Noch große Defizite im Management von Abfällen

Tagungsberichte

Noch große Defizite im Management von Abfällen

Tagungsbericht vom „II. Simposio Iberoamericano de Ingeniera de Residuos“

Barranquilla, Kolumbien, 24.–25. September 2009

von Klaus-Rainer Bräutigam, ITAS

Das „Nachhaltige Management von Abfällen” war das Thema des Zweiten Iberoamerikanischen Symposiums zum Management von Abfällen, das am 24. und 25. September an der Universidad del Norte in Barranquilla (Kolumbien) stattfand. Die 250 Teilnehmer, die das hervorragend organisierte Symposium besuchten, stammten überwiegend aus Lateinamerika und Spanien. Dieser Tagungsbericht konzentriert sich auf einige Aspekte des Abfallmanagements, die den spezifischen Fall Lateinamerika charakterisieren.

Das Symposium wurde vom „Red de Ingenieria de Saneamiento Ambiental – REDISA“ (Netzwerk zur Erforschung der Verbesserung der Umweltqualität) gemeinsam mit der Universidad del Norte ausgerichtet. REDISA wurde 2003 gegründet und zunächst finanziert von der „Agencia Internacional de Cooperación Internacional (AECI)”; seit 2008 kommt die Finanzierung aus dem „Programa Iberoamericano de Ciencia y Tecnología para el Desarrollo (CYTED)”. Aufgabe von REDISA ist es, eine Plattform zu schaffen, innerhalb der die Universitäten, die an dem Netzwerk beteiligt sind, Erfahrungen auf dem Gebiet der Erforschung der Umweltqualität und insbesondere dem nachhaltigen Management von Abfällen austauschen sowie ihre Lehre und Forschung auf diesem Gebiet verbessern können. Ursprünglich bestand das Netzwerk aus drei spanischen Universitäten (Universitat Jaume I, Universidad Politécnica de Madrid und der Universidad de Cantabria) und drei lateinamerikanischen Universitäten (Universidad del Norte, Colombia, Pontificia Universidad Católica de Valparaíso, Chile, und der Universidad Nacional de Cuyo, Argentina). 2008 kamen die Universidad Federal de Paraíba (Brasil), die Universidad Autónoma de Baja California, die Universidad Michoacana de San Nicolás de Hidalgo (México) und die Universidad de los Andes (Venezuela) hinzu.

Die Vorträge fanden in drei parallelen Sessions statt. Das Interesse des Autors dieses Berichts an der Konferenz, auf der er selbst auch einen Vortrag hielt, bestand darin, dass er im Rahmen des Projekts „Risk Habitat Megacity“ für die Bearbeitung des Themenfeldes „Abfallmanagement in Santiago de Chile“ verantwortlich ist und dabei auch mit der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso in Chile zusammenarbeitet. Die Konferenz bot eine hervorragende Möglichkeit, Informationen zum aktuellen Stand der Forschung im Bereich Abfallmanagement in Lateinamerika zu sammeln und sie mit dem europäischen Forschungsstand zu vergleichen. Die Vorträge auf der Konferenz konnten folgenden Themenfeldern zugeordnet werden:

  1. „Abfallcharakterisierung“ (Abfälle aus Haushalt bzw. Industrie, Elektronikabfälle, gefährliche Abfälle, Zusammensetzung der Abfälle in ländlichen und städtischen Regionen etc.),
  2. „Umweltpolitik und Umweltmanagement“,
  3. „Behandlung, Verwertung und Entsorgung von Abfällen“ (Trennung und Recycling, Deponierung, Kompostierung und Vergärung, energetische Nutzung, Sickerwasserbehandlung auf Deponien etc.),
  4. „Entsorgung“ (Deponienachsorge, Methanbildung),
  5. „Umweltauswirkungen“ (im wesentlichen hervorgerufen durch den Betrieb von Deponien),
  6. „soziale Aspekte“ (Information und Fortbildung der Bevölkerung zu den Themen Abfalltrennung und Abfallsammlung, Rolle des informellen Sektors) sowie
  7. „Abfallbehandlungstechnologien“.

