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            <journal-title>TATuP – Journal for Technology Assessment in Theory and Practice</journal-title>
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         <article-id>7295</article-id>
         <article-id pub-id-type="doi">10.14512/tatup.7295</article-id>
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            <article-title xml:lang="de">Book review: Welzer, Harald (2025): Das Haus der Gefühle. Warum Zukunft Herkunft braucht</article-title>
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                  <institution>Karlsruher Institut für Technologie</institution>
                  <institution content-type="dept">Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse</institution>
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                     <city>Karlsruhe</city>
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            <year>2026</year>
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            <copyright-year>2026</copyright-year>
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               <license-p>This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY).</license-p>
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      <p>Die Aufmerksamkeit für Gefühle ist vor allem deshalb so gewachsen, weil sie in zu vielen Zusammenhängen verdrängt wurde. Die Wissenschaft oder der Staat betonen stets die Rationalität ihres Handelns. Das steht in deutlichem Kontrast zur Bedeutung von Gefühlen für das menschliche Handeln. Und das wird immer weniger der Art und Weise gerecht, wie sich die Kommunikation und Meinungsbildung in einer neuen Welt emotionalisierter, digitaler Öffentlichkeiten entwickelt. Der Sozialpsychologe Harald Welzer greift die Bemühungen um eine ‚sozialökologische Transformation‘ auf – und an: als Ausgangspunkt für seine weitergehende Analyse. Seine Diagnose lautet: In der Transformationsszene „argumentiert man seit Jahr und Tag mit Diagrammen und Zahlen, ohne ein einziges Mal den Gedanken zu fassen, dass Menschen nicht Diagramme und Zahlen im Sinn haben, wenn sie ihr Leben zu gestalten versuchen“ (S. 12).</p>
      <p>Es geht also um die existenzielle Frage, wie all diejenigen, die die Dinge für Mensch und Umwelt grundlegend zum Besseren wenden wollen, Resonanz und Wirkung erzielen können. Gegenwärtig scheinen Gesellschaft und Zeitgeist anders zu ticken und die Transformationstechnokratie läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Habecks ‚Heizungshammer‘ wirkte, bilanziert Welzer dystopisch, wie „das Startsignal für die jetzt zu erlebende Rückabwicklung fast aller in Jahrzehnten mühevoll erkämpften öko- und klimapolitischen Fortschritte“ (S. 39).</p>
      <sec id="Sec1">
         <label>1</label>
         <title>Wohlbefinden als Voraussetzung für Wandel</title>
         <p>In einer Welt, die sich für viele als brüchig, angsterfüllt, nicht-linear und nicht nachvollziehbar darstellt (BANI-Welt), wirken Pläne für absichtsvoll herbeigeführte, große Veränderungen angesichts der vielen Krisen erst recht verunsichernd. Ständig neue Produkte und Updates nehmen den ‚veränderungsabgeneigten‘ Menschen ohnehin schon Tag für Tag in Beschlag. Demgegenüber geht es Welzer um Resonanz und Vertrauen – um die „Architektur der Gefühle“ – um Menschen zu ermöglichen, sich gut aufgehoben und beheimatet zu fühlen (S. 12).</p>
         <p>Alle, die eine bessere Welt anstreben, entwerten in seiner Sicht die Gegenwart. Zwar gibt es gute Gründe, Innovationen herbeizusehnen, Visionen und Ziele anzustreben, die nachhaltiger und menschenfreundlicher sein sollen. Das geschieht allerdings zu dem Preis, dass das, was aktuell erlebt wird, nie gut sein kann, was Welzer als „hochgradig destruktiv“ beschreibt (S. 23). Der Blick auf die Defizite verstelle den Blick für Stärken und Resilienz, die es sehr wohl gibt.</p>
