Täglich treffen wir Entscheidungen: in der Familie, in Arbeitskontexten oder als Verbraucher. In den meisten Fällen sind wir uns kaum bewusst, dass jeder Handlung eine Entscheidung zugrunde liegt. In Situationen, die über unsere alltäglichen Routinen hinausgehen, stellen wir uns aber Fragen, wägen Vor- und Nachteile ab und entscheiden schließlich. Einmal getroffene Entscheidungen aufzugeben, fällt üblicherweise schwer. Die eigene Handlungsorientierung sowie die Glaubwürdigkeit unserer Entscheidung gegenüber anderen kann ins Wanken geraten, wir müssen uns erneut fragen, welche Entscheidung denn die Alternative wäre oder welcher Weg an Stelle des einmal eingeschlagenen erfolgversprechender sein könnte. "Zurück auf Los!" – Das kann mühsam und frustrierend sein.
Und dennoch kann es sich lohnen: Nicht jede einmal getroffene Entscheidung trägt über die Zeit. Gutes Beispiel dafür ist die "Endlagerkommission", die vergangenen Monat ihren Endbericht an Bundestagspräsident Norbert Lammert übergeben konnte. Ziel war, ein faires Standortauswahlverfahren für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle zu konzipieren, das auch in der Bevölkerung Zustimmung finden kann. Jahrzehntelange gesellschaftliche und politische Konflikte, die sich insbesondere um das Erkundungsbergwerk Gorleben entzündeten, hatten die Fronten zwischen den Prozessbeteiligten immer weiter verschärft. Unter der Prämisse der Kommission, Deutschland als "weiße Landkarte" anzusehen, waren die Kommissionsmitglieder "zurück auf Los" gegangen. Damit war der Weg geebnet, transparent und ergebnisoffen nach einem Endlagerstandort in Deutschland zu suchen.
Hinter eine einmal gefällte Entscheidung zurückzugehen bedeutet aber nicht, dass man bei null anfängt: Der Wunsch, etwas anders oder gar besser zu machen, gründet sich oft auf Bestehendes. Wie nachhaltig möchten wir leben? Welche Form des Wirtschaftens und Konsumierens ist umweltschonend? Der Postwachstumsdiskurs – Schwerpunktthema in diesem Heft – widmet sich explizit sozialen Fragen einer gerechten Verteilung von Gütern und Teilhabemöglichkeiten und kritisiert die kapitalistische Wachstumslogik. Die Folgen des Wirtschaftswachstums, u. a. Biodiversitätsverlust, Einkommens- und Vermögensungleichheit oder ökonomische Instabilität, regen zur Abkehr von bisherigen Denkmustern an. Die Kritik an diesen Mustern hinterfragt etablierte Marktmechanismen und Wirtschaftslogiken und anerkennt, dass "etwas schief läuft" oder "aus den Fugen geraten" ist. Die Kritik ist also positiv getrieben von dem Bewusstsein, etwas "besser" machen zu können.
Besser machen möchten wir auch diese Zeitschrift. Sie wird derzeit einem Relaunch unterzogen, der voraussichtlich Mitte 2017 mit einer sichtbar neu gestalteten Zeitschrift seinen Abschluss finden wird. Wenn die Macher, aber auch die Autoren und langjährigen Leser der "TATuP" nächstes Jahr auf das 25-jährige Bestehen der Zeitschrift zurückblicken, soll u. a. ein Begutachtungsprozess etabliert sein, der die wissenschaftliche Qualität der Artikel garantiert. Wir werden ein Herausgebergremium und einen wissenschaftlichen Beirat bilden, die Redaktion wird weiterhin beim ITAS angesiedelt sein, Layout, Druck, Marketing und Vertrieb wird ein Verlag übernehmen. Dass wir diesen Schritt gehen, war und ist ein Prozess, an dessen Anfang die Entscheidung stand: Ja, TATuP soll weiterentwickelt werden. Viele Leserinnen und Leser haben uns in den letzten Monaten Rückmeldung gegeben, insbesondere zur Rubrik "TATuP Labor", mit der wir seit einigen Ausgaben neue Formate "testen". Es ist gut zu wissen, dass die TA-Community den Relaunch-Prozess begleitet, auch, dass wir mit TATuP nicht "zurück auf Los" gehen müssen und trotzdem etwas Neues starten können.
(Constanze Scherz)