Bericht
Der Diskurs um Digitalisierung und digitale Transformation zieht sich durch viele wissenschaftliche Disziplinen. Auch die internationale Forschungsgemeinde zu sozialer Innovation hat das Thema längst aufgegriffen, ist technologisch bedingter Wandel doch stark mit gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft und wird zugleich aktiv durch die Gesellschaft gestaltet. Soziale Innovation wird definiert als „intentionale, zielgerichtete Neukonfiguration sozialer Praktiken in bestimmten Handlungsfeldern bzw. sozialen Kontexten, mit dem Ziel, Probleme oder Bedürfnisse besser zu lösen bzw. zu befriedigen, als dies auf der Grundlage etablierter Praktiken möglich ist“ (Howaldt und Schwarz 2010, S. 89). Sie lässt sich nicht nur in der Verbreitung und Anwendung von Technologien beobachten, zuweilen wird sie durch neue Technologien erst ermöglicht oder beantwortet gesellschaftliche Herausforderungen, die infolge technologischer Innovationen entstanden sind. Zu diesen Themen veranstalteten am 28. 10. und 29. 10. 2019 in Dortmund die European School of Social Innovation (ESSI) zusammen mit der TU Dortmund und der DASA Arbeitsweltausstellung die fünfte Global Research Conference „Social innovation and socio-digital transformation. Towards a comprehensive innovation policy“. Die Autor*innen dieses Berichts waren in Organisation und Durchführung involviert.
Obgleich die Veranstaltung einen Forschungsfokus hatte, konnte sie einen transdisziplinären Anspruch erfüllen und begrüßte neben zahlreichen Wissenschaftler*innen auch Vertreter*innen aus der Praxis. So diskutierten mehr als 200 internationale Expert*innen in drei übergreifenden Sessions und zwölf parallelen Workshops unterschiedliche Aspekte des Themas. Das Programm wurde dabei durch die Präsentation der zweiten Auflage des Atlas of Social Innovation (Howaldt et al. 2019) bereichert, der mit einer Sammlung von mehr als 40 Artikeln internationaler Expert*innen viele Themen der Konferenz behandelt.
In der eröffnenden Keynote von Geoff Mulgan zeigte sich, dass das Verhältnis zwischen technologischer und sozialer Innovation nicht nur durch Potenziale geprägt ist. Konkret bemängelte er, dass Forschung zu sozialer Innovation mit gewinnorientierter Forschung konkurriere und soziale Themen einer höheren Priorisierung bedürften. Obwohl soziale Innovation inzwischen als eigenständige Innovationsform anerkannt werde, spiegele sich dies nicht in der Forschungsgeldverteilung wieder. So rief Mulgan zu mehr politischem Engagement auf, um die Rolle sozialer Innovation zu stärken. Das Verhältnis zwischen verschiedenen Innovationsformen stand auch im Fokus der umfassenden historischen Analyse von Benoît Godin. Er stellte fest, dass der Diskurs um Innovation seit den 1950er- und 1960er-Jahren durch das Aufkommen stärker differenzierter Innovationstypen geprägt sei. Im Kontext dieser semantischen Pluralisierung (zusammengefasst: „X-Innovationen“) konkurriere soziale Innovation daher mit anderen Innovationstypen (z. B.: ökologische Innovation). Godin benannte Pfade, wie sich soziale Innovation durchsetzen könne. Demnach müsse sie entweder den Mainstream aufgreifen und offener für wirtschaftliche Interessen werden oder völlig neuartige Ansätze verfolgen und etablieren.
Jürgen Howaldt plädierte für eine stärkere Rolle sozialer Innovation in Wissenschaft und Politik – und damit implizit auch für eine Rolle jenseits von X-Innovationen. Er betonte zugleich die Bedeutung veränderter Narrative und Theorien des Wandels, welche die Bedeutung veränderter Praktiken anerkennen müssten und schloss seinen Vortrag mit einer konkreten Forderung: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werde auf der Suche nach neuen sozialen Praktiken ein Pioniergeist benötigt, der auf diese Weise eine Sicherung der Zukunft möglich mache und allen Menschen ein reicheres und erfüllendes Leben ermögliche.
In seinem Vortrag zur Rolle von sozialer Innovation in Prozessen sozialer Transformation ging Lars Hulgård auf die theoretischen Wurzeln der wissenschaftlichen Diskussion um soziale Innovation ein. Er betonte die große Bedeutung sozialtheoretisch fundierter Konzepte sozialen Wandels und illustrierte deren Erklärungskraft am Beispiel von Max Webers protestantischer Ethik. Obgleich die Eignung des Praxisbegriffs für die Theorie sozialer Innovation durch Elizabeth Shove aus einer sozialtheoretischen Perspektive durchaus kritisch hinterfragt wurde, sind es letztlich Perspektiven auf soziale Prozesse, die ein tieferes Verständnis von Wandel zulassen, als es ein technozentrischer Blick erlauben würde.
