Internationaler Workshop "Ethik und Informationsgesellschaft"

Tagungsberichte und Tagungsankündigungen

Internationaler Workshop "Ethik und Informationsgesellschaft"

Banská Bystrica, Slowakische Republik, 19. April 2001

Bericht von Daniela Fobelova und Monika Beköova, Matej Bel-Universität, Banská Bystrica

"Das 21. Jahrhundert wird ethisch sein oder es wird kein Jahrhundert mehr geben." (Gilles Lipovetsky)

Diese Prognose bezieht die ethische Diskussion auf neue Sphären und Bereiche: Bioethik, human orientiertes Verhalten ökonomischer Akteure, Umweltschutz, Ethik der Informationsgesellschaft usw. Die (Über-)Lebensfähigkeit (und damit auch das Risiko) der Ethik wird durch das Reflektieren neuer Probleme und damit auch durch das Verschwinden von der "guten alten Moral" geprägt.

Ethik wird traditionell als philosophische Disziplin verstanden, die in die Sphäre der Philosophie gehört, die praktische Philosophie genannt wird. Diese Bezeichnung kommt ihr deswegen zu, weil zu ihren wichtigsten Aufgaben nicht (vorrangig) die theoretische Reflexion, sondern die Suche nach Antworten auf praktische Fragen unseres Lebens gehört. Philosophisch-ethische Forschung hätte keinen Sinn, wenn sie kein praxisbezogenes Denken wäre. Sie wäre lediglich sinnloses Moralisieren, wenn sich nicht gezeigt hätte, dass bzw. wie moralische Normen das Entscheiden und Handeln von Menschen beeinflussen. Die öffentliche Meinung, die einen untrennbaren Teil des gesellschaftlichen Lebens darstellt, ist auch mit Moral verbunden, und diese ist oftmals wirksamer als Gesetze. Heute spricht man von Ethik auch im Zusammenhang mit der Anwendung der Moral in spezifischen Bereichen der gesellschaftlichen Praxis. Zu den Aufgaben dieser angewandten Ethik gehört auch die ständige Bereicherung der Praxis einzelner Bereiche durch ethische Begriffe, Werte und auch praktisch-ethische Empfehlungen.

Vor diesem konzeptionellen Hintergrund hat am 19. April 2001 unter Leitung des Lehrstuhls Ethik und Ästhetik der Matej-Bel-Universität Banská Bystrica (Slowakische Republik) der internationale Workshop "Ethik und Informationsgesellschaft" stattgefunden. Die Internationalität zeigte sich bereits in den drei den Workshop veranstaltenden Institutionen: Lehrstuhl Ethik und Ästhetik der Matej-Bel-Universität (Doc. PhDr. Pavel Fobel, CSc), Institut für Philosophie der Schlesischen Universität Katowice, Polen (Professor Dr. habil. Andrzej Kiepas) und Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Forschungszentrums Karlsruhe, BRD (Professor Dr. Gerhard Banse). Ziel des Workshops war, moralische Dilemmata und Probleme zu identifizieren und zu interpretieren, die vorrangig mit der Reform der Öffentlichen Verwaltung und mit der Vorbereitung des Beitritts der Slowakei zu den europäischen Strukturen zusammenhängen. Die Teilnehmer aus Deutschland, aus Polen und aus der Slowakei haben sich im wissenschaftlichen Dialog so einem aktuellen Thema der Gegenwart zugewandt.

Inhaltlich hat der Workshop sowohl zur Vertiefung wie auch zur Veranschaulichung insbesondere von zwei Einsichten beigetragen. Einerseits haben die vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen Wirkungen der auf Informations- und Kommunikationstechnologien basierenden Modernisierung, das Tempo, die Tiefe und die Reichweite damit verbundener möglicher Veränderungen in eine Situation geführt, in der nicht mehr nur auf bekannte Verhaltens- und Entscheidungsmuster zurückgegriffen werden kann. Hier muss ethische Reflexion einsetzen, d.h. das Nachdenken darüber, worin die Folgen des Handelns für andere und den Handelnden selbst bestehen könnten und welche dieser Folgen "gewollt" sein sollten. Andererseits zeigte sich, dass das Verweisen allein auf Ethik - und damit zumeist auf mehr Verantwortung - nicht ausreicht, denn es ist auch die weitergehende Frage nach der Gestaltung der Informations- und Kommunikationstechnologien generell zu stellen. Ziel dieser Steuerungsbemühungen muss es sein, den Prozess so zu gestalten, dass die Entwicklung und der Einsatz von Technik dem sozialen und dem kulturellen Fortschritt dienen, d.h. zur allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingungen auf der Erde beitragen.

