Universitäre TA: Synthese von Grundlagenforschung und exemplarischer Politikberatung

Diskussionsforum

Universitäre TA: Synthese von Grundlagenforschung und exemplarischer Politikberatung

von Stephan Albrecht (1)

Vorbemerkung
Der folgende Text entstammt einer laufenden Diskussion um die generelle und längerfristige Forschungsorientierung des Forschungsschwerpunktes BIOTECHNIK, GESELLSCHAFT und UMWELT (FSP BIOGUM) an der Hamburger Universität (vgl. dazu die TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3, Okt. 1996). Der FSP ist bereits, wiewohl erst seit drei bzw. einem Jahr überhaupt in Arbeit, Gegenstand einer externen Evaluation, die sich weit mehr auf das Gründungskonzept als auf die tatsächliche Arbeit bezieht. Auch das ist Wirklichkeit bundesdeutscher Hochschulen. Nach meiner Überzeugung ist es für die (wenigen) wissenschaftlichen TA-Institutionen von erheblichem Interesse, in der Konkurrenz um die Ressourcen von einer deklarierten und plausiblen Arbeitsteilung auszugehen. Dieses Anliegen rechtfertigt für mich, schon jetzt ein so unfertiges Papier zur Diskussion zu stellen. Kritik, Anregungen und Kommentare sind erwünscht.

[Anregungen und Kritikpunkte zu diesem Beitrag nimmt auch die Redaktion der TA-Datenbank-Nachrichten gerne entgegen und wird sie im Rahmen einer Weiterführung dieses Diskussionsforums veröffentlichen. ]

Die internationale TA(2)-Debatte und -Politik Mitte der 90er Jahre ist von extremen Ausschlägen gekennzeichnet. Auf der einen Seite werden in den industrialisierten Ländern zentrale organisatorische und programmatische Strukturen zerstört, wesentliche Kriterien zur vorsorglichen Beurteilung von soziotechnisch basierten Eingriffen, Aktivitäten und Innovationen werden unter dem vorsorglichen Diktat der immer irrationaler tendierenden Standortdebatten offen für nachrangig, wenn nicht obsolet, erklärt. Gleichzeitig entwickeln sich, vor allem aus dem weltpolitischen Schwung verschiedener UN-Aktivitäten und der Arbeit der international heute relativ gut koordinierten non-profit-NGO's (3) politisch, teils auch rechtlich verbindliche neue Verfahren und Dimensionen. Diese fordern nicht allein die Thematisierung und Beachtung von TA-Kriterien ein, sondern mit ihren globalen und langzeitigen Problem- und Aktionsperspektiven ein wissenschaftlich-methodisches und politisch-demokratisch-prozedurales Denk-, Arbeits- und Verhaltensrepertoire heraus, das sozusagen Lichtjahre vom heute erreichten Stand des Wissens und Könnens entfernt ist. (4)

Ausgehend von der Einschätzung, daß die allgemeine und akute Krise der Ausgabenfinanzierung der öffentlichen Haushalte in den meisten industrialisierten Staaten einer angemessenen institutionellen und institutionalisierten Förderung von politiknaher TA nicht dienlich ist (wiewohl gerade Budgetprobleme mit dem explodierenden Rüstungsforschungsetat in den USA historisch ein wichtiges Motiv für die Gründung des OTA (5) war!) und aus wissenschaftsstrukturellen Gründen sehe ich in dem wissenschaftlichen Potential der Universitäten längerfristig ganz wesentlich den Boden, auf dem das erforderliche wissenschaftliche Wissen wachsen könnte und müßte. Dieses universitäre TA-Wissen (6) ist hier selbstverständlich als vernetzt (vor allem im intellektuellen Sinne) gedacht mit allen denjenigen Institutionen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Orientierung, die an den Fragen der Interaktion von Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Umwelt (WTGU) arbeiten. Schaut man sich die heutige TA-Landschaft in den industrialisierten Ländern an, so gibt es einen Flickenteppich von 

Zu diesem Flickenteppich gehören auch noch Teile von Universitäten (8), die sich, zumeist aufgrund historischer Zufälligkeiten und gebunden an einzelne Persönlichkeiten, mit Themenfeldern aus dem Viereck WTGU befassen. Daneben gibt es eine Art von intermediären Zusammenhängen (9). Die akademisch etablierten Einrichtungen zur Geschichte, Theorie und Soziologie von Wissenschaft und Technik sind sehr unterschiedlich auf gegenwartsbezogene oder eher historisierende Arbeitsfelder orientiert, zudem oft, durchaus mit einem gewissen Recht, auf die Detailarbeit konzentriert (10).

