Was kommt nach dem Konsens?

Schwerpunktthema Diskursive TA-Verfahren

Was kommt nach dem Konsens?

Bemerkungen zum Diskurs über diskursive Technikfolgenabschätzung

von Fritz Gloede, ITAS

1. Dissens-Konsens-Dissens

Am Anfang war Dissens. Diese an ein differenztheoretisches Credo erinnernde Beobachtung ist zu machen, wenn man auf den Beginn der neuerlichen Suche nach Konsens in den gesellschaftlichen Kontroversen über Technik zurückblickt. So weit ich sehe, neigte sich die Hegemonie des "Technikgestaltungs-Diskurses" bereits Ende der achtziger Jahre dem Ende zu, während zugleich der Ruf nach gesellschaftlicher Konsensbildung immer nachdrücklicher erschallte (Gloede 1994a). Die nicht zuletzt von der Technikgeneseforschung weit geöffneten "windows of opportunity", die die Sicht auf Wahlmöglichkeiten unter einer Vielzahl von Entwicklungsoptionen freigeben sollten, schlossen sich bereits, bevor der Sturm der bekannten Standortdebatten zu tosen begann, diesem sozio-politischen Vorboten einer globalen Klimakrise. Immer klarer trat eine veränderte Auffassung zutage, derzufolge technische Innovation sich ungehindert durch staatliche Hemmnisse und gesellschaftliche Konflikte ihre Bahn brechen müsse. Dies ging einher mit einer Rückstufung der Vorsorge-Aufgabe und dem Bekenntnis zu Technikchancen, die nun einmal nicht ohne Risiken zu haben seien. Weniger der Segen, den Technik einmal dargestellt haben sollte, wurde beschworen als vielmehr die blanke Überlebensnotwendigkeit für Deutschland im Konkurrenzstrudel der Weltmärkte. Dafür mußte nun "Konsens" eingefordert werden - und diese Forderung stieß, wen wundert's, bereits früh auf Widerspruch. "Was ohnehin geschieht, soll nicht bloß hingenommen werden. Was man stillschweigend vorausgesetzt hatte, die sogenannte Akzeptanz, wird nun ausdrücklich erbeten", schrieb Konrad Adam bereits 1991 in der FAZ. Sicher hat auch ihm die Erfahrung mit der Atomkontroverse zu der Einschätzung verholfen, daß der Wunsch nach allgemeiner Zustimmung häufig mit der Drohung verbunden ist, "die Widerwilligen für bösartig oder für schwachsinnig zu erklären." In politischen Verlautbarungen wird dieser Zusammenhang gelegentlich wenig verbrämt ausgesprochen. So sieht der BMWi-Entwurf für den Bericht der Bundesregierung "Info 2000" es als entscheidend für den Erfolg der Informationsgesellschaft an, daß "in breiten Kreisen der Bevölkerung (...) eine positive Grundhaltung gegenüber den modernen Informationstechniken" herrsche und die Bürger bereit seien, "die damit verbundenen Veränderungen zu akzeptieren und aktiv mitzugestalten." Daher(!) halte es die Bundesregierung für "erforderlich, auch in Deutschland einen Dialog mit allen betroffenen gesellschaftlichen Gruppierungen" zu führen (BMWi 1995).

Sozialwissenschaftliche Entwürfe für Kommunikationsstrategien tun sich dagegen meist etwas schwerer. In einem Teilbericht der groß angelegten Technikfolgenabschätzung des Schweizer Wissenschaftsrats wird zur "Kommunikation als Mittel der Gentechnikgestaltung" postuliert, diese habe "nicht zum Ziel, Akzeptanz zu schaffen, sondern (!) sie soll die Grundlagen liefern, auf denen gesellschaftlich akzeptable Entscheidungen über die Anwendungen der Gentechnik möglich sind." (Brauchbar/Stöcklin 1996, S. IV). Daß solche Entscheidungen bereits gefallen sind und ständig weiter fallen, scheint die Autoren jedenfalls nicht zu beirren.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig erstaunlich, daß der Dissens zum Konsens erneuert wird - erstaunlicher weit mehr, daß dies verhältnismäßig selten geschieht. Man muß wohl der SPD-Grundwerte-Kommission angehören, um sich an Grundnormen parlamentarischer Demokratie zu erinnern; sei es an die im Gegensatz zu "Konsensrunden" unstrittige demokratische Legitimation der gewählten Volksvertretung, sei es an die Form demokratischer Mehrheitsentscheidungen zu kontroversen policy-Optionen, welche von der unterlegenen Opposition keineswegs verlangen, ihre Präferenzen aufzugeben "und anschließend Konsenslieder anzustimmen." (Moths 1996).

