Rezension

Süddeutsche „Umwelt-, Klima und Konsumgeschichte“

Marius Albiez, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe (m.albiez@kit.edu), https://orcid.org/0000-0002-5421-4990

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TATuP Bd. 28 Nr. 1 (2020), S. 69–70, https://doi.org/10.14512/tatup.29.1.69

Wüst, Wolfgang; Drossbach, Gisela (Hg.) (2018):
Umwelt-, Klima- und Konsumgeschichte. Fallstudien zu Süddeutschland, Österreich und der Schweiz.
Berlin: Peter Lang GmbH.
94,95 Euro, ISBN 9783631777480

Die anthropogen verursachte Erwärmung der Atmosphäre und die damit einhergehenden klimatischen sowie ökologischen Auswirkungen betreffen in hohem Maße das Zusammenleben heutiger und zukünftiger Generationen. Die Art und Weise wie wir Energie nutzen oder Ressourcen verbrauchen sind wichtige Ansatzpunkte für den globalen Klimaschutz. So erregte die Internationale Energieagentur (IEA) Aufsehen, als sie im Vorfeld des World Energy Outlook 2019 explizit auf die steigenden Treibhausgas-Emissionen durch Geländewagen, kurz SUVs, hinwies. Gesellschaftliche Konsummuster, Klima und Umwelt bedingen einander, dennoch gibt es vergleichsweise wenige Arbeiten, welche die historischen Zusammenhänge dieses Wirkungsgefüges nachzeichnen. An dieser Stelle setzt der von Wolfgang Wüst und Gisela Drossbach herausgegebene Sammelband „Umwelt-, Klima- und Konsumgeschichte. Fallstudien zu Süddeutschland, Österreich und der Schweiz“ an. Die vorliegende Rezension gliedert sich in drei Teile: Zunächst stehen die Struktur des Buches und inhaltliche Schwerpunkte im Zentrum. Anschließend werden fachliche und methodologische Anknüpfungspunkte an das Feld der Technikfolgenabschätzung (TA) aufgezeigt. Der Beitrag schließt mit einer übergreifenden Bewertung durch den Autor.

Von Schwaben bis nach Oberösterreich

Das Buch startet mit einer Einführung, welche den Anlass, die räumlichen Bezüge sowie erste Schlüsselbegriffe, beispielsweise „Umwelt- und Konsumgeschichte“, vorstellt. Es folgt eine zweiteilige Zusammenfassung der Tagungen, auf denen das Werk basiert. Kernstück des Sammelbands sind vier Sektionen, die sich hinsichtlich ihrer räumlichen, beziehungsweise regionalen Zuordnung unterscheiden. Einige Fallstudien umfassen sehr lange Zeiträume und decken ganze Epochen ab, andere fokussieren vergleichsweise kurze Zeitspannen, beispielsweise mehrere Jahrzehnte eines Jahrhunderts. Mit Blick auf ihre TA-Relevanz werden in der Folge einzelne Beiträge diskutiert.

In der ersten Sektion finden sich vier Beiträge, die sich auf die Region Franken beziehen. Thomas Hagen beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Historie des Biermonopols in der frühen Neuzeit und den damit einhergehenden Konflikten zwischen den Begünstigten, potenziellen Mitbewerbenden und Konsument*innen. Der Autor geht dabei nicht nur auf die beteiligten Akteure ein, sondern zeigt auch auf, welche klimatischen und konsumrelevanten Faktoren zu einer Steigerung der Biernachfrage beitrugen. Sabine Wüst analysiert das gewerbsmäßige Sammeln von Honig und Bienenvölkern, das sogenannte „Zeidelwesen“, aus umweltgeschichtlicher Perspektive. Insbesondere die Kirche und ihre hohe Nachfrage nach Wachs und Honig waren hier ein wesentlicher Konsumfaktor, aber auch die Nürnberger Lebkuchenindustrie.

Die zweite Sektion vereint sieben Beiträge, die in der Region Schwaben und Pfalz-Neuburg verortet sind. Die Themen sind dabei äußerst vielseitig. Die Spanne reicht von der Lebensmittelversorgung in mittelalterlichen Spitälern über die Entwicklung der Augsburger Trinkwasserversorgung bis hin zur Wahrnehmung von Naturräumen in der Stadt. Hier finden sich auch Einblicke in die jüngere Geschichte. So untersucht Nadja Hendriks Verständnisse und Umsetzungsstrategien des Leitbilds Nachhaltiger Entwicklung auf kommunaler Ebene von den 1970er-Jahren bis zu den Anfängen der Jahrtausendwende in der Gemeinde Buttenwiesen.

Sektion drei umfasst vier Beiträge, deren räumlicher Schwerpunkt auf ganz Bayern liegt. Wolfang Wüst setzt sich mit dem Leitbild Nachhaltiger Entwicklung vor allem zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert sowie mit der Historie des Spargelanbaus in Bayern auseinander. In Martin Knolls Beitrag erfahren die Lesenden zudem, dass jagdkritische Haltungen und Schriften bis auf die frühe Neuzeit zurückgehen. In der vierten und letzten Sektion wird der räumliche Fokus auf Österreich, die Schweiz und Europa erweitert. Einen Schwerpunkt bilden Natur- sowie Wettereignisse und deren Folgen. In der historischen Nachbetrachtung spielt dabei die Subjektivität von Beobachtenden eine wichtige Rolle. Thomas Wozniak wirft beispielsweise einen Blick auf Naturereignisse im Frühmittelalter und geht der Frage nach, inwiefern bei der Analyse religiöse Einflüsse berücksichtigt werden müssen.

