Tagung: Digitales Publizieren in den Geisteswissenschaften (Bad Neuenahr, 30. - 31. März 2007)

Tagungsberichte

Digitales Publizieren in den Geisteswissenschaften

Frühjahrstagung der Europäischen Akademie
Bad Neuenahr, 30. - 31. März 2007

Tagungsbericht von Georg Kamp, Europäische Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler

1     Thema und Hintergrund

Digitale Publikationen werden immer mehr zur Alternative wissenschaftlichen Publizierens in Büchern, Sammelbänden und Zeitschriften. Texte, die frei zugänglich („open access“) in Online-Zeitschriften, Diskussionsforen, auf Hochschulservern oder auf der persönlichen Homepage eines Forschers ins Internet gestellt werden, sind mit geringem Aufwand und geringen Kosten beinahe sofort für jedermann verfügbar. Sie lassen sich mithilfe der Volltextsuche durchsuchen, Hyperlinks können den Zugriff auf Querverweise und Quellen erschließen und sie sind weiterer datentechnischer Verarbeitung zugänglich. Verlage und Bibliotheken öffnen sich – in allerdings sehr unterschiedlichem Maße – den Veränderungen und bringen ihre Kompetenzen in den Prozess mit ein. Ihr Einfluss auf die Verfügbarkeit und Wahrnehmbarkeit wissenschaftlicher Texte nimmt jedoch ab.

Gerade auf Seiten der Vertreter der geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen scheint das Bewusstsein für die anstehenden Veränderungen ihrer Publikationskultur noch wenig ausgeprägt. Um so dringlicher aber wird die Frage nach den Chancen und Risiken, die sich gerade für die textbezogenen Wissenschaften ergeben, die sich interpretierend, analysierend und vergleichend mit Literatur und anderen textlichen Dokumenten befassen. Diese Frage war – auch aus Anlass des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerufenen Jahres der Geisteswissenschaften 2007 – das Thema der diesjährigen Frühjahrstagung der Europäischen Akademie.

2     Beiträge und Diskussion

In ihren Beiträgen und einer zum Teil leidenschaftlich geführten Diskussion gingen Geisteswissenschaftler, Verleger und Buchwissenschaftler, Bibliotheksleiter und Softwareentwickler der Frage nach, welchen Veränderungen die geisteswissenschaftliche Publikationskultur unterliegt, wie die Zukunft aussehen könnte und wie sie aussehen sollte. Digitales Publizieren bestimmt dabei noch keineswegs den universitären Alltag. Im Gegenteil: Gudrun Gersmann (Historisches Seminar der Universität zu Köln), ihrerseits Herausgeberin elektronischer Zeitschriften, stellte fest, dass es im Wesentlichen kleine Kreise sind, die die Angebote intensiv nutzen. Viele Wissenschaftler begegnen den Neuerungen gar mit Skepsis. So zählen in vielen Berufungsverfahren elektronische Publikationen weniger als solche in traditionellen Fachzeitschriften – und dies, obwohl es nach Meinung der Fachleute inzwischen zahlreiche e-Journals gibt, die hinsichtlich der Qualitätsstandards mit gedruckten Publikationsorganen ohne weiteres mithalten können. Sie forderte die Hochschullehrer dazu auf, sich selbst und baldmöglichst auch die Studenten „fit zu machen“ für einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Publikationsformen.

Unisono machten sowohl die Herausgeber solcher digitalen Medien als auch der renommierte Wissenschafts-Verleger Wulf-D. von Lucius deutlich, dass allerdings die optimistische Erwartung, es ließen sich mit der Digitalisierung des Zeitschriftenwesens Forschungsetats im großen Stile entlasten, überzogen ist: „Das Internet ist alles andere als ein Kostenwunder“ (v. Lucius). Gerade die Maßnahmen, die die Organisatoren und Herausgeber eines wissenschaftlichen Publikationsorgans zur Qualitätssicherung ergreifen müssen, machen einen großen Anteil der Kosten aus und sind, ob eine Zeitschrift durch einen Verlag auf herkömmliche Art vertrieben oder auf einem Hochschulserver bereitgestellt wird, in jedem Falle durch die Wissenschaft selbst zu gewährleisten. Und während das gebundene Zeitschriften-Heft, einmal ins Regal gestellt, auf Dauer problemlos bereitsteht, bedarf der digitalisierte Datensatz der beständigen Pflege und Anpassung an die neuen Standards der Hardware- und Software-Entwicklung. Schließlich sollen die Texte auf Dauer verfügbar, systematisch auffindbar und mit den jeweils aktuellen Computern auch lesbar sein. Welche Herausforderung die Archivierung digitaler Texte aber allein aus technischer Sicht darstellt, führte eindrucksvoll Wilhelm Ott von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen vor. Er führte die Vielzahl und Varianz der Datenträgerformate vor, mit denen in den letzten Jahrzehnten die Datensicherung betrieben wurde. Gerade moderne Datenträger wie die CD-ROM sind dabei von nur kurzer Haltbarkeit, so dass in großen Archiven die Bestände im Rhythmus von nur fünf Jahren umkopiert werden müssen.

