Sozialwissenschaftliche Konzepte einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung
Sozialwissenschaftliche Konzepte einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung
von Günther Frederichs, ITAS
ITAS wurde 1994 vom BMBF mit der Durchführung der Studie "Sozioökonomische Ursachen und Folgen von Klimaveränderungen in norddeutschen Küstengebieten - Analysen von Forschungs- und Handlungsbedarf" beauftragt. Der Hintergrund war, daß das BMBF zusammen mit den norddeutschen Küstenländern im "Verbundvorhaben Klimaänderung und Küste" einen Forschungsleitplan erstellt hatte, der die Arbeiten im neuen Förderbereich "Klimawirkungsforschung" speziell für die Küste koordinieren soll (vergleiche auch die TA-Datenbank-Nachrichten vom Oktober 1994, S. 5-10). Für ITAS stellte sich damit die Aufgabe, die Möglichkeit sozialwissenschaftlicher Forschung im Rahmen eines eher naturwissenschaftlich orientierten Forschungsleitplans zu untersuchen. Der Projektbericht liegt jetzt vor.
1. Zum Problemhintergrund
Eine der aktuelleren Entwicklungen in der Umweltdiskussion ist das wachsende Interesse an sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich nicht nur um eine Zunahme, sondern auch um einen Wandel des Interesses. Denn lange Zeit wurden die Sozialwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften, die als der eigentliche Kern der Umweltforschung gelten, eher in einer subsidiären Rolle gesehen. Zunehmend wird aber bewußt, z.B. angesichts der Diskussion über den Naturbegriff, über Schutzziele und "Sustainable Development", daß mit der Umweltproblematik ein großer gesellschaftlicher Reflexions- und Verständigungsbedarf entstanden ist. Das ruft in einer ganz anderen Rolle die Sozialwissenschaften auf den Plan: Nicht mehr den Naturwissenschaften in ihrem prognostischen Anspruch nachzueifern, sondern Interpretationswissen und Konsenspotentiale zur Verfügung zu stellen.
Wesentliche Impulse dieser Entwicklung gehen seit Mitte der achtziger, verstärkt seit den beginnenden neunziger Jahren von den internationalen Klimaverhandlungen aus. Speziell geriet die Wissenschaft in den Mittelpunkt der Diskussion, die in der Klimadebatte der eigentliche Stichwortgeber ist. In Gestalt des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wuchs ihr die Rolle des unmittelbaren politischen Ratgebers zu, der sozusagen in Echtzeit wissenschaftliche Antworten auf Fragen geben muß, die in den politischen Verhandlungen aufgeworfen werden. Mit einem noch nie dagewesenen Grad an Öffentlichkeit wurde der Mangel an Konsens in der Scientific Community offenbar, wenn diese über akute Sachverhalte Auskunft geben soll. Das betrifft nicht nur die Sozialwissenschaften, sondern eben auch die Naturwissenschaften. Die Aufgabe des IPCC läuft zu einem erheblichen Teil darauf hinaus, mit einem enormen Verhandlungsaufwand (im großen und ganzen nicht ohne Erfolg) ein "Konsenswissen" zu erarbeiten, an dem sich Politik und Öffentlichkeit einigermaßen konfliktfrei orientieren können.
Die IPCC-Erfahrungen sind für die Frage, welche Orientierungshilfen von der Wissenschaft angesichts einer höchst unsicheren Zukunft unseres Klimas zu erwarten sind, unmittelbar relevant. Auch bei regionalen Forschungsvorhaben muß mit der Pluralität von Wissenschaft gerechnet werden. Der Appell an Interdisziplinarität ist hilflos, wenn er die strukturellen Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Eine gewisse Bestätigung hierfür findet sich bereits im ersten Schritt des Projekts, wo Psychologie, Soziologie, Politologie und Ökonomie im Hinblick auf originäre Beiträge zur Klimadiskussion untersucht worden sind. Disziplinübergreifende Ansätze gibt es kaum, vielmehr sind die Unterschiede zwischen den Disziplinen sowohl in den Inhalten als auch in den Methoden erheblich.
2. Aufbau des Berichts und Ergebnisse der Untersuchung
Der Bericht beginnt nach einem einführenden Kapitel mit einer Darstellung der Klimadebatte in Naturwissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Es wird gezeigt, daß die Problematik einerseits schon Ende des vorigen Jahrhunderts beispielsweise von Arrhenius gesehen und seitdem von anderen Wissenschaftlern immer wieder aufgegriffen wurde, daß andererseits aber ihre Bewertung bis heute erheblichen Schwankungen unterliegt. Es wird die Rolle der heutigen Simulationsmodelle beschrieben, wobei es im wesentlichen vier Forschergruppen in den USA, in England und in Deutschland sind, die die komplexen globalen Zirkulationsmodelle entwickeln. Eine Klimawirkungsforschung entstand vorwiegend, so eine These dieser Darstellung, im Milieu der großen internationalen Forschungsprogramme, wobei die sozialwissenschaftliche Dimension erst Ende der achtziger Jahre im Rahmen der Global Change Forschung institutionell Berücksichtigung fand. Die Entwicklung als öffentliches Thema ist nicht unerheblich durch das persönliche Engagement einzelner Klimaforscher mit Unterstützung der Medien beeinflußt worden.
