Editorial

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Die „Herausforderung der losen Fäden“ ist das Thema dieses Editorials. Wer heute über Energiepolitik und den Einsatz fortgeschrittener Energietechnologien und der mit ihnen verknüpften Infrastruktur sowie der über sie getragenen Energiesysteme nachdenkt, müsste mit der Metapher vom nicht ganz sorgfältig gewobenen Textilgewebe und seinen losen Fäden viel anfangen können. Zahlreiche Fragen zur Optimierung vorhandener Techniken für die Energieerzeugung sind schon länger gestellt. Insbesondere Fragen zur konzeptionellen Einbindung und Ausrichtung dieser Energietechnologien, Fragen nach der häufig von diesen geforderten Flexibilität und auch der kalkulierbaren Nutzung durch Energiekonsumenten in Wirtschaft und Haushalten gleichen den losen Fäden eines Gewebes – losen Fäden, die kaum noch jemandem auffallen, da das Gewebe schon seit langer Zeit so aussieht und alle sich daran gewöhnt haben.

Natürlich kümmern wir uns um das Gewebe der Energienetze. Das versprechen alle schon lange: die Forschung ebenso wie Industrie, Politik und Verbraucher. Aber gilt dieses Versprechen? Wird es auch gehalten? Klaus Töpfer, der frühere deutsche Umweltminister und Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, hat vor wenigen Wochen in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass schon das eine oder andere „Ehrenwort“ gegeben wurde, sich in jedem Fall aufs Beste um Nachhaltigkeit (und damit auch um Energie) zu kümmern. Ob diese Ehrenworte eingelöst wurden, daran sind doch gelinde Zweifel angesagt. Nur weil es viele freundliche Positionierungen zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele in den Medien, im gesellschaftlichen Small Talk und den Hochglanzbroschüren der Wirtschaft gibt, können diese nicht als „empirischer Geltungsgrund“ für bereits Geleistetes (z. B. auf dem Feld der nachhaltigen Energieversorgung) betrachtet werden. Ist die Stromgewinnung aus Kohle nachhaltig, weil mein Land CO2 verpressen kann? Oder hat die Herstellung von Nuklearstrom Klimavorteile ohne sozial- und umweltrelevante Nebenfolgen?

Teile der öffentlichen und leider auch der wissenschaftlichen Debatte sorgen bei der Beantwortung dieser Fragen für mehr Verwirrung als für Aufklärung in der Sache. Die Strategien der amerikanischen Kohleindustrie und ihrer Lobby sind dafür ein legendäres Beispiel und im eigenen Land wäre auch das eine oder andere zu finden. Ein produktiver Stopp zur gezielten Aufnahme der losen Fäden der Diskussion, die in jedem Fall auch systematisch und problemorientiert erfolgen muss, wäre Erfolg versprechend.

Die dabei zu beachtende Entwicklung fortgeschrittener Technologien und ihrer Potenziale ist dabei sicher die eine Seite. Aber zahlreiche Notwendigkeiten bestünden auf der anderen Seite, z. B. bei der Optimierung und effizienten Vernetzung von „Energiesystemen“, die entweder bereits vorhanden sind oder sich in der Entwicklung befinden. Die Energiesystemanalyse kann gerade wegen ihrer systematischen Vorgehensweise und ihrer Orientierung an Indikatoren bei der Entwicklung von Konzepten sowie bei Instrumenten, Pfaden und Knoten wichtige Beiträge leisten, um Energiesysteme nachhaltig auszurichten. Wenn es darum geht, die „Haftung“ für den Einsatz von Energietechniken von der „Risikoübernahme“ durch spätere Generationen nicht zu entkoppeln und damit die Kurzfristigkeit vieler Maßnahmen zu einem Übergangsphänomen zu machen, können ihre Ergebnisse hilfreich sein. Die Energiesystemanalyse kann wissensbasiert Wege und Maßnahmen stützen, die die häufig zu beobachtenden Ehrenwörter auf eine andere (bessere?) Grundlage stellen. Die dabei zu formulierenden problemorientierten Maßnahmen und aktuell notwendigen Festlegungen auf nächste Schritte und Zwischenziele werden sicher nicht „politikfrei“ diskutiert werden können. Aber jeder Aspekt kollektiv verbindlicher Entscheidung wird systematisch entwickelte Argumente und harte Faktoren benötigen. Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse können wenigstens punktuell einschlägiges Wissen einbringen und damit ein argumentatives Niveau befördern, unterhalb dessen aktuelle Entscheidungen nicht getroffen werden sollten. Die Zeit der Ehrenwörter müsste bei diesem Thema vorbei sein und ein Teil der losen Enden der bekannten Fäden des Gewebes könnte besser verknüpft werden.

(Peter Hocke-Bergler)