Tatort Klimawandel. Täter, Opfer und Profiteure einer globalen Revolution

Rezensionen

Tatort Klimawandel

Dem Scheitern von Kopenhagen auf der Spur
B. Pötter: Tatort Klimawandel.Täter, Opfer und Profiteure einer globalen Revolution. München: oekom verlag, 2008, 263 S., ISBN 978-3865811219, € 19,90

Rezension von Gerhard Sardemann, ITAS

Der Autor hat für das vorliegende Buch nach eigenen Angaben zwei Jahre lang recherchiert und dabei hunderte von Interviews in aller Welt geführt. Beim ersten Durchblättern kommt einem das Buch daher auch vor wie ein Reiseführer auf der Basis der Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), die sich aufgrund ihres Volumens und vor allem Gewichts (vgl. TA-Datenbank-Nachrichten 10/3 (2001), S. 93) nicht für einen solchen Zweck eignen, aber viel Stoff dafür liefern, sich vor Ort in der Welt über das Klimaproblem zu unterhalten. Gliederung und aufgesuchte Personen und Organisationen verraten einiges an Kenntnis, sicherlich auch im Zuge der Recherchen und Gespräche gewonnen, über die wichtigsten Akteure und inhaltlichen Knackpunkte im Zusammenhang mit dem anthropogenen Klimawandel.

Das Buch ist flüssig in einem journalistischen Stil geschrieben und lässt sich aufgrund der Unterteilung in 27 abgeschlossene voneinander unabhängige Kapitel auch häppchenweise lesen, wobei man sich in der Abfolge von seinen eigenen Interessen leiten lassen kann. Leider stören Formulierungen wie die zum stellvertretenden Vorsitzenden der norwegischen Umweltstiftung Bellona, der auf einer Holzbank in der Sonne interviewt wird: „Holm sitzt nicht nur auf seiner Bank, sondern auch in einer strategischen Klemme.“ (S. 212) Manche werden dies jedoch als flotte Schreibe durchgehen lassen.

Die einzelnen Kapitel sind Tätern, Opfern und Profiteuren im Zusammenhang mit der Strafsache Klimawandel gewidmet. Am Ende eines jeden Kapitels ist in einem Kasten entweder ein „Klima-Steckbrief“ angehängt oder es werden sachdienliche Aussagen eines „Klimazeugen“ oder Gutachters zitiert. Bei Letzteren handelt es sich um kurze Zeugenaussagen zum „Tathergang“, wobei im Buch alle Parteien zu Wort kommen: Vom Umweltschützer über den Experten bis hin zum Klimaskeptiker. In der Regel werden diese Klimazeugen aber auch in den dazugehörigen Kapiteln angehört. Interessanter sind daher sicher für viele die Klima-Steckbriefe, die für einzelne Staaten aber auch Sektoren wie die Kohleindustrie, Flugzeugbranche oder Grüne Gentechnik, einen übersichtlichen Satz von Fakten enthalten, die eine gewisse Einordnung möglich machen. Geht es um Staaten, werden ihnen außer Bevölkerungszahl und Pro-Kopf-Einkommen auch klimarelevante Indices wie der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß oder der RCI-Faktor als Maß für die Verantwortung für den Klimaschutz zugeordnet. In den vom Stockholm Environment Institute im Auftrag der Heinrich Böll Stiftung erarbeiteten „responsibility and capacity indicator“ (RCI) fließen die bisherigen kumulierten Treibhausgas-Emissionen ein sowie die Möglichkeiten, zur Lösung des Klimaproblems beizutragen. Leider fehlen in den Steckbriefen die Jahresangaben, so dass viele Zahlen nur größenordnungsmäßig nachvollzogen werden können.

Der Täter als analytische Kategorie

Das Buch beginnt nach einem einleitenden Kapitel mit den „Tätern“, wobei der Autor diesen Begriff, wie den vom „Opfer“, nicht in erster Linie als moralische Kategorie verstanden wissen will, sondern als analytische. Ein Blick auf die Karte zu diesem Buchabschnitt zeigt, wo man die Täter finden kann: In Houston, dem Sitz von Exxon-Mobile, am Amazonas in Brasilien, wo der tropische Regenwald abgeholzt wird, in Los Angeles als Stadt mit der höchsten Autodichte oder in Europa, wo die Luftfahrtindustrie „gehätschelt“ wird. Man trifft auf ganz unterschiedliche Täterprofile, hier das rücksichtslos nach globaler Macht und Profit gierende Unternehmen, dort den Staat mit seinen Subventionen für ausgewiesene Klimasünder. Dazu gesellt sich der Konsument, der nun mal gerne fliegt oder auf sein Auto nicht verzichten kann. Die Lage am Amazonas ist etwas komplexer, deshalb taucht der Bauer im Regenwald außer bei den Tätern auch bei den Opfern auf.

