B. Dernbach, Chr. Kleiner, H. Münder (Hg.): Handbuch Wissenschaftskommunikation

Rezensionen

Neue Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation. Großer Aufbruch und dann?

B. Dernbach, Chr. Kleiner, H. Münder (Hg.): Handbuch Wissenschaftskommunikation. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, 392 S., ISBN 978-3531176321, € 49,95

Rezension von Christiane Hauser, ITAS

Ein Handbuch, das mit dem Anspruch antritt, „alles, was zu einem Themenfeld zu sagen ist“ (S. V), zusammenzutragen, weckt hohe Erwartungen beim Lesenden und muss diese fast zwangsläufig enttäuschen. Der Sammelband vereint v. a. Beiträge, die so oder ähnlich auf den ersten beiden Veranstaltungen „Forum Wissenschaftskommunikation“ 2008 und 2009 vorgestellt wurden. Die nicht unüblich große Zeitspanne zwischen Präsentation und Veröffentlichung erweist sich dabei gerade im sehr dynamischen Feld der Wissenschaftskommunikation als teilweise unbefriedigend. Positiv ist allerdings zu erwähnen, dass sehr viele Beiträge überarbeitet worden zu sein scheinen und tatsächlich auf aktuelle Daten und Literatur zurückgreifen.

Ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis des Bandes zeigt eine ungeheure Vielzahl von knapp 50 Beiträgen, bei denen es vornehmlich um die Darstellung konkreter Projekte geht, weniger aber um grundsätzliche Überlegungen zur Wissenschaftskommunikation. Viele Beiträge sind – für wissenschaftliche Verhältnisse – sehr kurz und verfügen über gar keine oder wenig Literaturhinweise zum Vertiefen interessanter Aspekte. Hier zeigt sich, dass das Handbuch v. a. von Praktikern aus dem Bereich Wissenschaftskommunikation gefüllt wurde, weniger aber von über das Thema forschenden Wissenschaftlern. Von einem Handbuch hätte man neben der Vorstellung spannender praktischer Aktivitäten, verbunden mit konkreten Handlungsempfehlungen, auch den Versuch erwarten können, Wissenschaftskommunikation theoretisch und konzeptionell an bestehende Forschungszweige etwa der Kommunikations-, Journalismus- oder Wissenschaftsforschung anzubinden.

In der Einleitung stellen die Herausgeber neben einigen allgemeinen Überlegungen drei Ebenen der Wissenschaftskommunikation vor, die das Feld strukturieren helfen sollen, aber in der Beschreibung sehr oberflächlich bleiben. Während es auf der Makroebene eher um Wissenschaftskommunikation als Gesamtsystem geht, werfen die Betrachtungen auf der Mesoebene einen Blick auf wissenschaftliche Institutionen und ihre Kommunikation. Auf der Mikroebene liege der Fokus, so die Herausgeber, auf den Wissenschaftlern selbst, die als Akteure aktiv Wissenschaftskommunikation betreiben. Leider wird in den folgenden Kapiteln diese Unterteilung nur insofern verwendet, um klar zu machen, welche Beiträge des Bandes wie eingeordnet wurden. Gerade hier wäre eine konzeptionelle Anbindung an bestehende Theorien zumindest im Ansatz wünschenswert gewesen. Stattdessen formulieren die Herausgeber am Ende ihrer Einleitung, dass das vorliegende Buch „in einigen Jahren und Jahrzehnten die Geschichtsschreibung über die Genese der Wissenschaftskommunikation erleichtern“ werde (S. 15) – ein deutlich anderer Anspruch als noch im Vorwort dargestellt, der zwar inhaltlich einfacher zu erfüllen, aus wissenschaftlicher Sicht aber auch weniger spannend ist.

1    Drei Ebenen der Wissenschaftskommunikation

In den ersten drei Teilen des Handbuchs sind Beiträge zu Phänomenen der Wissenschaftskommunikation auf den drei in der Einleitung genannten Ebenen versammelt. Bereits in den Beiträgen zur Makroebene zeigt sich, was alle Beiträge des Bandes einerseits sehr lesenswert macht, andererseits deren Anschlussfähigkeit an wissenschaftliche Diskussionen erschwert: Sie sind vorwiegend erfahrungsbasiert und kommen eher in erzählerischem Stil daher. Das bleibt v. a. bei den Artikeln auf dieser übergeordneten Ebene eher unbefriedigend, weil sie wenig Neues enthalten oder aber das Neue nicht nachverfolgt werden kann – etwa wenn Gerold Wefer konstatiert, dass die Bevölkerung ein gesteigertes Interesse an einer Mitsprache bei der Definition von Forschungsaufgaben und -zielen habe, dafür aber keine Quellen ausweist. (S. 34)

