wissenschaftlichen Untersuchungen aufklären lassen wollte. Und diese "Sachverhalte" haben alle mit dem Umstand zu tun, daß technologische Entwicklung (wie Technikfolgenabschätzung) in einer komplex organisierten, pluralistischen und von Wert-, Interessen- und Machtgegensätzen durchzogenen Gesellschaft stattfinden, in der neue Technologien nicht nur allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt hervorbringen, sondern neben Gewinnern meist auch Verlierer zurücklassen.

Nun könnte man an dieser Stelle einwenden, daß der Hinweis auf die fehlende Konfliktfeldanalyse zwar für das Untersuchungsprogramm der TA selbst gelten mag, das gesamte Verfahren wegen seines "experimentellen Charakters" darüber hinaus aber auch die Begleitforschung umfaßt. In dieser Begleitforschung sollten ja gerade die möglicherweise konflikthaften Formen untersucht werden, in denen inhaltlichen Kontroversen ausgetragen werden (Bora/Döbert 1993). Die Konfliktfeldanalyse, so könnte man argumentieren, ist in diesem Verfahren gleichsam ausgelagert worden, indem sie zum Gegenstand der Begleitforschung gemacht wurde. Ist es nicht eigentlich gleichgültig, zumindest aus der Sicht der Öffentlichkeit, die anschließend ja alle Berichte über das Verfahren lesen kann, ob mögliche gesellschaftliche Konflikte nun im Rahmen des TA-Untersuchungsprogramms selbst oder erst im Kontext der Begleitforschung untersucht werden?

Zum einen stellt sich hier die Frage, ob die Kontroversen und Diskursformationen, die in dem Verfahren zu beobachten sind, tatsächlich ein angemessenes Spiegelbild der gesellschaftlichen Konfliktlinien in den entstehenden politischen Arenen außerhalb des Verfahrens darstellen. Daran kann man Zweifel haben, die sich nicht nur aus der besonderen institutionellen Struktur und Aufgabenstellung eines diskursiven TA-Verfahrens im Unterschied zu einem "realen" Konflikt vor Ort (etwa im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens) ergeben. Zweifel an der Repräsentativität einer verfahrensinternen "Konfliktfeldanalyse" durch die Begleitforschung ergeben sich auch, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Teilnehmer nach einem spezifischen Repräsentationsmodell zusammengestellt wurden, das vorwiegend auf vergleichsweise gut organisierte Interessengruppen abstellt, direkt Betroffene und Akteure aus dem politischen Vermittlungssystem aber nicht einbezieht, die in ihren politischen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Verhaltensmustern je eigenen Rationalitätskriterien zu folgen pflegen. Näheren Aufschluß über die "Repräsentativität" der verfahrensinternen Kontroversen für die verfahrensexternen Konflikte könnte hier erst ein Vergleich der verschiedenen Formen der Konfliktaustragung liefern.

Zum anderen verdeutlicht diese Überlegung, und darauf kommt es in diesem Zusammenhang vor allem an, daß das WZB-Verfahren aufgrund seiner experimentellen Struktur im Hinblick auf die Ebene sozialer Konflikte nicht selbstreflexiv angelegt ist: Die Teilnehmer aktualisieren und inszenieren gesellschaftliche Wahrnehmungs-, Wert- und Interessenkonflikte und machen sie damit der sozialwissenschaftlichen Beobachtung durch die Begleitforschung zugänglich. Sie werden aber durch die Struktur des Verfahrens und das vorgeschlagene Untersuchungsprogramm nicht selbst dazu angehalten, die gesellschaftliche Konfliktkonstellation, in der sie agieren, in dem Verfahren als solche reflexiv zum Gegenstand ihres gemeinsamen Diskurses zu machen. Eine solche Selbstreflexion, die auch die soziale Ebene mit einbezieht, setzt zunächst einmal eine gewisse kognitive Distanzierung von dem Konflikt und der eigenen Position in diesem Konfliktfeld voraus, bedingt mithin einen Wechsel aus der Sicht des engagierten Teilnehmers in die Beobachterperspektive. Für einen solchen Perspektivwechsel könnte eine sozialwissenschaftliche Konfliktfeldanalyse Informationen und Beschreibungsmöglichkeiten anbieten. Diese nicht zu nutzen, heißt, auf Angebote und Anreize zur kollektiven Selbstreflexion zu verzichten.