2. Demokratie mit beschränktem Konsensbedarf

Moths macht in seiner Polemik gegen die Sehnsucht nach Konsens darauf aufmerksam, daß diese selten zufällig auftritt und historisch in der Regel Krieg, Krisen und Konflikte ihre Auslöser sind. Insofern Konsens-Appelle Teil von Machtpraktiken sein können, die - wie auch Adam meinte - zur Akzeptanz ungeliebter Maßnahmen drängen und Widerständige in die Nähe zu Volksfeinden oder irrationalen Sachzwang-Leugnern rükken, stellt sich umso schärfer die Frage, ob und unter welchen Umständen denn der reklamierte Einigungsbedarf aus dem Elend fortdauernden Konflikts überzeugend hervorgeht oder nicht vielmehr von interessierten "Experten" mit dem Verweis auf unaufschiebbaren Handlungsdruck inszeniert wird. Selbst Moths' Appell an den bewährten parlamentarischen Wechsel zwischen Regierung und Opposition beruft sich implizit ja auf einen elementaren Konsens zur Verfassung des demokratischen Rechtsstaats, der bei genauerer historischer Betrachtung freilich auch unverkennbare Züge eines Kompromisses trägt. Moths' Behauptung, daß Kompromiß und Konsens "durch Welten getrennt" seien, ist zwar mit Blick auf die von ihm anvisierte Entscheidungsbeteiligung konfligierender Akteure verständlich, läßt sich bei weiterer Überlegung jedoch nicht unbedingt aufrechterhalten. Die demokratische Anerkennung alternativer Handlungsoptionen muß ebenso wie die Schließung akzeptierter Kompromisse auf allgemeiner gehaltene Konsensbestände rekurrieren. Ob solche Konsensbestände einer "diskursiven" Überprüfung hinsichtlich ihrer Vernünftigkeit und Gerechtigkeit standhalten oder durch (organisierte) Diskurse zu erneuern wären, steht auf einem anderen Blatt. An einer Leistungsfähigkeit der "Kraft des zwanglosen Arguments", wie Habermas sie mit seiner Diskurstheorie der Moral und seiner Vernunftbegründung des demokratischen Rechtsstaats (vgl. Habermas 1996) für möglich hält, sind immer wieder Zweifel geäußert worden.

Unter dem Eindruck verschiedener Einwände räumt Habermas durchaus ein, daß der letztlich geforderte Konsens vornehmlich die rechtsstaatlichen Verfahren und weniger die in diesen Verfahren produzierten Entscheidungen legitimieren können müßte. Durch zeitliche und institutionelle Restriktionen bedingt, begründeten diese Verfahren überdies "keine gültigen Ergebnisse, sondern begründen nur die Vermutung auf deren Rationalität", was günstigenfalls zu "rational akzeptablen" Entscheidungen führe, denen gegenüber Vorbehalte seitens Minderheiten bis hin zum Protest durchaus legitim seien (a.a.O., S. 343).

