Ein Think-and-do-Jubiläum
Ein Think-and-do-Jubiläum
Bericht von der Unconference zum zehnjährigen Jubiläum des Collaborative Center for Sustainable Consumption and Production
Wuppertal, 31. Mai 2016
von Hanna Dura, Karlsruhe
Am 31. Mai 2016 feierte das Collaborative Center for Sustainable Consumption and Production (CSCP) sein zehnjähriges Bestehen mit einer „Unconference“. Der Rahmen glich weder einer konventionellen wissenschaftlichen Konferenz noch einem gewöhnlichen Jubiläumsempfang. Wenngleich die Agenda der Unconference vorgegeben war, welche bei der traditionellen Form der Unconference von den Teilnehmern selbst erarbeitet wird, hatten die Mitarbeiter des CSCP ihr ganz eigenes Konzept auf die Beine gestellt, um nicht nur den eigenen Geburtstag zu feiern, sondern auch die Zukunft nachhaltiger Lebensstile, Industrie 4.0 und die Circular Economy zu diskutieren und zu erfahren.
Aber gehen wir zunächst einmal zehn Jahre zurück, als das CSCP 2005 aus einer Kollaboration des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie heraus gegründet wurde. Laut Mitbegründer und ehemaligem UNEP-Exekutivdirektor Klaus Töpfer brauchte es eine Institution, die die größer werdende Lücke zwischen Entwicklung und erfolgreicher Implementierung neuer Technologien in der Gesellschaft schließen könne. Aus dieser Idee entstand die Non-Profit-Organisation als „think and do tank“, um nachhaltige Entwicklung wissenschaftlich fundiert in Gesellschaft und Alltag tragen zu können. Der Name ist Programm, denn mit dem kollaborativen und inklusiven Arbeitsansatz gehen die erarbeiteten theoretischen Konzepte, wie beispielsweise das Hand- & Footprint-Assessment aktiv in die Beratung von Politik, Organisationen oder Unternehmen ein.
Zehn Jahre später feiert der „think and do tank“ sein Jubiläum auf nachhaltig andere Art. Bereits das ausführlich ausgearbeitete und detaillierte Programmheft ließ auf einige Überraschungen schließen. Der Auftakt der Veranstaltung fand im historischen Rex-Theater in Wuppertal statt. Mit einem Rückblick auf die vergangenen und einer Vorschau auf die kommenden zehn Jahre des CSCP gab Institutsleiter Michael Kuhndt den Startschuss für die Aktion #mylifestylepledge. Die „lifestylepledge“ ist ein Angebot an jedermann, einen Aspekt nachhaltigen Handelns für sich auszuprobieren, um das Thema Nachhaltigkeit in den Alltag zu integrieren und somit greifbarer zu machen. Nachdem Kuhndt selbst mit einem Gelöbnis, sich zwei Wochen lang vegan zu ernähren, in Vorleistung ging, zog sich die #mylifestylepledge wie ein roter Faden durch den gesamten Tag, indem Mitarbeiter, Sprecher und Gäste eingeladen wurden, ihr eigenes Gelöbnis zu formulieren, ungeachtet wie klein oder groß, dauerhaft oder kurzlebig es ist. Um dem Ganzen etwas Substanz zu geben, gab es während des abendlichen Programmpunktes „taste the jeans“ eine Station bei der jeder Unconference-Teilnehmer seine persönliche life-style-pledge nebst des eigenen Fotos auf einer Glasfassade „veröffentlichen“ durfte. So wurden von Beginn an alle Teilnehmer angeregt, über Nachhaltigkeit nicht nur nachzudenken, sondern ganz konkret zu handeln – lokal und persönlich. Wer nun ebenfalls inspiriert ist, ein Nachhaltigkeitsgelöbnis abzulegen, kann dies unter http://mylifestylepledge.net/index.php oder unter der Benutzung des Hashtags #mylifestylepledge in allen sozialen Medien tun.
