Book review: Criado-Perez, Caroline (2020): Unsichtbare Frauen & Patou-Mathis, Marylène (2021): Weibliche Unsichtbarkeit

Johannes Gaiser*, 1, Lisa Schmieder1

* Corresponding author: johannes.gaiser@kit.edu

1 Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe, DE

© 2022 by the authors; licensee oekom. This Open Access article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY).

TATuP 31/2 (2022), S. 74–75, https://doi.org/10.14512/tatup.31.2.74

published online: Jul. 18, 2022

Criado-Perez, Caroline (2020):
Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert.
München: btb Verlag.
494 S., 15 Euro,
ISBN 9783442718870

Patou-Mathis, Marylène (2021):
Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann.
München: Carl Hanser Verlag.
285 S., 24 Euro,
ISBN 9783446271005

‚It’s a Man’s Man’s Man’s World‘ sang James Brown 1966 inspiriert von den Gedanken seiner damaligen Lebensgefährtin Betty Jean Newsome. Wie zutreffend dieser Songtitel war und ist, zeigen die Autorinnen Caroline Criado-Perez und Marylène Patou-Mathis. In Ihren Büchern Unsichtbare Frauen und Weibliche Unsichtbarkeit schildern sie eindrücklich, wie 3,8 Milliarden Menschen heute und unzählige weitere in früheren Epochen ignoriert werden. Caroline Criado-Perez erläutert, wie wissenschaftliche Daten über Männer erhoben und analysiert werden, während Wissenslücken über Frauen bestehen bleiben. Marylène Patou-Mathis zeigt, wie die Menschheitsgeschichte aus männlicher Sicht betrachtet und interpretiert wird, während Leistungen von Frauen marginalisiert werden. Im Folgenden werden beide Bücher näher beleuchtet.

Unsichtbare Frauen durch eine geschlechtsbezogene Datenlücke

In sechs zentralen Abschnitten (1) Alltagsleben, (2) am Arbeitsplatz, (3) Design, (4) Der Arztbesuch, (5) Öffentliches Leben und (6) Wenn etwas schief geht erläutert die Autorin, Rundfunkjournalistin und feministische Aktivistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch Unsichtbare Frauen präzise und mit unzähligen Beispielen die Charakteristika und Auswirkungen einer geschlechtsbezogenen, dezidiert weiblichen Datenlücke (gender data gap). Sie erarbeitet anhand zahlreicher wissenschaftlicher Befunde ihre Diagnose, dass sich Technikgestaltung und -folgenabschätzung sowie die Gestaltung von Kultur, Filmen, Nachrichten, Literatur, Wissenschaft und auch der Wirtschaft überwiegend am Referenzrahmen von Männern und deren geschlechtsspezifischer Daten ausrichten. Diese Schlüsse sind oftmals nicht geeignet, die Folgen können sogar schädlich für Frauen sein: Klaviertastaturen, die für männliche Hände konzipiert sind und damit nicht nur dem beruflichen Erfolg von Frauen, sondern auch ihrer Gesundheit schaden; Spracherkennungssoftware, die durch große Datenbanken trainiert wird, die auf männliche Stimmen ausgerichtet sind und diese somit mit einer höheren Wahrscheinlichkeit erkennen; Crash-Tests mit Fahrzeugen, die mit dem männlichen Körper nachempfundenen Dummys durchgeführt werden, sodass Frauen ein höheres Verletzungsrisiko haben oder Diagnoseverfahren und Medikamente, die an männlichen Daten ausgerichtet werden und für Frauen zum Teil erhebliche gesundheitliche Risiken bedeuten, sind nur einige der Beispiele in ihrem Buch. Mit 1331 Quellenangaben fundiert die Autorin ihr sachliches Werk mit äußerster Sorgfalt und hat dabei stets die Lesenden mit Veranschaulichungen im Blick. Die Autorin schließt mit einem Plädoyer, der Datenlücke mit einer in allen Lebensbereichen ausgewogenen Repräsentation von Frauen zu begegnen. Hierbei fordert Criado-Perez eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft und eine Beteiligung von Frauen „in der Forschung und Wissensproduktion an Entscheidungsprozessen“ (S. 419), die die Bedürfnisse von Frauen hinreichend berücksichtigt.