Die Zuordnung der Beiträge in Teil II (Mesoebene) und Teil III (Mikroebene) erscheint nicht immer trennscharf, in beiden Teilen werden einzelne Institutionen und ihre Aktivitäten im Bereich Wissenschaftskommunikation vorgestellt. Hier wäre die Einordnung des Themas etwa durch Kommunikationswissenschaftler oder Wissenschaftssoziologen spannend gewesen, auch weil es sich dabei um ein Defizit handelt, das auch andere Publikationen zum Thema aufweisen. Immer wieder scheinen in den verschiedenen Beiträgen ähnliche Probleme auf, etwa wenn Frank Stäudner in seinem Beitrag über den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft als Impulsgeber einer „neuen“ Wissenschaftskommunikation neben vielen positiven Entwicklungen konstatiert, dass Wissenschaftler als notwendige aktive Akteure im gesamten Prozess der Wissenschaftskommunikation noch immer fürchten müssten, dass ihre wissenschaftliche Reputation durch öffentlichkeitswirksame Aktivitäten leiden könne (S. 62). Dieses Manko beklagen auch Britta Eisenbarth und Markus Weißkopf am Rande ihres Beitrages über Science Slams. Zwar sei auf Seiten der Politik und des Wissenschaftsmanagements die Notwendigkeit moderner Wissenschaftskommunikation längst erkannt, und es reagierten viele der angesprochenen Zielgruppen auch durchweg positiv auf die Angebote, aber Kommunikatoren (d. h. hier v. a. Wissenschaftler) zu finden, die diese Aufgabe neben ihrem eigentlichen „Kerngeschäft“ wahrnähmen, sei immer noch schwierig. (S. 155ff.)

Spannend, und in weiten Teilen auf Überlegungen zu partizipativen Verfahren in der Technikfolgenabschätzung übertragbar, ist der Beitrag von Maria Kolbert zum Forschungsprojekt „Wissenschaft debattieren“ (S. 165ff.), in dem es darum geht, die Wirkung und Erfolgsfaktoren von sieben verschiedenen Formaten der Wissenschaftskommunikation (vom Junior-Science-Café über Konsensuskonferenzen bis hin zu Onlineplattformen) näher zu beleuchten, die alle auf den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einerseits und Wissenschaftlern andererseits abzielen. So beschreibt Kolbert, dass neben Transparenz bezüglich der Zielsetzung und des Ablaufs des gesamten Prozesses auch das Vorhandensein konkreter Adressaten der zu erwartenden Ergebnisse ein wichtiger Faktor für den Erfolg solcher Verfahren sei. Wichtig scheine außerdem, Wissenschaft als Prozess darzustellen und damit auch die Unsicherheiten in der Wissensgenese zu thematisieren.

Gerade in Teil III hätte man sich einen stärkeren Fokus auf Akteure der Wissenschaftskommunikation gewünscht (zu denen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Mitarbeiter von Pressestellen wissenschaftlicher Institutionen – Wissenschaftskommunikatoren i. e. S. – und -journalisten zählen), stattdessen werden auch hier v. a. Fallstudien vorgestellt. Sicher gibt es wenig Material zum Akteurshandeln in diesem Feld, umso mehr wäre eine Fokussierung einzelner Beschreibungen auf die Handelnden für weitere Überlegungen zu diesem Aspekt hilfreich gewesen.

2    Wissenschaftskommunikation in der Gesellschaft

In den Teilen IV bis VI des Handbuchs wird der Versuch unternommen, Wissenschaftskommunikation mit anderen gesellschaftlichen Feldern und Debatten (Teil IV – Massenmedien, Teil V – Risiko- und Krisenkommunikation) zu verknüpfen bzw. einen bewertenden Blick auf diese zu werfen (Teil VI – Evaluation der Wissenschaftskommunikation). Auch hier erscheint die Zuordnung der Beiträge oft eher willkürlich, erneut wird v. a. erfahrungsbasiert von Akteuren einzelner wissenschaftlicher Institutionen über das eigene Tun berichtet und wenig reflektiert. Immerhin werden in den Beiträgen dieser Teile die verschiedenen Akteure, die Wissenschaftskommunikation betreiben, konkret benannt (siehe oben). Positiv ist dabei, dass ihre sehr unterschiedlichen Rationalitäten, Motive und Erwartungen zwar immer wieder thematisiert, aber keine normativen Gräben gezogen werden.

