Die Zukunft von Medien-Räumen – Zwischen Freiheit und Zwängen
Die Zukunft von Medien-Räumen – Zwischen Freiheit und Zwängen
Bericht von der CultMedia-Jahrestagung 2015
Wrocław, Polen, 23.–25. September 2015
von Tomasz Stępień, Technische Universität Wrocław, Polen
Die letzten Dekaden können u. a. mit der Verflechtung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien mit dem Prozess der Neustrukturierung der Medienwelt beschrieben werden. Man kann in diesem Zusammenhang von tiefgreifenden Umbrüchen im gesellschaftlichen Leben sprechen. Vor diesem Hintergrund ist das kritische Nachdenken über den heutigen und zukünftigen Zustand der Medien eine fortdauernde Aufgabe der Geisteswissenschaften.
Dieser Aufgabe stellte sich die Jahrestagung 2015 des International Network on Cultural Diversity and New Media (CultMedia-Netzwerk). Die Tagung unter dem Titel „Die Zukunft von Medien-Räumen. Zwischen Freiheit und Zwängen“ fand vom 23. bis 25. September 2015 an der Technischen Universität Wrocław in Polen statt und wurde durch das dortige Institut für Geisteswissenschaften organisiert. An der Tagung nahmen rund 30 Referenten aus Australien, Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik und Österreich teil, die ein breit gefächertes Spektrum von Fachdisziplinen wie Philosophie, Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaften, Rechts- und Politikwissenschaften, Pädagogik, Betriebs- und Ingenieurwissenschaften repräsentierten.
1 Die Medien als Bestandteil der Kultur
Thematisch konzentrierte sich die Tagung auf diejenigen Phänomene der heutigen Medienrealität, die erlauben, die zukünftigen Herausforderungen zu antizipieren. Auf vier Themenbereiche konzentrierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: 1) (Neue) Medien und Kultur, 2) (Neue) Medien und gesellschaftlicher Wandel, 3) (Neue) Medien und Recht und 4) (Neue) Medien und Technologien. Das Extrapolieren von An- und Herausforderungen in diesen Bereichen sollte das Herausarbeiten und Verdeutlichen von in die Zukunft weisenden Entwicklungslinien der heutigen (neuen) Medien ermöglichen. Allerdings handelt es sich um Entwicklungen, die zwischen (Wahl-)Freiheit und (technischen, ökonomischen, sozialen, rechtlichen, kulturellen, moralischen) (Sach-)Zwängen oszillieren.
Die Tagung wurde mit drei Referaten eröffnet, die die Richtung der Medien- und Kulturkritik im Hinblick auf die Frage „Neue Medien-Räume als Herausforderung?“ versuchten nachzuzeichnen. Zuerst stellte Annely Rothkegel (Universität Hildesheim) mit dem Beitrag Freiheit zum Weglassen oder Zwang zur Kürze? Linguistische Fragen und Antworten zum Kurztext als präferierte Kommunikationsform in den Neuen Medien aus der Perspektive der Sprachwissenschaften die Frage nach der Kommunikationsfreiheit. Demnach können wir von einer Präferenz für Kürze in der Kommunikation sprechen, nicht nur als das Charakteristikum der Internet-Kommunikation, sondern auch als eine Forderung nach Sachlichkeit. Damit sind die stilistische Qualität und die Verständlichkeit von Texten angesprochen. Aus der linguistischen Perspektive wurde die Frage nach der Form von Kurztexten und deren Signifikanz in der Kommunikation im Hinblick auf die verwendeten quantitativen als auch qualitativen Kommunikationsstrategien gestellt. In diesem Zusammenhang erscheint – nach Rothkegel – das Paradox, dass die Präferenz für den Kurztext durch größeren Zeitaufwand charakterisiert ist.
Aus der philosophischen Perspektive beschrieb Andrzej Kiepas (University of Silesia) in seinem Referat Neue Medien – zwischen technischen Determinismus und kulturellen Pluralismus die Medienwelt durch das Spannungsverhältnis zwischen dem Universalen und Spezifischen in der Kommunikationskultur. Im Falle der neuen Medien können – nach Kiepas – zwei grundlegende Phänomene dargestellt werden: 1) die technischen und sprachlichen Aspekte (als Apriori der Kultur) verlören die wesentliche Bedeutung, was besonders mit dem multimedialen Charakter der kulturellen Übermittlungen zusammenhängt, und 2) sei eine Rückkehr zum ästhetischen Apriori zu bemerken, und das verbinde sich mit der dominierenden Rolle der Bilder in den Übermittlungsprozessen. Andrzej Kiepas folgerte daraus, dass in dieser Hinsicht der technische Determinismus die Rolle des universalen Faktors verliert und durch den kulturellen Pluralismus ersetzt wird. Es stellen sich deshalb wieder die Fragen nach der menschlichen Natur, die hier eventuell die Rolle des Apriori von Kultur als Bereich der Kommunikation spielen könnte.
