TA-Programm Schweiz: Chancen und Risiken der Bio- und Gentechnologie in der Lebensmittelproduktion

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TA-Programm Schweiz: Chancen und Risiken der Bio- und Gentechnologie in der Lebensmittelproduktion

von Lucienne Rey und Adrian Ruegsegger

Die Auseinandersetzung mit der Biotechnologie bildete einen Schwerpunkt in der ersten Phase des TA-Programms Schweiz, die von 1992 bis 1995 dauerte. Der abschließende Synthesebericht zu dem mehrstufig aufgebauten Projekt mit dem Titel "Biotechnologie und Lebensmittel", das insgesamt neun Einzelstudien umfaßte, wurde jetzt vorgelegt.

Ihren Anfang nahm die Studienserie "Biotechnologie und Lebensmittel", die von der Beratungsfirma Locher, Brauchbar und Partner durchgeführt wurde, bei einer technologischen Vorausschau: Die Projektverantwortlichen ermittelten in den vier Anwendungsgebieten Gesundheit, Lebensmittel, Rohstoffe und Bioelektronik/Neuroinformatik die internationalen Trends und ihre Bedeutung für die Schweiz. Methodisch beruhte die Vorausschau auf Literaturanalysen und Expertengesprächen. Die Resultate dieser Analyse wurden abschließend in einem Workshop mit Fachleuten ausgewertet. Die Diskussionen ergaben, daß eine Vertiefung der Fragestellung im Bereich der Lebensmittel und hier insbesondere im Hinblick auf die Milchverarbeitung angebracht wäre.

Im Herbst 1994 wurde daraufhin eine Folgestudie im Gebiet der Milchproduktion in Angriff genommen. In einer ersten Etappe wurden 46 Anwendungsbeispiele der Biotechnologie in der Milchproduktion identifiziert, welche im folgenden in einer Delphi-Studie von Experten hinsichtlich ihrer Umsetzungsmöglichkeiten und ihres Konfliktpotentials in der Schweiz bewertet wurden.

Weniger auf Expertinnen und Experten denn auf Konsumierende ausgerichtet war eine Serie von drei etwas später einsetzenden Studien, die sich mit den Zielen und Werten der Akteure, mit der Wahrnehmung und Akzeptanz von Bio- und Gentechnologie bei Lebensmitteln sowie mit dem gesellschaftlichen Wertewandel auseinandersetzten.

Mit dem Verhältnis zwischen Konsumierenden, Produzierenden und Verwaltung befaßten sich abschließend zwei Studien, die zum einen Vorschläge für die Zulassung und Kontrolle der Biotechnologie bei Lebensmitteln erarbeiteten, und zum anderen Möglichkeiten aufzeigten, wie die Öffentlichkeit an der Erarbeitung von Reglementierungen im Bereich bio- und gentechnisch produzierter Lebensmittel beteiligt werden könnte. Gleichzeitig wurde zudem in einer weiteren Studie die wirtschaftliche Bedeutung der Gentechnik für die Schweizer Wirtschaft analysiert.

Die o.g. "technologische Vorausschau" gab schließlich den Anstoß zu einer weiteren wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung, die parallel zu den Studien im Bereich Biotechnologie und Lebensmittel durchgeführt wurde: Sie analysierte die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für sämtliche Anwendungsbereiche der Biotechnologie.
Die Darstellung auf der nächsten Seite gibt den Aufbau der Gesamtstudie "Biotechnologie und Lebensmittel" wieder.

Übersicht der TA-Studien zu "Biotechnologie und Lebensmittel"
(Die Übersicht ist nur in der gedruckten Version erhältlich)

Die Ergebnisse sämtlicher Einzelstudien sind im Synthesebericht "Neue Biotechnologie - Perspektiven für die Schweiz" zusammengefaßt, welcher die Grundlage für den vorliegenden Artikel bildet.

Im Alltag hat die Gentechnik bereits stillschweigend Einzug gehalten: Vier der insgesamt sechzehn in der Schweiz zugelassenen, gentechnisch hergestellten medizinischen Wirkstoffe gehören zu den zehn Medikamenten mit den weltweit größten Umsätzen. Gentechnisch gewonnene Stoffe finden sich auch im Haushalt - so etwa in den meisten Enzymen von Waschmitteln.

In naher Zukunft wird die Gentechnik neben der Medizin vor allem die Lebensmittelherstellung stark beeinflussen. In der Schweiz bestehen für alle möglichen gentechnischen Anwendungen bei Lebensmitteln technische Alternativen. Mit der zunehmenden Öffnung des Marktes für ausländische Produkte werden indes im Schweizer Gütersortiment mehr gentechnisch hergestellte Waren auftauchen. Zudem wird der Druck auf die Bauern und milchverarbeitenden Betriebe zunehmen, Verfahren der neuen Biotechnologie zu verwenden. Ein vermehrter Einsatz der Biotechnologie könnte den KonsumentInnen durchaus zugute kommen: Zum einen sind Preissenkungen zu erwarten. Zum anderen wird die Marktsegmentierung in biotechnologisch hergestellte Produkte einerseits und in naturnah produzierte Güter andererseits vorangetrieben. Dies erhöht die Produktevielfalt für die KonsumentInnen und gestattet zudem den biologischen Landwirtschaftsbetrieben, sich im Markt besser zu positionieren.

