Degrowth und Postwachstum – Reflexionen zu Konzeptvielfalt und Nachhaltigkeitsbezügen
Degrowth und Postwachstum – Reflexionen zu Konzeptvielfalt und Nachhaltigkeitsbezügen
von Stephan Lorenz, Friedrich-Schiller-Universität Jena*
Mit den Themen "Degrowth" und "Postwachstum" wurde in den vergangenen Jahren Wachstumskritik wieder auf die politische und wissenschaftliche Agenda gehoben. Die Vielfältigkeit der Debatten zu systematisieren, gelingt bislang nur unzureichend. Gründe dafür werden in diesem Beitrag diskutiert. Zum einen bleiben die Begriffsbestimmungen von Wachstum bzw. Wachstumskritik und der Ideen von Degrowth bzw. Postwachstum häufig unausgeführt oder als Negativbegriffe (De-/Post-) unkonkret. Das kann den Vorzug bieten, viele Ideen unter einem Dach zu versammeln, erweist sich aber als problematisch im Hinblick auf Entwürfe von Alternativoptionen. Zum anderen fehlt es bisher, auch aufgrund der verbreiteten Ablehnung des Paradigmas nachhaltiger Entwicklung in diesen Debatten, an einem tragfähigen gesellschaftlichen Entwicklungsverständnis. Abschließend werden Vorschläge für eine allgemeine Bestimmung von Wachstumskritik und alternative soziologische Entwicklungskonzepte benannt.
With discussions about de-growth and post-growth the criticism of growth has re-emerged on the political and scientific agenda over the last years. To systematise the diversity of the debates has hardly been attained so far. The article will discuss reasons for this. Firstly, the terms and concepts of growth and growth criticism as well as the ideas of de-growth/post-growth are often not determined or stay vague because of their negative connotations (de-/post-). That may offer the advantage of being able to assemble many ideas under one roof. However, it proves to be problematic with regard to alternative options for society. Secondly, solid conceptions of development are missing so far, not at least because of a widespread rejection of the sustainable development paradigm in these debates. The article suggests a general determination of growth criticism as well as alternative sociological conceptions of development.
Moderne Gesellschaften sind entwicklungsoffene Gesellschaften. Ihre Attraktivität lebt von den Versprechen politischer, unternehmerischer, wissenschaftlicher und kultureller Freiheiten. Entsprechend sensibel sind häufig Reaktionen auf offensichtliche oder vermeintliche Einschränkungen und Begrenzungen. Und entsprechend groß war oft der Optimismus, sich durch wissenschaftlich-technische Fortschritte, ökonomische Prosperität oder politische Neuordnung von den Sorgen des Überlebens und der Bevormundung befreien zu können. Wenn sich manche Probleme nicht leicht lösen lassen, wird dies zum Ansporn, die Aktivitäten auszuweiten wenn man nur die Anstrengungen steigert, werden sich die Erfolge sicher einstellen.
Fundamentaler und verunsichernder ist ein anderer Zweifel. Denn was, wenn sich gerade diese Erfolgsrezepte als Generatoren für neue Probleme erweisen? Wenn der befreiende Fortschritt neue Nöte hervorruft? Wenn gerade die Freiheiten in Abhängigkeiten und Zwänge führen? Wenn also das Festhalten an den vielversprechenden, scheinbar bewährten Programmen und die Steigerung der Anstrengung diese Probleme nur verschlimmern können statt aus ihnen herauszuführen? Es ist diese Art von Zweifel, die durch die Degrowth-Bewegung und deren politische und intellektuelle Debatten vorgetragen wird: Die gesellschaftlichen Entwicklungsdynamiken und insbesondere ökonomisches Wachstum, das lange als Garant gesellschaftlichen Wohlstands galt und vielen weiterhin gilt, bringen gravierendere Probleme hervor als sie lösen.
Ziel der folgenden Ausführungen ist es, einen Einblick in die Degrowth- und Postwachstumsdebatten zu geben. Einen Überblick anzukündigen, wäre angesichts ihrer Heterogenität zuviel versprochen. Das Anliegen hier ist es vielmehr, die Vielfalt selbst und ihre Konsequenzen für die genannten Debatten zu reflektieren.
