INTERVIEW

Erfahrungen aus 20 Jahren Technikfolgenabschätzung

Experiences from 20 years of technology assessment

mit/with Peter ­Hocke

von/by Elske Bechthold

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Dr. Peter ­Hocke

Peter Hocke geht mit dem Erfahrungsschatz aus über 20 Jahren sozialwissenschaftlicher Endlagerforschung und Politikberatung in den Ruhestand. Von 2001 bis 2024 hat er die Forschung zur Governance der nu­klearen Entsorgung am ­ITAS etabliert und fest installiert. Sein Verdienst ist, dass Technikfolgenabschätzung in der nukle­aren Entsorgung als wichtige Stimme wahrgenommen ­wird.

Keywords Technikfolgenabschätzung, Politikberatung, Governance, Nukleare Entsorgungsforschung, Konfliktforschung, ­End­lager

© 2025 by the authors; licensee oekom. This Open Access article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY).

https://doi.org/10.14512/tatup.7186

Published online: 25. 06. 2025 (editorial peer review)

Als Peter Hocke im Sommer 2024 in Ruhestand ging, habe ich die Gelegenheit ergriffen, ausführlich mit ihm über seine vielfältigen Berufserfahrungen als Technikfolgenabschätzer zu sprechen. In einer Interviewreihe mit sechs thematischen Schwerpunkten konnte so der Erfahrungsschatz aus mehr als zwei Jahrzehnten sozialwissenschaftlicher Endlagerforschung gehoben werden. Hier wird nun ein Auszug wiedergegeben aus den über neun Stunden Gesprächen über Governance und Zivilgesellschaft im Kontext der nuklearen Entsorgung, über die Forschungspraxis am ­ITAS und Politikberatung, das deutsche Standortauswahlverfahren, deliberative Demokratie sowie die Zusammenhänge zwischen Energiepolitik und Endlagerung.

Nach über 20 Jahren am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (­ITAS) kennst Du die Geschichte des Instituts und der nuklearen Entsorgung in Deutschland wie kaum ein anderer. Das ­ITAS unterscheidet sich von anderen Forschungsinstituten durch eine Hauptaufgabe der Technikfolgenabschätzung (­TA): wissenschaftliche Politikberatung. Wie bist Du in diese Aufgabe hineingewachsen?

Zu Beginn war ich erstaunt über die Größe und die Vielfalt der Themen am ­ITAS. Mein erstes Projekt war der Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd), eine von der rot-grünen Bundesregierung eingesetzte Expertengruppe. Diese Experten sollten den Bund bei einem Neuanlauf bei der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle unterstützen. Wir untersuchten, wie Expert*­innen mit Auftraggeber und Öffentlichkeit kommunizieren. Die Endlagerung von Atommüll und der Standort Gorleben waren ein großes, hochpolitisiertes Streitthema in der Gesellschaft. Nukleare Fragen spielten zuvor am ­ITAS keine Rolle. Ich hatte damals günstige Startbedingungen. Es gab am ­ITAS viele Ingenieur*­innen, Physiker*­innen und Philosoph*­innen und auch eine kleine Gruppe von Sozialwissenschaftler*­innen, sehr erfahrene Kolleg*­innen, die Interesse hatten, mit mir zu diskutieren. Der Anlass war oft eine praktische Herausforderung – beispielsweise: Wie kommt man von wissenschaftlichen Ergebnissen zu knappen Empfehlungen?

Welche Perspektive hattet ihr damals auf die Expertengruppe?

Der AkEnd organisierte öffentliche Veranstaltungen, die wir beobachteten. Welche Botschaften werden vermittelt, was wird weggelassen, worüber wird nicht gesprochen? Uns fiel auf, dass Akzeptanz im Vordergrund stand: Wie bringt man die Expert*­innenwelt, Regierung, Bevölkerung dazu, einer Entsorgungslösung zuzustimmen? Man war am Lernen und wusste wenig über die wissenschaftliche Analyse von Fachpolitiken und wie man diese mit den technischen Problemlösungen zusammenbringen könnte. Und dabei haben wir sehr früh gesehen, dass es die Forschung, bei der die Schnittstellen von Teilsystemen betrachtet werden, wie die von Zivilgesellschaft und politischem Protest auf der einen, Regierungshandeln auf der anderen Seite, nicht gibt.

