Editorial
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Editorial
Die Dynamik der Stadtentwicklung hat in den letzten Jahrzehnten zu einem neuen Phänomen geführt: den Megacities. Das Phänomen ist mittlerweile als ein wesentlicher Aspekt des globalen Wandels allgemein bekannt, vor allem auch durch die massenmediale Berichterstattung. Bei dem Wort „Megacities“ assoziieren wir unwillkürlich bis an den Horizont reichende Ansammlungen von Häusern unterschiedlichsten Typs, permanentes Verkehrschaos, unbeschreibliche Luftverschmutzung, mangelnde oder nicht vorhandene Stadtplanung, unkontrollierte Abfall- und Abwasserströme, machtlose Kommunalbehörden, soziale Spannungen und vieles Unbehagliche mehr.
Die Entwicklung von Städten gehört zu den großen Schritten in der Geschichte der Menschheit. Die frühen Hochkulturen sind zumeist um Stadtgründungen entstanden. Städte als Zusammenballungen von Macht, Kultur, ökonomischen Werten und Know-how jeglicher Art waren und sind sowohl Ausdruck des Entwicklungsstandes von Gesellschaften, ihrer Dynamik und Leistungsfähigkeit, aber auch Ausdruck ihrer Probleme. Sie sind immer ein Symbol der jeweiligen Moderne gewesen und wurden als solche bewundert – aber auch kritisiert, z. B. als Orte des Traditionsverlustes.
Städte sind hoch komplexe und damit auch vulnerable Gebilde. Denn viele Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Städte funktionieren. Sie bedürfen zumindest einer inneren funktionalen und differenzierten Organisation, eines laufenden Austauschs von Gütern mit dem Umland und einer entsprechend stabilen Logistik. Technologische und organisatorische Fähigkeiten mussten entwickelt werden, um den Betrieb von Städten aufrecht zu erhalten – und dieser fragile, auf vielen Voraussetzungen beruhende Betrieb geriet und gerät in Krisenzeiten rasch unter Druck.
Was bedeutet das Aufkommen der Megacities, wie sie sich vor allem in Südostasien und Lateinamerika zeigen? Was sagt es über unsere modernen Gesellschaften aus, wenn die obige These stimmt, dass sich vor allem in ihren Städten der Entwicklungsstand, aber auch die Probleme von Gesellschaften besonders artikulieren?
Wie lässt sich die Sogwirkung dieser urbanen Agglomerate erklären? Und welche Folgen hat diese Form der Verstädterung angesichts des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung? Welche Rolle spielt der technische Fortschritt in der Dynamik der Megastädte und wie kann er zur Problembewältigung eingesetzt werden?
Viele Fragen, deren Beantwortung der Forschung und der Reflexion bedarf, und die den Rahmen eines Zeitschriftenheftes bei weitem übersteigen würde. Was in diesem Schwerpunktheft auf die Leser wartet, sind – motiviert durch umfangreiche ITAS-Aktivitäten im Rahmen der Helmholtz-Initiative Risk Habitat Megacity, aber weit darüber hinaus reichend – Analysen und erste Antworten zu einem Teilthema: Es geht um die Rolle von Megacities in Bezug auf eine global nachhaltige Entwicklung. Wissenschaftlich ist dies eine große Herausforderung an Stadtforschung, Technikfolgenabschätzung, Systemanalyse, Nachhaltigkeitsforschung und viele Forschungsrichtungen mehr. Gesellschaftlich stellen sich z. B. Fragen nach der Gestaltbarkeit von Wachstumsprozessen, nach adäquaten megaurbanen Infrastrukturen, nach einem „nachhaltigen“ Stadt / Umland-Verhältnis und nach möglichen systemischen Risiken sowie dem Umgang mit ihnen – insgesamt Fragen nach einer „nachhaltigen“ Entwicklung von Megastädten. Hiermit wird ein komplexes Geflecht von demographischen Prozessen, Migration, sozialen Verhältnissen, Governance-Fragen und technikbasierten Infrastrukturen vor dem Hintergrund der Anforderungen an Nachhaltigkeit angesprochen. Diese Komplexität ein Stück weit zu entwirren ist Ziel des vorliegenden Themenschwerpunkts.