3. TA zwischen Politik und Forschung

Angesichts der zweifellos technikpolitischen Bedeutung von Technikfolgenabschätzung, deren Verhältnis jedoch in der Differenz von Einheit und Differenz zu sehen ist (Gloede 1994a), geht vielen neueren Forderungen die Differenz im Überschwang der Erwartungen verloren. Nur so scheint es verständlich, daß Partizipation an TA häufig als Beitrag zur "Demokratisierung" verstanden wird (Gloede 1994b). Umgekehrt etikettieren sich zahlreiche Versuche zu öffentlichen Dialogen, Verhandlungen und "runden Tischen" über Techniklinien oder Großprojekte, die unmittelbar als Veranstaltungen im Vorfeld politischer und administrativer Entscheidungen durchgeführt werden und häufig auf eine Initiative der entsprechenden Entscheidungsträger zurückgehen, gern als partizipative Technikfolgenabschätzung. Gemeinsam ist diesen Unternehmungen meist, daß sie weniger problemorientierte und entscheidungsberatende Forschung selbst organisieren und durchführen, als vielmehr sich auf solche (vorgängige) Forschung stützen müsen. Experten werden geladen und müssen sich kritischen Fragen stellen. Wesentliche Unterschiede zur TA-Vorstellung des klassischen "strategischen Rahmenkonzepts" bestehen jedoch in mindestens zweierlei Hinsicht:

Damit trägt das klassische Konzept sowohl der grundsätzlichen Differenz von Wissenschaft und Politik Rechnung als auch der Pluralität politischer Präferenzen und Akteure. In diesem Zusammenhang sollte man sich übrigens daran erinnern, daß das TA-Konzept in seiner Frühphase, vor dem Hintergrund der damals noch bestehenden - tendenziell technokratischen - Planungseuphorie eine solche Bescheidenheit keineswegs an den Tag gelegt hatte. Damals war durchaus noch beansprucht worden, mittels einer Verwissenschaftlichung von Politik optimale Lösungen identifizieren zu können. Solche Ansprüche verfielen jedoch bald der zersetzenden Kritik - die "Rhetorik von Konsensus-Politik" auf dem Feld von TA wurde gegeißelt (Wynne 1975). Daß heute diese historischen Lektionen vielfach in Vergessenheit geraten sind und "TA als Instrument der Abschätzung und Konsensfindung über Chancen und Risiken" zum Zwecke einer zukunftsorientierten Innovationspolitik zum Programm erhoben wird (sfs 1996), erscheint allenfalls insofern nachvollziehbar, als hier eindeutige Ergebnisse nicht mehr von wissenschaftlicher Autorität - gleichsam ex cathedra - erwartet werden, sondern von einer sozialen Inklusion interessierter und betroffener Bürger. Damit geht freilich eine Radikalisierung jener Bifurkation einher, die für den Institutionalisierungsprozeß von TA in Europa nachgezeichnet wurde - einer Bifurkation zwischen entscheidungsbezogener wissenschaftlicher Politikberatung und eher öffentlichkeitsbezogenen Aktivitäten, deren politikberatende Funktion weniger in wissenschaftlichen TA-Studien als vielmehr in der Organisation sozialer Kommunikationsprozesse gesehen werden wollte (vgl. Schmittel 1992, Gloede 1994a). In den Niederlanden hat diese Bifurkation sogar unmittelbaren institutionellen Niederschlag gefunden. Unverkennbar ist allerdings nach den bisherigen Erfahrungen, daß die hier praktizierten Verfahren (Konsensuskonferenzen, Bürgerforen etc.) keineswegs immer den Erwartungen auf "Konsens" gerecht werden. Auch sie produzieren nicht selten Minderheitsvoten und reproduzieren so Optionenvielfalt. Sind - wie bei Mediationen - organisierte Akteure an diesen Prozessen beteiligt, enden sie gelegentlich in einer Reproduktion des Ausgangsdissens'.

4. Konkurrenz oder Komplementarität?

Trotz der zweifellos bestehenden Differenzen zwischen dem klassischen TA-Konzept und dem bereits als neues "Rahmenkonzept" erwogenen "TA-Diskurs" müssen sich diese Konzepte nicht zwingend ausschließen. Auf wissenschaftlichen Input kann die Organisation sozialer Kommunikationsprozesse so wenig verzichten, wie es die Herstellung von "Konsens" gewährleisten kann. Im Fall von lokalen oder regionalen Mediationsprozessen, wo das Erzielen einer einvernehmlichen Lösung (etwa zu Standorten für technische Anlagen) Erfolgkriterium ist, wird man im Falle fortbestehenden Dissens' allerdings von einem Scheitern sprechen müssen.