Was hast du damals über Politikberatung gelernt, was du heute noch wichtig findest?

Der Projektleiter war Fritz Gloede und mit ihm war verabredet, wir machen keine Akzeptanzforschung. Er sagte, Technikfolgenabschätzung muss in erster Linie Kritik sein, also kritisch an Sachverhalte heranzugehen, sich nicht vorschnell für die Unterstützung einer Technologie oder für die Betonung ihrer Vorteile zu entscheiden, sondern genau nachzusehen, was die Fachpolitik sagt und dies kritisch zu kommentieren.

Wie entwickelte sich dann das Feld der ­TA?

Es entstand die Einsicht, dass es nicht in erster Linie darum geht, technologische Sachverhalte zu untersuchen. Dass die tiefengeologische Lagerung die beste Option im Vergleich zu anderen ist, war damals bereits eindeutig Stand der Forschung. Ein viel größeres Problem war der gesellschaftliche Protest gegen ein Endlager für deutschen Atommüll, für den es vielfältige Gründe gab. Niemand will den Atommüll, der Umgang mit ihm ist hoch riskant, und es gibt keine einfache Lösung. Das zentrale Problem ist also nicht die Technik, sondern die angemessene Steuerung (Governance): Wie kann durch modernes Regieren in der Gesellschaft eine solche Frage beantwortet werden? Welchen Weg will man gehen, um die Desaster zu vermeiden, die es an anderen Standorten gab? Ein professioneller Umgang mit den hochradioaktiven Abfällen soll Mediation, Konfliktschlichtung und Austragung von Interessenskonflikten beinhalten. Damit war ein Themenfeld für die ­TA mit starkem sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt abgegrenzt.

Wie ordnest du dann die Aussage ein, dass ­TA Handlungsoptionen erarbeitet?

Empfehlungen auszusprechen, muss nicht bedeuten, handle sofort so oder so. Sondern sie können heißen, denkt darüber nach – zum Beispiel über das Spannungsfeld, dass sich Bürger maximale Sicherheit wünschen, eine Regierung aber mit Ressourcen umgehen muss: Zeit, Legislaturperiode usw. Entscheidungen über Technikeinsatz werden auch unter Bedingungen von Ungewissheit getroffen. Nicht immer kann Begleitforschung rechtzeitig stattfinden.

Handlungsempfehlungen dagegen können auch allgemeiner sein. Was schlage ich vor, was wäre eine Alternative? ­TA ,at its best‘, würde ich sagen, schlägt Alternativen vor. Der AkEnd hat viele Sachen eingeführt, die innovativ waren, und die Handlungsempfehlung war: Führt diese grundsätzliche Richtung des fachpolitischen Entscheidens unter Bedingungen fort, die eher zur deliberativen Demokratie gehören. Man verhandelt, man sucht Kompromisse über alle wichtigen Akteure hinweg, insbesondere ist auch die Bürgerschaft einzubinden. Das ist eine Alternative zum klassischen Regierungshandeln. Viele technische Infrastrukturprojekte werden nicht von einem offenen Beratungsprozess begleitet.

An welche Ansätze aus der Theorie konntest du hier anknüpfen?

Aus der angelsächsischen Diskussion war für uns der Begriff der deliberativen Demokratie wichtig, also Demokratie, die nicht nur auf Wahlen und Parlament setzt, sondern auch auf Aushandlungsprozesse. Zu ihnen gehören nicht nur gewählte Volksvertreter*­innen, sondern sich selbst ermächtigende Stakeholder und andere, die an Debatten teilnehmen wollen. Das ist natürlich überhaupt kein einfaches Verfahren. Aber in den Nullerjahren wurde zunehmend darüber diskutiert, ob in den westlichen Ländern nicht deliberative Demokratien gebraucht werden, die auf das Anerkennen von Problemen sowie auf Beratung und Austausch über Positionen setzen, um sich später über mögliche Handlungsalternativen und Entscheidungen zu verständigen, die möglichst nach Sachgründen zu fällen ­sind.

Technikfolgenabschätzung ,at its best‘ schlägt Alternativen vor.

Um uns an deinen Lernerfahrungen teilhaben zu lassen: Was denkst du, ist besonders wichtig für ­TA im Kontext von Politikberatung?