Schließlich analysierte Gerhard Banse (Karlsruher Institut für Technologie) in seinem Beitrag Freiheit und Notwendigkeit – Neue Medien und Nutzungsmuster aus der Perspektive der Sozialwissenschaften den Einfluss von Nutzungsmustern auf die Kommunikationsfreiheit. Banse stellte fest, dass die Nutzung neuer Medien in einem Raum stattfinde, der durch das Spannungsverhältnis zwischen der Freiheit, verstanden als Wahlmöglichkeit, und der Notwendigkeit, verstanden als Alternativlosigkeit im Verwendungshandeln neuer Medien, charakterisiert ist. Im Vortrag wurde dieser Raum (anknüpfend an analoge Überlegungen von Bruce Schneier zur IT-Sicherheit) auf mehreren Ebenen (von der des Codes bis hin zur sozialen Gruppe in vernetzten Systemen) analysiert. Gezeigt wurde einerseits, dass sowohl Freiheit als auch Notwendigkeit relational aufeinander bezogen sind, andererseits, dass Freiheit stets begrenzt (bounded freedom in Analogie zu bounded rationality) und Notwendigkeit nicht identisch mit Zwang ist. Dabei wurden mehrere philosophische Aspekte (z. B. Selbstbestimmtheit versus Fremdbestimmtheit) sichtbar, dass der Mensch verurteilt sei, frei zu sein (J.-P. Sartre) oder das in die Welt „Geworfen-Sein“ (M. Heidegger) mit der Differenz von „Vor-Handenem“ und „Zu-Handenem“, „Entscheiden“ und „Bewerten“, und die Unterscheidung von Technizität und Kulturalität.
2 Herausforderungen im Hinblick auf die Medienwelt
Die folgenden Sessions wurden jeweils nach thematischen Schwerpunkten geordnet. In der Session „(Neue) Medien und kultureller Wandel“ wurde das Phänomen der vielseitigen Auswirkungen der Medien auf die Kultur analysiert. In diesem Zusammenhang rekurrierten Konstantin und Kornelius Keulen (Universität Potsdam) auf Jacques Derridas Konzept des Zeichens im Hinblick auf das Internet und als Ausdruck des Zeitwerdens von Raum, und Marta Kania (University of Lower Silesia) widmete sich dem Thema der Freiheit am Beispiel von Computerspielen. Die allgemeine Frage nach der Kreativität der neuen Medien stellte Mariola Sułkowska-Janowska (University of Silesia), während Bartłomiej Knosala (Silesian University of Technology) versuchte – in Anlehnung an Marshall MacLuhan – das Verhältnis von Philosophie und Medien nachzuzeichnen. Schließlich behandelte Paul Eisewicht (Technische Universität Dortmund) das Selbst am Beispiel der Smartphone-Fotografie.
In der Session „(Neue) Medien und gesellschaftliche Wandlungen“ wurde der Schwerpunkt auf die politischen und wirtschaftlichen Aspekte der neuen Medien gelegt. So sprach Zbigniew Oniszczuk (University of Silesia) vom Internet als Schlüssel für das politische Leben. Mariusz Wojewoda (University of Silesia) verwies in seinem Beitrag auf das Problem der Dialogführung und des Austauschs von Informationen mittels der neuen Medien. Dagegen konzentrierte Björn Egbert (Pädagogische Universität Freiburg) seine Ausführungen auf das unternehmerische Denken und Handeln als eine Schlüsselkompetenz in der medienbasierten Wissensgesellschaft. Im letzten Beitrag dieser Session wandten sich Safyah Hassan-Yavuz (Universität Potsdam) und Viktor Jakupec (Deakin University) dem globalen Problem der digitalen Nord-Süd-Teilung sowohl im politischen als auch gesellschaftlich-wirtschaftlichen Bereich zu.
