Flaig/Mohr: Der überlastete Stickstoffkreislauf - Strategien einer Korrektur (Rezension)

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FLAIG/MOHR: Der überlastete Stickstoffkreislauf - Strategien einer Korrektur

Rezension von Rolf Meyer, ITAS/TAB

Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina) hat eine weitere Veröffentlichung zur Stickstoffproblematik herausgegeben: "Der überlastete Stickstoffkreislauf - Strategien einer Korrektur". Dieses Buch soll Fachleute und Laien, insbesondere aber auch politische Entscheidungsträger, ansprechen. Fazits am Ende eines jeden Kapitels ermöglichen dem Leser trotz der Fülle der Detailinformationen einen relativ schnellen Überblick.

Fast die Hälfte des Buches wird von einer ausführlichen Beschreibung der Problemlage bestimmt. Am Anfang steht ein kurzer Einblick in den terrestrischen Stickstoffkreislauf und seine anthropogenen Störgrößen. Dann werden die Stickstoffbelastungen (durch Stickstoffoxide, Ammoniak und Lachgas) in Deutschland und Baden-Württemberg beschrieben. Im folgenden Kapitel zu Immissionen und Depositionen von Stickstoffverbindungen wird teilweise schon den Auswirkungen vorgegriffen, insbesondere bei der Diskussion des Konzepts der Critical Load. Schließlich werden die Auswirkungen der hohen Stickstoffeinträge auf die Bereiche Wasser, Wald, Waldbodenvegetation, naturnahe bzw. extensiv genutzte Flächen sowie Treibhauseffekt und Ozonschwund dargestellt.

Unter dem Begriff "Strategien" werden dann technische Maßnahmen zur Reduktion der Stickstoffemissionen diskutiert. Maßnahmen zur Stickoxid-Minderung werden für die Bereiche Kraftwerke und Verkehr behandelt. Für die Landwirtschaft werden ausführlich Maßnahmen zur Erhöhung der Stickstoffeffizienz (Viehfütterung und Haltungsmanagement; Gewinnung, Lagerung und Ausbringung von Mist und Gülle; Düngung; Landnutzungsformen; Stickstoffbilanzen; Pflanzenzüchtung) beschrieben. Durch die Reduktion auf eine rein technische Betrachtungsweise unter Ausblendung z.B. der ökonomischen und agrarpolitischen Rahmenbedingungen gehen einerseits die Zusammenhänge zwischen den Maßnahmenbereichen - wie z.B. der Entwicklung der Düngung und der Veränderung von Landnutzungsformen - verloren und können andererseits die Realisierungschancen für die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht diskutiert werden.

Als Lösungsansätze für die Landwirtschaft wird abschließend kurz behandelt, was man noch am ehesten als Strategien zur Lösung des Stickstoffproblems - im Sinne einer zielgerichteten Bündelung von politischen Handlungsoptionen - bezeichnen könnte. Dieser Teil ist aber sehr unbefriedigend. Eingangs werden vier Strategien benannt, die sich dann aber in 6 Unterkapitel erweitern. Es wird vorgeschlagen, diese "Strategien" zu kombinieren, ohne daß untersucht wird, inwieweit die diskutierten Maßnahmen kompatibel sind bzw. sich gegenseitig beeinflussen. Teilweise werden nur mögliche Lösungsbeiträge (einer verbesserten Beratung, einer Reduktion des Fleischkonsums) diskutiert, ohne daß eine Operationalisierung in der Form politischer Gestaltungsoptionen erfolgt. Weiterhin fehlt eine systematische Behandlung der Bedingungen, Realisierungsprobleme und Folgen der vorgeschlagenen Maßnahmen. Unterschiedliche Bewertungen und Einschätzungen werden nicht referiert, stattdessen wird versteckt bis offen (so z.B. die Formulierung: "Als Fazit wäre aus Sicht der Autoren ...", S. 149) eine ganz bestimmte Bewertung vorgenommen. So wundert es auch nicht mehr, wenn abschließend Empfehlungen für die Agrarpolitik - und nicht Handlungsalternativen, wie man es von einer TA-Institution erwarten könnte - ausgesprochen werden, die zudem nur sehr bedingt an die vorher entwikkelten Lösungsansätze/Strategien anknüpfen.

Fazit: Das Buch gibt einen brauchbaren Überblick über die anthropogenen Störungen des Stickstoffkreislaufes. Für die angesprochenen politischen Entscheidungsträger dürfte aber wenig zum besseren Verständnis eines komplexen Entscheidungsproblems geleistet sein, abgesehen davon, daß der eine oder andere eine Bestätigung seines schon gebildeten Urteils finden wird.

Bibliographische Angaben

Holger Flaig, Hans Mohr: Der überlastete Stickstoffkreislauf - Strategien einer Korrektur. Nova Acta Leopoldina, Neue Folge, Nr. 289, Bd. 70, Halle (Saale) 1996, 168 S., ISBN 3-335-00498-1.