Gesellschaft, Umwelt, Klima – und Technik

Mit Blick auf die TA-Relevanz der Beiträge finden sich an vielen Stellen des Buches Ausführungen zu technischen Entwicklungen und den damit einhergehenden historischen Folgen. Explizit wird dies in Gerhard Fritz‘ Analyse zu Auswirkungen von Naturereignissen auf wasserbetriebene Mühlanlagen deutlich, insbesondere zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Wasserkraft diente als Hauptenergiequelle, sodass Hochwasser, Dürren und Eis die Kornproduktion erheblich beeinflussten. Neben diesen Überlegungen, geht der Autor auf weitere Folgen ein. Mühlen lagen für gewöhnlich nicht an natürlichen Wasserläufen, sodass Mühlkanäle errichtet werden mussten. Diese Kanäle waren nicht selten Gegenstand von Konflikten, sei es durch die Verteilung der Wasserressourcen oder durch gegenläufige Nutzungsinteressieren, verursacht z. B. durch Fischfang und Gerberei.

Neue Infrastrukturen zur Wasserversorgung transformierten Wasser von einem Naturgut hin zum Konsumprodukt.

Als weiteres Beispiel kann die Geschichte privater Wasseranschlüsse zwischen dem 16. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts von Barbara Rajkay genannt werden. Sie macht deutlich, welchen Einfluss großangelegte Infrastrukturen auf die Stadtentwicklung Augsburgs hatten und inwiefern Fragen der Gerechtigkeit eine Rolle spielten, beispielsweise durch den Zugang zu Trinkwasser. Besonders eindrücklich zeichnet die Verfasserin die Transformation von Wasser als Naturgut hin zum Konsumprodukt nach. Des Weiteren untersucht Günter Dippold in seinem Beitrag zum Fischkonsum die Entwicklung der künstlich geschaffenen Teichwirtschaft und berücksichtigt damit einhergehende gesellschaftliche Debatten. Er verweist auch auf Aufzeichnungen des Privatiers Johann Schirmer gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu Überfischung und Toxinen aus Fabriken. Handelt es sich bei Schirmers Arbeiten um eine frühe Form von „Citizen Science“?

Eine Herausforderung in der TA ist darüber hinaus die Verfügbarkeit von Daten, beziehungsweise der Umgang mit unsicheren Wissensbeständen. Die einzelnen Autor*innen beschreiten hier unterschiedliche Wege und Umwege, die auch interessante Impulse für die TA bieten können. So erstellt Christian Rohr Klassifikationskriterien für Hochwasser, indem er Aufzeichnungen für Reparaturkosten und Instandhaltung einer Brücke zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert analysiert. Als weiteres Beispiel können Wolfgang Wüsts Analysen historischer Holz-, Forst- und Waldordnungen genannt werden, um den Ursprüngen des Nachhaltigkeitsprinzips in der Forstwirtschaft nachzuspüren. Zudem gibt Michaela Hermann Einblicke in die Arbeit der Archäologie und geht der Frage nach, inwieweit das historische Warenangebot Augsburgs durch Ausgrabungen alter Latrinen und Müllhalden rekonstruiert werden kann.

Fazit

Nach der Lektüre des Bandes fällt es dem Autor dieser Rezension schwer, jenseits des Verhältnisses von Umwelt, Klima und Konsum, eine allgemeingültige Fragestellung für das Buch herauszuarbeiten. Vielmehr vereint der Band ein breites Spektrum an Themen, die auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen und über unterschiedliche historische Zeitspannen beleuchtet werden. Manche Beiträge beziehen sich in erster Linie auf einzelne Forschungsfelder, beispielsweise die Konsumgeschichte, andere greifen alle im Buchtitel genannten Felder auf. Aus TA-Perspektive wäre es durchaus interessant zu erfahren, welchen tiefergehenden Erkenntnisgewinn man sich gerade aus der Integration von umwelt-, klima- und konsumhistorischen Aspekten und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen Aufsätze erhofft. Dies wird zwar Stellenweise aufgegriffen, hätte aber noch mehr zusammengeführt und ausgearbeitet werden können. Hier wäre neben der Einführung und den Zusammenfassungen zu Beginn ein weiteres übergreifendes Kapitel wünschenswert. Der Autor dieser Rezension hätte darüber hinaus gerne mehr zur Rolle des Leitbilds Nachhaltiger Entwicklung in der Umwelt- und Konsumgeschichte erfahren, allem voran auf welches Nachhaltigkeitsverständnis sich die Herausgebenden beziehen. Ungewöhnliche Begrifflichkeiten wie „Karma-Konsum“ (S. 23) machen neugierig und hätten ebenfalls gegen Ende noch vertieft werden können. Zudem wären weitere übergreifende Erläuterungen zu den unterschiedlichen Verständnissen der Forschungsfelder hilfreich gewesen. Auch werden in den Aufsätzen immer wieder historische und argumentative Nebenexkurse unternommen, deren Motivation für den Autor nicht immer ersichtlich ist. Darüber hinaus möchte der Autor anregen, in einer weiteren Auflage zusätzliches (historisches) Kartenmaterial für Ortsunkundige aufzunehmen.

Ein großer Verdienst der Beteiligten ist sicherlich, dass sie den Versuch unternehmen, bisher wenig beachtete Forschungsfelder in der Geschichtswissenschaft aufzugreifen und zusammenzuführen. Die Beiträge sind auch für nicht-Historiker*innen verständlich verfasst, sodass das Werk zur wissenschaftlichen Arbeit, aber auch zum Schmökern und Entdecken genutzt werden kann. Zudem zeichnen sich die einzelnen Beiträge durch sorgfältige Recherche und Aufarbeitung aus. Besonders beeindruckt das Werk durch seine inhaltliche Breite, weshalb sich das Buch besonders gut für eine interdisziplinär denkende Leserschaft eignet.