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Bericht über den ITAS-Workshop "Environmental Research between Knowledge and Action"
Bericht über den ITAS-Workshop: "Environmental Research between Knowledge and Action"
Am 9. und 10. Dezember 1999 veranstaltete ITAS einen internationalen Workshop zum Thema "Environmental Research between Knowledge and Action" im Forschungszentrum Karlsruhe. Es trugen Experten aus Amerika, England, Holland, Kanada, der Schweiz und Deutschland vor. Im Zentrum des Workshops stand die Frage nach den besonderen Bedingungen einer sich neu formierenden Umweltforschung, die versucht, die Debatte um "Nachhaltige Entwicklung" und die Ergebnisse der "Global Change-Forschung" zu integrieren. Umweltforschung in diesem Sinne ist problemorientiert und entscheidungsbezogen.
Das eigentlich Innovative findet sich in dem Vernetzungsgedanken, der den Umgang mit Natur zu einem Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung macht. Für die Umweltforschung stellt sich damit die Aufgaben, ökologische, soziale und ökonomische Sachverhalte in ihrem Zusammenhang zu erforschen und für politische Entscheidungsträger unter der Perspektive einer dauerhaften und umweltgerechten Entwicklung zu bündeln und entscheidungsbezogen zu präsentieren. Dies zwingt zu einem interdisziplinären und integrativen Ansatz in der Forschung, der sich gleichzeitig dessen bewusst bleiben muss, dass das Wissen für Handlungen zu organisieren und aufzubereiten ist.
Umweltforschung erhält damit einen zentralen Stellenwert im Zusammenhang mit der Modernisierung der Gesellschaft. Sie hat zum einen die komplexe Beziehung zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Umweltveränderung zu erforschen, zum anderen stellt sich ihr das Problem, dieses Wissen in die Entscheidungsprozesse einzubringen. Ihre Rückbindung an Politik oder andere wichtige Handlungsbereiche macht sie zu einer problemorientierten, praxisbezogenen Wissenschaft.
Unter der Leitung von Gotthard Bechmann (ITAS) und Nico Stehr (Universität Duisburg) wurden auf dem Workshop in vier Sektionen die Entwicklung und Struktur einer sich herausbildenden problemorientierten Forschung diskutiert.
Die erste Sektion war konzeptionellen Fragen der problemorientierten Forschung gewidmet.
Gotthard Bechmann grenzte die problemorientierte Forschung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung ab und zeigte ihren eigenständigen Charakter auf, der im Kern zu einem neuen Typ von Forschung führt. Klaus Peter Japp (Universität Bielefeld) thematisierte die Unterscheidung von Wissen / Nichtwissen als einer wichtigen Dimension der Risiko- und Umweltforschung, wobei Nichtwissen eine ambivalente Position zwischen Sicherung der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion und riskantem Entscheiden zukomme.
Nach den Qualitätsstandards einer transdisziplinär operierenden Umweltforschung fragte Armin Grunwald (ITAS) in seinem Vortrag. Neuartige Anforderungen an die Forschung stellten sich hier unter zwei Gesichtspunkten: Relevanz und Kompatibilität mit disziplinärem Wissen. Die besondere Herausforderung liege dabei in der Übersetzung gesellschaftlicher Bedürfnisse, Prioritäten und Erwartungen in forschungsinterne Relevanzentscheidungen und Kompatibilitätsbeurteilungen.
Rainer Grundmann (Aston University, Birmingham) beschrieb die Rolle einer advokatorischen Wissenschaft im Rahmen der Risikodebatte. Er zeigte, dass es wesentlich ist, wer die realitätsdefinierende Rolle in der Risikodebatte spielt: Sind es die Politiker, Vertreter der Wirtschaft, der Umweltverbände oder die Wissenschaftler? Die Wissenschaftler könnten nur dann eine wichtige Rolle spielen, wenn sie sich von partikularen Interessen freihielten und versuchten, im Risikodiskurs das "öffentliche Interesse" zu vertreten.
Die zweite Sektion befasste sich mit methodischen Fragen einer problemorientierten Umweltforschung.
John Robinson und James Tansey (University of British Columbia, Canada) berichteten über ein Projekt, das sich mit der Zukunft der Georgia Basin Region für die nächsten vierzig Jahre beschäftigte. Ziel des Projektes ist es, in einem Szenario öffentliche Werte, Präferenzen, Meinungen der Bevölkerung mit wissenschaftlichem und anderem Expertenwissen zu integrieren und zu simulieren, um dadurch die Öffentlichkeit in politische Entscheidungsprozesse über die zukünftige Entwicklung einzubeziehen.