Der Workshop gliederte sich inhaltlich in drei Teile. Im ersten Teil wurde durch den Beitrag "Ethische Dilemmata und die Modernisierung in der Slowakei" von Pavel Fobel ein Überblick über die Gesamtthematik des Workshops gegeben. Sein Ausgangspunkt war, dass die Slowakei sowohl den Trend der sich globalisierenden Gesellschaft als auch die Trends im Bereich der Informationstechnik (IT) gesellschaftlich positiv erfasst: "Das Gesetz über den Zugang zu Informationen wurde ratifiziert, das Gesetz über elektronische Signaturen und das Projekt des massenhaften Zugangs zum Internet an den Schulen werden vorbereitet." Allerdings fehlen - so wurde ausgeführt - sowohl Verantwortungsmechanismen sowie System- und Konzeptionslösungen als auch die Koordinierung und das Monitoring der Prozesse, die den Transformationseffekt in Richtung Informationsgesellschaft abschwächen. Damit die Bürger die Vorteile der Informationsgesellschaft im Zusammenhang mit ihren alltäglichen Möglichkeiten annehmen und ihr Vertrauen in die IT steigt, sei die Zuverlässigkeit der Informationsnetze auszubauen - vor allem hinsichtlich der Bedingungen für Sicherheit, Diskretion und Schutz der Daten, des Rechts auf Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit den Informationsdiensten, der ethischen Verantwortung für Inhalt und Qualität der Informationen, der Sicherung der Urheberrechte und der Eliminierung unangemessener Praktiken. Gegenwärtige Initiativen bei der Reform der Öffentlichen Verwaltung seien auch daran zu orientieren, dass dadurch ein höheres ethisches Niveau gesichert wird. In diesem Zusammenhang werde über die Gestaltung einer "ethischen Infrastruktur" diskutiert - ethisches Handeln und Verhalten von Angestellten, ethische Kodices, Ombudsman bzw. die Bildung unabhängiger ethischer Koordinationsorgane, Transparenz von Verwaltungsabläufen und Verhinderung von Korruption, spezifische professionelle Ethiken, ethische Regimes, Definition allgemeiner Werte und Normen sowie internationaler Standards, aber auch solcher Begriffe wie z. B. unrechte, unethische oder unangemessene Handlungen.

Der zweite Teil des Workshops umfasste Beiträge zu den zwei Schwerpunkten "Informations- und Kommunikationstechnologien in der Öffentlichen Verwaltung" sowie "Ethik und Informationstechnik" . Der erste Schwerpunkt wurde von Gerhard Banse mit "Electronic governance und electronic government" eingeleitet. Er ging in seinem Beitrag vor allem auf den Zusammenhang von Strukturreform im öffentlichen Sektor (Politik und Verwaltung) und dem zunehmenden Einsatz von IT ein, die u. a. mit den Stichworten electronic governance, electronic government oder electronic democracy verbunden sind. "Unter dem Begriff Electronic Governance (e-governance) wird eine neue Phase des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zur Restrukturierung des politischen Systems verstanden. Diese Restrukturierung erfasst alle Bereiche, Funktionen und Entscheidungsprozeduren des politischen Systems, von der Legitimation der Rahmenbedingungen für gesellschaftlich bindende Entscheidungen durch die Politik (vor allem in Form von Gesetzen) bis zum Fällen dieser Entscheidungen durch die Verwaltung, wobei das "Publikum" zunehmend einbezogen ist (öffentliche Meinung; Massenmedien)." Von der computervermittelten Netzkommunikation werde ein besonderes demokratiepolitisches Potenzial erwartet, da sie geringe Transformationskosten, eine hohe Informationsdichte sowie ein großes Maß an Interaktivität in Aussicht stelle. Mit dem Begriff Electronic Government (e-government) werde - eingegrenzt - in erster Linie nur der Einsatz von IKT im Bereich der Regierung und der öffentlichen Verwaltung bezeichnet. Zahlreichen Überlegungen in dieser Richtung sei die Hoffnung gemeinsam, dass mit einer zügigen Verbreitung und Nutzung der IKT eine Reaktivierung des politischen Bürgers möglich wird und so die Legitimität des politischen Systems insgesamt gestärkt werde. Die Frage, welche wirtschaftlichen, politischen oder soziokulturellen Rahmenbedingungen die mögliche Variabilität der IKT entweder zur Entfaltung bringen oder einschränken können, werde zumeist nicht gestellt. Als "Leitbilder" des Einsatzes von IKT in der Öffentlichen Verwaltung, die auf komplexe Fragestellungen verweisen, könne man, so Banse, Interaktivität, Bürgernähe und Kosteneinsparung sowie räumliche und zeitliche Dekonzentration benennen.