Eine der schon vielfach beschriebenen Schwächen politiknaher TA ist der Hang, teils auch Zwang, zur Bearbeitung konkret vorgegebener Sachverhalte (11). Diese Situation führt zumeist dazu, daß soziotechnische Problemlagen sowohl in den zeitlichen wie in den gesellschafts- und politikstrukturellen Dimensionen gar nicht oder defizitär bearbeitet werden (12). Genau in diesem "mittleren" Feld der analytischen und konzeptionellen Verschränkung von aktuellen und längerfristigen sektoralen und generellen Forschungsfragen und -gegenständen liegt die strategische Chance für eine universitär verortete TA. Man kann die übermäßige Sektoralisierung der Politik auch als Verwandte der fachlichen Spezialisierung in den Wissenschaften interpretieren. Dann, und die Geschichte der universitären TA-Bemühungen oder Nicht-Bemühungen zeigt dafür viele Beispiele, stellen sich aber auf der institutionellen wissenschaftlichen Ebene ähnliche Probleme wie in politischen Institutionen. Argumentative und Verhaltensmuster gegenüber diesen Problemen sind etwa: 

Diese Probleme sind sicher nicht leicht zu lösen. Allerdings hilft hierbei möglicherweise die jüngere Debatte um die Verantwortung auch der Hochschulen für die industrielle Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. Denn es wird je länger desto schwieriger werden, Institutionen wie den Universitäten zwar ein beachtliches Maß an Zuständigkeit für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zuzuschreiben, ihnen zugleich aber alle Fragen, die Friktionen und nachteilige Folgen dieses wissenschaftlich-technischen Fortschritts angehen, vom Pelz fernzuhalten. Gerade der fortschreitende Ökonomisierungsprozeß aller Wissenschaften, nicht allein, wie bisher üblich, der nützlichen, legt die Notwendigkeit offen, daß sich die Wissenschaften auch bewußt mit den Prämissen, Implikationen und Konsequenzen ihres Tuns und Lassens befassen. Eben das wäre auch wesentlicher Inhalt universitärer TA.

Ich sehe vier Typen von Forschung, die eine solche TA prägen sollten: 

Evaluation ist ein lange bekannter Typus von Untersuchungen auch im TA-Kontext. Hierunter fallen alle quantitativen und qualitativen Analysen, die Verfahren, Programme, Praktiken, Entscheidungen und Folgen von all dem nachzeichnen, rekonstruieren und anhand offengelegter Kriterien (14) bewerten. In unserem Feld von Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung gehören dazu etwa die Freisetzung transgener Organismen, die Wirkungen von TA (auch im Vergleich), die Forschungspolitik national und in der EU, die Regulierungen der modernen Biotechnologie.

Der Wert evaluativer Arbeiten liegt selbstverständlich nicht primär in einem Widerspiegeln von Vergangenem (15), sondern in der Offenlegung der Stärken und Schwächen mit dem Ziel der zukünftigen Optimierung bestehender oder der Etablierung alternativer soziotechnischer Praktiken (16). Der evaluativen Arbeit in der Forschung wird bisweilen, ganz zu unrecht, eine pejorative Konnotation beigesellt. Solche Verdikte sind auch in bezug auf manche solche TA zu hören: "Eigentlich nichts Neues." Das ist zwar womöglich zutreffend, aber, auf den Forschungsprozeß bezogen, falsch. Alle kennen die hohe Wertschätzung, die in Fachjournalen übergreifenden Reviews zugemessen wird. Fast immer werden solche Arbeiten nur erfahrenen und hochqualifizierten peers angetragen; das ist zumeist auch berechtigt, denn für eine gute evaluative Analyse sind Erfahrung, wirklich breite Methoden- und Inhaltskenntnis und ein gerüttelt Maß an Denkvermögen unabdingbar. Die Analyse des erreichten Wissensstandes, der kritische Vergleich von differierenden approaches, die Prüfung von Reichweiten und methodischer Tragfähigkeit von Feststellungen und Schlußfolgerungen sind zentral wichtige Schritte in dem iterativen Prozeß gradueller Modifikation, der jede Wissenschaft guten Teils ausmacht. Man kann nachgerade umgekehrt sagen, daß die Abwesenheit von evaluativen Schritten im Forschungsprozeß große Gefahren von Fehlleitungen impliziert.