Wenn es zutrifft, wie von vielen Seiten immer öfter zu hören ist, daß viele Diskussionen über die Gentechnologie und insbesondere die immer wieder mit großem wissenschaftlichem Aufwand ausgetragenen Risiko-Kontroversen in vielerlei Hinsicht eigentlich "Stellvertreter-Debatten" sind, hinter denen sich ganz andere gesellschaftliche, politische und kulturelle Konfliktlinien verbergen, dann würde die erste Aufgabe eines reflexiv angelegten TA-Verfahren wohl darin liegen, die Beteiligten dazu anzuregen, dieses Durcheinander verschiedener Diskurse zunächst einmal zu entwirren und auch für Außenstehende nachvollziehbar zu machen. Nun ist auch das WZB-Verfahren ausdrücklich mit dem doppelten Anspruch angetreten, als TA "sowohl der Informationsgewinnung, als auch der rationalen Konfliktbearbeitung" zu dienen (van den Daele 1991: 40). Betrachtet man etwa retrospektive Analysen von alternativen Konfliktregelungsverfahren, dann lautet einer der einschlägigen Befunde, daß die beteiligten Parteien nicht zu einer gemeinsamen Problemlösung kommen konnten, wenn sie nicht zuvor eine geteilte Problemdefinition erarbeitet hatten (Bacow/Wheeler 1984). Für den Bereich von TA ist es mindestens sehr naheliegend, einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Konfliktregelung, rationaler Konfliktbearbeitung und geteilter Konfliktdefinition zu unterstellen (Saretzki 1996). Daß ein TA-Verfahren gerade dann zu einer rationalen Konfliktbearbeitung gelangen und Wege zu einer rationalen Konfliktregelung aufzeigen könnte, wenn die Beteiligten darauf verzichten, auch die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Konflikte gemeinsam zu definieren, das ist hingegen eine These, deren Tragfähigkeit wäre erst noch zu beweisen wäre.

3. Entscheidungsorientierte TA - ohne Policy-Analyse?

Der Ruf nach runden Tischen und partizipativen Formen der Bearbeitung von kontroversen Technologien wie der Gentechnik hat inzwischen auch die Ebene der Bundesländer erreicht. Ein Beispiel für ein ausdrücklich nicht expertenzentriertes, sondern dezentralisiertes und auf breite Partizipation in "geschützten Diskussionsräumen" angelegtes Konzept mit explizit landesspezifischem Bezug bildet etwa das Diskursprojekt "Gentechnologie in Niedersachsen", das in den Jahren 1995-96 an verschiedenen Orten in diesem Bundesland durchgeführt wurde. Die Projektleitung wurde von der Evangelischen Akademie Loccum übernommen, die organisatorische Durchführung lag weitgehend in den Händen eines Beratungsbüros (Hammerbacher Umweltconsult). Die Initiative zu einem diesem Projekt ging von der Landesregierung aus. So hatte der Ministerpräsident Gerhard Schröder 1994 in seiner Regierungserklärung angekündigt, die Landesregierung werde "Foren bereitstellen ... auf denen die Kontroverse zwischen den Mahnern und den Machern ausgetragen werden kann". Diese Debatte müsse "ergebnisoffen" geführt werden.

Das Verfahren setzte sich nicht nur prozeßbezogene Ziele (Beteiligung aller zum Thema Gentechnik meinungsbildenden und betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in Niedersachsen, Erkennen der Gründe für unterschiedliche Interessen und Positionen, Suche und Erkennen von Konsens- und Dissensbereichen, Entwicklung von neuen Instrumenten der öffentlichen Kommunikation zum Thema Gentechnologie). Es sollte im Ergebnis auch dazu führen, Empfehlungen für Entscheidungsträger zu gewinnen, wobei alle Beteiligten zumindest implizit vor allem den Landtag und die Landesregierung im Auge hatten.