1 Wachstumskritik, Degrowth und Postwachstum
Solche fundamentalen Wachstumskritiken haben eine lange Tradition. Prominent wurden sie schon vor über 150 Jahren von Henry David Thoreau in seinem Buch "Walden" (2009) artikuliert, das ihm fälschlicherweise den Ruf eines Aussteigers einbrachte. Seine Kritik an moderner Gesellschaftsentwicklung ist keineswegs rückwärtsgewandt, sondern bemisst sich an ihren Freiheitsmöglichkeiten für die Menschen: "Ich kann mir auch nichts Schöneres denken, als daß es so viele verschiedene Menschen wie nur irgend möglich auf der Welt gibt" (Thoreau 2009, S. 68f.), heißt es bei ihm. Entwicklung und Fortschritt sind ihm wichtig. Das gilt sowohl individuell[1] wie auch gesellschaftlich.[2] Allerdings, so seine Kritik, ist das gesellschaftliche Leben zwar voller Aktivitäten, doch dienen diese letztlich nicht menschlichen Zwecken, sondern drohen vielmehr zum Selbstzweck zu werden und stattdessen die Menschen zu beherrschen. Pointiert: "Ich kann von der Vorstellung nicht loskommen, daß die Menschen nicht so sehr ihre Herden halten, als daß viel mehr die Herden die Menschen halten" (Thoreau 2009, S. 53). Die tatsächlichen Entwicklungen stehen den Freiheitsmöglichkeiten also häufig mehr entgegen anstatt sie zu befördern.
Im Zeichen der ökologischen Krise erlebte die wachstumskritische Debatte in den 1970er Jahren einen Höhepunkt. Angestoßen wurde sie insbesondere durch den bekannten Bericht "Grenzen des Wachstums" (Meadows et al. 1972), der anhand naturwissenschaftlicher Analysen vor den Folgen eines wachsenden Ressourcen- und Energieverbrauchs warnte.[3] Daneben formulierte 1973 Ivan Illich (1998) eine dem Thoureauschen Denken näher stehende Kritik. Ökologische Krisenphänomene erscheinen darin eingebunden in und als symptomatischer Ausdruck von grundlegend problematischen gesellschaftlichen Dynamiken. Es sind also nicht allein und in erster Linie ökologische Risiken im naturwissenschaftlichen Sinne, die Änderungen erfordern, sondern soziokulturelle Entwicklungsmuster, die die menschlichen Möglichkeiten beschneiden.
Die neueren Diskussionen um Degrowth und Postwachstum setzten in Deutschland im Zuge der Finanzkrise ab etwa 2008 ein, in Frankreich, aber auch Italien und Spanien bereits einige Jahre zuvor.[4] Worum geht es dabei? Zunächst ist Degrowth kein Konzept an sich, sondern ein politischer Slogan, wie Serge Latouche (2010, S. 519), einer der profiliertesten und breit anerkannten Vertreter der Degrowthdebatte und -bewegung, bemerkte. Zu ergänzen ist, dass Degrowth auch keinem im engeren Sinne politischen Programm folgt oder von einem klar umrissenen kollektiven Akteur getragen würde (Demaria et al. 2013, S. 208). Degrowth bleibt bislang konzeptuell, politisch und akteursbezogen heterogen.
2 Begriffliche Annäherungen
Um einer Bestimmung näher zu kommen, kann zunächst danach gefragt werden, wogegen sich Degrowth und Postwachstum abgrenzen. Denn als kleinster gemeinsamer Nenner der Debatten erscheint die kritische Bezugnahme auf Wachstum bzw. auf die in weiten Teilen der Gesellschaft, nicht zuletzt den etablierten politischen Programmatiken, vorherrschende Orientierung an Wachstum als Versprechen einer besseren Zukunft. Hier zeigt sich allerdings schnell ein erstes Problem, denn es wird selten genauer ausgeführt, was mit Wachstum gemeint ist. In der Regel ist recht selbstverständlich einfach von "Wachstum" oder "ökonomischem Wachstum" die Rede und bei genauerer Betrachtung finden sich je nach Kontext verschiedene Bestimmungen. Kallis (2015) unterscheidet explizit "throughput growth" (also etwa: Energie- und Stoffumsatz) von "economic growth, i.e. growth in GDP[5]". Ähnlich verwendet Latouche (2010, S. 521) zwei verschiedene Wachstumsverständnisse, wenn er "Degrowth of the ecological footprint (…) (and thus of the GDP)" fordert, auch wenn er beide hier gerade nicht deutlich trennt.