Wie nachhaltige Unternehmensberatung mit dem CSCP aussehen kann, wurde in der Keynote von Alain Caparros deutlich. In seiner Rede ließ der CEO der REWE Group dessen erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem CSCP insbesondere durch die Gestaltung des Labels „Pro Planet“ Revue passieren. Seit 2010 können Kunden der REWE Group Märkte Produkte der Eigenmarke kaufen, die mit diesem Label gekennzeichnet sind. Der Prozess der Vergabe des Labels wurde gemeinsam mit dem CSCP entwickelt, um Produkte zu kennzeichnen, die bestimmte Standards der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit entlang der Wertschöpfungskette einhalten.
Im anschließenden Panel ergriffen Maryse Gautier (Ministerium für nachhaltige Entwicklung, Frankreich), Helio Matter (Präsident des Akatu Instituts), Johannes Remmel (Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, NRW), Klaus Töpfer (ehemaliger UNEP-Exekutivdirektor) sowie Ernst Ulrich von Weizsäcker (Co-Präsident des Club of Rome) das Wort und diskutierten rund um die Themen zukünftige Lebensstile, circular economy, Zukunft von Städten und die Potenziale von Informations- und Kommunikationstechnik.
Nach einer kleinen, natürlich vegetarischen, Stärkung ging es in den aktiven Teil des Tages über, beginnend mit sieben Workstudios, die den Teilnehmern zur Wahl standen. In Themenbereichen wie „industry 4.0 as enabler for sustainable lifestyles“ über „foodwaste“ bis hin zu „impact investment in sustainable business models“ konnten sich die Gäste nach einer kurzen Themeneinführung und Vorstellung von Case Studies, mit entsprechenden Gastrednern durch Diskussionen und Anwendungsbeispiele aktiv einbringen. Auch bei der Ortswahl der Workstudios wurde nichts dem Zufall überlassen: Jeder Themenbereich wurde an einem entsprechend passenden Ort bearbeitet. So wurde beispielsweise das Workstudio „cities enabling sustainability“ in Utopiastadt ausgerichtet; ein historisches Bahnhofsgebäude, welches heute Kreativnetzwerke mit Büros, Ateliers, Co-working Spaces und viele weitere Organisationen und Gruppen beherbergt, die sich der Transition und Nachhaltigkeitsbewegung verschrieben haben. Das Workstudio „from footprint to handprint“ fand wiederum in der größten kommunalen Einrichtung für Umweltbildung und Umwelterziehung in Nordrhein-Westfalen, der Station „Natur und Umwelt“, statt.
Damit Nachhaltigkeitsbewertungen von Produkten, Prozessen und Businessmodellen nicht nur im Negativen verhaftet bleiben, wie es durch den ökologischen Fußabdruck beschrieben wird, arbeiten die Mitarbeiter des CSCP an der Weiterentwicklung und Etablierung des Handabdrucks. Dieser soll, angelehnt an die „Sustainable Development Goals“ (SDG) des United Nation Development Program (UNDP), mögliche positive Folgen von Produkten, Dienstleistungen und anderem bewerten, so dass in Kombination mit dem Fußabdruck eine holistische Bewertung vorgenommen werden kann, in die positive wie negative Effekte Eingang finden. Als kleine Einführung wurden zwei Fallstudien vorgestellt, in denen der Handabdruck bereits zu ersten Erfolgen in der Produktentwicklung (Rolf Heimann, HessNatur Foundation) bzw. beim Aufbau von Fairtradestrukturen (Silvia Campos Malpartida, Global Product Management, Fairtrade International) geführt hat. Im Anschluss konnten die Teilnehmer in kleinen Gruppen selbst Hand anlegen und für unterschiedliche Produkte oder Businessmodelle, wie z. B. das Fairphone oder Carsharing, den potenziellen Handabdruck diskutieren. So erarbeiteten die Teilnehmer, dass aus Footprint-Sicht Carsharing das Potenzial habe, negative Effekte der Autoproduktion zu reduzieren, da nun nicht mehr jeder Bürger ein Auto allein besitze, sondern sich viele eines teilten. Aus Handprint-Sicht vermag das Carsharing laut der Teilnehmer u. a. zum SDG 11 „sustainable cities and communities“ beizutragen, da bei entsprechend großer Durchdringung die Dichte von Privatfahrzeugen in einer Stadt abnehmen könnte. Dies könne weiterhin dazu führen, dass mehr urbaner Lebensraum frei wird, da nun weniger Stellflächen benötigt werden. Auf diese Weise konnten die Teilnehmer einen persönlichen Eindruck in die Arbeitsfelder des CSCP gewinnen.