Am Beispiel der Klimafolgenforschung diskutierte Fritz Reusswig (PIK Potsdam), dass die Unterscheidung "mehr wissenschaftszentrierte" oder "stärker handlungsbezogene" Forschung an der Realität vorbei geht. Die Klimaforschung habe gezeigt, dass gesellschaftliche Probleme, die als wissenschaftlich bearbeitbar und sozial als lösungsbedürftig definiert werden, ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit voraussetzen, bei dem wissenschaftliche Problemdefinition, gesellschaftliche Werte und Konsensbildung miteinander verzahnt sind. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) sei hierfür ein besonders wichtiges Beispiel.
Hadi Dowlatabati (Carnegie Mellon University, Pittsburg) entwickelte einen integrierten Ansatz für Umweltforschung und -management. Das Verständnis der Umwelt ist - so seine These - eng an unser Handeln gebunden, so dass wissenschaftliche Forschung immer die Folgen des Handelns als konstitutives Merkmal mit in die Untersuchung einbeziehen müsse. Sie werde dadurch zur reflexiven Forschung, die transdisziplinär und problemorientiert vorgehe und ihre Stoppregeln in einem pragmatischen Verständnis des Handelns finden müsse.
Rene v. Schomberg (Tilburg University) beschäftigte sich mit dem Zustandekommen von multilateralen Umweltvereinbarungen. Er zeigte, wie im Rahmen der UN bei gelungener Kompromissbildung mit Hilfe der Wissenschaft teilweise ein gemeinsames Vorgehen zwischen den Vertretern der Umweltverbände (NGOs), der World Trade Organisation (WTO) und der nationalen Regierungen möglich ist.
Die dritte Sektion beschäftigte sich mit der Funktion des Leitbilds "Sustainable Development" im Rahmen der Umweltforschung.
Karl-WernerBrand (TU-München) betonte in seinem Vortrag, dass Nachhaltigkeitsforschung neben ihrer Problemorientierung auch einen starken Handlungsbezug aufweise, der sie zwinge, Wissen unter Unsicherheit zu produzieren. Darüber hinaus sei sie - bedingt durch die Normativität des Leitbildes "Sustainable Development" - zusätzlich in den gesellschaftlich offenen Definitions- und Bewertungsprozess eingebunden. So treten zu kognitiven auch noch soziale und normative Unsicherheiten, die nur in einer transdisziplinären, dialogischen Forschungspraxis bewältigt werden könnten.
An zwei Beispielen (Solarstrombörse und C02-Gesetzgebung in der Schweiz) diskutierten Priska Gisler und Christian Pohl (ETH Zürich) die Umsetzungsbedingungen des Leitbildes des Sustainable Development. Es gäbe nur drei relevante Aspekte bei der Realisierung: Das Sustainable Development-Konzept müsse in den Kontext des Projektes übersetzt werden und gleichzeitig die differenten Ziele bündeln; es müsse mit den öffentlich relevanten Themen verbunden werden; und es müsse schließlich den dynamischen Entwicklungen des Anwendungsbereichs angepasst werden.
Die Frage, warum in den siebziger Jahren während der beiden Ölkrisen trotz wirtschaftlicher Stagnation der Energiekonsum und die Umweltzerstörung gewachsen sind, versuchte Ottmar Edenhofer (TU Darmstadt) anhand eines Computermodells zu erklären. Dieses Modell setzt den ökonomischen, sozialen und ökologischen Wandel in Beziehung zueinander und versucht, die wechselseitigen Abhängigkeiten in der Zeit darzustellen und zu simulieren.
Die vierte Sektion thematisierte die Rolle der Wissenschaft in den Medien und in der Öffentlichkeit.
Hans v. Storch (GKSS Geesthacht) stellte Ergebnisse einer empirischen Studie vor. 1000 Wissenschaftler in den USA, Kanada und Deutschland wurden mit Hilfe eines Fragebogens über ihre Meinungen und Einstellungen zum Klimawandel befragt. Als einer der wesentlichen Befunde ließe sich feststellen, dass länderübergreifend viele Forscher glauben, dass die Klimawissenschaft die Objektivität einer wertneutralen Wissenschaft verloren hat. Dies könne mit dem soziokulturellen Kontext zusammenhängen, in dem jede Forschergemeinde sich befindet, sowie mit dem politischen Charakter der Klimawissenschaft und ihrem relativ kurzen Bestehen. Wenn die Wissenschaft ihren wertneutralen und objektiven Charakter verlöre, werde ein Großteil des Wissens, welches an die Öffentlichkeit gelangt, gleichermaßen zum Gegenstand von sozialen Interpretationen wie von gesicherten Fakten. Klima als Gegenstand der Forschung stelle sich als ein soziales Konstrukt heraus, an dessen Definition Wissenschaft, Öffentlichkeit und Massenmedien beteiligt seien.