Im Unterschied zur Evaluation, deren "eisernes" Gerüst die In-Beziehung-Setzung von Wirklichkeit und Programm ist, fehlt bei explorativen Forschungen, dem ersten Typus, zumindest weitgehend die Kontrolle von Praxis und Erfahrung. In der Geschichte der TA ist dem explorativen Aspekt oft sehr viel gesellschaftspolitisches und methodisches Gewicht beigemessen worden. Allerdings meist, um gleich anschließend ein ganzes Bündel von Aporien mitzuliefern wie z.B. die der Selbstfalsifikation, der gänzlichen Unmöglichkeit der Prognose, der Unwissenschaftlichkeit von zukunftsbezogenen Aussagen, die über Trendextrapolationen hinausgehen. Eine universitäre TA. die sich mit Wechselwirkungen von WTGU vefaßt, tut gut daran, sich von diesen alten Streitplätzen fernzuhalten. Gleichwohl kommt natürlich der Frage nach zukünftigen Entwicklungen eine wichtige Rolle zu, will man sich nicht, wie z.B. die Gesellschaftswissenschaften fast durchgängig im Verhältnis zu dem epochalen Umbruch in den ehedem sozialistischen Ländern, auf die etwas defizitäre Rolle des klugen Kommentators beschränken (17). An diesem, für die Wissenschaften von der Gesellschaft wenig ruhmreichen Beispiel ist auch gut zu zeigen, daß es bei explorativen Forschungen nicht etwa um die detaillierte Vorhersage von Ereignissen gehen kann. Das kann Wissenschaft wohl nur selten. Ihre Sache ist es vielmehr, die Strukturen, Akteure und Konstellationen und die daraus begründet möglichen Entwicklungsbandbreiten, -korridore oder -pfade zu analysieren und zu beschreiben. In unserem Fall könnten explorative Forschungen sich auf folgende Fragekomplexe richten: die Potentiale der evolutiven Biotechnik, Resistenzsysteme und Resistenzmanagement, biologische Krankheitsbekämpfung, Perspektiven der EU-Politikprozesse und -programme.

In allen angeführten Fragefeldern und Themenstellungen sollte nicht nach der immer noch oft behaupteten und angewandten Dichotomie problem- versus technikorientierte TA verfahren werden, sondern eine Verbindung dieser beiden Blickrichtungen angestrebt werden, da es ja nicht allein um die Ermittlung von "Fakten" geht, sondern um die Analyse, Charakterisierung und womögliche Bewertung der Bedingungen und Möglichkeiten von Entwicklungen und Handlungsimplikationen. Dabei liegt es nahe, daß universitäre TA ihren Blick präzise auch auf die Strukturen, Bedingungen und Prozesse der öffentlich finanzierten Forschungsinstitutionen sowie der öffentlichen Forschungspolitik, in unserem Fall wesentlich auch der EU, richtet. Dabei sind insbesondere die programmatischen Intentionen, die Methoden der Ressourcenverteilung und die nicht intendierten Wirkungen der Forschungspolitik sowie ihre Verknüpfungen oder Isolierung von Landwirtschafts-, Industrie- und anderen Politiken von Interesse. Damit wird es manchmal wohl kaum zu vermeiden sein, methodisch und inhaltlich etwas abseits der gängigen wissenschaftspolitischen Formeln zu argumentieren. Das scheint mir allerdings auch eine wichtige Aufgabe der Universitäten (18).

