Book review: Enzensberger, Theresia (2022): Auf See

Ralf H. Schneider*, 1 https://orcid.org/0000-0002-5838-6423

* Corresponding author: ralf.schneider@kit.edu

1 Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, Karlsruher Institut für Technologie, Karlsruhe, DE

© 2023 by the authors; licensee oekom. This Open Access article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY).

TATuP 32/1 (2023), S. 80–81, https://doi.org/10.14512/tatup.32.1.80

Published online: 23. 03. 2023

Enzensberger, Theresia (2022):
Auf See.
München: Carl Hanser Verlag.
272 S, 24 €,
ISBN 9783446273979

Gletscher schmelzen, Stürme zerstören ganze Landstriche, Dürren vernichten Flora und Fauna und der Meeresspiegel steigt unaufhaltsam. Vor einigen Jahren waren das begehrte Plots in Science-Fiction-Romanen oder -Filmen, heute sind derlei Katastrophen unsere Realität. Was sind aber die Konsequenzen einer solchen Realität und wie wird es weitergehen? Prognosen und Zukunftsszenarien sind oft schon kurz nach ihrer Veröffentlichung Makulatur.

Welche anderen Möglichkeiten haben wir noch, um uns auf die Zukunft vorzubereiten? Welche Auswirkungen werden einschneidende Veränderungen auf den einzelnen Menschen haben? Die Autorin Theresia Enzensberger stellt sich unter anderem diesen Fragen und führt uns in eine gar nicht allzu weit entfernte Zukunft mitten in die Ostsee.

Der Roman „Auf See“

Im Roman von Theresia Enzensberger, der 2022 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde (Longlist), werden wir in eine durchaus mögliche Zukunft versetzt. Klimakatastrophen haben zum Anstieg des Meeresspiegels geführt und gesellschaftliche Unruhen führten zur vermeintlichen Destabilisierung ganzer Staaten. Eine Gruppe von Menschen unter der Führung des Visionärs Nicholas Verney baut eine moderne Arche namens Seestatt inmitten der Ostsee, die mit Hilfe einer Kreislaufwirtschaft und regenerativer Energien autark sein und eine neue Gesellschaft aufbauen möchte.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht zweier Frauen, der jungen Seestatt-Bewohnerin Yada und der schon erfahrenen Künstlerin Helena, erzählt. Zwischen den Handlungsverläufen der beiden Frauen sind ‚Archiv‘-Kapitel eingeschoben, die historische Rückblicke beinhalten. Diese erscheinen zu Beginn irritierend und ohne Relevanz für die Handlung, fügen sich aber im Laufe der Geschichte mit den beiden Ich-Erzählungen zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Yada verbrachte bereits fast ihr ganzes unspektakuläres Leben auf Seestatt. Ihre Kindheit und Jugend in der Meeressiedlung waren einerseits geprägt von Privilegien, da sie die Tochter des Seestattgründers ist, andererseits von Kontrolle, da sie aus verschiedenen Gründen permanent medizinisch überwacht und versorgt wird. Sie lebt in dem Bewusstsein, dass jenseits ihres schwimmenden Zuhauses die Welt in ein klimatisches und politisches Chaos versunken und nur noch auf Seestatt ein einigermaßen normales Leben möglich ist. Die überschaubare Utopie einer neuen Gesellschaftsform bekommt mit der Entdeckung ihrer Sexualität und Einblicken hinter die Kulissen der Siedlung jedoch immer größer werdende Risse. Neugier und Skepsis entwickeln sich allmählich zu einem Fluchtplan.

Helena ist eine wohlsituierte Berliner Künstlerin, die über ein von ihr geschaffenes Kunstprojekt während einer Zeit der gesellschaftlichen Verunsicherung unverhofft zu einer Art Sektenanführerin wider Willen wird. Die ihr zugewiesene Rolle, ihre eigentliche Berufung als Künstlerin und ihre inneren Dämonen drohen sie aber nach und nach zu zerreißen.