Wichtig ist, über Begriffe und Worte nachzudenken: Ein Tiefenlager für Atommüll ist ein gut funktionierendes Projekt, um die Entsorgungsaufgabe zu stemmen. Statt von ‚Endlagerung‘ sprechen wir daher von ‚Entsorgung‘, ohne irgendwas schönreden zu wollen, sondern es geht um Entsorgen im Sinne von professionellen Standards gekoppelt mit innovativem Handeln. Und da wuchs das Verständnis darüber, dass Bürger*­innenbeteiligung unter Umständen ein wichtiges Tool sein kann, um alte Blockaden aufzulösen. Für die ­TA hieß das, immer zwei Sachen anzugucken: Die Vorgeschichte eines Problems und den Kontext, in dem das Problem heute auftaucht. Kontext war beim AkEnd die rot-grüne Bundesregierung, die nach einer langen Phase christlich-liberaler Regierung mit einer ganz anderen Technikausrichtung etwas ändern wollte, und das gerade auch in einem ausgesprochen strittigen Feld. Deswegen sollten interdisziplinäre Expert*­innen zu Rate gezogen werden und nicht wie üblich Kernphysiker*­innen, Chemiker*­innen und Geolog*­innen. Vielmehr sollte die ganze Breite der Wissenschaft darüber beraten, wie dieses Problem gemeinsam zu lösen wäre. Den Kontext formulieren, beschreiben und benennen zu können, ist ein Merkmal für Technikfolgenabschätzung, die Beratungsinteressen hat. ­TA macht nur Forschung, wenn jemand sagt, da gibt es ein Problem, und wir feststellen, dass es in der Forschung noch nicht beantwortet ist – also ein Thema eingrenzen und sagen, das hat heute diese bestimmte Bedeutung.

Und das zweite ist natürlich die Vorgeschichte. Viele Fragen, wie die der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie, haben eine lange Vorgeschichte, die es zu kennen und zu beachten gilt. Diese Vorgeschichte reicht über Gorleben bis zum ­US-Programm ‚Atoms for Peace‘.

Im Laufe der Jahre warst du in einigen Beratungsgremien aktiv. Wie bist du in die Rolle des Experten hineingewachsen?

Nach dem Einlesen in die Literatur hatte ich den Impuls rauszugehen und zu gucken, was passiert da auf Konferenzen und Workshops. Und mitzureden, irgendwann auch zu sagen, da fehlen doch sozialwissenschaftliche Analysen, da fehlt dieses und jenes. Man lernt das nur durch Training ,on the job‘, aber natürlich nicht ohne Hintergrund. Ich denke schon, dass es wesentlich ist, sich seine Argumente zu überlegen, auch zu hören, was andere sagen. Es gab schon damals relativ viele Ethiker*­innen am ­ITAS, also Philosophie mit der Teildisziplin Ethik, die danach fragten, inwiefern wir Technikkonflikte durch moralisches Verhalten lösen können. Bei dieser Herangehensweise fehlte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Politikstrukturen, Macht- und Herrschaftsverhältnissen, auch mit der offenen oder geschlossenen Gesellschaft als Zielhorizont. Und schon waren wir in anderen Feldern wie Politikwissenschaft und Ökonomie. Alles Mögliche spielte eine Rolle. Ich glaube, in der ­TA war schon immer ein Impuls zum Gespräch und eine Aufforderung zum Dialog über diese Vielfalt enthalten. Und das ist auch ein Thema, was bei partizipativer ­TA wichtig ist, die Wissen­schaftler*­innen, Expert*­innen und Fachleute, Semiprofis und interessierte Bürger*­innen der zivilgesellschaftlichen Strömungen bei der Problembearbeitung einbindet.

Technikfolgenabschätzung ist immer eine Reflexions­instanz, ein Begleiter und nicht die problemlösende Instanz.

Problembezug ist ein wichtiges Merkmal von ­TA, wie würdest du denn die wissenschaftliche Aufgabe beschreiben?

Meinem Verständnis nach wird bei Wissenschaft investiert in kluge Köpfe, die über Probleme nachdenken. Wissenschaft ist die Institution in der Gesellschaft, die sich viel mehr Zeit nehmen kann als alle anderen Akteure. Das Ziel ist dabei nicht, die Wahrheit zu finden, sondern Phänomene zu systematisieren. Die Systematisierungsleistung von Wissenschaften besteht darin zu sagen, bei dem Problem tritt das und das auf. Also bei der Entsorgung zum Beispiel: Welche Abfallarten haben wir überhaupt? Welche unangenehmen Folgen haben sie? Was ist das Besondere an hochaktiven Abfällen? Worauf muss man sonst noch achten? Solche Systematisierungen im technischen Bereich wie auch bei soziotechnischen Herausforderungen sind von Bedeutung.