Womit wir bei einem dritten Typus von Forschung angelangt sind, den ich als intervenierende und konstruierende Sozialforschung bezeichnen möchte. Dieser Typus von Forschung zeichnet sich vor anderen darin aus, daß hier die Forschenden erklärtermaßen gesellschaftliche Wirklichkeit direkt (mit)gestalten wollen. In der TA-Diskussion werden solche Verfahren häufig als diskursive, mediative oder partizipatorische Projekte tituliert. Diese Bezeichnung trifft allerdings nur die methodische Seite, nicht den Prozeß selbst. Zu Themenfeldern intervenierender / konstruierender Sozialforschung gehören in unserem Fall z.B. die Rolle der Landwirtschaft in industriellen Gesellschaften, die Entwicklung langfristig gesunder Pflanzenzüchtungsstrukturen in nicht industrialisierten Ländern, die Konzeptualisierung und womögliche Operationalisierung der Vokabel Sustainability. Die Intention der Mitgestaltung von Nachdenkens- und Willensbildungsprozessen liegt strategisch nicht in der Erreichung eines zuvor bestimmten Zieles, sondern in der Einübung möglichst angemessener Formen und Verfahren zur 

In diesem Typus von Forschung ist besonders evident, daß die Summation einzelwissenschaftlicher Expertise, welches ein traditionell versuchtes Mittel zur Bearbeitung komplexer fachübergreifender Problemstellungen ist, ganz ungenügend ist. Denn es verhält sich gerade so, daß die Entscheidungen darüber, welche Fragen mit der Mobilisierung wissenschaftlichen Wissens geklärt werden könnten, zunächst noch zu treffen sind. Üblicherweise wird auch im TA-Kontext stillschweigend vorausgesetzt, daß wissenschaftliches Wissen eigentlich alle soziotechnischen Fragen wo nicht beantworten, so doch klären helfen kann. Diese Prämisse bleibt aber nach zwei Seiten hoch fragwürdig. Zum einen lehren Erfahrung und jüngere Forschungen, daß es, um überhaupt eine soziotechnische Frage einzelwissenschaftlich traktabel zu machen, mehr oder minder zahlreicher Übersetzungsschritte bedarf. Die einzelwissenschaftliche Antwort auf die so übersetzte Frage wiederum muß rückübersetzt werden. Dieser Vorgang doppelter Übersetzung impliziert eine lange Kette von Entscheidungen und Zurichtungen des Gegenstandes. Zum zweiten gibt es durchaus soziotechnische Komplexe, in denen Erfahrungswissen (wozu auch Erfahrungen mit der Anwendung wissenschaftlichen Wissens gehören) handlungs- und entscheidungsrelevanter sein kann, als die Akkumulation oder Generierung wissenschaftlichen Wissens (19). Intervenierende / konstruierende Sozialforschung stellt an alle Beteiligten, vor allem aber an die forschende Institution, falls sie zugleich auch die organisierende ist, hohe Anforderungen. Denn es ist ein methodisch wie inhaltlich schwieriges Unterfangen, einen kommunikativen Prozeß zu gestalten und zugleich zu erforschen (20). Für viele soziotechnische Fragen, insonderheit solche, bei denen die technischen Manifestationen, ökonomischen Investitionen und juristischen Kodifikationen alle miteinander sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, ist aber ein so angelegtes Vorgehen die Methode der Wahl. Das gilt auch für eine zweite Gruppe von soziotechnischen Thematiken. Das sind Problemfelder, in denen technologische und gesellschaftspolitische Veränderungen zusammentreffen und in denen weder die Implikationsanalyse, sei sie noch so enzyklopädisch angelegt, einer oder mehrerer technischer Optionen noch eine Politikfeldanalyse, die sich an die üblichen Fragmentierungen der Ressorts hält, die Möglichkeit eröffnet, auf einer angemessenen Aggregationsebene Konzeptualisierungen zu erarbeiten, die Handlungs- und Entwicklungsoptionen eröffnen könnten (21). Solche Gegenstände sind z.B. die Landwirtschaft oder das Gesundheitswesen. In beiden Feldern wird an vielen Details mit technischen, finanziellen und sozialen Modifikationen versucht, akuten Krisensymptomen zu begegnen, wie z.B. dem Schwund von Höfen, ausufernden Subventionstransfers oder der Zahlungsunfähigkeit von Krankenkassen. Dabei ist (inzwischen zumindest) deutlich, daß viel grundlegendere Neubestimmung vonnöten ist, um eine auch nur mittelfristige Perspektive erreichen zu können. Es gibt aber keine oder kaum Orte in unserer Gesellschaft, an denen solche komplexen Fragen nach Perspektiven bearbeitet werden (22). In diesem konzeptionellen Vakuum kann die intervenierende / konstruierende Sozialforschung ihre Möglichkeiten entfalten.