Schwierig stellt sich überdies das Verhältnis des gemeinten Phänomens zu dessen Messung dar. Denn üblicherweise wird die Bemessung von Wachstum am Bruttoinlandsprodukt (BIP) kritisiert, weil ökologische Schädigungen und deren Bearbeitung dabei positiv zu Buche schlagen. Dabei wird argumentiert, dass das BIP viele soziale und ökologische Kosten nicht berücksichtige und dass bei deren Einbeziehung die sozialen und ökologischen Reparaturkosten leicht höher als die Wohlstandsgewinne werden. Damit wird freilich das Wachstum tendenziell wegdefiniert. Wo mehr zerstört als gewonnen wird, ist das gerade kein Wachstum. Kritisiert wird so eigentlich nicht Wachstum, sondern die Illusion von Wachstum, was in den Debatten aber nicht systematisch unterschieden wird. Jedenfalls ist es problematisch, am BIP gemessenes Wachstum zu kritisieren, wenn man, aus guten Gründen, das BIP nicht als tragfähige Berechnungsgrundlage gelten lassen will. Festzuhalten bleibt, dass eine überzeugende Wachstumskritik definieren muss, was mit Wachstum gemeint ist und was genau daran infrage gestellt und zurückgewiesen wird.
Ein zentraler Aspekt bei den Schwierigkeiten der begrifflichen Bestimmung ist zudem die Negativbedeutung. Degrowth und Postwachstum drücken aus, was nicht gewollt ist, nämlich Wachstum, sagen aber per se nichts darüber, was stattdessen erreicht werden soll. Die ProtagonistInnen gehen darauf verschiedentlich ein. So stellt Latouche (2010, S. 519) fest, dass Degrowth bzw. der französische Begriff Décroissance "not completely negative" konnotiert wäre; Latouche benutzt dafür Bilder der Entspannung einer Krisensituation, wie eine sich zurückziehende Flut. So oder so bleiben Degrowth und Postwachstum aber vor allem Negierung. Und dies wird wiederum an anderen Stellen auch offensiv vertreten, wenn "Degrowth" als provokativ-politisches Statement proklamiert wird. Diskussionen um die negative Begriffsbildung werden im Degrowth- und Postwachstums-Kontext immer wieder geführt. So plädiert Raworth (2015) engagiert und mit guten Gründen für die Überwindung von "Degrowth" als Leitbegriff. Doch auch wenn sie versuchsweise einige Vorschläge aufwirft, so kommt sie doch selbst nicht zu einer befriedigenden Alternative. Insofern muss eingeräumt werden, dass auch positive Begriffe Schwächen haben. Sie sind nicht zwangsläufig geschmeidiger und weniger erklärungsbedürftig, man denke nur an Illichs (1973) "Konvivialität". Und wo sie es vermeintlich sind, werden sie leicht für alles Mögliche vereinnahmt, wie etwa an Diskussionen um Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit oder auch Nachhaltigkeit zu sehen ist.
Die große Offenheit der Negativbegriffe kann Vor- oder Nachteil sein. Im besten Falle bietet sie einen weiten Rahmen, unter dem sich eine Vielfalt von Konzepten und Positionen zusammenfinden kann (Demaria et al. 2013). Hier kann sicher das Problem auftauchen, dass unter Degrowth und Postwachstum, sozusagen als aktuellen Schlagworten, vieles firmiert, was lediglich vertraute Ideen in neuem Gewand verhandelt. Die Frage ist dann, ob damit nur unausgetragene Kontroversen und alte Konfliktlinien in Neuauflage reproduziert werden oder ob ein Dach geboten wird, unter dem sich aus den vielen Stimmen vielleicht neue Konstellationen und Ideen bilden können. In dieser Hinsicht wären Diskussionen um Degrowth und Postwachstum ein interessantes und vielversprechendes Übergangsphänomen.
Wo aber die Wachstumskritik dominant bleibt und damit selbst stärker am Wachstum haftet als Alternativen zu entwickeln, fehlt die Entwicklungsperspektive. Auch die ältere Wachstumsdebatte der 1970er Jahre[6] versiegte, aber offensichtlich nicht, weil der Gegenstand der Kritik, das Wachstum, verschwunden gewesen wäre. Es gelang nicht, überzeugende Alternativkonzepte stark zu machen. Wenn das Versiegen der älteren Debatten systematisch aufbereitet würde, könnten Degrowth und Postwachstum als eine neue Welle in einem breiteren historischen Zusammenhang gesehen werden, mit der Möglichkeit sozialen und politischen Lernens.
