RESEARCH ARTICLE
Johannes Warda*, 1, Georg Schiller2, Barbara Ditze3, Robert Knippschild2, 4
* Corresponding author: johannes.warda@uni-bamberg.de
1 Lehrstuhl für Denkmalpflege, Universität Bamberg, Bamberg, DE
2 Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) e. V., Dresden, DE
3 Denkmalnetz Sachsen, Leipzig, DE
4 Internationales Hochschulinstitut Zittau, Technische Universität Dresden, Dresden, DE
Zusammenfassung • Eine Wende hin zur Kreislaufwirtschaft ist mit einer langfristigen Umstellung aller Abläufe im Bauwesen verbunden. Den Erfolgen in Forschung und Entwicklung stehen die Trägheit des Bausektors und weitere Umsetzungshemmnisse entgegen. Entscheidungen, die den Ressourcenverbrauch und die Klimawirkung des Bauens minimieren, können dagegen sofort getroffen werden – insbesondere wenn es darum geht, den Gebäudebestand möglichst lange in Nutzung zu halten oder Leerstand zu revitalisieren. Die praktische Expertise dafür findet sich in der Denkmalpflege. Wie keine andere Disziplin fokussiert sie auf die Erfassung und Bewertung des Bestands und verfügt über Strategien und Methoden zur langfristigen Erhaltung. Bislang als Nischenbereich auf einen exklusiven Bestand beschränkt, können denkmalpflegerische Prinzipien als Bestandteil zirkulären Bauens für alle Bauaufgaben fruchtbar gemacht werden.
Abstract • The transition to a circular economy involves a long-term transformation of the construction industry. Recent successes in research and development are counteracted by the sluggishness of the construction sector and other obstacles to implementation. However, decisions that minimize the consumption of resources and the climate impact of construction can be made immediately – especially by keeping existing buildings in use for as long as possible or revitalizing vacant buildings. The practical expertise for this can be found in the field of historic preservation. Like no other discipline, it focuses on recording and evaluating the inventory and has strategies and methods for long-term preservation. Previously a niche area limited to an exclusive portfolio, preservation principles can be fruitfully applied to all construction tasks as part of a circular building economy.

Abb. 1: Bauteillager Rittergut Trebsen (2018). Foto: Thomas Kube
Dieser Beitrag erörtert die Bedeutung zirkulärer Strategien für eine Materialwende im Bauwesen unter dem Aspekt der Ressourceneffizienz und Klimaschonung. Anhand von Fallbeispielen wird gezeigt, dass Denkmalpflege als Kulturtechnik zirkulären Bauens betrachtet werden kann. Unter Denkmalpflege wird ein multilateraler Wirkzusammenhang aus rechtlichen und behördlichen Rahmenbedingungen, bürgerschaftlicher Initiative und handwerklicher Expertise gefasst.
‚Closing‘ bezieht sich auf das Schließen von Materialkreisläufen, also auf Baustoffrecycling. Es kann Ansätze einschließen die Recycling erleichtern, indem z. B. die Trennbarkeit von Baustoffen bereits in der Konstruktionsweise berücksichtigt wird. Closing orientiert vor allem auf die ‚End-of-Life‘-Phase von Gebäuden und Bauteilen, also dem Umgang mit freiwerdenden Materialien nach dem Abriss.
‚Slowing‘ umfasst das Feld des Bestandserhalts. Durch Verlängerung der Nutzungsdauer werden Materialflüsse verlangsamt. Im Bauwesen ist die Frage der Materialkreisläufe stark auf Materialqualitäten und Qualitätsanforderungen an das Recyclingprodukt fokussiert. Die Wiederverwendung von Bauteilen ist dagegen komplexer: Neben technischen sind z. B. juristische Aspekte zur Gewährleistung sowie gestalterische bei der Einbindung gebrauchter Bauteile zu beachten. Insofern ist die Bauteilwiederverwendung den per se komplexen Fragestellungen des Bestandserhalts näher. Adressiert wird damit die Nutzungsphase, die es zu verlängern gilt, indem Gebäude und Bauteile repariert, saniert, revitalisiert oder umgenutzt werden.
‚Narrowing‘ bedeutet ‚weniger Materialeinsatz‘. Dies wird durch effizientere Materialien und Konstruktionsweisen erreicht oder Änderungen im Konsumverhalten, z. B. Verringerung der Wohnfläche oder Shared-economy-Ansätze (z. B. Gemeinschaftsräume).