Die Trennung zwischen Politik als Entscheidungskunst und Technik als Sachvollzug wissenschaftlicher Zusammenhänge kann durch solche TA-Vorhaben aus ihrer Irrationalität ein Stück weit zurückgeholt und reintegriert werden. Politik ebenso wie Technik implizieren immer wertbezogene Entscheidungen. Es geht im TA-Kontext gerade auch darum, die politischen Elemente technisch basierter Innovationen herauszuarbeiten. Dazu eignet sich die moderne Biotechnologie in gewisser Weise besonders gut. Das führt uns zu dem letzten hier zu behandelnden Typus von Forschungen, dem der normativen Reflexion. In vielen Kultur- und Naturwissenschaften gibt es eine, teils Jahrhunderte alte, Tradition, über die normativen Prämissen des eigenen wissenschaftlichen Tuns nachzudenken; in einzelnen Teilen, wie z.B. der Staatstheorie, ist es ganz unvermeidlich, daß Fragen der Legitimität, der gerechten politischen Ordnung, der Verantwortung auch vor künftigen Generationen, der Wirkungen und Konsequenzen gesellschaftlich-politischen Handelns auch heute noch bearbeitet werden. In den meisten Gebieten aber, vor allem derjenigen Wissenschaften, die sich mit biotischen oder abiotischen Phänomenen beschäftigen, ist, der professionellen und gegenständlichen Spezialisierung korrespondierend, mit der immer weiteren Steigerung der methodischen Raffinesse zugleich der Blick für den gesellschaftlichen Konstitutionszusammenhang des wissenschaftlichen Tuns weitgehend verlorengegangen. Ein ähnlicher Prozeß kollektiver Agnosie hat sich in bezug auf die Entwicklung und Verwendung von Techniken und Technologien abgespielt. Die Metamorphose der industriellen technischen Artefakte von Energielieferanten zum Zwecke der Befreiung von schwerer körperlicher Arbeit hin zu einer hochrationalisierten Innovationsmaschinerie, die zugleich mit dem Ersatz der ganzen menschlichen Arbeitskraft weite Bereiche der gesellschaftlichen Kommunikation strukturiert und mit ihrem stofflichen Umsatz das Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur, Biosphäre und Technosphäre, bedrohlich erschüttert hat, hat, bis heute jedenfalls, keineswegs dazu geführt, daß der soziotechnische Innovationskomplex als etwas Menschengemachtes, Ergebnis von Entscheidungen, Interessen, Macht, also: gesellschaftlichen und individuellen politischen Motiven, erscheint. Allem, auch kritischen Diskurs zu einzelnen Technologien oder Teilen von diesen (Nukleartechnik, Chemie, Verkehrstechnik , Gentechnik) zum Trotz stehen die dominanten Signalsysteme nicht etwa auf Verlangsamung, sondern auf weitere Beschleunigung der Durchsetzung soziotechnischer Innovationen in immer neuen gesellschaftlichen Sphären. Z.B. die Kartierung von Genomen von Pflanzen, Tieren und Menschen, die globale Rasterfahndung nach pharmazeutisch-ökonomisch verwertbaren Substanzen, die Substitution natürlicher Aromen durch industrielle - alle solche innovativen Fortschritte basieren auf der Vorstellung, die Zerlegung komplexer Strukturen in ihre molekularen Elemente würde einen Weg weisen zum Verständnis- und zur Veränderbarkeit! - äusserst vielschichtiger und komplexer Phänomene wie Krankheiten, Geschmack oder Verhalten von Menschen. Die systematische Reflexion solcher Beeinflussungen, Ersetzungen und Umwälzungen gesellschaftlicher Praktiken und Vorstellungen ist Ziel von Forschungen des Typus normative Reflexion. In unserem Bereich gehören dazu u.a. Lebensmittel, Pflanzenzüchtung und Gesellschaft, Natur und Gesellschaft, demokratische Legitimierung technologiepolitischer Strategien, Biodiversität. Dabei ist eine kritische Auseinandersetzung zu führen auch mit allen solchen jüngeren Theoremen, die uns weismachen wollen, die Kontingenz des wissenschaftlich-technischen Fortschritts führte nachgerade dazu, daß moralische Prinzipien sich eher als Ergebnis einer Situation ergeben denn als Handlungsimperativ die Situation mit bestimmen (23). Die Debatte um die Rekonstituierung eines offenen Wertbezuges in der Beurteilung von soziotechnischen Innovationen sollte nicht allein den sich selbst als moralisch verstehenden Instanzen (Kirchen, NGO's et al.) oder den professionalisierten Moralphilosophen (Ethikern) überlassen werden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage danach, was gut und richtig ist, darf sich nicht in der endlosen Aufzählung von unterschiedlichen Situationen verlieren. So wie es eine (gute (24)) Tradition im Recht gibt, die nicht mit Kasuistik, sondern mit allgemeinen Gesetzen operiert, so ist in der Auseinandersetzung um soziotechnische Innovationen auch eine Rückbindung an allgemeine Demokratieprinzipien (25) nicht nur möglich, sondern notwendig als Voraussetzung für eine neue demokratische Fundamentierung des Umgangs mit den Fragen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Denn wenn es eine unzweideutige Lehre so vieler juristischer Auseinandersetzungen um Einzel- und Grundsatzfragen der Wirkungen von technischen Artefakten und Anlagen auf die mehr oder minder kodifizierten Rechte von Staatsbürgern gibt, dann diese: Werte sind nicht in Verfahren auflösbar; Verfahren setzen vielmehr Werte voraus. Sie können lediglich angemessene Formen des Austrags unterschiedlicher bis gegensätzlicher Wertvorstellungen kanalisieren.