Allen Beiträgen in Teil IV ist gemein, dass sie den großen Wandel der Medienlandschaft thematisieren, der durch die stetig wachsende Bedeutung des Internets und insbesondere von Web 2.0-Anwendungen getrieben ist. Dadurch vermischten sich nicht nur die Rollen von Wissenschaftskommunikatoren und -journalisten (von Aretin, S. 234) oder es entständen neue Recherchemöglichkeiten für Wissenschaftsjournalisten, wie etwa das von Annette Leßmöllmann beschriebene Crowdsourcing (S. 252). Insbesondere die verstärkte Nutzung von Sozialen Netzwerken führe dazu, so Leßmöllmann weiter, dass man über das Verhältnis von Wissenschaft und Publikum neu nachdenken müsse. Der hohe Grad an Spezialisierung und Qualifizierung, der zumindest teilweise in diesen Foren vorherrsche, komme der wissenschaftlichen Kommunikationsweise sehr nahe und werde deswegen zunehmend nicht nur von einzelnen Wissenschaftlern genutzt, sondern von Seiten wissenschaftlicher Institutionen verstärkt auch zur Darstellung ihrer Interessen verwendet (S. 254).

Lars Fischer (S. 259ff.) und Marc Scheloske (S. 267ff.) beschäftigen sich mit einem weiteren Phänomen in diesem Zusammenhang: den Wissenschaftsblogs. Fischer beschreibt diese Art der Kommunikation als Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, die eine Verbindung zwischen zwei Kulturen (wieder)herstelle, die in den vergangenen Jahrzehnten unaufhaltsam auseinander gedriftet seien (S. 265). Auch Scheloske, der den Entwurf einer Typologie von Wissenschaftsblogs vorstellt, sieht diese als verbindende Elemente, die die vormals gängige Trennung von Erkenntnisproduktion einerseits und Erkenntniskommunikation andererseits auflösten (S. 273).

Die Beiträge zur Risiko- und Krisenkommunikation (Teil V) enthalten erneut viel Erfahrungswissen und Einblicke in die Praxis (etwa wenn Franz Ossing sehr plastisch die Tücken der Wissenschaftskommunikation am Beispiel der Entwicklung eines Tsunami-Frühwarnsystems schildert, S. 319ff.), bleiben aber häufig einem sehr einfachen Defizitmodell der Wissenschaftskommunikation verhaftet (z. B.: Susanne Glasmacher zur Krisenkommunikation des Robert-Koch-Instituts im Fall von Schweinegrippe und EHEC, S. 303ff.). Oft bleibt hier unbestimmt, welches Ziel die Beiträge im Rahmen des Handbuchs verfolgen.

Auch in Teil VI wartet wenig Neues auf die Leser, die versprochene Evaluation der Wissenschaftskommunikation findet allenfalls exemplarisch statt (Uwe Pfenning, S. 341ff.) oder wird zwar methodisch wortreich beschrieben, liefert aber kaum empirische Ergebnisse (Beatrice Dernbach und Pia Schreiber, S. 263ff.). Im letzten Beitrag des Bandes (S. 385ff.), der den Eintritt in die fünfte Phase der Wissenschaftskommunikation postuliert, formuliert Alexander Gerber schließlich spannende Thesen zur zukünftigen Entwicklung der Wissenschaftskommunikation (so etwa die, dass auch für die Wissenschaft das Internet das Leitmedium werde und sich damit eine neue Kultur der Kommunikation entwickeln müsse, die die transparente Darstellung von Forschungsprozessen in den Vordergrund stelle, S. 389), leitet daraus aber kaum konkrete Handlungsempfehlungen für die Akteure der Wissenschaftskommunikation oder für politische Entscheidungsträger ab.

3    Fazit: Viele Aktivitäten, wenig Reflexion

Wie schon weiter vorn mehrfach angedeutet, besticht das „Handbuch Wissenschaftskommunikation“ v. a. durch die ungeheure Bandbreite der vorgestellten Institutionen und Projekte, die eindrücklich zeigt, wie dynamisch sich das Feld der Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahren entwickelt hat. Auch wenn die Beiträge auf Präsentationen aus den Jahren 2008 und 2009 zurückgehen, sind viele aktuelle Entwicklungen hier eingefangen und aus Sicht von Akteuren der Wissenschaftskommunikation dargestellt. Zu kurz kommt allerdings durchweg die Reflexion und Anbindung des Geschilderten an theoretisch-konzeptionelle Überlegungen aus dem weiteren Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften – etwas, das aus Sicht der Rezensentin dringend notwendig wäre und das man sich zumindest in rahmenden Artikeln von den Herausgebern des Sammelbandes gewünscht hätte.