Editorial

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Technikfolgenabschätzung (TA) in Deutschland ist nicht an den Universitäten entstanden, sondern an außeruniversitären Forschungseinrichtungen, vor allem an Zentren der heutigen Helmholtz-Gemeinschaft wie in denen von Jülich und Karlsruhe (heute KIT: Karlsruher Institut für Technologie, gemeinsam mit der früheren Technischen Universität Karlsruhe). Dies ist gut erklärbar, stellen doch zum einen Forschung in gesellschaftlichem Auftrag, systemisches Denken und Politikberatung zentrale Aufgaben dieser Einrichtungen dar. Zum anderen sind klassischen, an Disziplinen orientierten und in Fakultäten strukturierten Universitäten disziplinübergreifende Forschungsfelder wie die TA strukturell eher fremd. Dies dürfte der wesentliche Grund dafür sein, dass TA-Aspekte in der universitären Lehre lange Zeit, abgesehen von Initiativen einzelner Hochschullehrer, kaum bis wenig thematisiert wurden.

Das ändert sich seit einigen Jahren. Auf beiden Seiten hat es teils gravierende strukturelle Bewegungen gegeben. Beispielsweise führt die programmorientierte Forschung der Helmholtz-Gemeinschaft ein Stück weit zu einer Akademisierung dieser außeruniversitären Forschung. Auf der anderen Seite ist es die Exzellenzinitiative des Bundes, die die Bereitschaft zu problemorientierter und interdisziplinärer Kooperation in den Universitäten erheblich ausgeweitet hat. Schließlich hat sich durch die weitgehend flächendeckende Einführung der BA- und MA-Studiengänge und ihrer hohen inhaltlichen Differenzierung das kanonische Fächerspektrum der Universitäten weitgehend aufgelöst und Raum geschaffen für neue Bildungskonzepte.

Vielleicht ist das der Hintergrund dafür, dass es seit wenigen Jahren ein wachsendes Interesse an TA und Bildung gibt. Einerseits lässt sich dies in Bezug auf die Integration von TA-Aspekten in natur- und technikwissenschaftliche Studiengänge erkennen, andererseits drückt es sich in einem größeren sozialwissenschaftlichen Interesse an TA aus. Schließlich gilt dieses Interesse auch für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses der TA selbst – für eine noch junge Community ein entscheidender Aspekt. Für uns waren diese Beobachtungen Anlass, den Schwerpunkt des vorliegenden Heftes dem Thema „TA und Bildung“ zu widmen.

Die sich dort zeigende Vielfalt spiegelt die Differenzierung der TA wider, sowohl in Deutschland als auch europaweit und international, wie dies auf einer Reihe von TA-Veranstaltungen im November zu erleben war (zu allen finden sich Berichte in diesem Heft). In Deutschland wurde das zweite ITAFORUM des BMBF abgehalten, in dem sich die Community trifft, die sich um das ITA-Programm (Innovations- und Technikanalyse) herum gebildet hat und die eine deutliche Überlappung mit der TA aufweist. Weiterhin fand das Jahrestreffen des Netzwerks TA statt, das fünf Jahre alt wurde und im Wesentlichen von Österreich, der Schweiz und von Deutschland getragen wird. Dieses Netzwerk hat, das kann heute wohl bereits gesagt werden, eine wesentliche Rolle bei der Überwindung der Krise der TA in Deutschland gespielt, die nach der Schließung der Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung des Landes Baden-Württemberg und der Einstellung der Finanzierung des nordrhein-westfälischen Arbeitskreises Technikfolgenabschätzung durch die Landesregierung im Jahre 2002 unübersehbar war. Die bislang durchgeführten drei NTA-Konferenzen des Netzwerks (zwei davon mit Unterstützung des BMBF), Arbeitsgruppen, Workshops und viele Formen des Austauschs über die Mailing-Liste des Netzwerks haben deutlich dazu beigetragen, dass sich die TA-Community in Deutschland erneuert hat.

Auf der europäischen Bühne wurde Schweden als neues Mitglied in das EPTA-Netzwerk aufgenommen, wodurch die parlamentarische TA eine weitere Stärkung erfahren hat. International schließlich spielte TA auf der jährlichen 4S-Konferenz (Society for the Social Study of Science) eine deutlich erkennbare Rolle. Auf diese Weise war innerhalb von nur zwei bis drei Wochen die gesamte Spannbreite der TA zu erfahren – in der zeitlichen Koinzidenz vielleicht zufällig, aber auch beeindruckend.