Die skizzierten Typen von Forschungen sind von mir weder erstmalig so beschrieben noch als trennscharf unterschieden gedacht. Es soll damit lediglich verdeutlicht werden, welche strategischen Überlegungen der jeweils konkret festzulegenden und fortzuschreibenden Forschungsagenda zugrundeliegen könnten. Quer zu den Forschungstypen liegen zwei Bereiche, die nicht unerwähnt bleiben dürfen: 

Beide Bereiche sind in ihrer jeweiligen Eigenart für die TA-Forschungen wichtig. Da TA keine Wissenschaft im disziplinären Sinne ist (und eine solche auch nicht werden sollte!), ist die Zahl von methodischen Ansätzen erheblich. Es ist nur im konkreten Fall diskutier- und festlegbar, welche Methode(n) die beste(n) sind. Die kritische Analyse und Auswertung, gegebenenfalls Adaption, eines breiten Methodenspektrums ist für einen Forschungsschwerpunkt wie BIOGUM, auch zur inneren kommunikativen Fortentwicklung, von erheblicher Bedeutung (26). Ähnlich verhält es sich mit den Theoriesträngen, die aus diversen Disziplinen zur Erfassung und Erklärung von soziotechnischen Phänomenen beitragen können. Hier geht es ebenfalls um einen themenbezogenen Eklektizismus, nicht um den absehbar untauglichen Versuch einer neuen Metatheorie. 

Anmerkungen

(1) Entwurf, Stand November 1996. Der Apparat ist deshalb noch rudimentär. Kritik, Anregungen und Kommentare bitte an untenstehende Anschrift.

(2) Technikfolgenabschätzung und -bewertung, engl. Technology Assessment.

(3) Da mittlerweile auch multinationale Wirtschaftsunternehmen sich als NGO's registrieren lassen, ist eine präzisierende Nomenklatur unumgänglich.

(4) Man denke nur an die beiden Großthemen Klimawandel und Urbanisierung.

(5) Office of Technology Assessment beim Kongreß der USA; das OTA ist Ende September 1995 von der republikanischen Mehrheit des Kongresses ersatzlos aufgelöst worden.

(6) Das universitäre TA-Wissen hat folgende Spezifitäten: a) Die Umgebung aller und Verbindung zu allen oder den meisten Wissenschaftsdisziplinen einschließlich der Heilkunst; b) die Möglichkeit der Orientierung auf längerfristige Querschnittsfragen; c) Die Chance der Heranbildung des Nachwuchses und der Verbreitung der Implikationsperspektiven in den Studiengängen. Universitäre TA hat selbstverständlich auch spezifische Restriktionen, die hier aber nicht Gegenstand sind.

(7) International Association for Impact Assessment, Society for Risk Analysis.