Eine möglichst frühzeitige Reaktion auf solche Risiken und eine aktive, vorausschauende Gestaltung des Entwicklungsprozesses kann dabei helfen, die Chancen, die mit dem Wandel verbunden sind, nutzbar zu machen. Die Gestaltungsziele sollten sich dabei aber – dies strich der Leiter der Staats- und Universitätsbibliothek der Georg-August-Universität Göttingen, Norbert Lossau, heraus – streng an den Anforderungen der geisteswissenschaftlichen Arbeitsprozesse ausrichten. Durch die Bereitstellung digitalisierter Textarchive und bedarfsgerecht gestalteter informationsverarbeitender Instrumente sind so z. B. Bibliotheken zu modernen „Forschungsumgebungen“ auszubauen, die durch eine nutzerorientierte Infrastruktur wesentliche Unterstützungsleistungen für die geisteswissenschaftliche Arbeit erbringen. Zwei Teilnehmer von der Universität Hamburg, Stefan Gradmann von der dortigen Bibliothek und der Literaturwissenschaftler Jan C. Meister, unterstrichen den in einer solchen Infrastruktur möglichen Mehrwert des digital bereitstehenden Texts gegenüber der gedruckten Alternative, wenn z. B. intelligente Software – „heuristische Maschinen“ – den wissenschaftlichen Interpreten bei der Analyse der Texte unterstützen. Die Potenziale netzbasierten wissenschaftlichen Arbeitens zeigten Günter Mey und Katja Mruck von der Freien Universität Berlin am Beispiel des von ihnen betriebenen Portals „qualitative-research.net“ auf. Das Online-Portal für qualitative Sozialforschung bietet fachliche Informationen und ist zugleich eine Basis für vielfältige Formen fachlicher Kommunikation, von einer Mailingliste über ein „Pinboard“ bis hin zur internationalen Online-Zeitschrift.

Auch künftig aber werden Bücher – darüber waren sich alle Teilnehmer einig – dank ihrer als „unschlagbar“ eingeschätzten Qualitäten in den Regalen der Bibliotheken und auf den Schreibtischen der Wissenschaftler zu finden sein. Allerdings könnte das Papier für manche Fälle seiner Nutzungen durchaus vor seiner Ablösung stehen. Dies machte gerade der Buchwissenschaftler und Inhaber des Gutenberg-Lehrstuhls an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Stephan Füssel, deutlich: Er wies am Ende seines Vortrages auf die zukunftsträchtige Entwicklung des „elektronischen Papiers“ hin, das, obgleich sonst einem Bogen festeren Schreibpapiers vergleichbar, die Daten wissenschaftlicher Beiträge, aber auch etwa der Tageszeitung, kabellos empfangen, speichern und nach Bedarf hoch auflösend sichtbar machen kann.

3     Fazit

Für diejenigen Disziplinen, in denen wie in den Geisteswissenschaften die textliche Kommunikation im Wesentlichen die breitere Entfaltung eines Argumentationsgangs in Form einer Monographie erfordert, werden Bücher noch über einen längeren Zeitraum das bestimmende Medium bleiben, jedoch zunehmend ergänzt um die parallele Verfügbarkeit digitaler Versionen, die Vorteile wie die der Textindizierung und Volltextsuche nutzbar machen. Die Frage aber, welche Rolle die Verlage in der sich verändernden Landschaft künftig zukommen wird, muss einstweilen als offen gelten: Wird auch in Zukunft noch ihre Dienstleistung für die Organisatoren der wissenschaftlichen Kommunikation gefragt sein oder werden die wissenschaftlichen Einrichtungen diese Aufgabe selbst übernehmen? Wie können sie auch weiterhin ihre Kompetenzen einbringen, die sie in drei Jahrhunderten, in denen sie ein wesentliches Element des wissenschaftlichen Kommunikationssystems waren, erworben haben? Die großen Zeitschriftenverlage haben sich mit zum Teil hohen Investitionen bereits weitgehend auf die „digitale Herausforderung“ eingestellt und eigene digitale Angebote entwickelt. Schwieriger wird die Situation für die kleineren Wissenschaftsverlage – umso mehr, als bereits Teile ihres Marktes weggebrochen sind: Neben den Zeitschriften sind vor allem Dissertationen und Nachschlagewerke zunehmend nur noch über das Internet verfügbar.