Anknüpfend an die umfassende Analyse von Criado-Perez ergänzt Rebekka Endler mit ihrem im Jahr 2021 vorgelegten Buch ‚Das Patriarchat der Dinge‘ diese Debatte, indem sie zudem die Felder Rassismus und Inklusion in das Blickfeld rückt. Endler identifiziert in ihrem hoch emotional geschriebenen Buch den Faktor ‚weibliche Wut‘ als ein Potenzial für den Wandel. Wer sich also anstelle des nüchternen für einen emotionalen Blickwinkel zur Thematik interessiert, dem/der sei ein Blick in dieses Buch empfohlen.

Weibliche Unsichtbarkeit in der (Ur-)Geschichte

Die Ur- und Frühhistorikerin Marylène Patou-Mathis arbeitet sich in ihrem Buch Weibliche Unsichtbarkeit durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte. Sie konzentriert sich dabei auf die Rollen, die Männern und Frauen zugeschrieben werden und darauf, wie diese Zuschreibungen historisch entstanden sind. Ein erster Blick gilt der Darstellung urgeschichtlicher Menschen in Kunst und Literatur. Bereits hier wird deutlich, wie sehr das heutige Bild der Urgesellschaften von Geschlechterklischees der Neuzeit geprägt ist. Auf der Suche nach den Ursachen dieser Prägungen beleuchtet Patou-Mathis die Geschichte ihrer eigenen Forschungsdisziplinen: Anthropologie und Archäologie. Sie verweist auf einen nahezu ausschließlich männlichen Blick dieser Disziplinen über etwa 150 Jahre hinweg. Zudem zweifelt sie daran, dass Beobachtungen der letzten Naturvölker eindeutige Rückschlüsse auf urgeschichtliche Gesellschaften zulassen. Im Hauptteil ihres Werkes wirft sie einen detaillierten Blick auf die Frauen der Alt- und Jungsteinzeit. Anhand einzelner Themen zeichnet sie ein Bild davon, welche Indizien für verschiedene Verhaltensmuster in der Urgeschichte vorliegen, wie diese über lange Zeit interpretiert wurden und welche Interpretationen sie für plausibel hält. Beispielsweise werde noch heute in der Wissenschaft die Ansicht vertreten, dass vorrangig Männer bekannte Höhlenmalereien erstellt hätten, da die bemalten Wände nur schwer zu erreichen gewesen seien. Handabdrücke von Frauen und Männern in unmittelbarer Nähe der Malereien widerlegten dies jedoch, eine eindeutige Zuordnung sei daher nicht möglich. In ähnlicher Weise diskutiert Patou-Mathis unter anderem die Beteiligung an Jagd und kriegerischen Auseinandersetzungen sowie die Erstellung von, Werkzeugen, Waffen und Figurinen. Letztere sind kleine Menschendarstellungen, gefertigt beispielsweise aus Mammutstoßzähnen oder Stein. Das Buch schließt mit einer Zeitreise von der Antike ins Mittelalter und über Renaissance und französische Revolution in das 20. und 21. Jahrhundert. Zahlreiche zeitgenössische Zitate verdeutlichen Frauenverachtung und Unterdrückung über die Epochen hinweg. Gleichzeitig wirft Patou-Mathis ein Licht auf Frauen und Männer, die sich gegen das Patriarchat aufgelehnt haben oder dies noch heute tun.