3 Zur Vielfalt der Degrowth- und Postwachstums-Ansätze
Einige Versuche, Degrowth und Postwachstum in systematisierenden Übersichten darzustellen, lassen sich in der Literatur finden. Sie changieren zwischen einer internen Differenzierung von Degrowth[7] und einer Abgrenzung von anderen Perspektiven, mit denen es geteilte Aspekte oder mehr oder weniger große Schnittmengen gibt (Tab. 1). So unterscheiden Demaria et al. (2013, S. 195ff.) sechs Quellen, aus denen sich Degrowth-Ideen speisen: Ökologie, Kritik an Utilitarismus und modernem Entwicklungsverständnis, alternative Wohlstandsverständnisse, ökologische Ökonomie, Demokratisierungsansätze und erweiterte Gerechtigkeitsverständnisse. Einen umfassenden Anspruch erheben sie mit dieser Einteilung nicht, sondern listen weitere mögliche Quellen auf, z. B. feministische Perspektiven, die für ein besseres Verständnis von Degrowth aufbereitet werden müssten (Demaria et al. 2013, S. 205f.).
Tab. 1: Systematisierungsansätze zu Degrowth und Postwachstum
| Einteilung nach: | Quellen/Ursprüngen der Kritik | Kritikmotiven | Politischen Lagern | Zentralen Themen | Ethisch-politischen Konsequenzen |
|---|---|---|---|---|---|
| AutorInnen | Demaria et al. 2013 | Brand 2014 | Schmelzer 2015 | Kallis et al. 2016 | Ott 2012 |
Quelle: Eigene Zusammenstellung
In seiner Sichtung von grundlegenden Wachstumskritiken unterscheidet Brand (2014, S. 292ff.) nach deren Motiven. Dazu zählen die "Grenzen des Wachstums" im Sinne ökologischer Gefährdung, die Suche nach Glück und Wohlbefinden, alternative Wirtschafts- und Lebensweisen sowie neue Formen von individueller und kultureller Sinnstiftung. Schmelzer (2015) gruppiert auf der Basis von (zumeist in Buchform vorliegenden) Beiträgen die neuere wachstumskritische Diskussion in Deutschland nach politischen Lagern: konservativ, sozialreformerisch, suffizienzorientiert, kapitalismuskritisch, feministisch. Kallis et al. (2016, S. 23ff.) benennen vor allem zentrale Themen, anhand derer sich die Bandbreite von Degrowth und Postwachstum aufweisen ließe, nämlich die Grenzen des Wachstums, Autonomie, Repolitisierung und Kapitalismuskritik. Mit Blick auf ihre ethisch-politischen Konsequenzen unterscheidet Ott (2012) in idealtypischer Weise vier Degrowth-Perspektiven in einem Spektrum von einer im engen Sinne Kritik am BIP als Wohlstandsmaßstab bis hin zu fundamentalen Kritiken der kapitalistischen Gesellschaft im Ganzen. Interessant an Otts Vorschlag ist nicht zuletzt, dass er auf die Schwierigkeiten der Einteilung aufmerksam macht, die sich aus der Unbestimmtheit des Negativbegriffs ergeben. Denn das "De" von Degrowth könne als "'A', 'Alter', 'Anti', 'No'" (Ott 2012, S. 572) gelesen werden; für Otts eigene Differenzierungen wird das ansatzweise, aber nicht abschließend berücksichtigt.
Einen alternativen Zugang zur Systematisierung können empirische Erhebungen bieten. Sie können zu erfassen suchen, in welcher Weise gesellschaftliche Akteure selbst Degrowth deuten und vertreten. Erste Hinweise in dieser Richtung, die noch weiterer Auswertungen bedürfen, bietet Eversberg (2015). Er präsentiert Daten, die auf der Leipziger Degrowth-Konferenz 2014 anhand von Fragebögen unter Konferenzteilnehmenden erhoben wurden.[8]
Die möglichen Systematisierungen hängen, wie gesehen und bereits im vorhergehenden Abschnitt diskutiert, von begrifflichen Entscheidungen und der eingenommenen Perspektive der AutorInnen ab. Auf der Ebene bestimmter Ansätze oder konzeptueller Vorschläge differenziert sich das Feld immer weiter aus.[9] Es finden sich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, mehr oder weniger weitreichende Konzepte unter anderen zu Rechten der Natur, des Guten Lebens oder des utopischen Entwurfs (Muraca 2014), der ökologischen Ökonomie (Paech 2012), der Gemeingüter, der Kapitalismuskritik (Umverteilung/Herrschaftskritik), der Care Economy, der Demokratisierung, der Dienstleistungsgesellschaft, des Grundeinkommens, der Subsistenz, des Konvivialismus, der Politischen Ökologie und (z. T.) der Nachhaltigkeit. Gerade das Verhältnis zu nachhaltiger Entwicklung ist besonderer Beachtung wert und wird im Folgenden aufgegriffen.