Science-Fiction und Wissenschaft

Der Gedanke, sich zum Leben auf das Meer zu begeben, ist angesichts der zahlreichen in Küstennähe liegenden Großstädte so abwegig nicht und spiegelt aktuelle Floating-City-Projekte wider, wie z. B. auf den Malediven. Während so mancher historische Exodus über das Meer auf neue Kontinente führte, handeln viele Science-Fiction-Geschichten davon, die Erde mit Raumschiffen zu verlassen. Theresia Enzensberger geht in ihrem Roman einen zwar fiktionalen, aber erd- bzw. meeresverbundeneren Weg: Eine Aussteiger-Kommune träumt von einem schwimmenden Neuanfang inmitten der Abgeschiedenheit des Meeres.

Auf nicht fiktionaler Ebene beschäftigt sich auch die Technikfolgenabschätzung mit der zukünftigen Anpassung an klimabedingte Veränderungen auf technischer und sozialer Ebene. Einzelne Disziplinen und interdisziplinäre Projekte untersuchen vorhandene und zukünftige Technologien und Konzepte, wie den Folgen der anthropogenen Klimaerwärmung begegnet werden kann. Neben Wissenschaftler*innen und Politiker*innen beschäftigen sich auch die Kunst und Literatur mit der noch nicht geschriebenen Zukunft. Während in der Wissenschaft der objektive(re) Blick auf die Zukunft gewagt wird, können fiktionale Geschichten zahlreiche und sehr persönliche Schicksale in der Vorstellungskraft der Leser*innen entstehen lassen. Im Gegensatz zu der auf Fakten beruhenden Arbeit von Wissenschaftler*innen und der auf gesamtgesellschaftliche Ziele ausgerichteten Arbeit von Politiker*innen, sind es die Autor*innen der Phantastik, insbesondere der Science-Fiction, die sich intensiv mit Zukünften auseinandersetzen. Gerade sie haben Möglichkeiten, Zustände und Diskurse aus der Gegenwart in die Zukunft zu extrapolieren, Handlungen zu manipulieren und damit Zukünfte zu erdenken.

Dabei entstehen Geschichten, die zu Narrativen werden und ganz real das Verhalten von Menschen beeinflussen können. Die fundierte Verbindung von Science-Fiction und Wissenschaft ist zwar noch jung, aber Publikationen wie z. B. „New Perspectives on Contemporary German Science Fiction“ von Lars Schmeink und Ingo Cornils (2022), Dietmar Daths „Niegeschichte“ (2019), das Plädoyer für die Relevanz von Science-Fiction von Julia Grillmayr (2021) „Fiktionales Arbeiten an der Zukunft der Arbeit“ oder auch TA-Methodiken wie im „Vision Assessment als sozio-epistemische Praxis“ (Lösch et al. 2021) bieten vielversprechende Ansätze für eine zukünftige Verbindung.

Dass die bereits stattfindende anthropogene Klimaerwärmung existentielle und irreparable Schäden verursacht, wird uns in immer kürzer werdenden Abständen überdeutlich vor Augen geführt. Die Reaktionen darauf sind so unterschiedlich wie typisch menschlich: Die einen akzeptieren die faktenbasierten Erkenntnisse, die anderen lehnen sie vehement ab. Dazwischen befindet sich naturgemäß die gar nicht so kleine, aber relativ leise Gruppe derjenigen, die der Feststellung gleichgültig gegenübersteht.

Verschränkungen und Übergänge

Ergebnisse zukunftsgerichteter wissenschaftlicher Untersuchungen, werden zumeist in der Fachwelt wahrgenommen, finden Eingang in politische Debatten oder bleiben als Auftragsforschung hinter verschlossenen Unternehmenstüren. Seltener gelangen sie in die breite Öffentlichkeit oder die individuelle Lebenswelt einzelner. Genau hier kann Science-Fiction für die Wissenschaft bedeutsam werden. Einerseits können fiktionale Geschichten in der Wissenschaft diskutierte Themen auf eine zugänglichere und verständlichere Art und Weise in eine breitere Öffentlichkeit tragen, andererseits können die mit fiktionalen Charakteren durchgespielten wissenschaftlichen Aspekte neue Impulse für Forschende generieren (Meinecke und Voss 2018).

