Umweltschutz und Beschäftigung in Deutschland

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Umweltschutz und Beschäftigung in Deutschland

von Reinhard Coenen, ITAS

Was eine DIW-Studie aus dem Jahre 1993 für das Jahr 2000 prognostizierte, nämlich einen Anstieg der durch Umweltschutz induzierten Beschäftigung auf über 1 Million Arbeitsplätze, ist nach einer neueren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) bereits 1994 fast erreicht.

Allerdings ist dieses Ergebnis nicht auf einen starken realen Anstieg der Umweltschutzbeschäftigung zurückzuführen, sondern vielmehr auf eine bessere Erfassung der Beschäftigung in den neuen Bundesländern, die in der DIW-Studie von 1993 wegen der damals noch sehr unsicheren Datenbasis äußerst vorsichtig eingeschätzt wurde. Für die alten Bundesländer, für die ein Vergleich zwischen 1990 und 1994 möglich ist, nahm die Beschäftigung für diesen Zeitraum nämlich nur um ca. 30 000 Arbeitsplätze zu. Ein Beschäftigungswunder hat deshalb der Umweltschutz nicht bewirkt. Doch wird in der Studie darauf hingewiesen, daß die umweltschutzinduzierten Beschäftigungseffekte mit 2,7 % Anteil am gesamten Erwerbstätigenvolumen inzwischen eine Größenordnung erreicht haben, die dem Straßenfahrzeugbau, einer Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft, entspricht. Allerdings hinkt dieser Vergleich in gewisser Hinsicht, da hier nicht Umweltschutzindustrie und Straßenfahrzeugbauindustrie verglichen werden; die zum Vergleich herangezogene Zahl für die umweltschutzinduzierte Beschäftigung von 956 000 Arbeitsplätzen im Jahre 1994 enthält nämlich u.a. eine beträchtliche Zahl von Arbeitsplätzen in der öffentlichen Verwaltung. Konsequenterweise müßte man deshalb bei einem Vergleich z.B. die Beschäftigung im öffentlichen Bereich, die durch Straßenbau etc. induziert wird, ebenfalls berücksichtigen.

Andererseits muß die neue Abschätzung der Umweltschutzbeschäftigung als konservativ eingeschätzt werden, da z.B. die durch die Einführung integrierter Umwelttechnik ausgelöste Beschäftigung nur zu einem geringen Teil erfaßt sein dürfte und auch kaum voll erfaßbar ist. Ebenso wird in der Studie darauf hingewiesen, daß z.B. die Effekte der Einführung energiesparender Techniken und des Einsatzes erneuerbarer Energieträger, die z.B. in anderen einschlägigen Studien als Umweltschutzmaßnahmen ausgewiesen werden, nicht erfaßt sind.

In der Studie wird auch zurecht angemerkt, daß es sich bei den ausgewiesenen Beschäftigungszahlen um einen Bruttoeffekt handelt, bei dem nicht berücksichtigt ist, daß durch die Umweltpolitik auch Arbeitsplätze durch Preis-, Kosten- und Wettbewerbseffekte verdrängt worden sein könnten. Die Gegenrechnung negativer Beschäftigungseffekte stößt generell auf erhebliche methodische Probleme.

Es ist ein Verdienst der Studie, daß sie in aller Deutlichkeit darauf hinweist, daß die Beschäftigungswirkungen des Umweltschutzes sehr schwierig zu erfassen sind und in die Abschätzungen viele Annahmen und unsichere Daten eingehen und diese deshalb mit sehr vielen Unsicherheiten verbunden sind. Bei der öffentlichen Diskussion solcher Zahlen zu den Beschäftigungswirkungen des Umweltschutzes wird dies zumeist vergessen.

Als Hauptgewinner der Umweltpolitik in wirtschaftlicher Hinsicht sieht die Studie den Dienstleistungssektor, denn von den 956 000 Arbeitsplätzen entfallen 508 000 auf Beschäftigte mit unmittelbaren Umweltschutzaufgaben und auch bei den 448 000 Arbeitsplätzen, die durch die Nachfrage nach Umweltschutzgütern und Hilfs- und Betriebsstoffen induziert werden, sind Beschäftigungseffekte durch produktionsbezogene Dienstleistungen enthalten. Andererseits muß man auch darauf hinweisen, daß verschiedene Dienstleistungstätigkeiten in Umweltschutzdienstleistungen umdefiniert wurden, z.B. die Pflege von Park- und Gartenanlagen.

Insgesamt gesehen muß man nach den zuvor skizzierten Unsicherheiten und Datenproblemen die Ergebnisse solcher Abschätzungen mit Vorsicht interpretieren. Ein großer Teil der errechneten Beschäftigungseffekte ist bisher mit dem Einsatz additiver und nachsorgender Technik und Dienstleistungen verbunden. Viele Arbeitsplätze ergeben sich auch aus der vielfach beklagten Überbürokratisierung und Überregulierung des deutschen Umweltverwaltungsrechts. Es soll hier nicht gegen die zweifellos vorhandenen positiven Beschäftigungseffekte argumentiert werden. Die Höhe der Umweltschutzbeschäftigung ist aber ein kritisch zu hinterfragender Indikator für eine erfolgreiche Umweltpolitik; er könnte auch Ineffizienzen einer Umweltpolitik widerspiegeln, die stark auf Nachsorge ausgerichtet ist. Verschiedene Studien verweisen darauf, daß integrierter Umweltschutz einem nachsorge- und end-of-pipe-orientierten umwelttechnischen Ansatz ökonomisch und ökologisch überlegen ist. Für den Arbeitsmarkt insgesamt betrachtet wird es künftig darauf ankommen, mit Produktionsgütern und -prozessen sowie Produkten, die modernste, sprich integrierte Umwelttechnik, integrieren, auf allen Märkten national und international Marktanteile und damit Beschäftigung zu sichern und auszubauen. Ökologische Effizienz dürfte als Wettbewerbsfaktor auf dem internationalen Markt zukünftig eine ebenso große Bedeutung gewinnen wie die Preisgünstigkeit und die Funktionalität angebotener Güter.

Bibliographische Hinweise

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.), Umweltpolitik - Aktualisierte Berechnung der umweltschutzinduzierten Beschäftigung in Deutschland. Eine Information des Bundesumweltministeriums, September 1996.

Rolf Sprenger für die Projektgemeinschaft DIW, ifo, IWH, RWI: Umweltschutz und Beschäftigung in Deutschland. In: ifo-Schnelldienst 28/96.