4 Nachhaltige Entwicklungsperspektiven und eine soziologische Bestimmung von Wachstumskritik
Eine starke Wurzel der Degrowth-Positionierungen ist die Kritik an "Entwicklung" (Martinez-Alier et al. 2010; Escobar 2016). Woher kommt diese Skepsis? Sie ist einmal auf eine Kritik an Entwicklungspolitik zurückzuführen, wie sie u. a. von Illich vertreten wurde (Sachs 2007). Dass die Entwicklungsmodelle und Modernisierungsansätze der reichen Industrieländer das selbstverständliche Paradigma für die sog. Entwicklungsländer abgeben sollten, wurde und wird zurückgewiesen. Sowohl die massiv hervorgebrachten sozialen und ökologischen Probleme als auch die geschaffenen Abhängigkeitsverhältnisse durch die reichen Länder diskreditieren sie als Vorbild. Aber auch in der Sache steht Degrowth in Spannung zu "Entwicklung". Denn der permanenten Weiter-Entwicklung werden Ideen des Genügens und der Suffizienz entgegengehalten. Das Gute kann nur da gedeihen, wo sich nicht ständig alles um das Immer-Bessere drehen muss.[10]
Mit der Idee "nachhaltiger Entwicklung" wurde freilich seit Beginn der 1990er Jahre weithin anerkannt, dass die älteren, allzu fortschrittsoptimistischen Entwicklungsmodelle nicht trag- und zukunftsfähig sind. Wie ist also das Verhältnis von Degrowth und Postwachstum zu nachhaltiger Entwicklung? Das Handbuch von D'Alisa et al. (2016) weist keinen Eintrag zu nachhaltiger Entwicklung aus. Im rahmenden Beitrag von Kallis et al. (2016, S. 27f.) sowie indirekt unter "Entwicklung, Kritik der" (Escobar 2016, S. 52) erscheint nachhaltige Entwicklung bestenfalls als unzureichender und bloß technischer Versuch, die alten Modernisierungsideen unter grünen Vorzeichen fortleben zu lassen. An der grundsätzlichen Wachstumsorientierung werde so nicht gerüttelt und die politische Auseinandersetzung mit den WachstumsprotagonistInnen vermieden. Ähnliche Einschätzungen finden sich immer wieder in den Postwachstumsdebatten, sofern überhaupt darauf eingegangen wird. Andererseits scheint der Anschluss an die Nachhaltigkeitsdebatte nicht ganz aufgegeben werden zu sollen. Zumindest als adjektivisches Attribut ist "sustainable Degrowth" häufig anzutreffen (exemplarisch Martinez-Alier et al. 2010; Schneider et al. 2010).
Die weitgehende Ablehnung von nachhaltiger Entwicklung im Besonderen und von Entwicklung im Allgemeinen verweist auf ein unzureichend geklärtes Verhältnis zu Entwicklungskonzepten.[11] Aus soziologischer Sicht scheint jedenfalls der Verzicht auf ein elaboriertes und offenes Entwicklungsverständnis keine tragfähige Option zu sein. Dies wäre faktisch ein Verzicht auf gesellschaftliche Gestaltungsansprüche, was nicht im Sinne von Degrowth ist, oder müsste bedeuten, einen fixen Endzustand anzustreben. Aber wer sollte den allgemeingültig bestimmen und wie gesellschaftlich durchsetzen? In ökologischer Hinsicht führt das zudem zu fragwürdigen, vor-darwinistischen Naturverständnissen eines idealen und stillgestellten Naturzustands, den man bewahren müsse.