‚Regenerate‘ wird in der angegebenen Quelle mit ‚make clean‘ untersetzt. Adressiert werden die Schadstoffproplematik, der Einsatz erneuerbarer Energien und sich regenerierende natürliche Ökosysteme.
Zum Nulltarif ist Recycling nicht zu haben.
‚Slowing‘-Ansätze greifen unmittelbar am vorhandenen Bestand an. Neben ökologischen sind vielschichtige architektonische, stadtplanerische, soziale und baukulturelle Aspekte zusammenzuführen. Der Bund Deutscher Architekten hat hierfür den Begriff des ‚kreativen Unterlassens‘ geprägt (BDA 2021). Durch ‚Slowing‘ erzielte Effekte wirken unmittelbar: Mit jedem neuen Nutzungszyklus werden Ressourcen eingespart und graue Emissionen vermieden. Erhaltung und Revitalisierung greifen i. d. R. wenig in die massive Rohbausubstanz ein. Hierfür erforderliche materielle Aufwände fallen deshalb gegenüber den realisierbaren Einsparungen kaum ins Gewicht (Schiller et al. 2024). Dies gilt insbesondere dann, wenn es gelingt, hohe Renovierungsstandards zu vermeiden und stattdessen suffizienzorientierte Sanierungskonzepte zu verfolgen. Die aktuelle Diskussion um einen ‚Gebäudetyp E‘, der Abweichungen von den anerkannten Regeln der Technik für einfacheres und ressourcenschonenderes Bauen ermöglichen soll, eröffnen hierfür erfolgsversprechende Perspektiven (BMWSB 2024). Tradeoffs, die sich aus einer geringeren Energieeffizienz der Gebäudenutzung einstellen können, gilt es jedoch zu berücksichtigen, etwa mittels Lebenszyklusanalyse (Gravagnuolo et al. 2021).
‚Closing‘ durch Recycling setzt auf Sekundärressourcen, schont dabei natürliche Rohstoffe und leistet einen Beitrag zur Reduzierung grauer Emissionen. Voraussetzung ist, dass die Qualität des Ausgangsmaterials, also des Bauabfalls, den Anforderungen an das neue Produkt entspricht und Transporte kurz gehalten werden (Gruhler et al. 2023). Zum Nulltarif ist Recycling nicht zu haben. Produkte und Gebäude länger zu nutzen ist deshalb in der Regel vorzuziehen.
Als Kulturtechniken eines Baustoff- und Bauteilmanagements finden sich zirkuläre Ansätze in der denkmalpflegerischen Praxis als Reaktion auf die großmaßstäblichen Veränderungen in den Stadtsanierungen der Nachkriegsjahrzehnte. In einem bis heute andauernden Prozess flossen Wiederaufbau, Neuplanungen und Sanierung ineinander. Ausgehend von städtebaulichen Leitbildern aus den Jahrzehnten vor und nach 1900, implementierten die Planungseliten zunächst die Grundsätze des modernistischen Städtebaus für die hygienische, funktionsentflochtene und autogerechte Stadt (Göderitz 1962). Die Sanierungspolitik war von Anfang an breiter gesellschaftlicher Kritik ausgesetzt. Auf die Klage über die Zerstörung des Alten und die ‚Unwirtlichkeit‘ des Neuen (Mitscherlich 1965) folgte ein Paradigmenwechsel von der Flächensanierung hin zu Objektsanierung und erhaltender Erneuerung. Die zivilgesellschaftlich getragene Wertschätzung für die Altbaubestände erreichte 1975 mit dem vom Europarat initiierten Europäischen Denkmalschutzjahr einen Höhepunkt.