Der Partizipationsgedanke andererseits ist bekanntlich dem klassischen TA-Konzept keineswegs fremd; er steht hier jedoch in einem funktionalen Kontext bei der Produktion kompetenter, praktikabler und möglichst auch legitimer Handlungsoptionen (Gloede 1994b). Ob die unter der Flagge einer "demokratisierten" Technikpolitik segelnden Versuche zur Organisation von Verhandlungen, Dialogen und Diskursen dem so transportierten Anspruch auf Entscheidungsberücksichtigung auf Dauer werden standhalten können, ist eher fraglich. Daran lassen jedenfalls sowohl die mit dem Diskursgedanken verbundene Aspiration auf moralische, wissenschaftliche oder rechtliche Verbindlichkeit seiner Resultate als auch die mit dem Demokratiebegriff einhergehende Implikation von Mehrheitsherrschaft zweifeln. Tatsächlicher Einfluß der Öffentlichkeit auf Entscheidungen, soweit er durch rechtlich institutionalisierte Verfahren im Ansatz eröffnet ist, wird in Zeiten der Standortkonkurrenz ja eher als hinderlich angesehen und in vielen Bereichen zurückgedrängt (vgl. etwa: van den Daele/ Neidhardt 1996, S. 48).

Insofern hat das "strategische Rahmenkonzept" der klassischen TA gegenüber den neuen Dialogverfahren vielleicht den Vorzug einer bewußteren Berücksichtigung von "Konfliktfeldern" und realistischen policy-Optionen, wie Saretzki meint (Saretzki 1996, in diesem Heft). Nicht zuletzt die häufig proklamierte "Freiheit" und "Ergebnisoffenheit" der organisierten sozialen Kommunikation scheint es mit sich zu bringen, daß hinsichtlich der realen sozio-politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen blinde Flecke auftreten (vgl. Heisel, 1996, in diesem Heft).

5. Konsensimplikationen klassischer TA

Gleichwohl hat auch das Programm der klassischen TA Probleme mit dem Konsens. Hier soll nur auf die Produktion der Handlungsoptionen hingewiesen werden, die als gleichermaßen mögliche Antworten zu der gestellten Ausgangsfrage verstanden wissen wollen. Zwar läßt dieses Programm es offen, wie die Optionen und ihre erwartbaren Folgen in der sozio-politischen Rezeption (nach unterschiedlichen Präferenzen und Kriterien) bewertet werden. Aber es muß doch unterstellen können, daß diese Optionen sich im Rahmen eines gleichermaßen akzeptierten Möglichkeitsraums bewegen. Wie leicht diese Unterstellung sich als falsch erweisen kann, läßt sich an den energiepolitischen "Pfaden" der ersten Enquete-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik" studieren. Sie hatte mit den 4 Pfaden offensichtlich keinen Konsens auf der Ebene konkreter energiepolitischer Zielsetzungen erreicht, wohl aber auf der Ebene möglicher energiepolitischer Alternativen. Im Kern bestand dieser Konsens darin, daß auch zwei unterschiedliche Wege des (schnellen oder allmählichen) Ausstiegs aus der Atomenergienutzung als vereinbar mit der Aufrechterhaltung des erreichten gesellschaftlichen Wohlfahrtsniveaus anzusehen seien. Dieser in langen Auseinandersetzungen vermittelte Konsens wurde öffentlich alsbald unter dem Druck fortbestehender konfligierender Interessen und Überzeugungen aufgekündigt. Gleichwohl, und dies haben verschiedene Beobachter festgestellt, fand der Konsens seinen Niederschlag in der parlamentarischen Etablierung jener realpolitisch für möglich gehaltenen Alternativen.