Erfahrungen aus der Praxis der Öffentlichen Verwaltung vermittelte Jozef Salay (Landratsamt Banská Bystrica). Er machte auf den Fakt aufmerksam, dass für die Reform der Öffentliche Verwaltung (die in der Slowakei bereits im Jahr 1990 begann!) charakteristisch sei, dass politische Entscheidungen in diesem Bereich zumeist ohne eine fachliche Analyse und Bewertung der bisherigen Öffentlichen Verwaltung erfolgten und mehr in einen Streit um die zukünftige Verwaltungsanordnung (Anzahl der lokalen und Bezirks-Ämter, höhere Territorialgliederung u. ä.) abgeglitten sei. Ausländische Erfahrungen zeigten, dass eine Reform der Öffentlichen Verwaltung nicht nur die Übertragung von Kompetenzen, sondern auch die Gestaltung einer weiteren Stufe der Selbstverwaltung sowie die Ermöglichung des uneingeschränkten Zugangs zu Informationen beinhalte.

Einem anderen Bereich gesellschaftlicher Praxis waren die Überlegungen von Jana Nova (Kanzlerin des Rektors der Matej-Bel-Universität) gewidmet. Unter dem Thema "Formierung der Universitätskultur (Unternehmenskultur) durch die Gestaltung eines aus dem Internet zugänglichen Informationssystems der Universität" informierte sie die Workshopteilnehmer über das an der Matej-Bel-Universität eingeführte Informationssystem. Mittels der Implementation dieses Informationssystems beginne die Verschiebung der Kultur an der Universität zu Werten, die typisch für moderne demokratische Bildungsinstitutionen sind, wie individuelle Freiheit, Pluralität, Selbstregulation, Konsensorientierung, Informiertheit und Offenheit.

Der zweite Schwerpunkt wurde von Andrzej Kiepas mit "Subjektivität und Verantwortung des Menschen aus der Perspektive der Informationsgesellschaft" eingeleitet. Einerseits ging er auf Probleme der Subjektivität des Menschen ein, die mit der Entwicklung der Informationstechnologien und der Perspektive der sog. Informationsgesellschaft verbunden sind. Andererseits analysierte er den Zusammenhang von Verantwortungsübernahme und "Unübersichtlichkeit", die sowohl menschliche Intentionen und Motivationen als auch die Folgen seiner Handlungen betreffen. Wieslaw Sztumski (Institut für Philosophie der Schlesischen Universität Katowice) akzentuierte unter "Ethik der Informationsübermittlung" vor allem, dass die Menge der Informationen am Ende des 20. Jahrhunderts um 2¹º mal größer war als an seinem Anfang. "Aber nicht alle Informationen ... brauchen wir." Deshalb stehe die Menschheit vor der Frage: Wie viel Wissen braucht ein Mensch und welches Wissen soll man ihm liefern? Da das Sollen eine ethische Kategorie sei, gehe es um ein ethisches Problem, nämlich das des Zugangs zu und der Auswahl von Informationen. Es gehe aber auch um das Kriterium der Informationsverbreitung, was mehr ein politisches denn ein ethisches Kriterium sei: Bislang wurde Wissen durch politische Machthaber beherrscht und monopolisiert (denn Macht verlange Wissen und Wissen ermögliche Macht). Erforderlich seien jedoch demokratische Lösungen. Ausgangspunkt der Überlegungen von Daniela Fobelová (Lehrstuhl Ethik und Ästhetik der Matej-Bel-Universität Banská Bystrica) zum Thema "Informationen und ihre ethische Dimension in der Beziehung zum Menschen" war der Gedanke des Futurologen Alvin Toffler, dass es zu einem Übergang von einem allgemeinen Standard zur Individualisierung, vom Universalismus zur Spezialisierung, von der territorialbezogenen Konzentration sozialer Aktivitäten zur Verteilung über das ganze Territorium und von der Machtkonzentration zur Machtdekonzentration komme (vgl. Toffler 1987). Diese gesellschaftlichen Wandlungen würden mittels Informationen realisiert werden, worunter neue wissenschaftliche Erkenntnisse und der davon ausgehende Einfluss neuer IT auf das Sozialleben zu verstehen seien. Es existiere, so Fobelova, ein großes Missverhältnis zwischen der Zahl der nötigen Entscheidungen, den zugänglichen Informationen und der erforderlichen Geschwindigkeit der Antworten. Hinzu komme die Tendenz, dass die Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft nach individueller Identität, Verschiedenheit von Anderen und persönlichem Hedonismus streben. Diesen Übergang bezeichnet Gilles Lipovetsky als "Narzismus" (vgl. Lipovetsky 1995). Im alltäglichen Leben der Menschen heißt Narzismus die Verringerung der individuellen Bemühungen, die für den öffentlichen Bereich verwandt werden, und - komplementär dazu - die Stärkung des persönlichen Bereichs. Dieser Typ von Hedonismus bedeute nicht, sich in sich selbst zu versenken, sondern es ist vor allem die Erklärung der Nützlichkeit der Beziehungen zwischen den Menschen, die im öffentlichen Leben die gleiche Meinung vertreten. Der neue Anspruch bestehe in einer Harmonie durch das Auftreten neuer ethischer Werte: Vertrauen, Herzlichkeit, Offenheit, Nähe, Einzigartigkeit, Achtung, Toleranz. Im Allgemeinen könne man deshalb von einer Verbesserung der Sittlichkeit sprechen.