Die beiden Bücher im Zusammenspiel: eine kritische Reflektion

Obwohl Patou-Mathis ob des Verachtens und Criado-Perez ob des Ignorierens von Frauen, die sie schildern, jedes Recht der Welt hätten, wütend zu sein, formulieren sie stets nüchtern und klar. Ihre Argumentationslinien sind nachvollziehbar und öffnen Lesenden in vieler Hinsicht die Augen. Beiden Büchern sind das umfassende Fachwissen und die ausführliche Recherche an jeder Seite abzulesen. Die wertvollen Inhalte von Patou-Mathis könnten durch eine anschaulichere Aufbereitung, wie beispielsweise mit einer Übersichtskarte der Völkerwanderungen und archäologischen Fundstätten, wohl einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Criado-Perez gelingt es in ihrem Buch die unzähligen Beispiele mit kurzen Anekdoten zu einem imaginären Erlebnis zu verbinden. Die Genauigkeit in der Analyse sowie die unaufgeregte Art der Darstellung in beiden Büchern imponieren uns sehr.

Inhaltlich ergänzen sich beide Bücher. Patou-Mathis liefert gewissermaßen die Vorgeschichte für Criado-Perez: Beispielsweise zitiert Patou-Mathis Arthur Schopenhauer, der Frauen als „eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne“ beschreibt (S. 78). Dieser etwa 200 Jahre alte Gedanke findet sich in Criado-Perez’ Beispiel der Crash-Test-Dummys wieder. So schildert sie, dass bei EU-Zulassungstests für Fahrzeuge kleinere Versionen der männlichen Dummys Frauen repräsentieren sollen – sozusagen eine Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne. Der abweichenden Anatomie wird hingegen nicht Rechnung getragen.

So stellt sich die Frage: ‚Was fangen wir als Gesellschaft mit diesem Wissen an?‘. Mit einem halbseitigen Plädoyer von Criado-Perez zu dieser Frage im Abschlusskapitel ihres Buches bleiben wir etwas verloren zurück. Sie skizziert zwar an verschiedenen Stellen, wie sehr eine Gesellschaft von der von ihr geforderten Bewusstseinsänderung profitieren könnte, die Frage, wie wir dort hinkommen, gibt sie jedoch zurück in die Hände der Leser*innen.

Vom ‚blinden Fleck‘ ins Zentrum der Debatte: Implikationen für die Forschung zur Technikfolgenabschätzung

Für die TA können aus beiden Büchern einige Implikationen abgeleitet werden, auch wenn die TA gender- und geschlechtsspezifische Diversität bereits an vielen Stellen berücksichtigt. So sind bei der Erhebung und Analyse von Daten stets ein möglicher genderbezogener- und geschlechtsbezogener bias und die eigene ‚gesellschaftliche Brille‘ zu reflektieren. Beim partizipativen Einbezug von Stakeholdern sollte eine breite gesellschaftliche Perspektive in jeder Hinsicht, also auch in der Genderfrage, inklusiv sein. Wenn TA in die Vergangenheit blickt, um Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen, ist der gesellschaftliche Kontext zu berücksichtigen.

Im Verlauf des eingangs erwähnten Songs ‚It’s a Man’s Man’s Man’s World‘ werden übrigens indirekt alle Erfindungen der Menschheit Männern zugesprochen (‚And after man make everything‘). Patou-Mathis zeigt allerdings auf, dass eine männliche Dominanz bei Erfindungen für einen Großteil der Geschichte unbelegt ist. Zudem verdeutlicht Criado-Perez, wie unheilvoll ein vorwiegend männlicher Blick bei Erfindungen und Innovationen sein kann. Aus unserer Sicht sind beide Bücher für alle TA-Wissenschaftler*innen Pflichtlektüre, denn das eigenständige Lesen der Bücher vermittelt Tiefe und Breite der Implikationen für dieses bedeutende Thema weit eindrücklicher als jede Rezension.

Literatur

Endler, Rebekka (2021): Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt. Köln: DuMont Buchverlag.