Kriterien zur Ermittlung der Technikfolgenabschätzungsrelevanz von Technologieentwicklungsvorhaben

Ergebnisse von TA-Projekten - neue TA-Projekte

Kriterien zur Ermittlung der Technikfolgenabschätzungsrelevanz von Technologieentwicklungsvorhaben

von Peter Ackermann und Gerold Fierment

Die Technologiekonzeption des Landes Brandenburg enthält die Aufgabe, durch Technikfolgenabschätzung (TA) rechtzeitig sowohl langfristige Negativwirkungen als auch positive Verbundwirkungen von Technik- und Technologieentwicklungen zu erkennen. Zur Unterstützung der Durchführung konkreter Technikfolgenabschätzungen wurde folgerichtig als eine Maßnahme zur Umsetzung der Landestechnologiekonzeption deren Förderung festgelegt. Die Federführung hat das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung. Die beabsichtigte proaktive Förderung von TA macht Kriterien zur Ermittlung der TA-Relevanz von Technologieentwicklungs-Projekten notwendig.

Die Technologiepolitik des Landes Brandenburg sieht in der Technikfolgenabschätzung (TA) eine wesentliche Komponente gesellschaftlicher Technikgestaltung. Demzufolge orientiert sich die Landestechnologiekonzeption "Brandenburg auf dem Weg in die Zukunft" darauf, relevante technologische Entwicklungen von Beginn an durch TA hinsichtlich ihrer ökologischen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen zu begleiten und gegenseitige Abhängigkeiten zu ermitteln (innovative TA (1)):

"Das Landestechnologieprogramm wird die Technikfolgenabschätzung berücksichtigen. Es geht dabei darum, langfristige Negativwirkungen, vor allem aber auch positive Verbundwirkungen der Technologien rechtzeitig zu identifizieren und die Fehlallokationen der Ressouren oder gar die Förderung umweltfeindlicher Technologien zu vermeiden. Dabei soll sich die Technikfolgenabschätzung zunehmend als Teil der Technikgeneseforschung begreifen, die die Chancen neuer Technologien in ihrer gegenseitigen Verflechtung als Marktpotentiale und Lösungshilfen begreifen läßt. ... Es wird eine wichtige Aufgabe der zukünftigen Technologiepolitik sein, die Technikgeneseforschung einzubeziehen und rechtzeitig eine Risikoabwägung der unterschiedlichen Chancen der Technologientwicklung vorzunehmen und für den politischen Entscheidungsprozeß relevante Alternativen vorzulegen." (2)

Unter der Zielsetzung, den Technologietransfer im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten, ist die Technikfolgenabschätzung ein wichtiges Element zur gesellschaftlichen Technikgestaltung und deren Projektförderung in der Landestechnologiekonzeption festgeschrieben. Die Federführung liegt beim Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung.

Der TA-Prozeß ist durch folgende Strukturen und beteiligte Akteure gekennzeichnet: Zwischen den TA-Nutzern (Öffentlichkeit, politisch-administrative Ebene), die den Themenfindungsprozeß auslösen und die Ergebnisse für Entscheidungsfindungen verwerten, und den TA-Analytikern (Wissenschaft) bilden die TA-Produzenten das vermittelnde Bindeglied. Sie strukturieren aus einem allgemeinen Problem ein klares Thema und führen am Ende die einzelnen Analysen zu einer bewertbaren Gesamtschau zusammen.

Im hier diskutierten Fall proaktiver TA-Förderung resultiert als neue Problemsituation, daß die politisch-administrative Ebene (ein TA-Nutzer) proaktiv bei der Themengenerierung wirksam werden soll. Dabei könnte die Situation entstehen, daß die Öffentlichkeit als TA-Nutzer den Vorwurf erhebt, TA werde nur als "Akzeptanzvehikel" für Technologieentwicklungen aus Förderprogrammen benutzt. Zur Objektivierung der TA-Relevanz von geförderten Technologieentwicklungen ist deshalb ein geeigneter Kriterienrahmen zu entwickeln. Das muß im Diskurs mit den wesentlichsten Repräsentanten der Öffentlichkeit erfolgen.

Eine erste Analyse der durch Kriterien abzudeckenden TA-Themenfelder und die Eignung ausgewählter Kriterien für die Feststellung der TA-Relevanz von Technologieprojekten war deshalb Gegenstand einer Untersuchung, die von der ÖkoConsens gGmbH im Auftrag des Umweltministeriums des Landes Brandenburg durchgeführt wurde. Um die Standpunkte maßgeblicher künftiger TA-Nutzer zu einem Entwurf eines TA-Relevanzkriterien-Katalogs zu erfassen, wurden Stellungnahmen von Vertretern der administrativen und der politischen Ebene sowie verschiedener Bereiche der Öffentlichkeit erbeten und ausgewertet.

Bei der Auswahl von TA-Relevanzkriterien (Entscheidung über die Problemgenerierung) war zu verlangen:

Für die Ableitung der Relevanzkriterien wurde das Leitbild der nachhaltigen, umweltgerechten Entwicklung gewählt, das auch der Landestechnologiekonzeption in Brandenburg zugrundeliegt und für dessen Operationalisierung in der Bundesrepublik und anderen Staaten bereits Beispiele bestehen. Aufgenommen wurden (im Sinne des induktiven Zugangs) auch Kriterien, die Autoren als Bestimmungsgründe für in den letzten Jahren erarbeiteten TA zu verschiedenen Technikgebieten publiziert haben (Abb.1).

induktiv deduktiv
Vorteil: Konkretheit

Nachteil: nähert sich dem vollständigen Kriteriensatz in (unendlich) vielen Schritten

