Symposium "Allgemeine Technologie - Vergangenheit und Gegenwart"

Tagungsberichte und Tagungsankündigungen

Symposium "Allgemeine Technologie - Vergangenheit und Gegenwart"

Berlin, 12. Oktober 2001

Tagungsbericht von Gerhard Banse, ITAS, und Ernst Otto Reher, Leibnitz-Sozietät

Am 12. Oktober 2001 führte die Leibniz-Sozietät e.V. gemeinsam mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe GmbH Technik und Umwelt das Symposium "Allgemeine Technologie - Vergangenheit und Gegenwart" durch. Hintergrund waren die Bemühungen der Leibniz-Sozietät, Forschungen zur Allgemeinen Technologie zu einem langfristigen interdisziplinären Vorhaben werden zu lassen. Die Leibniz-Sozietät mit Sitz in Berlin - begründet im Jahre 1700 als Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften - ist eine Vereinigung von Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die vor allem durch die interdisziplinäre Erörterung aktueller Grundprobleme von Wissenschaft und Gesellschaft einen angemessenen Beitrag zum geistigen Leben unserer Zeit leistet.

In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wurde durch den an der Göttinger Universität tätigen Professor für "Weltweisheit und Ökonomie Johann Beckmann (1739-1811) der Begriff der Technologie erstmals in unserem heutigen Verständnis geprägt. Voraus gingen eine Bestandsaufnahme und eine erste Systematisierung vorhandener Gewerke. Eine Schlussfolgerung der Arbeiten Beckmanns war, dass es Gemeinsamkeiten aller Gewerke gebe, die zur Herausbildung der Allgemeinen Technologie führten. "Geburtsurkunde" einer Allgemeinen Technologie ist der "Entwurf der Algemeinen Technologie" von Beckmann aus dem Jahre 1806. In dieser kleinen Abhandlung geht es ihm um mehr als eine allein vergleichende Systematisierung der für die Realisierung (technischer) Zwecke nutzbaren technisch-technologischen Mittel, denn Allgemeine Technologie soll "die gemeinschaftlichen und besondern Absichten der ... Arbeiten und Mittel anzeigen, die Gründe erklären, worauf sie beruhen, und sonst noch dasjenige kurz lehren, was zum Verständniß und zur Beurtheilung der einzelnen Mittel, und zu ihrer Auswahl bey Übertragungen auf andere Gegenstände, als wozu sie bis jetzt gebraucht sind, dienen könnte." Beckmann will - so wird aus seinen Überlegungen deutlich - erstens das bis dato angesammelte technisch-technologische Wissen systematisieren, dieses zweitens auf eine sichere theoretische Grundlage stellen und auf dieser Basis drittens das methodische Programm einer Erfindungsheuristik begründen. Dieser vielversprechende Ansatzes fand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Resonanz, verlor in der Folgezeit als ein die gesamte Technik er- bzw. umfassender Entwurf aus unterschiedlichen Gründen an Bedeutung.

In den vergangenen dreißig Jahren ist nun die Diskussion um eine Allgemeine Technologie erneut belebt worden: es wurden verallgemeinernde und generalisierende Überlegungen bzw. Ansätze zu einer Allgemeinen Technologie von verschiedenen Wissenschaftlern aus der Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen vorgelegt. Dafür stehen Namen wie Ropohl, Wolfgramm, Spur und Banse. In diesen Ansätzen kommt es zur Erfassung des Allgemeinen technischer Objekte und Prozesse in technischen Prinzipien, Grund- und Leitsätzen, Regularien, Aussagen über Wirkpaarungen und -anordnungen u. ä..

Dabei wird auch deutlich, dass (idealtypisch!) stärker zu unterscheiden ist, ob man unter "Allgemeiner Technologie" mehr beschreibende Systematisierungen und Verallgemeinerungen versteht, die - allein oder vor allem - methodischen Zwecken dienen sollen (die ihrerseits von der technischen Ausbildung bis zur "technologischen Aufklärung" reichen), oder ob man darunter Aussagensysteme im Sinne einer technikwissenschaftlichen Metatheorie bzw. einer Grundlagentheorie bzw. -lehre der Technikwissenschaften verstanden wissen will, die gesetzmäßige Zusammenhänge technologischer Prozesse theoretisch erklärt und begründet sowie dieses Wissen in einer generalisierenden Perspektive (als Allgemeine Technikwissenschaft) zusammenführt - und damit im Gegensatz zu den zahlreichen ad-hoc-Theorien der (einzelnen) Ingenieur- bzw. Technikwissenschaften steht. Es ist einsichtig, dass beide Positionen gleich bedeutsam sind. Es ist auch einsichtig, dass beide Positionen nicht absolut zu trennen sind, sondern aufeinander Bezug nehmen.