Kannst du erläutern, was unter „soziotechnisch“ zu verstehen ist?

‚Sozio‛ beschreibt bei einem Problem, wer tritt mit welchen Problemwahrnehmungen in der Fachwelt und der Öffentlichkeit auf – vielleicht nur am Rande der Arena? Wer hält seine Schilder hoch und sagt, berücksichtige auch mich? Manche wollen nur widersprechen, andere wollen auch mitgestalten und an der Lösung mitarbeiten. Und wer sind die Profis, die man dazu unbedingt braucht? Auch das gehört zur Systematisierungsleistung. Inhalte werden herbeigetragen aus der Wissenschaft, aber auch von Praktiker*­innen, also Leuten aus Regulierungs- und Aufsichtsbehörden oder Leuten aus dem Bergbau, die das Endlager bauen müssen und das Expertenwissen mitbringen, das man bei einer anspruchsvollen Problemlösung nicht unberücksichtigt lassen ­kann.

Welche Aufgabe hat ­TA aus deiner Sicht bei der nuklearen Entsorgung?

Vorhin habe ich gesagt, bei Atom­müll­ent­sor­gung erscheint mir Governance die große Herausforderung zu sein. Wie kann der federführende Akteur, was insbesondere staatliche Institutionen sind, eine professionelle Entsorgung organisieren? Bis zum Zeitpunkt X soll der und der Schritt gegangen sein, dafür muss jemand die Verantwortung übernehmen und dazu braucht es Unterstützung. Wen hole ich dann dazu? Da sehe ich die ­TA als eine Institution, die dazu Ratschläge geben kann. ­TA ist immer eine Reflexionsinstanz, ein Begleiter und nicht die problemlösende Instanz.

Die Probleme, die auftauchen und bearbeitet werden, müssen dann von anderen Akteur*­innen umgesetzt werden. Partizipative ­TA will Reflexion anregen und mitgestalten. Politikberatende ­TA will bei der Systematisierung der Problemlagen für die Entscheidungsvorbereitung mitgestalten.

Welche Herausforderungen siehst du bei der Entsorgungsforschung als wichtig an?

‚Denkt inter- und transdisziplinär!‘, rufen Technik­folgen­abschätzer*­innen in den vergangenen Jahren den Endlager-Expert*­innen zu. Interdisziplinarität ist schwierig. Transdisziplinarität, also Stakeholder, Zivilgesellschaft und Bürger*­innen in Wissenschaftsprozesse einzubinden, ist eine noch größere Herausforderung. Die ­TA und wir alle, Armin Grunwald und alle Kolleg*­innen, sind in diese Richtung mitgelaufen. Als Stand der Forschung haben wir einen hochwertigen, schön eingehegten und gepflegten Garten erhalten. Aber das rettet noch nicht die Welt und löst nicht die Entsorgungsprobleme, die real da sind; viele Länder wollen die Atomwirtschaft ausbauen, was für die Entsorgung große Konsequenzen hätte. Es gibt feste Widerstände, die freies Denken und Beraten verhindern. Gleichzeitig sind die nuklearpolitischen Herausforderungen groß. Wie Saporischschja und der russische Angriffskrieg zeigen, sind luftgekühlte und in diesem Sinn windige Betonhallen bei der Entsorgung keine Lösung! Jedes ordentlich betriebene Tiefenlager ist besser als der aktuelle Zustand.

Welche Themen und Anforderungen siehst du denn in der künftigen Entwicklung?

Zentral ist, wie sich hohe Prozessqualität und Akzeptabilität des Vorgehens durch Beratung organisieren lassen. Da gibt es mindestens drei unterschiedliche Grundpositionen. Die eine will schnell und effektiv das Managementproblem lösen: Der Abfall soll entsorgt sein, basta. Sicher, aber auch schnell und zügig. Wie das gemacht wird, ist eine offene Frage. Eine andere Position ist, unsere Gesellschaften so prekär wahrzunehmen, dass professionelles Management des Atommülls sowieso nicht gelingen kann, also ein dystopisches Desaster ist. Und eine dritte Strömung fragt danach, wie es konstruktiv gelingen könnte, zum Beispiel mit Bürgerbeteiligung. Aber: Das Projekt kann auch scheitern, trotz Bürgerbeteiligung.

