Martinsen/Simonis: Paradigmenwechsel in der Technologiepolitik? (Rezension)

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MARTINSEN/SIMONIS: Paradigmenwechsel in der Technologiepolitik?

Rezension von Nicolai Dose, Universität der Bundeswehr München

Kann von einem Paradigmenwechsel in der Technologiepolitik gesprochen werden? Dies ist die Leitfrage eines von Renate Martinsen und Georg Simonis vorgelegten Sammelbandes, in dem Beiträge internationaler Wissenschaftler vereint sind. Dokumentiert wird damit das Ergebnis zweier Tagungen, die beim Institut für Höhere Studien in Wien und beim Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe durchgeführt wurden.

Im Einleitungsbeitrag führt Renate Martinsen in den Grundgedanken ein: Die Veränderungen im Umgang mit Technologie würden sich beispielsweise in der betrieblichen Techniksteuerung durch die stärkere Betonung von Organisationsfragen, von Selbstregulation der Mitarbeiter und von ständigem Lernen, aber auch in der staatlichen Technologiepolitik zeigen. Hier werde "über die bisher dominanten hoheitlich-instrumentalistischen Regulierungsformen" hinausgehend die prozedurale Seite von Techniksteuerung aufgewertet (S. 25). Für Martinsen stellen sich die angerissenen Veränderungen als so gravierend dar, daß sie von einem Paradigmenwechsel spricht. In drei weiteren Beiträgen, die dem ersten von insgesamt fünf Teilen des Bandes zugeordnet sind, werden grundlegende Aspekte des paradigmatischen Wandels diskutiert: Volkmar Lauber untersucht den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft, Raoul Kneuker reflektiert die neue Internationalität von Forschung und Forschungspolitik und schließlich gehen Ulrich Klotz und Hans-Joachim Schabedoth der Frage nach, was es für den Handlungsrahmen von Technikgestaltung bedeutet, daß sich im Gefolge ökonomischer Umwälzungen auch die Position der Gewerkschaften wandelt bzw. wandeln muß, wenn sie die Chancen zu einer aktiven Technikmitgestaltung nutzen wollen. Hierfür wäre ein tiefgreifender Wandel ihrer inneren Strukturen erforderlich, der über das bloße Abändern von Organigrammen hinausgehen müsse.

Die These vom Paradigmenwechsel wird im zweiten Teil anhand technologiepolitischer Optionen in nationalen Kontexten diskutiert: Karl Heinz Steinhöfler beschäftigt sich mit den technologiepolitischen Leitideen Österreichs, Hugo Reister mit den Entwicklungen und Kontroversen der deutschen Technologiepolitik und Richard Lehne untersucht die neue Technologiepolitik der Clinton Administration. Letzterer stellt einerseits die These auf, daß die amerikanische Technologiepolitik unter Clinton zwar öffentlich in den Vordergrund gerückt werde, sie aber inhaltlich keine grundlegende Veränderung erfahren habe (S. 126). Allerdings habe die Clinton Administration eine Reihe von neuen Prioritäten gesetzt, wie beispielsweise die Betonung der Bedeutung von Kooperationen zwischen Unternehmen und forschungsintensiven Organisationen (S. 130 ff.). Damit kann dieser Beitrag als moderate Unterstützung für eine Veränderungsthese aufgefaßt werden, wobei es allerdings zu weit gehen dürfte, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen. Wichtigster Erklärungsfaktor für die Veränderung scheint die Politik zu sein.

Unterschiedlich ausgeprägte Unterstützung findet die eingangs von Martinsen aufgestellte These vom Paradigmenwechsel in den vier Beiträgen des dritten Teils, die Analysen einzelner Technologiefelder gewidmet sind: Stephan Albrecht (Biotechnologie) vermag keinen Paradigmenwechsel auszumachen, hält ihn aufgrund der qualitativ neuen Steuerungsprobleme jedoch für geboten. Maria Behrens (Gentechnologie) kann in ihrer international vergleichenden Untersuchung für Deutschland keinen Paradigmenwechsel erkennen. Hingegen könne für die Niederlande der Macht- und Kompetenzverzicht staatlicher Akteure zugunsten der Herstellung von Konsens als Paradigmenwechsel beschrieben werden. Michael Latzer diagnostiziert einen Konzeptwechsel der österreichischen und internationalen Telekommunikationspolitik, wobei die Markt- und Strukturreformen bei unterschiedlichen Zeitplänen wegen des hohen ökonomischen Anpassungsdruckes durchaus gleichförmig verliefen. Kennzeichen des Wandels sei eine Kompetenzverlagerung von der nationalstaatlichen hin zur supranationalen Ebene - bei Konstanz der eingesetzten Instrumente. Antje Blöcker und Dieter Rehfeld äußern eher Zweifel, daß auf der Basis der von ihnen analysierten Bereiche Verkehrstechnologie und Automobilrecycling von einem Paradigmenwechsel in der Technologiepolitik gesprochen werden kann.