Obwohl zahlreiche Gruppen, die der Gentechnik grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, eine Teilnahme ebenso abgelehnt haben wie ein Verband aus dem Bereich der Lebensmittelindustrie, konnten die Veranstalter im Hinblick auf das Ziel einer breiten Partizipation am Ende doch darauf verweisen, daß es ihnen gelungen ist, mehr als 170 Personen aus über 100 verschiedenen Organisationen und Gruppen an irgendeiner Stelle in dem Verfahren zu beteiligen. Von den Teilnehmern der einzelnen Veranstaltungen hat sich niemand über eine gezielte Ausgrenzung bestimmter Themen und Fragestellungen beschwert, sodaß man dem Verfahren auch im Hinblick auf die inhaltliche Agenda eine vergleichsweise große thematische Offenheit nicht absprechen kann. Im Unterschied zum WZB-Verfahren wurden in dem niedersächsischen Diskursprojekt auch Fragen nach der Verteilung von Kosten und Nutzen und daraus resultierende soziale und ökonomische Konfliktlagen direkt zum Gegenstand der Diskussion gemacht (vgl. EAL 1995/96)

Während das Diskussionsklima und die Offenheit des Verfahrens für unterschiedliche Anliegen von den Beteiligten überwiegend positiv beschrieben wurden, fiel die Bewertung des Verfahrens hingegen sehr viel zurückhaltender aus, wenn nach den inhaltlichen Ergebnissen gefragt wurde. Journalistische Beobachter hatten bereits während des Verfahrens kritisch vom immer gleichen Schlagabtausch gesprochen. Will sagen: in dem Verfahren wurden die inzwischen gut bekannten Positionen und Argumentationsmuster der bereits andernorts geführten Gentechnik-Debatte im wesentlichen bloß reproduziert, ohne daß sich bedeutende neue Gesichtspunkte oder nennenswerte grundlegende Klärungsprozesse ergeben hätten. Die erzielten Übereinstimmungen seien sehr allgemein und vage, die wenigen im Konsens formulierten Empfehlungen für Entscheidungsträger vorwiegend appellativ, in ihren praktischen Konsequenzen und Umsetzungschancen jedenfalls weitgehend ungeklärt.

Das Diskursprojekt "Gentechnologie in Niedersachsen" wurde zwar nicht offiziell als TA-Verfahren definiert. Im Hinblick auf den Bezug zu landespolitischen Entscheidungen hätte es allerdings sehr viel mehr zur Klärung von Streitfragen beitragen können, wenn sich die einzelnen Diskursveranstaltungen stärker an einer Definition des spezifisch landesbezogenen Beratungsbedarfes orientiert hätten. Das Diskursprojekt ist zwar mit dem Ziel der Gewinnung von Empfehlungen für Entscheidungsträger angetreten. Bei der Strukturierung des Arbeitsprogramms wurde aber auf eine systematisch angelegte vorgängige Vergegenwärtigung der verfügbaren landesspezifischen Handlungsspielräume und Steuerungsmöglichkeiten weitgehend verzichtet. Mit anderen Worten: Das analytische Potential einer Policy-Analyse (im Sinne der dritten Ebene des strategischen Rahmenkonzepts von TA) blieb ungenutzt.

Der Erkenntnisgewinn eines Vorgehens, dessen Fokus auf die landespolitische Arena ausgerichtet ist, ergibt sich nicht zuletzt daraus, daß die in föderalen Systemen übliche Strategie der Entverantwortlichung von politischen Akteuren durch Verweis auf globale Einflüsse und Zuständigkeiten auf nationaler oder europäischer Ebene in Schwierigkeiten geraten könnte: Für die politische Öffentlichkeit eines Bundeslandes könnte dann klarer erkennbar werden, welche Fragen auf der landespolitische Bühne entschieden werden (können) und welche nicht. Sollte sich dabei am Ende herausstellen, daß die Handlungsspielräume der Landespolitik dabei effektiv nicht so groß (oder so klein) sind, wie die beteiligten Akteure in dem einen oder anderen Kontext manchmal glauben machen wollen, so wäre auch das eine Erkenntnis, aus der man Konsequenzen für die eigene Urteilsfindung ziehen kann.

