Editorial

Editorial

Verändert Technik den Menschen? Folgt der Leser den Argumentationsgängen unserer Schwerpunkt-Autoren über technologische Visionen, so drängt sich der Eindruck auf, dass mehr über die grundlegenden Merkmale des Mensch-, aber auch des Tier-Seins „gerungen“ wird, als gegenwärtig offensichtlich ist. So werden beispielsweise biovisionäre Diskurse untersucht, die den Satz „Alle-Menschen-werden-gleich-geboren“ auf besondere Weise in Frage stellen. Es wird dabei deutlich, wie die „Überwindung der menschlichen Natur“ mit ihren Handicaps, Unterschieden und Unwägbarkeiten zumindest diskursiv zu einem etablierten Gedanken geworden ist und in breite Teile der Wissenschaft und in die Populärkultur – zumindest als Vision – Einzug gehalten hat. Lebenswissenschaftlicher Fortschritt und pharmakologische, aber auch medizintechnische Entwicklungen führen dazu, dass Internet-Anbieter und „medizinische Dienstleister“ Angebote machen, die die Grenzen des menschlichen Körpers und Geistes scheinbar zu gestaltbaren Gegenständen werden lassen.

Dabei sollen nicht nur vorhandene Fähigkeiten perfektioniert werden. Vielmehr sollen auch menschliche Grenzen, die bei körperlicher Aktivität und bei mentaler Leistungsfähigkeit auftreten, „überwunden“ werden. Die menschliche Natur wäre danach nicht mehr der Baukasten, auf den der einzelne Mensch bei seinen täglichen Handlungen zugreift und ihn möglichst gut nutzt. Sondern durch die Überwindung zentraler inhärenter Grenzen werden Leistungen vorstellbar und abrufbar, die bisher eindeutig jenseits menschlicher Natur lagen. Müdigkeit kann ebenso verschwinden wie Gefühle des warnenden Unwohlseins und stechender Muskelschmerz bei extrem anstrengenden Aktivitäten eines Spitzensportlers oder eines Feuerwehrmannes im Einsatz.

Zwar sind robuste Nachweise, dass z. B. Psychopharmaka bei gesunden Menschen zu einer relevanten Leistungssteigerung führen, noch nicht erbracht. Aber die Welt der Arzneimittel grenzt die Möglichkeit nur z. T. ein. Vielmehr sollte darüber nachgedacht werden, ob „early adopters“ von pharmakologischen Enhancement-Technologien nicht dazu beitragen, dass aus dem halblegalen Nischenprodukt ökonomisch erfolgreiche Anwendungen entstehen. Die uninformierte Offenheit und Leichtgläubigkeit des Konsumenten in Verkaufsshows und bei Internet-Angeboten scheint zumindest in Ansätzen erkennbar. Wenn beispielsweise der tierische Stoffwechsel so manipuliert wird, dass die global sicher relevante Methangas-Produktion der tierischen Verdauungskette klimagünstig verändert wird, so zeigt sich, dass die angestrebte „Eingriffstiefe“ in natürliche Prozesse zumindest im wissenschaftlichen Raum bereits erheblich ist. Eine systematische Begleitung dieser technologischen Eingriffe und die gegebenenfalls notwendige Entzauberung wissenschaftlicher Exzellenz ist damit eine der anstehenden Herausforderungen für die Technikfolgenabschätzung.

Neben diesen potenziellen großen Änderungen gibt es auch weniger spektakuläre kleine Änderungen. So werde ich mich als Leiter des Redaktionsteams nach Veröffentlichung dieses Heftes aus der Redaktionsarbeit zurückziehen. Meine langjährige TATuP-Kollegin Constanze Scherz übernimmt Ende Mai die Leitung der Redaktion. Ich selbst widme mich dann vorrangig meinen Forschungsvorhaben. Allen Autoren, Lesern, Unterstützern und Kollegen sei an dieser Stelle aufs Beste für ihre Aufmerksamkeit und Treue zur „alten Tante“ TATuP gedankt. Für mich waren die sieben Jahre Redaktionsleitung eine spannende Zeit, die ich nicht missen möchte.

(Peter Hocke-Bergler)