REZENSION

Der Dialog in Gesellschaft und Politik

Ulrich Smeddinck, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe (ulrich.smeddinck@kit.edu)

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TATuP Bd. 29 Nr. 3 (2020), S. –81, https://doi.org/10.14512/tatup.29.3.80

Pörksen, Bernhard; Schulz von Thun, Friedemann (2020):
Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik.
München: Hanser.
224 S., 20,– €,
ISBN 9783446265905

Gorleben ist rausgefallen! Der sogenannte Teilgebiete-Bericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung hat die notwendige Realisierung eines Endlagers wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft zurückgeholt. Der Standort Gorleben wurde nach geowissenschaftlicher Analyse anhand neuer Sicherheitskriterien nicht mehr unter die günstigen Gebiete gelistet. Das umstrittene soziotechnische Projekt war schon nach jahrzehntelangen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gescheitert. Für einen veränderten Regierungsstil, für den Neustart in der Endlagersuche steht nun das Standortauswahlgesetz. Das Gesetz legt einen starken Akzent auf die Öffentlichkeitsbeteiligung. Die soll in einem dialogorientierten Prozess erfolgen. Wie gut oder wie schlecht kann das funktionieren?

Für eine Abschätzung kommt das Buch des Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun zum Stand und Stellenwert des Dialogs in der Gesellschaft gerade recht, denn leider besteht Grund zur Skepsis. Nach ihrer Ansicht benötigt die Gesellschaft nicht nur eine Anleitung zum Dialog – und hierzu vermitteln die Autoren vielfache Hinweise und Standards – vielmehr stellen sie fest: Dem Dialog geht es schlecht! Die Bedingungen für eine gelingende Kommunikation, so die Autoren, verschlechtern sich im gegenwärtigen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der von Aluhüten, Digitalisierung und „mehr Senden als Zuhören“ (S. 17) geprägt sei, selbst im Privaten werde das längere, tiefergehende Gespräch (plötzlich) als ausufernd bestaunt, so es sich überhaupt noch ergibt.

Dass sie also Arbeit an der Utopie des guten Dialogs leisten, ist den Autoren wohl bewusst. Rechtzeitig hängen sie deshalb den Anspruch des Buches auch nur in mittlerer Höhe auf, indem sie Fertigrezepte für alle Fälle verweigern. Stattdessen wollen sie nützliche Denkmodelle und Reflexionswerkzeuge vorstellen und Kommunikations- und Medienanalyse verbinden, um einen Beitrag zur Entgiftung öffentlicher Debatten zu leisten: „Wir wollen Kategorien liefern, Kriterien der individuellen Lösungssuche präsentieren. Es ist eine Heuristik im Sinne einer Kunst des Herausfindens, die wir anbieten. Sie soll den Weg zu einer persönlich und situativ stimmigen Kommunikation ebnen, nicht mehr und nicht weniger“ (S. 41). Dazu verknüpfen sie Individualpsychologie und systemische Betrachtung.

Dramaturgisch schlagen sie einen Bogen, der im Vorwort von Pörksen unter der Überschrift „Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten – Über den kommunikativen Klimawandel“ seinen Ausgangspunkt nimmt. Die Kapitel absolvieren die Stationen „Dynamik der Polarisierung“ (I, S. 43 ff.), „Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs“ (II., S. 83 ff.), „Transparenz und Skandal“ (III, S. 126 ff.) sowie „Desinformation und Manipulation“ (IV., S. 166 ff.). Den Schluss bildet das Nachwort von Schulz von Thun über „Navigationskunst im Dilemma – Ehrlichkeit und Diplomatie, Achtung und Ächtung, Authentizität und Kalkül“ (S. 204 ff.). Interessierte finden ausgewählte Literaturhinweise (S. 215 ff.).