Die Alternative kann nur sein, andere Entwicklungsmodelle zu entwerfen und gegebenenfalls als nachhaltige Entwicklungsoptionen zu vertreten. Es ist eher eine politische, weniger eine akademische Entscheidung, ob man mit Postwachstum kritisch für Entwicklungen eintritt, die Nachhaltigkeitsansprüche tatsächlich einlösen können, oder ob man sie als Alternativen zum Paradigma nachhaltiger Entwicklung aufbauen will. Es wäre aber eine Illusion, für erhoffte Neuerungen bessere Chancen anzunehmen, nur weil man einen neuen Begriff einführt. Dass "nachhaltige Entwicklung" umstritten ist, auch durch "Greenwashing" u. ä. gewissermaßen "weichgespült" wird, weist vor allem darauf hin, dass sich Nachhaltigkeitsansprüche so weit verbreitet haben, dass sie sich schwerlich ignorieren lassen. Ähnlich wie gemeinhin in Auseinandersetzungen um Demokratie deren Kriterien umstritten sind, aber deshalb nicht der Begriff selbst aufgegeben wird, so würde es in den politischen Kontroversen um eine anspruchsvolle und konsequenzenreiche Bestimmung nachhaltiger Entwicklung gehen.
Neben den politischen Debatten stellt sich die Frage nach alternativen soziologischen Entwicklungskonzepten, die nicht auf Wachstum aus sind und dennoch offen für Neues und für Vielfalt bleiben. Geeignete Modelle zeigen meines Erachtens Arbeiten von Sennett (2008) und Latour (2001) auf. Sennett orientiert sich an historischen und ideengeschichtlichen Rekonstruktionen des Handwerks. Dieses bietet ihm ein Entwicklungsmodell, das in hohem Maße durch Routinen geprägt ist und gerade daraus Neuerungen schöpfen kann, die zugleich eingebunden bleiben in eine ethisch reflektierte materielle Kultur. Latour wiederum entlehnt seine politische Ökologie einem "parlamentarischen" Modell. Nicht die Anpassung des Menschen an eine naturgesetzhaft verstandene Umwelt ist damit gemeint, sondern ein Modell nicht stillstellbarer, demokratischer Aushandlungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen.
Für die philosophisch im Pragmatismus begründeten Entwicklungsverständnisse beider Autoren sind Mittel-Zweck-Relationen zentral (Latour 2014, S. 611ff.). Damit lässt sich hervorragend an Wachstumskritiken im Stile von Thoreau und Illich anknüpfen, haben doch die Gefährdungen des Wachstums "einen gemeinsamen Nenner, nämlich die destruktive Umwandlung von Mitteln zu Zwecken" (Illich 1998, S. 77).[12] Vor diesem Hintergrund kann soziologisch ein allgemeines Verständnis von Wachstumskritik formuliert werden (Lorenz 2014, S. 105ff.), nämlich als Kritik an gesellschaftlichen Eigendynamiken, die permanent ihre Mittel reproduzieren und steigern, ohne dabei an humane (soziale, ökologische) Zwecke gebunden zu sein. Diese Bestimmung ist soziologisch betrachtet tragfähiger, da sie sich weder im engen Sinne auf ökonomisches Wachstum beschränkt noch sich jeglichen Entwicklungsoptionen per se verschließt. Von hier aus lassen sich also alternative, nachhaltige Entwicklungsperspektiven entwerfen, die dabei aber einen kritischen Sinn für problematische Entwicklungsdynamiken bewahren.
Anmerkungen
* Meine dem Beitrag zugrunde liegenden Arbeiten (Lorenz 2014) entstanden im Rahmen eines von der VolkswagenStiftung geförderten soziologischen Projekts zum "Bienensterben" (Az. 86.161). Die Ausarbeitung des vorliegenden Textes wurde durch ein einmonatiges Stipendium des Jenaer DFG-Kollegs "Postwachstumsgesellschaften" gefördert.
[1] "Die Fähigkeiten des Menschen hat man jedoch niemals gemessen, noch auch können wir aus der Vergangenheit erkennen, wozu der Mensch einmal imstande sein wird." (Thoreau 2009, S. 14)
[2] "Zweifellos ist es aber besser, die, wenn auch teuer erkauften, Vorteile zu nützen, die Erfindungsgeist und Fleiß der Menschheit bieten. (…) Mit etwas mehr Verstand könnten wir diese Dinge so verwenden, daß wir reicher würden als die Reichsten sind und die Kultur ein Segen wäre." (Thoreau 2009, S. 39)
[3] Diese Art ökologischer Kritik findet sich, neben den Folgestudien des Berichts, heute fortgesetzt etwa in den "Planetary Boundaries"-Studien (Steffen et al. 2015).