Zum Höhepunkt des Abends ging es unter dem Titel „Taste the jeans“ gemeinsam in das Eventzentrum VillaMedia. Dabei ging es keineswegs um essbare Kleidung, sondern vielmehr darum, auf unkonventionelle und interaktive Weise Parallelen hinsichtlich der Herausforderungen und Lösungsansätze der eigentlich unterschiedlichen Wertschöpfungsketten aus Textil- und Nahrungsmittelindustrie zu erfahren. Diese liegen z. T. in der zunehmenden Fragmentierung, Globalisierung und Entfremdung. Dabei stützen sich beide Industriezweige nicht selten auf ausbeuterische Praktiken und fachen die schnelllebige Wegwerfmentalität an. In diesem interaktiven Rahmen teilten Künstler, Köche, Designer, Studenten und viele andere ihre Auffassung und ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit, sei es als Privatperson, Unternehmer, Existenzgründer oder Selbstständige. Auf diese Weise konnten die Gäste erfahren, wie Nachhaltigkeit in vielerlei Hinsicht bereits gelebt wird, als unkonventionelle Idee oder bereits mit wirtschaftlichem Erfolg. Vor dem thematischen Hintergrund des Raumes „Consumption & Lifestyle“ ging Koch Volker Mehl der Frage nach „How Much is Enough?“. Mit der richtigen Kombination an Lebensmitteln und Geschmäckern beantwortete Mehl diese Frage nach dem Prinzip der Ayurveda-Küche mit „One bowl is enough“. Diese durchdringende Aussage lässt sich aus der Küche zweifellos in jeden Lebensbereich hineintragen. Qualität über Quantität, dies ließ sich bei „Taste the jeans“ tatsächlich schmecken, sehen und fühlen!
Neben der #mylifestylepledge hat auch die „swopping party“ zum aktiven Mitmachen eingeladen. Hier konnten alle Gäste ungewollte oder nicht mehr gebrauchte Kleidungsstücke abgeben und anschließend im passenden „end of life (not!)“-Raum gegen andere tauschen. Sollte der getauschte Pullover nicht passen, stand die lokal ansässige Designerin des Labels Edda Mör bereit, um nicht ganz sitzende Kleidungsstücke an Ort und Stelle zu ändern und somit das end of life für einen weiteren Zyklus hinauszuschieben.
Aufgrund der Vielzahl und Vielfalt der Beiträge bilden die beschriebenen Eindrücke nur einen kleinen Ausschnitt ab, um das generelle Bild und die Idee dahinter zu veranschaulichen. Außer dem oben Beschriebenen gab es zahlreiche weitere Beiträge in Wort und Tat, die auch in künstlerischen Installationen zum Innehalten und Nachdenken animierten – alles vor dem Hintergrund nachhaltigen Denkens, Handelns und Wirtschaftens.
Nach so viel kreativem Austausch, Aktivität und Inspiration konnten alle Beteiligten anschließend ausgelassen feiern. Dass auch das CSCP über die vergangenen zehn Jahre und den großartigen Verlauf dieses wahrlich einfallsreichen Events „happy“ ist, hat fast die gesamte Belegschaft des Instituts mit einem Flashmob-Dance zum gleichnamigen Lied „Happy“ zum Ausdruck gebracht und mit dieser letzten unkonventionellen Aktion die Tanzfläche für die abendliche Feier eröffnet.
Weitere Informationen zum Collaborative Center for Sustainable Consumption and Production (CSCP) in Wuppertal finden sich unter http://www.scp-centre.org/ und die ausführliche Broschüre zum Event mit weiterführenden Links unter http://ten.scp-centre.org/#brochure. In den Social Media-Kanälen kann das Event mit #10cscp nachverfolgt werden.