Das heftige Interesse an der Kommunikation

Die Autoren greifen ein zentrales Thema auf, das die Gesellschaft heftig umtreibt. Ein Beleg dafür ist, dass das Buch in kurzer Zeit bereits in dritter Auflage erscheint. „Man kann ohne falsche Übertreibung sagen: Die Art und Weise des Sprechens und Streitens ist der entscheidende Gradmesser demokratischer Vitalität. Wir bringen die Welt, in der wir leben erst im Miteinander-Reden hervor.“ (S. 40). Ohne Wertschätzung keine Kommunikation (S. 23). Ohne die Bereitschaft, die eigene Wahrheit für obsolet zu halten, kein Dialog. Kein Allheilmittel (S. 84 f.), aber notwendig.

Allerdings, so ihre Diagnose, bringt die sich ändernde Medienwelt auch Veränderungen ihrer klassischen Charakteristika mit sich, wie z. B. die Unterscheidungen privat/öffentlich, Emotion/Information oder auch wahr/falsch. Auf die Herausforderungen dieser Veränderungen wollen die Autoren mit dem Dialog als Ideal antworten und setzen dafür eine dem Dialog zugeneigte Haltung voraus: Nach dem Grundgesetz der Kommunikation ist das Zuhören im Grunde wichtiger als das Reden. „Wer das Kommunikationsklima verbessern will, muss das Zögern lernen, das Abwarten, die zunächst möglichst vorsichtige um Genauigkeit ringende Bewertung“, so Pörksen (S. 66). In einem erhitzten gesellschaftlichen Klima wächst der Aufwand, steigert sich die Zumutung des Dialogs. Trotz unzumutbarer Darbietung oder bei schwächelnden Argumenten geht es darum, „den wertvollen, richtigen, vielleicht jedoch noch verborgenen Kern in der Auffassung des anderen zu entdecken“, so Schulz von Thun (S. 74). Richard Sennett hat an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass Menschen oft nicht das sagen, das sagen können, was sie meinen.

Zur Wahrheit gehört auch, dass wer sich angegriffen, beleidigt, attackiert fühlt, gerade schlecht mustergültig zum Dialog beitragen kann (S. 72). Aus dieser dysfunktionalen Praxis hat der gesellschaftliche Konflikt um die friedliche Nutzung der Kernenergie erst nach einem schockhaften Ereignis, der Kraftswerkshavarie in Fukushima 2011, herausgefunden. Schulz von Thun interpretiert die Polarisierung dagegen als „eine fruchtbare Zwischenphase in der Auseinandersetzung, nicht mehr und nicht weniger“ (S. 58). Allerdings macht er zur Voraussetzung, dass die harte Auseinandersetzung in der Sache gepaart ist mit Respekt und Empathie auf der Beziehungsebene.

Angesichts der Verrohung des gesellschaftlichen Klimas – mit bespuckten Feuerwehrleuten, Politikerbeleidigungen, Morddrohungen und Attentaten – nehmen die Autoren, über die mehr oder minder ideale Sprechsituation hinausgehend, auch die Frage aufs Korn, wie mit denen zu kommunizieren ist, die das System des Grundgesetzes und der Bundesrepublik Deutschland ablehnen, es abschaffen oder zerstören wollen. „Bevor ich auf Dialog schalte, sollte ich immer prüfen, ob die Voraussetzungen dafür überhaupt vorliegen“ (Schulz von Thun, S. 101). Und: „(…) Intoleranz gegenüber der Intoleranz ist keine schöne oder elegante Lösung, aber sie erscheint mir notwendig“ (Pörksen, S. 101).

Die Grund-Kalamität des öffentlichen Dialogs

Gut fassbar gemacht wird auch die Grund-Kalamität des Dialogs in der Öffentlichkeit, wenn z. B. neben der direkten Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner um die Zustimmung womöglich eines Millionenpublikums gebuhlt wird. Eine gemeinsame ins Offene weisende Suche nach der ‚Wahrheit, die zu zweit beginnt‘ müsste die situative Tatsache ausblenden, dass der eigentliche Adressat das Publikum ist. Dass eine strategische Kommunikation nicht dialogorientiert ist, wusste auch schon Habermas. Müsste der Untertitel des Buches dann nicht lauten „Über den Dialog in Gesellschaft und Politik, den es jedenfalls öffentlich nicht geben kann“?