Trotz dieser vielfältigen Bemühungen ist Allgemeine Technologie noch immer mehr ein (Wissenschafts-)Programm denn ein aus- bzw. durchgearbeitetes Konzept. Gerade deshalb ist es angezeigt, eine disziplinübergreifende Bestandsaufnahme als Grundlage für weiterführende Überlegungen vorzunehmen. Für diese Weiterentwicklung der Allgemeinen Technologie gibt es (wiederum idealhaft) zwei Vorgehensweisen, die als deduktiv-konkretisierend und als induktiv-generalisierend bezeichnet seien. Deduktiv-konkretisierend bedeutet hier, von einem umfassenden theoretisch-philosophischen Entwurf ("Gesamtschau") auszugehen und in Richtung konkreter technischer Einzelheiten zu untersetzen bzw. zu präzisieren. Induktiv-generalisierend soll dagegen eine Vorgehensweise bezeichnen, die von den einzelnen technischen Gegebenheiten ausgeht und aus diesen (z. B. vergleichend und klassifizierend) Gemeinsamkeiten ("Allgemeines") ableitet. Jede konkrete "allgemeintechnologische Hervorbringung" basiert m. E. auf einer Kombination dieser beiden Vorgehensweisen, braucht Abbild des Konkreten und Entwurf des Übergreifenden.

Die Leibniz-Sozietät will - unterstützt vom ITAS- die Allgemeine Technologie unter Einbeziehung unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen im Beckmannschen Sinne weiter ausgestalten, denn sie bietet dank ihres Wissenschaftlerpotentials die spezifische Möglichkeit, durch beide der o. g. Vorgehensweisen zur Weiterentwicklung der Allgemeinen Technologie beizutragen. Über das Gesamtanliegen wie über das Symposium war in den beiden Klassen der Leibniz-Sozietät (Klasse für Naturwissenschaften und Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften) durch deren Mitglieder Ernst Otto Reher und Gerhard Banse informiert worden.

Das Kolloquium, an dem ca. 40 Interessierte teilnahmen, wurde vom Vizepräsidenten der Leibniz-Sozietät Professor Dr. Lothar Kolditz eröffnet, der auf die Aktualität der Thematik aufmerksam machte und besonders die Auflistung technologischer Erkenntnisse zu einer höheren Aggregierung hervorhob, die in dem Konzept der Allgemeinen Technologie ihren Niederschlag finden kann.

Es folgten zwei Referate und acht Beiträge, in denen historische wie aktuelle Problemstellungen einer Allgemeinen Technologie u. a. aus wissenschaftstheoretischer, philosophischer, technikwissenschaftlicher und arbeitswissenschaftlicher Sicht behandelt und Konsequenzen für Zukünftiges abgeleitet wurden: 

Im Anschluss an die Vorträge und die sich daran jeweils anschließende intensive Diskussion informierte Professor Dr. Gerhard Öhlmann (Berlin, Mitglied der Leibniz-Sozietät) über Projektvorschläge und Initiativen zur Weiterentwicklung der Allgemeinen Technologie, u. a. eine im Jahre 2004 in Karlsruhe stattfindende wissenschaftliche Veranstaltung zu Stand und Entwicklungsproblemen der Allgemeinen Technologie. Es wurde beschlossen, eine Gruppe unter Leitung von Ernst Otto Reher zu bilden, die die Vorschläge in ein realistisches und realisierbares Arbeitsprogramm umsetzen soll.

Fazit ist, dass das Symposium mit seinen interessanten Vorträgen und fruchtbaren Diskussionen einen gelungenen Auftakt der Beschäftigung mit Fragen der Allgemeinen Technologie innerhalb der Leibniz-Sozietät darstellte. Nähere Informationen zu den Vorträgen und den Referenten sind im Internet unter http://www.leibniz-sozietaet.de verfügbar. Es ist vorgesehen, die Beiträge des Symposiums in den Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät zu publizieren.