Editorial

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Der Turmbau zu Babel gilt noch heute als die paradigmatische Geschichte der Selbstüberschätzung des Menschen. Ob nun die von Gott verordnete Sprachverwirrung die Ursache des Scheiterns war, wie es im biblischen Original heißt, oder die Entfremdung durch Lohnarbeit, wie Fritz Lang in dem Film „Metropolis“ die Babel-Geschichte gedeutet hat: Scheitern bleibt Scheitern. In beiden Deutungen jedenfalls lag das Scheitern des Turmbaus von Babel nicht in der Technik (etwa in Stabilitäts- oder Materialproblemen), sondern im sozialen Kontext begründet. Andere Beispiele dagegen zeigen, dass auch Technik selbst menschlichen Träumen der Machbarkeit und des garantierten Erfolgs einen Streich spielen kann. Technikfolgenabschätzung kann ein Lied davon singen, wie nicht intendierte Folgen von Technik immer wieder die beabsichtigten positiven Effekte konterkarieren.

Befürchtungen des Scheiterns gehören heute zur gesellschaftlichen Debatte hochfliegender technischer und wissenschaftlicher Pläne; häufig treten sie bereits in ihrem Vorfeld oder in frühen Phasen auf. Bei besonders weitreichenden Ambitionen und gerade angesichts „grandioser“ Vorhaben wird immer wieder vor menschlicher Hybris und Selbstüberschätzung gewarnt. In schöner Gleichzeitigkeit werden einerseits futuristische, teils utopisch anmutende Visionen über zukünftige technische Möglichkeiten erzählt, andererseits aber auch Warnungen kommuniziert, die sehr grundsätzlich mit „Playing-God“-Vorwürfen operieren. Unterschwellig oder offen wird dabei gar nicht so selten an den Turmbau im alttestamentarischen Babel erinnert.

Gerade hat Craig Venter behauptet, das erste künstliche Lebewesen geschaffen zu haben, jedenfalls das erste Lebewesen mit künstlichem Erbgut. Die Synthetische Biologie, zu deren Vätern Venter gehört, ist eines der aktuellen Felder, in denen von „homo creator“ gesprochen und dabei befürchtet wird, dass Menschen „Gott spielen“.

Auch das Thema des Schwerpunkts dieses Heftes steht bei Kritikern im Verdacht der Hybris. Allein das Wort „Climate Engineering“ dürfte manchem schwer über die Lippen kommen. Die Idee, die Erdatmosphäre technisch zu kühlen wie ein Büro in einem heißen Sommer und dabei lediglich andere Mittel zielorientiert anzuwenden, führt zu kontroversen Reaktionen. Sie reichen von Empörung, besonders bei Umweltengagierten, die vor unkontrollierbaren Entwicklungen warnen, bis hin zu Gefühlen der Erleichterung, dass es auf diese Weise gelingen könnte, einen dramatischen Klimawandel doch noch zu verhindern. Angesichts der wahrhaft globalen Dimension eines Climate Engineering ist diese Mischung aus Schauder und Faszination psychologisch sicher verständlich.

Hybris-Befürchtungen und Warnungen, dass der Mensch nicht „Gott spielen“ dürfe, sind jedoch für sich keine Argumente. Wo sollten belastbare Kriterien auch herkommen, mit denen geprüft werden kann, was Hybris ist und was nicht? Hybris-Warnungen drücken Intuitionen, Befindlichkeiten und Sorgen aus. Diese sind als solche ernst zu nehmen und sorgfältig zu prüfen, sie ersetzen jedoch nicht belastbare Argumente. Hinter manchen Befindlichkeiten mögen reale Probleme stehen, hinter anderen jedoch vielleicht nicht. Diese Unterschiede gilt es herauszufinden – und dazu will dieses Heft für den Bereich des Climate Engineering einen Einstieg erlauben.

(Armin Grunwald)