Freilich, auch aufs Ganze gesehen: Nicht jeder aufklärerische Gedanke überzeugt. So will Pörksen die Filterblase als unterkomplexe Small-Talk-Schablone entlarven. Es hänge ja lediglich am eigenen Nutzerverhalten, sich breitflächig zu informieren (S. 22). Jedem, der ein bisschen reflektiert das Netz nutzt, wird dieses Licht auch von alleine aufgegangen sein. Umgekehrt ist eben nicht jeder User wie ein wieselflinker Medienanalytiker im Internet unterwegs. Manches Informationsverhalten erzeugt dann eben doch eine ideologische Kuschelecke in den verstörenden, weil kontrastierenden Weiten nicht enden wollender Informationen.

Dem Dialog geht es schlecht!

„Form follows function.“ Es war wohl unausweichlich, dass die Kapitel des Buches in Dialogform gehalten sind. Das geht im Wesentlichen auch auf, lockert Darstellung und Inhalt, lässt die Sprechenden kenntlicher hervortreten, sorgt für Lebendigkeit. Dass die Anmutung gleichwohl etwas papieren bleibt: unvermeidlich – solange es ein Buch ist. Die Übergänge können mitunter als Vorbild dienen („… so verstehe ich sie …“, „Würden Sie das auch so sehen?“), schrammen mitunter auch am Rande der Selbstpersiflage entlang (Schulz von Thun: „Mein Vorschlag: die ’DBSE-Formel’.“ Pörksen: „Das klingt toll. Aber was ist die DBSE-Formel? Sie sprechen in Rätseln“ (S. 165).

Welches kaum erreichbare Niveau der Auseinandersetzung – trotz aller Mäßigungsbeteuerungen – hier propagiert wird, zeigt das Eingeständnis, wie sehr und oft das zugrundeliegende Gesprächsmaterial der beiden Kommunikationsprofis überarbeitet werden musste (S. 212), um zum vorliegenden Buch kondensiert zu werden.

Für die Dialoge im Standortauswahlverfahren für ein Endlager bedeutet das, dass die Latte für die Kommunikationsstandards ziemlich hoch gehängt wurde. Zugleich wird sich in einer Unzahl von Gesprächen die gesetzlich geforderte Qualität nicht immer einlösen lassen.

Resümee

Die Mischung aus Diagnose, Kompetenz, Reflexion, Ratlosigkeit, Anregungen und angebotenen Trittsteinen gefällt. Wer sich zum Thema unterrichten will, erfährt auf knapp über 200 Seiten viel. Die Doppelbödigkeit der verhandelten Inhalte erfreut den Leser, wenn auf den Spuren von Paul Watzlawiks „Anleitung zum Unglücklichsein“ zum Auftakt des Gesprächs gezeigt wird, wie man in der Kommunikation am besten alles falsch machen kann (S. 43 ff.). Oder wie Begriffswahl und Framing zur Manipulation und Aufbau einer antiaufklärerischen Gegenkultur genutzt werden können (S. 172 f.). Die Autoren liefern nicht mehr als sie versprochen haben: „Wer von diesem Buch handfeste Lösungen erwartet, kommt kaum auf seine Kosten.“ (S. 209) Ihre Leistung liegt aber darin, das Thema in seinen Facetten, Abgründen und Wegweisungen ausgeleuchtet, die Vielfalt der Aspekte und Widersprüchlichkeiten zum (intellektuellen) Glitzern und Funkeln gebracht zu haben. Ob das hilft, „das Beste, was wir hatten“ (Jochen Schimmang) zu retten, bleibt offen …