Abb. 2: ‚Werkschau‘ der Bauhütte Bamberg auf dem Hof einer Bedachungsfirma (1976). Fotograf: Emil Bauer. Quelle: Stadtarchiv Bamberg, D 2088 82962-11

Abb. 3: Willy Kaschenreuther präsentiert das Tischlerhandwerk an der Bauhütte Bamberg (1976). Fotograf: Emil Bauer. Quelle: Stadtarchiv Bamberg, D 2088 83325-2-21

Abb. 4: Einlagerung überwiegend gründerzeitlicher Treppenpfosten und Geländerstäbe im Bergelager Rittergut Trebsen (2018). Foto: Thomas Kube
Engagement, Druck auf die Politik und die Entwicklung kreativer Wege waren Ende des 20. Jahrhunderts die Instrumente der Zivilgesellschaft. Im West-Berlin der 1980er-Jahre machten Hausbesetzungen auf Spekulation und Leerstand aufmerksam. Dem durch Vernachlässigung und Materialmangel in weiten Teilen der DDR gefährdeten Altbaubestand widmeten sich in vielen Städten bürgerschaftliche Initiativen. Die Besorgnis der Bevölkerung zeigt eindrücklich die Reportage „Ist Leipzig noch zu retten“, die drei Tage vor dem Mauerfall im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde (Marquardt 1989). In Halle/Saale entstand z. B. 1983 der bis heute aktive Arbeitskreis Innenstadt (Stadtwende 2024). Im Zuge der Altstadtsanierungen nach 1990 erlebten unkonventionelle Ansätze eine Renaissance (IRS et al. 2008). In dieser Phase entstand z. B. das Konzept der ‚Wächterhäuser‘ des HausHalten e.V. Leipzig, Genossenschaften wie die DAKSBAU eG in Dessau, die digitale Plattform für bedrohte Baudenkmäler der Leipziger Denkmalstiftung (jetzt denkmalradar.de) oder im Weser-Ems-Gebiet der ‚Monumentendienst‘, eine bürgerschaftlich getragene präventive Bauinstandhaltung nach niederländischem Vorbild. Die Projekte versammeln Fachleute aus Architektur, Handwerk und Kunstgeschichte ebenso wie politisch Motivierte mit Hands-on-Mentalität, die Brücken zu professionellen und behördlichen Akteuren bauen.
Engagement, Druck auf die Politik und die Entwicklung kreativer Wege waren Ende des 20. Jahrhunderts die Instrumente der Zivilgesellschaft.
Die alternativen Sanierungsstrategien der Denkmalpflege beschränkten sich nicht auf den geschützten Einzelfall. 1978 stellte das Bayerische Landesamt fest, dass der Neubaubedarf gedeckt sei und sich das Baugeschehen auf die Sanierung und Unterhaltung des Altbaubestands konzentriere (Petzet 1979, S. 4). Auch hinsichtlich rechtlicher Rahmenbedingungen gewann die Erhaltung historischer Bausubstanz an Bedeutung (Reinboth 1985). In der DDR wurde die Bestandsrevitalisierung in die Lösung der Wohnungsfrage einbezogen. Auf Basis eingehender Untersuchungen zu Material und Konstruktionsweisen wurden standardisierte Sanierungsverfahren entwickelt (Putz 2019; Schulze und Walther 1990) und ein flächendeckendes, präventives Instandhaltungsmanagement konzipiert (Bauakademie der DDR 1987). Nach dem politischen Umbruch kamen diese Ansätze jedoch nicht mehr zum Tragen. Unter den Vorzeichen der Schrumpfung wurden Abrisse gefördert (u.a. im Rahmen von „Stadtumbau Ost“) und das Leitbild der ‚perforierten Stadt‘ propagiert (Lütke-Daldrup 2001). Andererseits wurde 1991 das Förderprogramm ‚Städtebaulicher Denkmalschutz‘ aufgelegt, mit dem viele Objekte saniert und private Initiativen unterstützt wurden (BMVBS 2009). Heute hat sich in der Planungspolitik der Begriff der besonders erhaltenswerten Bausubstanz etabliert. Gemeint ist, dass neben dem Denkmalbestand von ca. 3 % auch der übrige Baubestand zur Erhaltung und Weiterentwicklung städtebaulicher Qualitäten beiträgt und zunehmend als Teil lokaler Leitplanungen ausgewiesen wird (BMUB 2014, S. 11).
ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Konsens für den Bestandserhalt (bei gleichzeitiger Förderung einer strukturellen und institutionalisierten Untersetzung der behutsamen, bestandsorientierten Baupraxis),
die Aktivierung lokaler Ressourcen (personell und materiell), insbesondere mit einem Fokus auf Strukturen der Aus- und Weiterbildung im Handwerk durch teils öffentlich geförderte oder betriebene Einrichtungen,
die vernetzende Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure für einen sektor- und fachübergreifenden Wissensaustausch,
die Flankierung der Erhaltungsbemühungen durch Änderung von Gesetzen und Verordnungen sowie Festlegung von Standards.
Competing interests • The authors declare no competing interests.
Funding • This work received no external funding.
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