         <p>Der Autor favorisiert stattdessen ein „Haus der Gefühle mit stabiler Statik“ bei gleichzeitiger innerer Dynamik (S. 203). Es soll ein psychologisch und sozial sicherer Ort sein, „von dem aus man Neues entdecken, erschließen und willkommen heißen kann“ (S. 40). Immer wieder kommt er auf diese Metapher zurück: Freundschaft (S. 151) und persönliche Geschichten (S. 176) sieht er als wesentliche ‚Räume‘ in dem Haus. „Verlässliche soziale Beziehungen und Rahmenbedingungen sind der Boden, die Wände und das Dach des Hauses der Gefühle, von hier aus kann man zu abweichendem Verhalten gelangen“ (S. 269), das ein Verlassen ausgetretener Pfade erlaubt. Das Haus der Gefühle soll ohne Angst bewohnt werden können (S. 278). Daraus leitet Welzer den Auftrag ab, „gute Orte [zu] schaffen, an denen es warm ist und Resonanz erfahren werden kann, […] das Gute hier und jetzt sichtbar und fühlbar ist“ (S. 253).</p>
         <p content-type="eyecatcher" specific-use="Style2">Alle, die eine bessere Welt anstreben, entwerten die Gegenwart.</p>
         <p>Auf dem Weg zum Haus durchschreitet er die Topografie der Gefühle mit zahlreichen Erkenntnissen, ihren Möglichkeiten und Hindernissen, Herausforderungen und Bedingungen, Schlaglöchern und Hinterhalten.</p>
      </sec>
      <sec id="Sec2">
         <label>2</label>
         <title>Gefühle für eine stabile Demokratie</title>
         <p>Wie lassen sich eigentlich große Transformationen erreichen, wenn man mit Ingolfur Blühdorn davon ausgeht, dass die <italic>eine </italic>große Transformation in diesen Jahren der Übergang von der Spätmoderne in eine neue Zeit ist, wo „Bürgerinnen und Bürger sich nach entlastender Einfachheit, Orientierung, Führung und Autorität sehnen“ (Blühdorn <xref ref-type="bibr" rid="CR1">2024</xref>, S. 164)? Was tun, wenn das ökologische Modernisierungsprojekt an Strahlkraft verloren hat und Individuen sich nicht weiter emanzipieren wollen, sondern anfällig und empfänglich werden für systemgefährdende Bindungsangebote aller Art? Was tun, wenn die größte Innovation unter den politisch-gesellschaftlich Verhältnissen der Bundesrepublik aus einer Nische heraus eine Partei am rechten Rand ist, die 2026 darauf hoffen kann, in zwei ostdeutschen Bundesländern die Regierungsverantwortung zu übernehmen? Was tun, wenn nicht wenige unter großer Transformation vor allem einen Austausch der Bevölkerung oder Umerziehung verstehen? Von einer solchen Zustandsbeschreibung ist auch Welzer getrieben, wenn er sich (und uns) beiläufig fragt, ob es schon zu spät sein könnte (S. 253).</p>
         <p>In dieser veränderten, entsicherten Lebenswelt trifft man auf mehr und mehr Menschen mit Ressentiments. Nach Cynthia Fleury (<xref ref-type="bibr" rid="CR2">2025</xref>) sind das Menschen mit dem Gefühl, ein Recht z. B. auf Achtung zu haben, ohne selbst andere in gleicher Weise zu achten. Mangelnde Anerkennung erzeugt Ressentiments (Fleury <xref ref-type="bibr" rid="CR2">2025</xref>, S. 135). Das Ressentiment versperrt den Weg zu Verhandlungen, Austausch und Schlichtung (Fleury <xref ref-type="bibr" rid="CR2">2025</xref>, S. 83 f.). Das Ressentiment bedroht die Demokratie, weil „die Interessen einer neuen Gruppe [gefördert werden sollen], die sich beraubt fühlt“ (Fleury <xref ref-type="bibr" rid="CR2">2025</xref>, S. 278). Wie Welzer sieht Fleury in „dritten Orten“ die Chance „auf eine neue Art, das Allgemeininteresse zu produzieren“ (Fleury <xref ref-type="bibr" rid="CR2">2025</xref>, S. 256), indem Menschen die Gelegenheit geboten wird, einander zu begegnen, sich zu achten und Heimat zu finden. Auch Reallabore oder die Verfassungsviertelstunde im bayerischen Schulunterricht wird man zu diesen Orten zählen dürfen.</p>