Im dritten Kapitel schließt sich der ausführliche Überblick über die schon genannten vier sozialwissenschaftlichen Disziplinen an. Er bildet einen Grundstock für das weitere Vorgehen. Allerdings, wie schon angedeutet, war dieser Untersuchungsschritt für die Frage eines sozialwissenschaftlichen Beitrags zur interdisziplinären Klimawirkungsforschung nicht unmittelbar ergiebig: Die Klimathematik ist in ihrer Spezifik von den Disziplinen noch kaum wahrgenommen worden. Sie wird eher für die Anwendung schon vorhandener Ansätze und Methoden herangezogen, wie sie vor allem in der generellen Umweltforschung der jeweiligen Disziplin vorliegen. Immerhin können sich dabei interessante Perspektiven ergeben, so z.B. bei der Anwendung von Risikoansätzen. Der Gleichklang relativen Desinteresses an dem Thema wird allerdings von der Ökonomie durchbrochen: Sie dominiert eindeutig, sowohl, was die Zahl der Arbeiten zu dem Thema anbelangt, als auch in bezug auf ihre Präsenz im politisch-administrativen Diskurs. Nach Meinung von Klimaexperten, die im Rahmen des Projekts interviewt worden sind, ist das aber nicht unbedingt von Vorteil, weil sich damit einseitige Problemauffassungen und Lösungsmuster etablieren.
Angesichts dieses Mangels an Vorgaben von Seiten der disziplinären Forschung wurde in der ITAS-Untersuchung ein problemorientierter Ansatz gewählt, der die epistemologische Unsicherheit der Klimaprognosen und ihrer Folgen in den Mittelpunkt stellt. In fünf Themenschwerpunkten werden die wichtigsten Stationen der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Problematik nachgezeichnet (Kapitel 4 und Hauptteil des Berichts). Im ersten Schwerpunkt über die internationale Forschung zur gesellschaftlichen Verletzlichkeit gegenüber einem Klimawandel ("Sensibilitätsforschung") wird gezeigt, wie sich dieser Forschungsbetrieb angesichts unüberwindbarer Prognoseprobleme bei gleichzeitigem Entscheidungszwang in seinem Wissenschaftsverständnis ändert, ohne bereits eine endgültige Form gefunden zu haben. Das kann im zweiten Themenschwerpunkt über die "Rolle der Wissenschaft" in den größeren Zusammenhang einer Wissenschaftsentwicklung gestellt werden, die seit dem Zweiten Weltkrieg anhält und erst heute beginnt, als "problemorientierte Forschung" Gestalt anzunehmen, und die sich deutlich gegenüber der Grundlagenforschung und der Angewandten Forschung abgrenzen läßt.
Wichtige Vorformen "problemorientierter Forschung" sind das Technology Assessment, die Risikoforschung und, in ihrer historischen Bedeutung besonders hervorzuheben, die Anstrengungen um eine wissenschaftliche Fundierung der Umweltforschung. Als das Charakteristikum dieser Forschung scheint sich herauszuschälen, daß die Unsicherheit von Erkenntnis und Prognose nicht mehr als ein peinliches Versagen der Wissenschaft angesehen wird, sondern in zunehmendem Maße als eine positive Herausforderung. Problemorientierte Forschung öffnet sich der Pluralität wissenschaftlicher Ansätze, muß aber dafür ihre gesellschaftliche Rolle als Stichwortgeber für politische Entscheidungen und ihre Orientierungsfunktion für die Gesellschaft neu definieren. Der methodologische Ansatz ist das wissenschaftlich angeleitete "Management von Unsicherheit", mit dem insbesondere die Probleme der Prognose und der Interdisziplinarität in Angriff genommen werden. Die eigentliche sozialwissenschaftliche Aufgabenstellung betrifft die Möglichkeit gemeinschaftlichen, von Konsens getragenem Handelns angesichts ungewisser Bedrohung.
Mit dem Begriff der "problemorientierten Forschung" war die Perspektive für das weitere Vorgehen gefunden. Das Literaturstudium, der Überblick über die vier Wissenschaftsdisziplinen und die schon erwähnten Interviews mit Klimaexperten ergaben die entscheidenden Hinweise: die Schlüsselbegriffe des sozialwissenschaftlichen Angebots sind die "gesellschaftliche Wahrnehmung und Meinungsbildung" zum Klimageschehen (Themenschwerpunkt 3), die Rolle gesellschaftlicher Konflikte und Konfliktstrukturen (Themenschwerpunkt 4) und die Debatte um klimapolitische Handlungsstrategien (Themenschwerpunkt 5).