Im Roman „Auf See“, der zur ‚Climate Fiction‘ und Near-Future-Science-Fiction gezählt werden kann, verbirgt sich hinter den biographischen Entwicklungen der Figuren mehr oder minder transparent die Repräsentation einiger Gewinner- und Verlierergruppen der etablierten und einer möglichen zukünftigen Gesellschaft in Deutschland. Die Eigenschaften und Handlungsmotive der beiden Protagonistinnen können vertraut erscheinen und geben uns zu denken, wie sehr man sich mit der bequem eingerichteten Realität arrangiert und es verlernt hat, die Welt zu hinterfragen. Gegen Ende wird ein Teil der fiktionalen Handlung sogar zum fiktionalen ‚Archiv‘ und die Grenzen zwischen Utopie, Fiktion und Realität lösen sich zusehends auf, was die dargestellte mögliche Zukunft umso möglicher erscheinen lässt.

Politische Pläne und wissenschaftliche Projekte stellen auf dem Papier oft omnipotente Lösungen für gegenwärtige Probleme dar. In der Praxis aber, in einer nicht vollständig kontrollierbaren Umgebung mit Menschen, die Neuem gegenüber aufgeschlossen sind oder auch nicht, die egoistisch sind oder sozial, kann so manche Hoffnung in eine Technologie gedämpft werden. Die Aufstellung einer Vision ist vielleicht aber nicht die alleinige Herausforderung heutiger Gesellschaften; die dauerhafte Etablierung einer lebbaren Welt für alle Menschen ist möglicherweise die wesentlich größere zu meisternde Aufgabe. Theresia Enzensberger gibt uns mit „Auf See“ für unsere eigenen kleinen und großen Realitäten, aber auch für die Technikfolgenabschätzung im Besonderen, wie ich finde, viel zu denken.

Literatur

Schmeink, Lars; Cornils, Ingo (Hg.) (2022): New perspectives on contemporary German science fiction. Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-030-95963-0

Dath, Dietmar (2019): Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine. Berlin: Matthes & Seitz.

Grillmayr, Julia (2021): Fiktionales Arbeiten an der Zukunft der Arbeit. In: Ralf H. Schneider und Lars Schmeink (Hg.): Future Work – Die Arbeit von übermorgen. 15 Kurzgeschichten aus der Zukunft. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, S. 1–9. https://doi.org/10.5445/KSP/1000134596

Lösch, Andreas; Roßmann, Maximilian; Schneider, Christoph (2021): Vision Assessment als sozio-epistemische Praxis. In: Stefan Böschen, Armin Grunwald, Bettina-Johanna Krings und Christine Rösch (Hg.): Technikfolgenabschätzung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: edition sigma, S. 337–351.

Meinecke, Lisa; Voss, Laura (2018). ‚I robot, you unemployed‘: Robotics in science fiction and media discourse. In: Julia Engelschalt, Arne Maibaum, Franziska Engels und Jakob Odenwald (Hg.): Schafft Wissen. Gemeinsames und geteiltes Wissen in Wissenschaft und Technik. Proceedings der 2. Tagung des Nachwuchsnetzwerks „INSIST“, München 2016, S. 203–221. Online verfügbar unter https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/58220/ssoar-2018-engelschalt_et_al-Schafft_Wissen_Gemeinsames_und_geteiltes.pdf?sequence=1&isAllowed=y&lnkname=ssoar-2018-engelschalt_et_al-Schafft_Wissen_Gemeinsames_und_geteiltes.pdf, zuletzt geprüft am 07. 02. 2023.