Dem Bereich der Medizin und des Gesundheitswesens unter dem Aspekt der IT wandte sich Daniela Kovalová (Lehrstuhl Ethik und Ästhetik der Matej-Bel-Universität Banská Bystrica) in ihrem Beitrag "Die Beziehung zwischen Arzt und Patient in der Informationsgesellschaft" zu. Sie verwies darauf, dass große Entdeckungen in der Biomedizin traditionelle Maßstäbe des Lebens und des Todes erschüttert haben, was sich auch in der Relativierung der Regeln der traditionellen medizinischen Deontologie widerspiegele. Es wachse das Bedürfnis nach der breiteren Anwendung des wichtigsten ethischen Prinzips - dem Prinzip der informierten Zustimmung des Patienten sowie die Implementation dieses Prinzips in spezielle ethische Kodices, damit der Patient nicht zum "passiven Abnehmer des Guten" würde, sondern als autonome Persönlichkeit auch über seine Therapie mitentscheiden könne.

Ludovít Hajduk (ebenfalls Lehrstuhl Ethik und Ästhetik der Matej-Bel-Universität Banská Bystrica) betonte in seinem Beitrag "Philosophisch-ethische Ansätze zur Analyse des Internet", dass die Behauptung, Adornos Idee von der moralischen Berücksichtigung des Außergewöhnlichen und Heterogenen stelle den theoretischen Grund der postmodernen Ethik dar, ein bedeutsamer Meilenstein der gegenwärtigen Philosophie sei. Dieser Gedanke werde deshalb auch als eine Grundthese für die ethische Analyse der moralischen Probleme im Bereich der Informatik genutzt. Gerade das Internet stelle einen Bereich dar, in dem man heute frei und unbeschränkt die ungewöhnlichsten Individualitäten "treffen" kann, auch extremistische Gruppierungen. Die Frage, ob man den Einfluss mancher von ihnen beschränken sollte - und wenn ja, in welchem Maß (auch unter Berücksichtigung der technologischen Möglichkeiten) -, gehört zu den Problemen, die eine tiefere Analyse erfordern.

Im dritten Teil wurden zum Abschluss des Workshops einerseits Beiträge externer Teilnehmer präsentiert - Monika Beköová, Elena Drízová, Vladimir Durcík (alle Slowakische Republik), Petr Machleidt (Tschechische Republik) -, andererseits erfolgte eine allgemeine Diskussion, in deren Verlauf auch eine Reaktion auf die Beiträge und auf Fragen der externen Teilnehmer via Internet erfolgte.

Der Workshop hat auf die Bedeutung und die Aufgaben der Ethik bei der Lösung des gestellten Themas aufmerksam gemacht, manche wichtigen Phänomene dieses Prozesses identifiziert sowie verschiedene Lösungsformen bzw. -richtungen auftretender Probleme in Ländern Mittel- und Osteuropas verdeutlicht.

Anmerkung

Kurzfassungen der gehaltenen Beiträge und ein Einblick in die Diskussion sind im Internet unter http://www.fhv.umb.sk/etikaainfospol zugänglich; als "Protokoll" des Workshop ist verfügbar: Fobel, P.; Kiepas, A.; Banse, G (eds.): Etika a informacná spolocnost. Banská Bystrica 2001, 145 S.; ISBN-Nr. 80-8055-567-2.

Literatur

Toffler, A., 1983:
Die dritte Welle - Zukunftschance: Perspektiven für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. München: Goldmann

Lipovetsky, G., 1995:
Narziß oder die Leere: sechs Kapitel über die unaufhörliche Gegenwart. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt