Rezension

Prototyping Society

Maximilian Roßmann, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe (maximilian.rossmann@kit.edu), https://orcid.org/0000-0002-0499-030X)

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TATuP Bd. 29 Nr. 1 (2020), S. 67–68, https://doi.org/10.14512/tatup.29.1.67

Dickel, Sascha (2019):
Prototyping Society. Zur vorauseilenden Technologisierung der Zukunft (1. Auflage). Science Studies.
Bielefeld: transcript Verlag. 174 Seiten, 27,99 € (Print), ISBN 9783837647365, PDF als Open-Access-Publikation unter: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4736-5

„Wissen, beraten, gestalten“ – so lauteten die Schlüsselbegriffe in der letzten TATuP-Ausgabe über den gesellschaftlichen Weg hin zu nachhaltigen Energiezukünften. Einen Affront hierzu bilden möglicherweise die zwei zentralen Thesen aus Sascha Dickels neuerschienenem Buch „Prototyping Society“: Demnach werden erstens technische Zukünfte zunehmend durch die nicht-deliberative Praxis des Prototyping geformt, und zweitens reiche diese Gestaltungspraxis weit in die nicht-technische Welt hinein. Das als PDF-Dokument kostenfrei zugängliche Buch ist übersichtlich strukturiert in fünf Kapitel, die jeweils eine ethnografische Studie und die gesellschaftstheoretische Reflexion ihrer Besonderheit umfassen. Es adressiert ein weites Publikum, bietet Einblicke in Praktiken des Prototyping und regt an, antizipative Routinen in ihrer gesellschaftlichen Einbettung zu hinterfragen.

In fünf ethnografischen Stories führt der Autor in einen „Maker-Space“ auf einen „Design-Thinking-Workshop“, zu einer „Prototypenparty“, auf einen „Hackathon“ und zu einem „Beta-Test“, und machen Bekanntschaft mit unterschiedlichen Charakteren. Die kurzen Geschichten sind reich an spannenden Beobachtungen, Interviews und Selbstversuchen. Unter anderem beobachtet der Autor Bestrebungen, etablierte Routinen und Machtverhältnisse in der Technikentwicklung zu überwinden, wenn Laien zusammen mit IT-lern eine App entwickeln oder am Prototyp Techniken bewerten. Wenn der Autor zum Beispiel beschreibt, wie in kurzer Zeit aus Pappkarton ein Objekt geformt wird, das ohne weitere Erklärungen einen futuristischen Robo-Krankentransport repräsentiert, zeigt dies die ungewöhnliche und für die Teilnehmenden inspierende Qualität der Zusammenarbeit. Die beschreibenden Passagen ergänzen sich so zu einem vielseitigen Einblick in Szenen, Sprache und Praktiken gegenwärtiger Zukunftsgestalter, die dem hypothetischen Spekulieren das konkrete Ausprobieren von Ideen vorziehen. Sie bieten eine angenehm kurzweilige Abwechslung und viele Anknüpfungspunkte für theoretische Arbeit zu Technikzukünften.

Der Ansatz des Buches lässt sich verstehen als funktionale Analyse der empirischen Praxis und ihre theoretische Einbettung in aktuelle Gesellschaftsdiagnosen. Um über Prototypen zu sprechen, wird der Begriff nicht in Abgrenzung zu Modellen oder Laborgeräten bestimmt, sondern in der „objectual practice“ des Prototyping: Prototypen sind Objekte die „in einer Praxis (1) etwas gegenwärtig verfügbar machen, das zukünftig realisiert werden soll. Sie (2) werden gebaut, um einen Entwurf zu testen. Und sie können (3) dazu dienen, gezeigt zu werden und potenzielle Entscheider zu überzeugen“ (S. 32). Für weitere Differenzierung dieser Eingrenzung verweist Dickel auf nötige Folgestudien. Sein Interesse gilt hingegen der funktionsanalytischen Frage, auf welche gegenwärtigen Herausforderungen das Prototyping eine neue Antwort gibt.

Der Ausgangspunkt des Ansatzes geht einher mit der sozialwissenschaftlichen Kritik an Prognostik, Antizipation und Risikoanalyse: Uns ist klar, dass wir nicht wissen können, wie die Zukunft wird. In die Zukunft gerichtete Entscheidungen basieren deshalb auf anfechtbarem Nichtwissen. Für den Umgang mit diesem Problem der unsicheren Zukunft spielten sich deshalb in der Moderne Routinen ein – etwa im Sinne „planvoller wirtschaftlicher Investitionen, Regeln vorrausschauender politischer Staatskunst oder wissenschaftlicher Prognostik.“ (S. 35) Gegenwärtig forderten insbesondere die Dringlichkeit ökologischer Probleme, das Tempo von Wettbewerb und technischer Innovation sowie eine sich etablierende Kritik an Expertenwissen die eingangs zitierte Trias heraus. Eine gesellschaftliche Antwort auf diese Herausforderungen sei die hier untersuchte Praxis des Prototyping. Im Prototyping würden die Problemlösungen gegenwärtiger Zukünfte iterativ im Feedback mit der realweltlichen Anwendung entwickelt – ohne zuvor alle möglicherweise Betroffenen diskursiv zu beteiligen oder in einem deliberativen Diskurs Argumente abzuwägen. In Form des Prototyps sei die Zukunft keine „anfechtbare Argumentationskette“ und „keine vage Vorstellung mehr, sondern etwas, was mir begegnet“ (S. 37, Hervorhebung im Original). Diese Vergegenwärtigungs- und Evidenzierungspraxis beschränke sich, wie der Autor schreibt, nicht nur auf technische Fragen, sondern etabliere sich als Dispositiv zum Beispiel auch für Organisation und soziales Zusammenleben. Im Prototyping zeige sich somit das Versprechen einer neuen Routine für den Umgang mit Macht unter der Bedingung einer unsicheren Zukunft.