Anmerkungen

(1) Dieses Vorgehen im Bezugsrahmen eines technikinduzierten Ansatzes ist gleich auf der Auftaktkonferenz von dem Vertreter einer Umweltgruppe grundsätzlich in Frage gestellt worden (vgl. dazu Gill 1991, van den Daele 1994: 112ff.). Auf die grundlegende und schon oft angeprochene Debatte um die Frage technikinduzierter vs. probleminduzierter Ansatz in der TA kann ich in diesem Zusammenhang aus Platzgründen nicht noch einmal näher eingehen.

(2) Ansätze zu einer solchen Analyse lassen sich außer im Gutachten zur Ernährungssicherung in der Dritten Welt von Susanne Neubert und Jürgen Knirsch etwa in dem Gutachten über "betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen" der HR-Technik von Volker Beusmann finden, das allerdings umfangreichere eigene Berechnungen zur betriebswirtschaftlichen Rentabilität der HR-Technik bei verschiedenen Kulturpflanzenarten enthält und Probleme wie mögliche Konzentrationstendenzen in der Saatzuchtbranche und ihre Rückwirkungen auf die mittelständischen Betriebe letztlich nur thematisiert, aber nicht näher analysiert hat.

Literatur

Bacow, Lawrence S./Wheeler, Michael 1984:
Environmental Dispute Resolution, New York/London.

Bora, Alfons/Döbert, Rainer 1993:
Konkurrierende Rationalitäten. Politischer und wissenschaftlich-technischer Diskurs im Rahmen einer Technikfolgenabschätzung von genetisch erzeugter Herbizidresistenz in Kulturpflanzen.
In: Soziale Welt, Jg. 44, H. 1/1993, 75-97.

EAL (=Evangelische Akademie Loccum) (Hrsg.) 1995/96:
Diskursprojekt Gentechnologie in Niedersachsen.
Rundbriefe Nr. 1-4, Rehburg-Loccum.

Gill, Bernhard 1991:
Technikfolgenabschätzung - Modernisierung der Beschwichtigungsrhetorik.
In: GID - Gen-ethischer Informations Dienst, Jg. 7, Nr. 65/66 (März 1991), 15-21.

Paschen, H., Petermann, Th. 1992:
Technikfolgen-Abschätzung: Ein strategisches Rahmenkonzept für die Analyse und Bewertung von Techniken. In: Thomas Petermann (Hrsg.), Technikfolgen-Abschätzung als Technikforschung und Politikberatung.
Frankfurt a.M./New York: Campus, 151-183.

Saretzki, Thomas 1996:
Technologiefolgenabschätzung - ein neues Verfahren der demokratischen Konfliktregelung?
In: Peter Henning Feindt u.a. (Hrsg.), Konfliktregelung in der offenen Bürgergesellschaft.
Dettelbach: Röll, S. 191-213.

Ueberhorst, Reinhard 1995:
Warum brauchen wir neue Politikformen?
In: Akademie der Politischen Bildung (Hrsg.), Reform des Staates - neue Formen kooperativer Politik, Bonn.

van den Daele, Wolfgang 1991:
Zum Forschungsprogramm der Abteilung "Normbildung und Umwelt", Berlin: WZB.

van den Daele, Wolfgang 1994:
Technikfolgenabschätzung als politisches Experiment. Diskursives Verfahren zur Technikfolgenabschätzung des Anbaus von Kulturpflanzen mit gentechnisch erzeugter Herbizidresistenz.
In: Gotthard Bechmann/Thomas Petermann (Hrsg.), Interdisziplinäre Technikforschung. Genese, Folgen, Diskurs.
Frankfurt a. M./New York: Campus, 111-146.

Kontakt

Thomas Saretzki
Institut für Politische Wissenschaft
Universität Hamburg
Allende-Platz 1, D-20146 Hamburg