         <p>Johannes Hillje (gleicher Themenkreis wie Blühdorn und Fleury, wenngleich anderer Fokus) hebt den Kontrast hervor zwischen dem in der Bundesrepublik traditionell von der politischen Klasse gepflegten „Pathos der Nüchternheit“ und der Strategie von Parteien, die sich auf die „Skalierung, Transformierung und Regulierung von Emotionen [spezialisieren]“ (Hillje <xref ref-type="bibr" rid="CR3">2025</xref>, S. 8). Bestehende Störgefühle werden demnach zu Ängsten verstärkt und passive Ängste in aktive Wut umgewandelt, wobei „das Bedürfnis nach einem positiven Gefühlsausgleich mit attraktiven Hoffnungs- und Identifikationsangeboten“ erfüllt werde (Hillje <xref ref-type="bibr" rid="CR3">2025</xref>, S. 8). Noch glaubt man, allein durch gutes Regieren die Bevölkerung ausreichend zu binden (Hillje <xref ref-type="bibr" rid="CR3">2025</xref>, S. 57), wo sich doch Bindungen – wie auch Welzer betont – am besten über Gefühle einstellen. Viele Menschen erwarteten, „dass politische Kommunikation auch ihre Emotionen“ anspreche (Hillje <xref ref-type="bibr" rid="CR3">2025</xref>, S. 213). Man solle daher „die politischen Emotionen nicht länger dem Populismus […] überlassen“. Die Schnittmenge mit Welzer besteht insbesondere darin, dass beide den Alltag als maßgeblich für Lebensgewohnheiten, Identität und Selbstwirksamkeit betonen. Hier ins Gespräch zu kommen oder auch zu streiten, an guten Orten, gilt als eines der Elemente zur Stabilisierung der Demokratie. Bisher hat in Ostdeutschland die alternative, rechte Partei mit Bürgergesprächen und Grillfesten in der Fläche die Nase vorn.</p>
         <p>Aufs Ganze gesehen wird ja nicht in Abrede gestellt, dass es wohl noch mehr braucht, wie und damit die Gesellschaft zu sich finden kann. Das kann Verteilungsfragen ebenso betreffen wie Möglichkeiten wirksamer Beteiligung, die stärkere Regulierung des Internets wie die Nahbarkeit und Verständlichkeit vermeintlicher Eliten. Aus der Mode gekommen sind Parteien, Verbände und Vereine, obwohl gerade hier die Begegnung, das Wahrgenommenwerden und der Streit über die bessere Lösung praktisch erprobt, gelernt und gelebt werden konnte. Fraglich ist, ob unter den heutigen Bedingungen der Digitalisierung ein Weg wieder dorthin führt. Prägungen und Routinen aus dem Internet formen immer stärker auch Wahrnehmung von und das Verhalten in der analogen Welt und schränken allzu oft Menschen, das gute Leben und das Gemeinwohl unvorteilhaft ein.</p>
      </sec>
      <sec id="Sec3">
         <label>3</label>
         <title>Lebhaftigkeit und Selbsterfahrung</title>
         <p>Welzers Buch ist Untersuchung und Essay, Wiederbegegnung mit Menschen und eigenen Forschungsaktivitäten, ist Schadensbilanz und Verheißung. Der lebhafte, bisweilen schnoddrige, aber eben auch anschauliche Ton ist ein bewusster Gegenentwurf zur leblosen Sprache der Sozialwissenschaften und einer technokratischen Elite. Welzer verfügt über das seltene Geschick, praktisch alles, was ihm begegnet und was er tut, auf bedeutungsvolle Weise, aber eben auch produktiv, in seine Darstellung und Auseinandersetzung mit der Gegenwart einzuflechten. Kenntlich wird der Mensch. Das lädt zur Identifikation ein. Perfektion ist langweilig und unmenschlich! Offen weist er auch darauf hin (S. 90), dass der Inhalt des Buches von vielen und durch vieles geprägt wird (unterschiedlichste Wissensbestände, Gedanken, Theorien, Zitate, Träume, Gespräche, Inspirationen). Der Autor macht sich zum Gefäß und gibt dem Ganzen eine Form und gibt auch anderen Raum.</p>
         <p>Wenn es gelingt, dem griesgrämigen Hass etwas entgegenzusetzen, dann ist wieder Platz für positive Ideen und persönliche wie gesellschaftliche Entwicklungen, die nach vorne gerichtet sind. Dass Spaß und Lachen wichtig sind, wenn Großes gelingen soll, ist vielleicht auch Ertrag einer persönlichen Lernkurve des Autors.</p>
      </sec>
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         <title>Literatur</title>
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                  <source content-type="BookTitle">Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne</source>
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                  <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>
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               <mixed-citation>Blühdorn, Ingolfur (2024): Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin: Suhrkamp.</mixed-citation>
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               <mixed-citation>Fleury, Cynthia (2025): Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung. Berlin: Suhrkamp.</mixed-citation>
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