[4] Ich verwende im Folgenden "Degrowth" und "Postwachstum" weitgehend synonym, auch wenn man Degrowth in einem engeren Sinne auffassen kann. Degrowth bezöge sich dann auf die zeitlich früher, in Süd- und Südwesteuropa entstandene Debatte um Décroissance. Daran knüpfen sich zudem begrifflich einige Differenzen und Übersetzungsprobleme, wie sie etwa Latouche (2010) diskutiert; allerdings trifft dies auch schon für unterschiedliche Konnotationen von Décroissance und Degrowth zu. International etabliert ist Degrowth. In Deutschland ist vorwiegend von Postwachstum die Rede, z. T. werden auch Degrowth oder andere Übersetzungen verwendet (z. B. Wachstumsrücknahme, Entwachsen).
[5] GDP = Gross Domestic Product/Bruttoinlandsprodukt
[6] Neben dem genannten "Grenzen des Wachstums"-Bericht und den Arbeiten von Illich können beispielhaft für die Debatten der 1970er Jahre genannt werden: Hirsch (1976), Schuhmacher (1973), Gorz (1977, 1980), Binswanger et al. (1979).
[7] Einschließlich der Differenzierungsmöglichkeiten zwischen Degrowth und Postwachstum selbst, vgl. Anmerkung 4.
[8] Interessanterweise gaben hier allerdings nur 43,2 Prozent der gut 800 Befragten an, sich der Degrowth-Bewegung zugehörig zu fühlen (Eversberg 2015, S. 16).
[9] Eindrücke davon vermitteln vorliegende Sammelpublikationen, die ich für den deutschsprachigen Raum benenne: Das sind insb. der Band von Seidl/Zahrnt (2010), neueren Datums der "Postwachstumsatlas" (Le Monde diplomatique, Kolleg Postwachstumsgesellschaften 2015), die Publikationen auf der Homepage des Kollegs (http://www.kolleg-postwachstum.de), die Einträge im Degrowth Bewegungs-Handbuch von D'Alisa et al. (2016) sowie der im Herbst erscheinende sozialwissenschaftlich-analytischere Band des AK Postwachstum (2016).
[10] Auch hier in den Worten Illichs (1998, S. 115): "Das 'Bessere' verdrängt immer mehr das 'Gute' als grundlegende normative Vorstellung".
[11] In ihrem aktuellen Beitrag kritisieren Kallis et al. (2016, S. 22) in nur drei Sätzen zu "Entwicklung" zwei entgegengesetzte Bestimmungen. Zum einen problematisieren sie, dass "Entwicklung" immer "ein vorbestimmtes Ende suggeriert", zum anderen, dass moderne Gesellschaften gerade kein Entwicklungsende kennen würden. Am zweiten Punkt kritisieren sie wiederum, dass Entwicklung so "zum Selbstzweck" werde, sodann aber auch, was nicht ganz dasselbe ist, einen "Richtungspfeil des Fortschritts" im Entwicklungsverständnis. Die Autoren sehen nicht die Differenz von "Entwicklung" zu Wachstum, wie sie etwa Loske (2012, S. 36f.) betont, nämlich dass der Entwicklungsbegriff "alle Dimensionen ein(schließt), die das Leben bereithält: Aufstieg und Niedergang, Wachstum und Schrumpfung, Stabilität und Dynamik, materielle und immaterielle Entwicklung".
[12] Oder mit Thoreau (2009, S. 50): "Unsere Erfindungen sind meist schöne Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken. Sie sind nur verbesserte Mittel zu einem unverbesserten Zweck, der nur allzu leicht zu erreichen war."
Literatur
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Escobar, A., 2016: Entwicklung, Kritik der. In: D'Alisa, G.; Demaria, F.; Kallis, G. (Hg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München, S. 49 53
Eversberg, D., 2015: Erste Ergebnisse der Teilnehmendenbefragung zur Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig Ein Überblick über Zusammensetzung, Engagement und Alltagspraktiken der Befragten. In: Working Paper der DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften 1 (2015); http://www.kolleg-postwachstum.de/sozwgmedia/dokumente/WorkingPaper/wp1_2015.pdf (download 8.3.16)
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