Das Beispiel des Atomenergie-Konflikts kann nun mindestens in zweierlei Hinsicht als exemplarisch für einen verständlichen Ruf nach konsensorientierten Diskursen gelten. In kognitiver Hinsicht drehte sich der Streit neben dem fragwürdigen Nutzen der Atomenergie um deren hypothetische Risiken. Dementsprechend kam es schon hier - nach einer längeren Phase konfrontativen Expertenstreits - zu Versuchen einer diskursiven Bewältigung von Unsicherheit. Politisch-praktisch wurde (und wird zuweilen noch heute) beklagt, daß die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen um die Ansiedlung von Atomkraftwerken zu einer Gefährdung der Sozialintegration und zur Blockade jeglicher Entscheidungsoption geführt hätten. Tatsächlich ist bis heute eine gewisse Immobilität in der Atomenergiepolitik nicht zu verkennen. Der Konsens der ersten Enquete-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik" hat jedoch tendenziell dazu geführt, den zunächst "unendlichen Konflikt" um die Atomenergienutzung in einen "endlichen" zu überführen und damit die Auseinandersetzung über Alternativen zukünftigter Energiepolitik zu einem "rationalen Dissens" zu machen (vgl. Miller 1992). Miller hebt bei diesem Begriff die Gleichzeitigkeit von Konsens auf der Ebene kommunikativer Verständigung und Dissens auf der Ebene kollektiver Akzeptanz ausdrücklich hervor. Dabei bezieht sich die kommunikative Verständigung auf eine geteilte Wahrnehmung des Streitgegenstands. Im Konzept der klassischen TA würde man sagen, es wird eine geteilte Problemdefinition gemeinsam mit den Auftraggebern bzw. Adressaten ausgehandelt, vor deren Hintergrund Lösungsoptionen erst als Lösungsoptionen gelten können. In vielen Fällen liegt hierin keine wesentliche Schwierigkeit; über den Horizont des Möglichen und Machbaren besteht im etablierten Parteiensystem vielfach weit mehr Konsens, als dies in Einzelkontroversen erscheint.

Von zwei Seiten her kann diese Voraussetzung jedoch unter Druck geraten:

Unter solchen Bedingungen können bereits bestehende Konflikte virulent werden oder neue in Erscheinung treten, mit der Folge einer nicht mehr selbstverständlichen Entscheidungsproduktion, im Grenzfall einer Entscheidungsblockade. Gleiches läßt sich sicher für wissenschaftliche Kontroversen sagen, insbesondere dann, wenn sie mit sozio-politischen Kontroversen (wie bei der Gentechnik) verzahnt sind. Solche Situationen kognitiver Ungewißheit, normativen Dissens' und praktischer Entscheidungsblockierung könnten als Kandidaten für eine diskursive Bewältigung angesehen werden, bei der ein sicherer Boden für sinnvolle wissenschaftliche Kontroversen, für Konsens über den Dissens und für die Eröffnung praktikabler Handlungsalternativen gesucht wird.

6. Transaktionskosten von Diskursen - zu hoch?

Dem begegnen jedoch zahlreiche Schwierigkeiten. Zunächst einmal ist vorab keineswegs klar, ob eine solche Situation vorliegt und ob insofern wissenschaftliche, ethische oder politisch-praktische Diskurse überhaupt "erforderlich" sind - d.h. im Interesse aller Konfliktbeteiligten liegen. Ganz generell sind prozedurale Lösungen von Konflikten nicht alternativlos, sondern stehen in Konkurrenz zu anderen Strategien (vom passiven Aussitzen im Vertrauen auf die "Macht der Verhältnisse" bis hin zur gewaltsamen Austragung strittiger "Geltungsansprüche"). Ferner sind nicht alle konfliktbewältigenden Verfahrenslösungen sinnvoll als Diskurs anzusehen. Auch wenn über die Leistungsfähigkeit von Verfahren kein generelles Einvernehmen besteht (Bechmann 1996, in diesem Heft), so stellt die Prozeduralisierung von Entscheidungen an sich ja nichts neues dar. Neu sind ggf. die in ihnen erörterten Themen, die einbezogenen Akteure und/oder die Regeln, nach denen Ergebnisse produziert werden. Dies läßt sich für Verfahren der Bürgerbeteiligung, für Mediationen und Standortverhandlungen wie auch für die verschiedentlich geforderten plebiszitären Elemente sagen, die in den bestehenden Verfassungsrahmen zu integrieren wären.