(8) Z.B. SPRU der University of Sussex, Department of International Relations der Universität Amsterdam, Risiko & Sicherheit technischer Systeme der ETH Zürich, ZIT der TH Darmstadt.

(9) So z.B. der Verbund sozialwissenschaftliche Technikforschung.

(10) Einrichtungen ähnlich denen in angelsächsischen Ländern, die Science & Technology Studies bearbeiten, gibt es in Deutschland fast nicht. Das fast bezieht sich auf Einrichtungen wie z.B. das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld.

(11) Statt vieler Hinweise im Überblick: Zweck, Axel: Die Entwicklung der Technikfolgenabschätzung zum gesellschaftlichen Vermittlungsinstrument, Opladen 1993 und Bryner, Gary C. (ed.): Science, Technology and Politics, Boulder 1992. Gotthard Bechmann und Günter Frederichs machten jüngst aus dieser Not eine Tugend, indem sie eine dritte Forschungskategorie, die der problemorientierten Forschung, neben Grundlagen- und angewandter Forschung, einführen; Bechmann, G.; Frederichs, G. "Problemorientierte Forschung: Zwischen Politik und Wissenschaft". In: G. Bechmann (Hrsg.), Praxisfelder der Technikfolgenforschung, Frankfurt a.M./New York 1996, 11ff.

(12) Auch den unterschiedlichen Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages ist es nur selten gelungen, diesem Dilemma zu entgehen.

(13) Ein besonders unerfreuliches Kapitel des Typs ist das Verhalten von Max-Planck-Gesellschaft und DFG im Feld der Molekularbiologie.

(14) Die Kriterien selbst sind häufig umstritten, wie man z.B. an der Debatte um die Freisetzung transgener Organismen sehen kann; oft sind auch Methoden zur Feststellung von Sachverhalten unterschiedlich beurteilt. Hier geht es zunächst darum, daß von entscheidender Bedeutung ist, daß die Kriterien offengelegt und damit diskutabel werden.

(15) Vgl. dazu die lange Debatte unter Historikern, die vor allem in methodologischer Hinsicht lehrreich ist.

(16) Der Ausdruck soziotechnisch besagt, daß die Entwicklung und Verwendung von Technik immer auch soziale Elemente und Bezüge enthält.

(17) Nur die westlichen Geheimdienste waren noch ahnungsloser.

(18) Die Verfolgung von Forschungsthemen und -strategien außerhalb des immer zur Uniformität tendierenden mainstreams der Finanzierung ist ein Privileg der Universitäten. Daß diese davon wenig Gebrauch machen, ändert an dem Grundsachverhalt nichts.

(19) Die Gewichtung von Erfahrungs- und anderen Wissensformen ist ein gänzlich ungelöster Punkt.

(20) Das lehrt z.B. das Verfahren zur Herbizidresistenz, das am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin 1991-1995 durchgeführt worden ist.

(21) Hier knüpfe ich teilweise an die Überlegungen von Überhorst zu den 4 K's an: der kooperativen Konzeptualisierung komplexer Kontroversen; vgl. auch Burns, Tom R. & Reinhard Überhorst: Creative Democracy, New York 1988.

(22) Dies ist ein wesentlicher Grund für die wachsende Bedeutung von non-profit-NGO's, denn diese oft relativ ungefestigten Verbünde thematisieren genau solche komplexen Problemfelder und artikulieren entsprechende Veränderungswünsche, teils auch -konzepte.

(23) Dazu gibt es ja eine umfängliche Debatte in der Technikphilosophie und -ethik, die mir aber in weiten Teilen recht stationär erscheint.

(24) Selbstverständlich nicht problemlose, aber doch grundlegend demokratische und menschenrechtlich orientierte.

(25) Da sich fast alle moralischen Grundnormen in unserer Verfassung wiederfinden und in dem unaufhebbaren Gebot des demokratischen und sozialen Rechtsstaats zusammengefaßt sind, spreche ich hier vereinfachend von Demokratieprinzipien.

(26) Vgl. z.B. das breite Methodenreview bei Bruce, James P., Hoesung Lee & Erik F. Haites (ed.): Climate Change 1995. Economic and Social Dimensions of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Second Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Cambridge 1996.

Kontakt

Dr. Stephan Albrecht
Universität Hamburg
Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt (BIOGUM)
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