Mit seiner Forderung, soziale Innovation müsse „grün“ werden, betonte Philippe Martin, Mitglied des DG Research and Innovation der EU Kommission und Leiter der Social Innovation Taskforce, die Bedeutung sozialer Innovation für die Begegnung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen. Damit schlug er implizit auch einen Bogen zu den klima- und umweltrelevanten Folgen von Technik und verstand soziale Innovation als Ansatz, diesen zu begegnen.
Neben den Potenzialen sozialer Innovationen, um den Folgen technologischer Innovationen zu begegnen, wie beispielsweise dem Klimawandel, gilt es jedoch auch, die Risiken sozialer Innovationen selbst zu berücksichtigen. Genauso wie technologische Innovationen können auch diese nicht-intendierte Folgen haben. Während Johan Schot forderte, Innovationspolitik müsse die transformative Wirkung von Innovationen fördern, unterstrich Flor Avelino, dass soziale Innovationen mit transformativer Wirkung auch Risiken beinhalten könnten. Zwar suchten transformative soziale Innovationen bestehende problematische Strukturen zu transformieren, allerdings könnten sie diese im Gegenteil sogar reproduzieren, wenn sie im Zuge ihrer Verbreitung an diese angepasst würden.
Das Verhältnis zwischen sozialen Innovationen und technologischen Innovationen wurde nicht nur in Bezug auf Risiken und Spannungsverhältnisse beleuchtet. Vielmehr betonten zahlreiche Vortragende die Potenziale. So hob Johan Schot hervor, dass tiefgreifender Wandel (wie die digitale Transformation) einen Rahmen benötigten, den Technologien bieten könnten. Wenn Schot dies auch nicht explizit äußerte, lässt sich daraus doch schließen, dass digitalen Innovationen durchaus auch eine Rolle als Multiplikator sozialer Innovationen zukommen kann. In der Praxis zeigt sich dies Beispielsweise in der Verwendung von Internetplattformen.
Das 21. Jahrhundert erfordert neue soziale Praktiken, welche die Zukunft sichern und allen Menschen ein reicheres und erfüllendes Leben ermöglichen!
Die Frage nach den gegenseitigen Potenzialen digitaler Innovationen und sozialer Innovationen wurde anhand konkreter Beispiele und Praxiserfahrungen in den Workshops näher beleuchtet. So diskutierten die Anwesenden die Frage, wie soziale Innovation in der Etablierung von Technologien die Akzeptanz erhöhen könnten. Dabei kristallisierten sich Co-Creation-Prozesse als vielversprechende Ansätze heraus, um Nutzer*innen in Feldern wie der Robotik oder der Pflege bereits frühzeitig einzubeziehen. Auch die Interdependenz zwischen sozialen Praktiken der Arbeit und Auswirkungen technologischer Entwicklungen wurde diskutiert.
Eine differenzierte Perspektive auf das Verhältnis von sozialen und digitalen Innovationen wurde ebenso in der Diskussion um die Rolle digitaler Innovation für Inklusion eingenommen. Die Etablierung digitaler Innovationen wurde hier in Bezug auf ihre nicht-intendierten Folgen für marginalisierte gesellschaftliche Gruppen betrachtet. Zugleich wurde die Frage beantwortet, wie dieselben Gruppen von der Digitalisierung profitieren könnten. Als Beispiel wurden hier offene Laboratorien benannt (z. B. MakerSpaces oder FabLabs), in denen Menschen mit Beeinträchtigungen ein pädagogisch begleiteter Zugang zu digitalen Technologien ermöglicht werde, welche die additive Fertigung individualisierter Hilfsmittel erlaubten.
Insgesamt konnte die Konferenz die Potenziale und Bedeutung sozialer Innovationen für die sozio-digitale und nachhaltige Transformation hervorheben und damit technikzentrierte Perspektiven ergänzen. Die Beiträge schärften den Blick auf das Verhältnis von Innovation und Wandel indem sie verdeutlichten, dass Digitalisierung von der Gesellschaft über die bloße Abschätzung von Technikfolgen hinaus aktiv gestaltet werden kann. Durch die Konferenz wurde zugleich deutlich, dass sich soziale Innovation als Forschungsfeld erst noch etablieren muss, um dieses Potenzial vollständig zu entfalten. Eine Reihe von Anknüpfungspunkten für praxisnahe und damit transdisziplinäre Forschung wurde in den beiden Tagen geschaffen. Zukünftige Veranstaltungen der zweijährigen Tagungsreihe unter der Schirmherrschaft der ESSI werden zeigen, wohin die Reise geht.
ESSI Conference 2019: www.essi-net.eu/?page_id=1229
Atlas of Social Innovation: www.socialinnovationatlas.net
Howaldt, Jürgen; Kaletka, Christoph; Schröder, Antonius; Zirngiebl, Marthe (Hg.) (2019): Atlas of social innovation. 2nd Volume: A World of New Practices. München: oekom verlag.
Howaldt, Jürgen; Schwarz, Michael (2010): Soziale Innovation. Konzepte, Forschungsfelder und -perspektiven. In: Jürgen Howaldt und Heike Jacobsen (Hg.): Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 87–108.