Klaus Eder (Humboldt Universität, Berlin) entwickelte einen analytischen Rahmen, um die Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft zu beschreiben. Er zeigte durch eine Analyse der ökologischen Debatte, dass trotz selektiven und manchmal auch falschen Gebrauchs der Wissenschaft durch die Öffentlichkeit diesem Wechselspiel doch eine kollektive Rationalität zu Grunde liegt. Je mehr die Wissenschaft und die Öffentlichkeit die Logik ihres eigenen Diskurses verfolgten, um so stärker seien sie aufeinander angewiesen.
Mit der ambivalenten Rolle der Wissenschaft in der Öffentlichkeit befasste sich Jost Halfmann (TU Dresden). Obwohl die Wissenschaft ihre Aura und Autorität im Laufe der ökologischen Debatte als Produzent von "wahrem" Wissen verloren habe, werde doch immer auf Wissenschaft zugegriffen, wenn sich die gesellschaftlichen Institutionen mit neuen Risiken oder Umweltproblemen konfrontiert sehen. Gerade die zunehmende Nachfrage nach Wissen seitens der gesellschaftlichen Entscheidungsträger bringe die Wissenschaft in das Dilemma, mehr an Lösungskapazität versprechen zu müssen, als auf Grund der Komplexität der zu entscheidenden Probleme wissenschaftlich vertretbar und machbar sei. Sowohl die Zeit als auch die finanziellen Ressourcen der Wissenschaft seien auf dem Feld der ökologischen Forschung begrenzt.
Fazit
Der Workshop hat deutlich gemacht, dass sich außerhalb des traditionellen Wissenschaftssystems eine nicht disziplinäre Forschung zu formieren beginnt, die abweichend von den bisherigen Standards der Wissenschaft Wissen produziert, das durch wachsende öffentliche Nachfrage stimuliert wird. Indem solches Wissen in Wirtschaft, Politik und Kultur nachgefragt wird und in diesen Systemen Leistungen erbringen soll, gewinnt der Kontext wissenschaftlichen Wissens zumindest in dreifacher Hinsicht an Bedeutung:
- Wissenschaft ändert ihren Legitimationsmodus. Gemeint ist damit, dass nicht mehr allein die "Objektivität des Wissens" für ihre Legitimation ausschlaggebend ist, sondern die Bedeutung und der praktische Nutzen für ihre Anwender in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wird ein Kriterium ihrer Qualität.
- Wissenschaft wird selbstreflexiv. Das bedeutet, sie wird gezwungen, über ihre Anwendungsbedingungen und Anwendungserfolge oder Misserfolge nachzudenken. Wissenschaft selbst wir zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung (Risikoforschung, Technikfolgenforschung usw.)
- Wissenschaft erzeugt und macht Nichtwissen bewusst. Gemeint ist damit, dass gerade auf dem Gebiet der Umweltforschung gesicherte Aussagen über problematische, gesellschaftlich zu steuernde Kausalbeziehungen auf Grund komplexer Verursacherkonstellationen nicht leicht zu machen sind. Forschung erzeugt neuen Bedarf an Forschung.
Mit der Umweltforschung, der Risikoforschung oder der Global Change-Forschung sind nicht nur neue Formen der Wissensproduktion entstanden, sondern es ist eine Veränderung der gesellschaftlichen Funktion der Produktion wissenschaftlichen Wissens zu registrieren, die sowohl transdisziplinäre Arbeitsweisen wie auch neue theoretische Konzepte erfordert. Man könnte hier auch von einem neuen Typ von Forschung sprechen, der neben der Grundlagenforschung und der angewandten Forschung als "problemorientierte Forschung" zunehmend gesellschaftliche Relevanz gewinnt.
Die Beiträge des Workshops werden für eine Publikation im Herbst vorbereitet, auf deren Erscheinen in den TA-Datenbank-Nachrichten hingewiesen werden wird.
Kontakt
Gotthard Bechmann
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Postfach 3640, 76021 Karlsruhe