In einem längeren vierten Teil werden in insgesamt sechs Abhandlungen aktuelle Entwicklungen der Technikfolgenabschätzung diskutiert. Soweit die Beiträge sich explizit mit der Leitthese des Bandes auseinandersetzen, findet diese nicht durchweg Unterstützung. So wird sie beispielsweise von Stefan Bröchler verworfen. Er wünscht sich allerdings grundlegende Veränderungen, um in der heutigen Risikogesellschaft Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Ausführlicher eingegangen sei noch auf den Beitrag von Stefan Kuhlmann und Doris Holland, welche vor dem Hintergrund einer Analyse von Stand und Trends der Evaluationsforschung die Praxis bei der Evaluation von technologiepolitischen Förderprogrammen untersuchen. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß sich zwar ein Funktionswandel und eine Bedeutungszunahme von Bewertungskonzepten der Forschungs- und Technologiepolitik vollzogen habe. Gründe hierfür werden im Bestreben um Abbau von Unsicherheit, um Konsenserzielung, um Entscheidungsabsicherung und um Schaffung argumentativer Vorteile gegenüber Konkurrenten gesehen. Die Autoren scheuen jedoch davor zurück, dies als Paradigmenwechsel zu bezeichnen.

Im abschließenden fünften Teil des Bandes werden in vier Beiträgen von Wolfgang Fach, Erich Latniak, Hajo Weber und Georg Simonis Fragen der politischen Steuerbarkeit von technologischen Entwicklungen untersucht. Dabei kommt dem letzten Aufsatz von Simonis auch die Bedeutung einer Klammer für den gesamten Band zu. In dem herausragenden Beitrag wird die eingangs von Martinsen gestellte Frage nach dem Paradigmenwechsel aufgegriffen und nach einer Differenzierung des Begriffes in eine Ebene der Theorie über Technologiepolitik und eine der politischen Praxis weiterführend diskutiert. Simonis formuliert und begründet im folgenden die These, daß sich im Rahmen des "staatszentrierten (instrumentellen) Paradigmas der Technologiepolitik" (S. 381), das in unterschiedlichen Ausprägungen daherkomme - Theorie - kein Paradigmenwechsel erkennen lasse. Allerdings sei dieses staatszentrierte Paradigma auch nicht hinreichend, um die Ausdifferenzierung der sich tatsächlich vollziehenden Technologiepolitik - politische Praxis - zu erfassen. Simonis nennt hier Erscheinungen wie das Auftreten von Verhandlungsnetzen, die Mobilisierung von Akteuren, die Art der Kommunikation, eine eingetretene Prozeduralisierung und Delegation, die Art der Normung und Kontrolle technischer Entwicklungen und der je spezifische "Eigensinn" (S. 382) der unterschiedlichen Steuerungsobjekte. Die damit beschriebene und an insgesamt sieben Beispielen exemplifizierte Tendenz zum "interaktiven Staat" (S. 388) lasse sich angemessen nur erfassen, wenn auch auf der theoretischen Ebene ein Paradigmenwechsel vollzogen werde. Im Rahmen der Zuständigkeiten und Steuerungstraditionen des Bundesforschungsministeriums sieht Simonis hierzu jedoch eine eher geringe Chance.

Insgesamt gesehen ist den Herausgebern mit dem Band dreierlei gelungen: Erstens folgen die meisten der Beiträge mit der Orientierung an der Leitfrage nach dem Paradigmenwechsel der auch theoretisch interessanten Vorgabe von Martinsen. Damit sind in diesem Band nicht - wie leider sehr häufig bei Sammelbänden - nur mehr oder weniger zusammengehörende Aufsätze versammelt, sondern es wird einer gemeinsamen theoretischen Perspektive gefolgt. Zweitens vermittelt der Band ganz nebenbei ein aktuelles Bild der forschungs- und technologiepolitischen Debatte. Drittens ist das Werk wegen des Verzichts auf unnötige Verkomplizierungen gleichermaßen für Wissenschaftler, Studenten und interessierte Praktiker geeignet.

Bibliographische Angaben

Renate Martinsen, Georg Simonis (Hrsg.): Paradigmenwechsel in der Technologiepolitik?, Opladen: Leske + Budrich, 1995. 410 S., DM 68,--. ISBN 3-8100-1403-6