Dementsprechend stoßen etwa Mediationsverfahren mit organisierten Bürgergruppen grundsätzlich auf die gleichen demokratietheoretischen Besorgnisse wie die längst etablierten neokorporatistischen Verhandlungssysteme zwischen Industrie und Verwaltung (van den Daele/Neidhardt 1996, S. 44 ff.).

Die Einigungschancen in solchen - auf erweiterte Reflexion und Inklusion abstellenden - Verfahren sind umso höher einzuschätzen, je mehr sie auf vorgängige Konsensressourcen zurückgreifen können. In manchen Fällen liegt nämlich unstrittiges Vertrauen auf die Wissenschaft, Einverständnis über die generelle Notwendigkeit von Maßnahmen wie zu Verfahren der Klärung verbleibender Interessengegensätze vor. Wo jedoch die kognitiven, normativen und praktischen Konsensreserven weitgehend verbraucht erscheinen, wie dies für längere Zeit im Atomkonflikt ebenso der Fall war wie im Gentechnikkonflikt, reicht die Erweiterung von sozialer Inklusion und kognitiver Reflexion nicht aus. Diskurse zur Wiedergewinnung elementarer Konsensressourcen, so könnte man im Anschluß an Peters vermuten, können sich nicht mit erweiterter Reflexion auf ihren Gegenstand begnügen, sondern erfordern Reflexivität bzw. Selbstreflexivität (Peters 1993, S. 391 ff.). Implizite kognitive, normative und prozedurale Voraussetzungen, die die Diskursteilnehmer mitbringen, müssen - auch in ihren wechselseitigen Bezügen - zum Gegenstand einer zwar nicht grenzenlosen, aber "ergebnisoffenen" Erörterung werden.

7. Prädiskursive Paradoxieproduktion

Ohne hier in eine weitere Differenzierung solcher Diskurse nach ihren primären Bezugsproblemen eintreten zu können, dürfte schon hinreichend deutlich geworden sein, für wie unwahrscheinlich ihr Zustandekommen anzusehen ist. Abgesehen von den Problemen, denen sich jede Prozeduralisierung von Entscheidungen ausgesetzt sieht (vgl. Bechmann 1996, in diesem Heft) muß offenkundig von den Diskursteilnehmern eine weitreichende Bereitschaft erwartet werden, ihre (partikularen) Gewißheiten, Überzeugungen und Positionen zur Disposition zu stellen.

So lassen sich wohl auch die Paradoxien verstehen, auf die van den Daele und Neidhardt Diskurse als besonders anspruchsvolle Versuche, "mit Argumenten Politik zu machen", zulaufen sehen.

Auf der einen Seite scheinen Diskurse, die ja nur mit einer endlichen Zahl von Teilnehmern vorstellbar sind, mit wachsendem internen "Lernerfolg" ihren praktischen Erfolg in der Außenwelt der Konflikte zu unterminieren und damit "den Diskurs als soziales System sprengen." (a.a.O., S. 40)

Auf der anderen Seite läßt sich vermuten, daß die Hoffnung auf diskursive Wiederherstellung von Konsensressourcen umso aussichtsloser ist, je mehr diese eigentlich benötigt würden. "Je grundsätzlicher der Konflikt jedoch ist, - und das heißt: je notwendiger es eigentlich wäre, die Fronten durch Kommunikation in Bewegung zu setzen -, umso wahrscheinlicher ist es, daß er bei formalen Entscheidungsinstanzen außerhalb von deliberativen Verfahren landen wird." (ebd.)

Beide Paradoxien verweisen auf prädiskursive Voraussetzungen von Diskursen, die in der Regel nicht gegeben sind. Gerade sie aber kann der Diskurs nicht aus sich selbst heraus generieren.