Die Schweizer KonsumentInnen beurteilen die Gentechnik nicht einheitlich. Je nach Anwendung erhält sie viel (Medikamente) oder wenig (transgene Tiere) Unterstützung. Studien aus dem Ausland belegen, daß vermehrtes Wissen über Gentechnik nicht zwangsläufig zu besserer Akzeptanz führt; bei größerem Wissen erfolgt die Bewertung jedoch differenzierter. In der Regel wird die Gentechnik vor allem in jenen Bereichen positiv eingeschätzt, wo ein tatsächlicher Nutzen (z.B. für die Gesundheit und die Umwelt) unmittelbar ersichtlich und die Wahlfreiheit der KonsumentInnen sichergestellt ist. Die AutorInnen heben denn auch die Wichtigkeit der Deklaration gentechnisch veränderter Lebensmittel hervor - eine Voraussetzung für die freie und bewußte Wahl eines Produktes.
Angesichts des beträchtlichen Entwicklungspotentials der Gentechnik ist ihr eine große wirtschaftliche Bedeutung nicht abzusprechen. Der Standort Schweiz weist indes beträchtliche Mängel auf. So genügen die Anstrengungen der Hochschulen nicht, um den Technologietransfer zu unterstützen und Firmenneugründungen zu fördern. Zudem verringerte der während langer Zeit ausgetrocknete Arbeitsmarkt die Risikobereitschaft, kleine Biotechnologiefirmen zu gründen. Im Vergleich etwa zu den USA verzeichnet die Schweiz eine schwache Dynamik bei der Entstehung neuer Biotechnologiefirmen. Es dürften nicht zuletzt diese innovativen kleinen Firmen sein, die zahlreiche multinationale Konzerne dazu bewegen, die Bio- und Gentechnologie nach Amerika zu verlagern. Günstig für den Standort Schweiz wirkt sich dagegen das international hohe Niveau der Wissenschaft in Ausbildung und Forschung aus. Die Chancen für Verbesserungen des Standortes Schweiz stehen gut: Unter dem Diktat vermehrter Wirtschaftlichkeit dürften Hochschulen zukünftig ihre Bemühungen um Technologietransfer verstärken, und die durch gesetzliche Revisionen angestrebte Verbesserung der Regulierungssituation dürfte ebenfalls dazu beitragen, daß der Standort Schweiz ein berechenbares Umfeld für wirtschaftliche Tätigkeiten bietet.

Der Synthesebericht schließt mit Handlungsempfehlungen für eine sozialverträgliche Entwicklung der Biotechnologie. Um diese zu verwirklichen, müssen drei Kernbedingungen erfüllt werden:

Literatur

Hans-Peter Wessels, Mathis Brauchbar:
Technologische Vorausschau in der Biotechnologie. TA 4/1994.

Hans-Peter Wessels, Andrea Fischli, Patrick Mathys, Mathis Brauchbar:
Einfluß der Biotechnologie in der Milchproduktion und -verarbeitung.
Technologische Vorausschau. TA 7/1995.

Hans-Peter Wessels, Patrick Mathys, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht a: Lebensmittel und Biotechnik - Akteure, Einstellungen und Werte in der Schweiz. TA 16/1996.

Mathis Brauchbar, Reto Locher, Hans-Peter Wessels:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht b: Wahrnehmung und Akzeptanz von Bio- und Gentechnologie bei Lebensmitteln. TA 10/1995.

Olivier Binet, Dominik Büchel, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht c: Wirtschaftliche Auswirkungen der modernen Biotechnologie in der Milchproduktion und -verarbeitung.
TA 11/1996.

Hans-Peter Wessels, Benno Vogel, Petra Hieber, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht d: Neue Lebensmittelbiotechnologie - Wertewandel und der Begriff der Naturbelassenheit. TA 19/1996.

Dominik Büchel:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht e:
Neue Biotechnologie bei Lebensmitteln - Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten bei der Zulassung und Kontrolle.
TA 13/1996.

Mathis Brauchbar und Stefan Stöcklin:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht f: Kommunikation über Bio- und Gentechnik bei Lebensmitteln in der Schweiz. TA 15/1996.

Olivier Binet:
Biotechnologie-Standort Schweiz - eine politisch-ökonomische Analyse der Rahmenbedingungen.
TA 14/1996.

Mathis Brauchbar et al.:
Biotechnologie und Lebensmittel. Synthese: Neue Biotechnologie - Perspektiven für die Schweiz. Fakten und Optionen. TA 17/1996.

Sämtliche Berichte sind zu beziehen über

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