In dem Vortrag von Salazar Gamez Lorena Lucia (Universidad del Norte in Barranquilla) wurde ein Überblick über das Abfallmanagement in Lateinamerika und in Kolumbien gegeben. Der Anteil der organischen Fraktion in den Siedlungsabfällen ist in den Ländern Lateinamerikas höher als in hoch entwickelten Ländern. Je niedriger das Bruttoinlandsprodukt sei, desto höher sei der organische Anteil im Abfall und desto geringer der wieder verwertbare Anteil an Plastik, Papier und Metallen. In Lateinamerika fallen – so Lucia – täglich ca. 275.000 Tonnen Abfall an. Davon werden 75 Prozent eingesammelt und hiervon wiederum lediglich 30 Prozent auf geordneten Deponien abgelagert. Der Rest gelangt auf ungeordnete Deponien ohne Sickerwasserbehandlung und wird dort teilweise unkontrolliert verbrannt. Diese Deponien liegen z. T. auch in dicht besiedelten Gebieten.

In Kolumbien fallen täglich ca. 27.500 Tonnen an Siedlungsabfällen an (das entspricht ca. 0,65 kg pro Einwohner und Tag; der entsprechende Wert für Deutschland liegt bei ca. 1,6 kg pro Einwohner und Tag). Hiervon würden 97 Prozent eingesammelt. Die Anzahl der geordneten Deponien nahm in den letzten Jahren ständig zu und damit stieg auch der Anteil an Siedlungsabfällen, der ordnungsgemäß deponiert wurde. Allerdings gebe es immer noch eine Vielzahl von Kommunen, in denen ein großer Anteil des anfallenden Siedlungsabfalls nicht ordnungsgemäß abgelagert wird. Um diese Situation zu verbessern, gebe es jedoch eine Vielzahl von gesetzlichen Regelungen, die eine ungeordnete Deponierung verhindern sollen und die auch den Betrieb und die Nachsorge von Deponien regeln. In den folgenden Passagen werden Ergebnisse zusammengestellt, die den Kontext der Abfallentsorgung in den Ländern Lateinamerikas beschreiben und aus verschiedenen Vorträgen stammen.

In Lateinamerika wird der überwiegende Anteil des Siedlungsabfalls ohne jegliche Vorbehandlung deponiert. Die Recyclingquote ist relativ gering, man ist aber bestrebt, diese Quote zu erhöhen. Insbesondere in den großen Städten hat der informelle Sektor den größten Anteil an der Recyclingquote. Vereinzelt gibt es kleinere Projekte zur Abtrennung und anschließenden Kompostierung oder Vergärung der organischen Fraktion im Siedlungsabfall. Eine Verbrennung von Siedlungsabfällen in Müllverbrennungsanlagen findet nicht statt.

Bei der Zersetzung der organischen Fraktion der Siedlungsabfälle in Deponien entstehen Deponiegase (im wesentlichen Kohlendioxid und Methan), die zum Treibhauseffekt beitragen. Zur Reduzierung der Freisetzungsmenge können die Deponiegase in Rohrleitungen gefasst und anschließend verbrannt werden. Diese Technologie wird im Rahmen von Projekten im Rahmen der Clean-Development-Mechanism-Maßnahmen finanziell gefördert und wurde daher in den letzten Jahren bereits auf einigen Deponien, so z. B. in Santiago de Chile, realisiert. Eine energetische Nutzung der gesammelten Deponiegase bietet zwar weitere ökologische Vorteile, wird aber bisher nicht umgesetzt, da sie sich i. a. finanziell nicht rentiert. Die einzelnen Vorträge können unter http://www.uninorte.edu.co/residuosredisa/secciones.asp?ID=187 eingesehen werden.