Bei Letzteren handelt es sich um Menschen, Klimaflüchtlinge zum Beispiel, aber auch um Pflanzen und Tiere, die mit der Geschwindigkeit des Klimawandels nicht zurechtkommen. Es geht um die Versauerung der Meere und die Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Alpen und auf Regenwälder. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels werden anhand der zunehmenden Ausbreitung der Zecken illustriert – um hierzu die Betroffenen und Experten zu interviewen, musste der Autor gar nicht so weit reisen. In einem relativ ausführlichen Kapitel wird der Klimawandel als ein Problem der internationalen Sicherheitspolitik dargestellt. Hierzu befragte der Autor auf der einen Seite Viehhirten in Kenia, die in einen gewalttätigen Konflikt um die Wasserstellen verwickelt sind, und verweist auf der anderen Seite auf die Unzulänglichkeit von Lösungen zum „Klimaschutz“, wie sie beispielsweise in den USA von hochrangigen Militärs angedacht wurden.

Der vorletzte Abschnitt des Buches ist den Profiteuren gewidmet, wobei dieser Begriff nicht immer negativ gemeint sein soll. Die Karte zu Beginn des Abschnitts zeigt, dass der Autor sich v. a. in den europäischen Nachbarländern umgehört hat. Zu den gewissermaßen harmlosen Profiteuren gehören Unternehmen, die die in Holland immer beliebteren schwimmenden Häuser liefern. Es gibt aber auch die Nuklearindustrie, die sich als Klimaretter präsentiert. Die skandinavischen Länder profitieren in vielfacher Hinsicht von einer Erwärmung, was am Beispiel Schwedens und seiner Waldwirtschaft dargestellt wird. Dass der drohende Klimawandel zu einem warmen Geldregen für die einschlägige Wissenschaft geführt habe, vernimmt der Rezensent mit einem weinenden und einem lachendem Auge.

Ein Ende mit sachdienlichen Hinweisen

Die letzten Kapitel des Buches sind als eine Art Zugabe zu werten. In ihnen geht es um „Heiße Spuren und falsche Fährten“. Behandelt werden Themen wie „Carbon Capture and Storage“ (CCS), Emissionshandel oder Schadenersatzforderungen für die Folgen des Klimawandels. Beklagt wird ein zunehmender „Ablasshandel“, was die CO2-Emissionen vor Ort angeht, beispielsweise durch die Anerkennung von Emissionsreduktionen aus dem Clean Development Mechanism (CDM) in den Entwicklungsländern. Wäre das Buch nicht schon 2008 erschienen, könnte man sich ein zusätzliches Kapitel mit dem Titel „Geoengineering“ durchaus vorstellen.

Das Buch endet mit einigen sachdienlichen Hinweisen, Literatur und Weblinks zum Thema Klimawandel. Trotz seines Erscheinens vor knapp zwei Jahren, funktionieren diese Links noch. Die Auswahl ist allerdings sehr begrenzt und spiegelt die Interessen des Autors wider. Beim Aufruf des Links zu den Klimarettern (http://www.wir-klimaretter.de/) konnte sich der Rezensent eines Schmunzelns nicht erwehren: Unter der Rubrik „Am meisten gelesen“, befand sich an erster Stelle ein Text mit dem Titel „Sex, Katastrophen und Klimawandel“, der wiederum problematisiert, wie man beim Thema Klimawandel am besten die Aufmerksamkeit der medialen Öffentlichkeit erregt. Was die aufgelistete Literatur angeht, gibt es inzwischen neuere Literatur, auch von Autoren, die in dem Buch genannt werden: so etwa vom WBGU, dem wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltveränderungen, der einen Bericht über die Klimapolitik nach der missglückten Klimakonferenz in Kopenhagen herausgegeben hat. Es gibt auch einen neuen Al Gore und aktuell das Buch von Silke Beck mit dem Titel „Das Klimaexperiment und der IPCC“, das hervorragend zum Kapitel über Wissenschaftler als Profiteure des Klimawandels passt.

Die Literaturlage hat sich aber seit dem Erscheinen des Buches nicht wesentlich geändert, was daran liegen mag, dass man den Schock nach Kopenhagen noch nicht ganz verdaut hat. Damit erweist sich das vorliegende Buch als durchaus noch aktuell, insbesondere weil es Themen an ganz konkreten Beispielen anspricht, die auch zum Scheitern der mit so großen Erwartungen bedachten Klimakonferenz geführt haben.