Der Themenschwerpunkt 3 erschließt die ganze Fülle sozialwissenschaftlicher Forschungstraditionen: Umfrageforschung, öffentliche Kommunikation, Entstehung und Entwicklung öffentlicher Themen, Medienforschung. Dabei liegt das Gewicht weniger auf der "Wahrnehmung" im psychologischen Sinn, weil "Klima" nicht so sehr ein Wahrnehmungsgegenstand des Individuums ist, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Kommunikation. Speziell geht es auch um die besonderen Fragestellungen, die sich aus der Verschränkung von Wissenschaft und Politik ergeben, z.B. bezüglich des wissenschaftlichen Einflusses auf das Problemverständnis und auf die Politikformulierung, bezüglich des Kampfes um die Frage, was auf die politische Agenda kommt, und bezüglich der Entstehung neuer institutioneller Formen in der Auseinandersetzung zwischen Wissen und Macht.
Wie schon die Frage der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Klimaproblematik unvermeidlich auf den Begriff der Auseinandersetzung und des Konflikts führt, so ist die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Konflikten und Konfliktstrukturen auch generell ein unverzichtbarer Beitrag zur Klimawirkungsforschung. Was sich in der Gesellschaft zur Klimaproblematik artikuliert, ist vielfach in Konflikten und den ihnen zugrundeliegenden Interessenstrukturen verankert. Der doppelte Aspekt der Verschärfung bestehender und der Entstehung neuer Konflikte im Zusammenhang mit der Klimaproblematik ist heute schon auf der internationalen Ebene evident, und es ist anhand bestehender Konfliktlinien auf nationaler und regionaler Ebene absehbar, daß und welche Konflikte aus Anlaß einer sich verschärfenden Klimadebatte entstehen können. Ein tragendes Moment des gegenwärtigen internationalen und auch künftig zu erwartenden nationalen und regionalen Konfliktgeschehens um die Klimafrage ist die Auseinandersetzung über Verursachung und Betroffenheit eines anthropogenen Klimawandels sowie über die Verteilung der politischen und ökonomischen Belastungen.
Die Frage der klimapolitischen Handlungsstrategien schließlich steht in enger Beziehung zu den anderen Themenschwerpunkten. Sie sind Ziel und Ergebnis der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, wie sie auch umgekehrt aufgrund ihrer Auswirkungen wiederum den Ausgangspunkt für erneute Konflikte bilden. Das wird anhand der relevanten Fragestellungen deutlich: der Frage nach der grundsätzlichen Zielrichtung des Strategienansatzes, der Frage der Verteilung der Verantwortlichkeiten und Belastungen, der Schuld und der Wiedergutmachung, der Frage nach Beginn und Ablauf der Maßnahmen sowie der Suche nach politischen Instrumenten.
Das Ziel einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung wird nun im 5. Kapitel durch die Anwendung der vorangegangenen Überlegungen auf den Forschungsleitplan "Klimaänderung und Küste" anhand von drei konzeptionellen Weichenstellungen in Angriff genommen:
(1) Die Unsicherheit der wissenschaftlichen Erkenntnis als gemeinsames Schlüsselproblem von Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften.
(2) Die Nutzbarmachung dieses Problems als Schnittstelle für den Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen.
(3) Das "Management von Unsicherheit" als das gemeinsame methodologische Problem einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung.
Damit können erstens eine Reihe von Defiziten des Forschungsleitplans benannt werden, die bei einer Fortschreibung zu berücksichtigen sind. Zweitens ergeben sich sozialwissenschaftliche Forschungsprioritäten, wobei eine Unterscheidung nach Maßgabe des strategischen Umgangs mit der Prognoseproblematik vorgenommen wird: Untersuchungen schon heute relevanter Strukturen und Prozeße (säkulare Trends); Dauerbeobachtung von Prozessen, deren Verlauf nicht prognostizierbar ist (Frühwarnung); Entwicklung von Methoden und Instrumenten eines möglichst rationalen Umgangs mit Unsicherheit (Management von Unsicherheit). In einem Anhang des Berichts werden die überlegungen der Untersuchung am Beispiel des Entwurfs einer Fallstudie zu den Entwicklungsstrategien der Insel Sylt illustriert.
Bibliographische Angaben
G. Bechmann, S. Beck, G. Frederichs, J. Kopfmüller, J.-B. Krings, G. Sardemann: "Sozialwissenschaftliche Konzepte einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung". Forschungszentrum Karlsruhe, FZKA 5715, Februar 1996.
Bestellhinweis
Der Bezug des Projektberichts ist für wissenschaftliche Einrichtungen kostenlos und kann über die Redaktion bezogen werden. Private Interessenten können den Bericht gegen Rechnung unter folgender Adresse anfordern:
Forschungszentrum Karlsruhe
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