Vorteil: Ableitbarkeit eines
vollständigen Kriteriensatzes

Nachteil: Abstraktheit

Voraussetzung: klar konturierte
Leitbilder

Interaktives Vorgehen auf beiden Wegen
induktiv deduktiv
Auswertung von TA-Studien
(i. allg. sind die Gründe für TA und ihre
Transporteure schwer zu erkennen)

Ansatz für einen Kriterienkatalog

Befragung von TA-Nutzern

Leitbilddefinition

Ableitung von Zielen

Die Analyse der in TA-Publikationen (vor allem Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg) genannten Beweggründe für TA zeigt: Als ausschlaggebend werden die voraussichtliche Bedeutung der Technikfolgen für die Gesamtgesellschaft oder Teile derselben und der damit zu assoziierende voraussichtliche Handlungsbedarf (z. B. hinsichtlich Strukturwandel mit Folgen für Wirtschaftskraft und Lebensqualität) benannt. Je nach Gegenstand und betrachteten Phasen im Lebenszyklus einer (technischen bzw. technologischen) Entwicklung, deren Folgen untersucht und bewertet werden, stellen sich Handlungsbedarf und Einflußmöglichkeiten der Gesellschaft (Politik, Administration, Wissenschaft, Wirtschaft, Öffentlichkeit) unterschiedlich dar. Demzufolge sind auch die Kriterien für die Ermittlung der TA-Relevanz unterschiedlichen inhaltlichen Ansprüchen hinsichtlich der einzubeziehenden Aspekte und der Kriterienschärfe unterworfen (Kontextabhängigkeit). Diese objektiv differenzierten Ansprüche erfordern Kompromißlösungen.

Hinsichtlich Genauigkeit der auszuwählenden Kriterien war zu berücksichtigen, daß für die Definition/Strukturierung von TA qualitative Methoden dominieren (vgl. z.B. VDI-Richtlinie 3780 (3). Da das TA-Relevanz-Kriterienraster noch vor diesem Schritt im TA-Prozeß wirksam werden soll, können die Relevanzkriterien nur qualitativen Charakter haben.

Aus diesen Überlegungen heraus wurde der Entwurf eines Rasters qualitativer Relevanzkriterien formuliert und zur Diskussion gestellt. Enthalten sind:

Bei der Themenbearbeitung wurde von Anfang an großer Wert auf einen breit angelegten Diskurs über Inhalt und Praktikabilität von TA-Relevanzkriterien gelegt. Beteiligt wurden deshalb:

Ohne auf Details der Stellungnahmen hier eingehen zu können, lassen sich als übergreifende Gesichtspunkte abheben:

Die weitere Arbeit an dem Kriterienraster für die Ermittlung der TA-Relevanz wird in einem nächsten Schritt prioritär auf die Präzisierung der ökologischen Kriterien gerichtet. Dabei werden in dem vorliegenden Entwurf für die nächsten Diskussionsrunden die in Tabelle 1 aufgelisteten Kriterienbereiche berücksichtigt.

Tab. 1: Ökologische Kriterienbereiche zur Technikfolgenabschätzungsrelevanz

  1. Art und Umfang des Energie- und/oder Ressourcenverbrauchs (auch im Hinblick auf ökonomische Vorteile durch Verbrauchsminderung).
  2. Grad der Beachtung ökologischer Anforderungen bei Konstruktion, Materialauswahl und Verfahrensgestaltung (Ausbeute, Material- und Transportintensität, Standardisierungsgrad, Robustheit/Zuverlässigkeit/Langlebigkeit, Demontage- und Recycelfreundlichkeit, Wiederverwendungs-/Wiederverwertungsanteil von Bauteilen/Stoffen).
  3. Von der Technologie/dem Vorhaben ausgehende direkte und indirekte Wirkungen auf Natur und Umwelt.
  4. Wirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Die vorgeschlagene Orientierung auf ökologische Risiken und Chancen bei der Technikfolgenabschätzung wird durch den Sachverhalt getragen, daß das Leitbild "sustainable development" sehr wesentlich aus Überlegungen und Praxis der Umwelt- und Ressourcenvorsorge gespeist wurde. Auch sind die Überlegungen zu Zielen und Kriterien sowie Indikatoren in diesem Bereich des Leitbilds am weitesten in der Operationalisierung fortgeschritten. Gleichzeitig darf jedoch die ganzheitliche Sichtweise nicht vernachlässigt werden, wie sie in der VDI-Richtlinie Technikbewertung/Begriffe und Grundlagen (VDI 3780) hinsichtlich der Werte im technischen Handeln (Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit, Umweltqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität) zum Ausdruck kommt.

Nach Abschluß der noch 1996 am Kriterienraster notwendigen Arbeiten wird sich eine erste Fallstudie anschließen, die die Praktikabilität der TA-Relevanzkriterien und möglicher Verfahrensschritte evaluieren und dazu beitragen soll, TA-relevante Vorhaben zu bestimmen, um die begrenzt verfügbaren Mittel für Technikfolgenforschung mit hohem Effekt einzusetzen.

Literatur

(1) Vgl. G. Ropohl, Ethik und Technikbewertung, Frankfurt a.M. 1996.
(2) Brandenburg auf dem Weg in die Zukunft. Technologiekonzeption des Landes Brandenburg. Potsdam 1994.
(3) Technikbewertung. Begriffe und Grandlagen. VDI-Richtlinie 3780, Düsseldorf 1991.

Kontakt

Dr. Peter Ackermann, Dr. Gerold Fierment
ÖkoConsens gGmbH und Brandenburgisches
Umweltforschungszentrum e.V.
Brenckenhoffstraße 14, D-16816 Neuruppin
Tel.: +49 339 1841-0