Die folgende Session „(Neue) Medien und Recht“ stellte sich die Aufgabe, die rechtlichen Grundlagen der Nutzung von neuen Medien als Räume der Kommunikation zu analysieren. In diesem Zusammenhang erörterte Berenika Kaczmarek-Templin (Wrocław University of Science and Technology) die rechtlichen Grundlagen der Facebook-Nutzung, Aleksandra und Paulina Kuzior (Silesian University of Technology) behandelten das Problem der durch die neuen Medien vermittelten Möglichkeiten des Betrugs, und Magdalena Wołek (University of Silesia) verwies auf die rechtlichen Aspekte der Nutzung von Musik in den neuen Medien. Schließlich stellte Gerhard Zecha (Universität Salzburg) einen Sonderfall der Kommunikation ohne Worte via Live-Streaming dar. In diesem Zusammenhang präsentierten Antje Zapf und Anne Wohne (Universität Potsdam) die Ergebnisse der zweiten internationalen CultMedia-Erhebung aus dem Jahr 2014/15 Flucht in Cyberwelten oder kulturelle Vielfalt bei der Nutzung des Internet in realen Lebenswelten?.
Auf der Session „(Neue) Medien und Bildung“ wurde das Thema der Nutzung von Medien in der Hochschulausbildung verbunden mit dem Prozess der Kompetenzaneignung in den Vordergrund gerückt. Die Ergebnisse einer empirischen Studie zur Nutzung von sozialen Medien bei Studenten am Beispiel des E-Learning präsentierte Andrzej Postawa (Wrocław University of Science and Technology). Teresa Marcinów (Wrocław University of Science and Technology) sprach über Kompetenzentwicklung, und Narahari Rao (Universität des Saarlandes) setzte sich mit dem Problem des „Parasitentums“ im Umgang mit neuen Medien auseinander. Schließlich stellte Krzysztof Michalski (Rzeszów University of Technology) kritische Überlegungen zur zunehmenden Inhaltslosigkeit der Bildung und deren Degradierung zur bloßen Mediennutzung dar.
Die letzte Session der Tagung – „(Neue) Medien und Technologien“ – wurde der Analyse der Medienwelt aus der Perspektive der Technikfolgenabschätzung gewidmet. In diesem Zusammenhang analysierten Petr Machleidt und Karel Mráček (Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik Prag) den Prozess der Entwicklung und Etablierung der Technikfolgenabschätzung in Tschechien, und Tomasz Stępień (Wrocław University of Technology) stellte die letzten Forschungsansätze und Initiativen im Bereich der Technikfolgenabschätzung in Polen mit der offenen Frage nach der Möglichkeit der Mediennutzung im Prozess der Kommunikation über die Technik und Technowissenschaften dar.
3 Medien-Räume: Perspektiven in der Kultur- und Medienforschung
Die Tagung setzte sich auch die Aufgabe, die neuen Themenbereiche in der Kultur- und Medienforschung zukunftsweisend zu diagnostizieren. Im Hinblick auf die Kultur der Medien und der Medien in der Kultur können folgende Schwerpunkte in der zukünftigen Forschung aufgezeigt werden. Zunächst ist es der Wandel der Sprache der Medien, d. h. das Phänomen der Reduzierung der Sprache zum Bildhaften begleitet von „Bilderkriegen“ (iconoclash) als Folge des übergreifenden Trends zum Ikonographischen (iconic turn) in den Kommunikationspraxen. Die andere Forschungsfrage betrifft die gesellschaftlichen Konflikte, die durch den Bilderstrom mit den Bildern als Mittler von Informationen und Bedeutungen ausgelöst werden. Das Bild wird zum Symbol und zum eigentlichen Kurztext in den Medien erhoben. Demgegenüber steht der Prozess der Anpassung von Rechtsgrundlagen, die adäquat auf die technologische Entwicklung der Medien reagieren. Vor allem im Hinblick auf die fortschreitende technologische Konvergenz der Nano-Bio-Info-Technologien und kognitiven Wissenschaften stehen rechtliche und ethische Fragen im Mittelpunkt. Die Vision der direkten Verbindung zwischen Gehirn und technischen Kommunikationsartefakten wird zur Wirklichkeit, so dass eine neue Ethik der Medien notwendig wird, die die „Freiheit des Hirns“ und den Schutz seiner Privatheit gewährleisten kann.
Die Tagung wurde mit der Ankündigung der nächsten CultMedia Jahrestagung in September 2016, diesmal in San Sebastian (Spanien), beendet. Voraussichtlich im gleichen Jahr wird der Tagungsband erscheinen.