Das Buch stellt die funktionsanalytische Frage: Auf welche gegenwärtigen Herausforderungen gibt das Prototyping eine neue Antwort?

Dickels weitere Diskussion des Prototyping konzentriert sich vor allem auf die Einordnung in aktuelle Gesellschaftsdiagnosen, anstatt das Dispositiv weiter am empirischen Material praxeologisch als Antwort auf Probleme, bzw. auf einen „Notstand“ (Foucault), einer zukunftsorientierten Gesellschaft herauszuarbeiten. Zwar reihen sich zugeschriebenen Hoffnungen des Prototyping ein in einen Kanon aus Ökonomisierung der Wissenschaft, Technisierung der Lebenswelt und der Kritik an linearen Innovationsmodellen, welche den Startpunkt technischer Entwicklung in den Disziplinen und Akademien der Wissenschaft verortet. Das Postulat einer Aufhebung und Neukonfiguration von Rollen- und Machtverhältnissen lässt sich jedoch in den empirischen Abschnitten nicht immer nachvollziehen. So legitimieren zum Beispiel die Design-Thinking-Coaches in einer der Fallstudien ihre Autorität durch akademische Titel und Kontakte nach Stanford, die prototypische App-Entwicklung von Laien zusammen mit zwei IT-lern erfolgt eben nicht auf Augenhöhe, und auch die Veranstalterin einer Prototypenparty verleiht offen ihrer Enttäuschung Ausdruck, dass für die Bewertung der materialisierten Zukünfte leider nur Laien, aber keine Investoren anwesend sind. Die empirischen Beboachtungen bestätigen die berechtigte Kritik am Postulat linearer Innovationsmodelle. Sie vermögen es aber nicht, ein Dispositiv zu plausibilisieren.

Für eine ausstehende Theoretisierung des Prototyping gibt die Fußnote auf S. 49 zu Kendall Waltons kunstphilosophischen „make-believe“ Theorie einen interessanten Anstoß. Verstanden als Requisiten („props in a game of make-believe“) umfasst die oben genannte Definition Prototypen und wissenschaftliche Modelle nämlich gleichermaßen. Diese doppelte Bedeutung von Prototyping als einerseits theoretisch-konzipierende, andererseits künstlerisch-darstellende Praxis könnte einen Raum für theoretisierende Reflexionen eröffnen, die sowohl das Erfahrbarmachen und Testen von Zukünften als auch ihre politische Verwendung zur Überzeugung von Investoren und Stakeholdern mit einbeziehen. Die Diagnose einer prototypisierenden Gesellschaft müsste dann jedoch gegenüber einer modellierenden, realexperimentellen oder ingenieurstechnisch geprägten Gesellschaft (engineering society) durch eine neue Distinktion verteidigt werden. Als Synthese zeigt sich im gesellschaftlichen Umgang mit der unsicheren Zukunft jedenfalls bereits jetzt eine neue Macht der Requisiten.

Das Buch besticht vor allem durch empirische Beobachtungen und neue Denkansätze. Um zu überzeugen, dass das Prototyping nicht nur alte Hoffnungen und bekannte Phänomene unter einem neuen Label zusammenfasst, sondern als neues Leitbild die Gestaltung von Zukünften maßgeblich verändert, müssen jetzt weitere Studien daran anschließen. Der Anspruch des Buchs ist also keine umfassende Theorie oder abschließende Analyse einer prototypsierienden Gesellschaft, sondern der Auftakt einer neuen Auseinandersetzung mit Materialität, Medialität und Sozialität antizipatorischer Praktiken. Die gründlichen Literaturbezüge machen die empirischen Beobachtungen höchst anschlussfähig, stellen Fragen und verbinden gegenwärtige Debatten, auch über das Prototyping hinaus: Wie kann es gelingen, allein durch ein Modell, die Imagination einer soziotechnischen Zukunft zu kommunizieren? Wer ist für das Resultat verantwortlich, wenn sich das diskursive Gestalten technokratisch in der Widerständigkeit iterativer Technikgestaltung naturalisiert? Ist der Prototyp ein „epistemisches Objekt“ oder eher ein „potenzielles Produkt“, dessen gegenwärtiger und künftiger Wert durch Zuschreibungen getragen wird? Findet sich im Design von Erfahrungen fiktiver Zukünfte möglicherweise eine Antwort auf die Fragen, warum „Techno-Fixes“ heute die bevorzugte Problemlösung sind und Systemkritik sowie rationale Politikberatung häufig ins Leere laufen? Können und wollen wir von dem Ansatz gar lernen, nicht TA-Berichte zu schreiben, sondern in prototypischer Form überzeugende Erfahrungen von Technikfolgen und nachhaltigen Lebenskonzepten zu designen? Wer nun eine wohlbegründete Antwort erwartet, muss leider vertröstet werden, denn: „Prototyping als kritische Praxis muss selbst prototypisiert werden“ (S. 156). Für Forschung und Technikfolgenabschätzung unter dem Motto „Living The Change“ ist Sascha Dickels „Prototyping Society“ deshalb das Buch der Stunde.