Wie bewertest du den aktuellen Stand des Standortauswahlverfahrens?

Die erste Hürde ist erfolgreich genommen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung hat ungefähr im Zeitplan einen Teilgebiete-Bericht vorgelegt, obwohl Skeptiker vorhergesagt hatten: Das schaffen die nie! Die Zivilgesellschaft wurde nicht unter den Teppich gekehrt, aber die doppelte Entgrenzung stresst die Institutionen. Zum einen wurden über 54 % des Territoriums der Bundesrepublik für potenziell geeignet deklariert. Das kann passieren, wenn man die Industrie nicht zwingt, Daten rauszurücken. Die zweite Entgrenzung ist am Zeitstrahl passiert. Im Gesetz stand, 2031 wird als Zeitpunkt für die Standort­entscheidung angestrebt. Wie wir heute wissen, war das schon in der Kommission nicht einfach, diese Formulierung zu wählen. Ich persönlich bin als fachpolitisch interessierter Technikfolgenabschätzer immer an Zeitplänen interessiert. Jedes Infrastrukturprojekt hat Zeitpläne. Die Planungszeiten dürfen natürlich nicht unrealistisch sein. Es erfüllt mich doch mit einem gewissen Entsetzen, dass man jetzt von 2046 oder 2068 spricht oder evtl. sogar noch länger. Sozial, entscheidungsdynamisch und innovationstechnologisch gesehen stellen solche Zeiträume eine extreme Herausforderung dar. Ein Projekt so lang zu begleiten, fachlich zu betreuen und Kompetenzen vorzuhalten, das ist nicht einfach – gerade auch in der Bürgerschaft. Was man da unseren Mitbürger*­innen zumutet, ist beachtlich. Das heißt: Wir gehen unbestimmt in die Zukunft. Ich finde das wenig verantwortungsbewusst angesichts der radiologischen Herausforderung und den langen Zeiträumen für die Zwischenlagerung.

Dass Sorgen in einer spätmodernen Gesellschaft laut und gut sichtbar artikuliert werden, sehe ich als eine Stärke demokratischer Gesellschaften an.

Was steht aus deiner Sicht an im deutschen Standortauswahlverfahren?

Ich werbe nach wie vor für Haltepunkte und zielführende Beratungen, zum Beispiel zur Frage, welche Beschleunigungspotenziale es gibt. Man hätte letztes Jahr entscheiden können, zwei Jahre lang zu beraten, Expert*­innenaufträge zu vergeben und eng mit dem Nationalen Begleitgremium zusammenzuarbeiten, um plausible Beschleunigungs- oder Verlängerungsoptionen zu prüfen. Dann hätte man entscheiden können, ob das Jahr 2031 realistisch ist, oder ob man auf 2040 oder 2046 verschieben muss. Stattdessen zieht sich alles hin, mit Jammerei auf der einen und ohne offensive Fachpolitik und klare Aussagen auf der anderen ­Seite.

Was hältst du von der Aussage, dass Nuklear-Themen in Deutschland so konflikthaft sind, weil die deutsche Gesellschaft in besonderem Maße von Bedenken bei Sicherheits- und Umweltfragen geprägt ist?

Das Standardargument, die Deutschen seien aus irrationalen Motiven heraus technik-skeptisch, überzeugt mich nicht. Autoren wie Ortwin Renn diskutierten kritisch die Reaktionen der Bürger*­innen im Umgang mit Risiken. Beim Einsatz einer Technologie wird das Risiko anhand von Todesfällen, Verletzungen und Schäden erhoben. Dies ermöglicht eine Quantifizierung von Risiken, aber was quantifiziert man genau? In den nuklearkritischen Diskursen geht es oft um Verfahrenselemente, wie Mitbestimmung und politische Beteiligung. Bürger*­innen reagieren nicht per se mit Angst, sondern haben Sorgen und unterschiedliche Wünsche nach Beteiligung. Nicht über unsere Köpfe hinweg handeln ist wichtig. Dass Sorgen in einer spätmodernen Gesellschaft laut und gut sichtbar artikuliert werden, sehe ich als eine Stärke demokratischer Gesellschaften an.