8. Klassische TA - revisited

Angesichts solcher Umstände, über die sicher vieles mehr zu sagen wäre - gerade auch in bezug auf das Diskursprojekt des WZB zu gentechnisch erzeugter Herbizidresistenz (vgl. Schomberg 1996, in diesem Heft) - ergibt sich eine für manche sicher überraschende Pointe. Während andernorts noch der Diskurs als mögliches neues Rahmenkonzept für TA erwogen wird, münden die Überlegungen derer, die mehrjährige Erfahrungen mit dem Versuch zu diskursiver TA gemacht haben, in eine vorsichtige Rehabilitation des klassischen TA-Konzepts ein. Da Konflikte nicht nur kognitive, sondern auch normative Dimensionen hätten und letztere Raum für divergierende Wertungen und Interessen ließen, werde der Diskurs "schließlich auf Lösungsalternativen zulaufen, zwischen denen nicht mehr nach Gründen entschieden werden kann." (van den Daele/Neidhardt 1996, S. 39). Letztlich handelt es sich hier um nichts anderes als um die Umschreibung einer "partizipativen" Technikfolgenabschätzung klassischen Zuschnitts, an deren Ende wissenschaftlich unbewertete Handlungsalternativen zur gefälligen Beachtung durch unterschiedliche politische Lager stehen. Dies gilt umsomehr, als die Abwägung zwischen potentiell konfligierenden Zielen und Folgen-Dimensionen "(ökonomische, sozial-politische, ökologische usw.)" meist zu mehreren möglichen Kombinationen führen, "von denen keine als die einzig vertretbare ausgezeichnet werden kann" (ebd.). Zu eben diesem Schluß sind lange vor dem Abschluß des WZB-Projekts bereits recht viele TA-Experten gekommen.

Eine Lösung ggf. drängender Konsensprobleme, wie sie oben (Pkt. 5) skizziert wurden, ist damit freilich nicht verbunden.

Literatur

Brauchbar, Mathis; Stöcklin, Stefan (1996):
Biotechnologie und Lebensmittel. (Teilbericht f): Kommunikation über Bio- und Gentechnologie bei Lebensmitteln in der Schweiz.
Schweizer Wissenschaftsrat/Programm TA (TA 15/1996), Bern.

BMWi (1995):
Info 2000: Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft. (Entwurf), Bonn.

Daele, Wolfgang van den; Neidhardt, Friedhelm (1996):
"Regierung durch Diskussion" - Über Versuche mit Argumenten Politik zu machen.
In: diess. (Hrsg.), Kommunikation und Entscheidung. Politische Funktionen öffentlicher Meinungsbildung und diskursiver Verfahren.
WZB Jahrbuch, Berlin, S. 9 - 50.

Gloede, Fritz (1994a):
Einrichtungen und Arbeitsweisen von TA in den Industrieländern - insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland.
In: Brigitte Fenner (Hrsg.), Technikfolgenabschätzung heute - Akzeptanzsteuerung oder Technikgestaltung?.Marburg, S. 27 - 48.

Gloede, Fritz (1994b):
Technikpolitik, Technikfolgen-Abschätzung und Partizipation.
In: Gotthard Bechmann, Thomas Petermann (Hrsg.), Interdisziplinäre Technikforschung, Frankfurt, S. 147 - 182.

Habermas, Jürgen:
Die Einbeziehung des Anderen.
Studien zur politischen Theorie. Frankfurt 1996.

Max Miller:
Rationaler Dissens. Zur gesellschaftlichen Funktion sozialer Konflikte.
In: Hans-Joachim Giegel (Hrsg.), Kommunikation und Konsens in modernen Gesellschaften.
Frankfurt, S. 31 - 58.

Moths, Eberhard (1996):
Die Sehnsucht nach Konsens kommt wieder stark in Mode - über Kompromiß, Konsens und demokratische Gefahren.
In: Frankfurter Rundschau vom 19.2.1996, Dok., S. 11.

Peters, Bernhard (1993):
Die Integration moderner Gesellschaften. Frankfurt.

Schmittel, Wolfram (1992):
International vergleichende Analyse der Institutionalisierung von Technikfolgenabschätzung.
Hrsg. vom VDI-Technologiezentrum, Düsseldorf.

sfs (Sozialforschungsstelle Dortmund) (1996):
Dialogische Technikfolgenabschätzung in der Bio- und Gentechnologie -
Ein Projekt des Arbeitskreises "Technikfolgenabschätzung und -bewertung" des Landes NRW.

Wynne, Brian (1975):
The Rhetoric of Consensus Politics: A Critical Review of Technology Assessment.
In: Research Policy 4, S. 108 - 158.